{"id":23300,"date":"2022-06-19T17:26:42","date_gmt":"2022-06-19T15:26:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=23300"},"modified":"2022-06-19T17:52:14","modified_gmt":"2022-06-19T15:52:14","slug":"tag-der-brettspielkritik-schnappschuss-im-nachgang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/06\/19\/23300\/","title":{"rendered":"Tag der Brettspielkritik &#8211; Schnappschuss im Nachgang"},"content":{"rendered":"<p>Wie uns der Neoliberalismus lehrt, ist Effizienz die h\u00f6chste Tugend des Menschen. Darum schreibe ich dieses erste Resum\u00e9 vom Tag der Brettspielkritik 2022 auf der R\u00fcckfahrt nach Berlin. Die Eindr\u00fccke sind noch frisch. Die Euphorie unter so vielen Gleichgesinnten gewesen zu sein, so viele inspirierende und enthusiastische Gespr\u00e4che gef\u00fchrt zu haben und im gemeinsamen Spiel die ersten Ann\u00e4herung an Freundschaften begonnen zu haben, klingen noch nach. Meine Laune ist gut und die Motivation \u00fcber das Warum zu sprechen, ist hoch.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich war die Veranstaltung vor allem von spannenden Fragen gepr\u00e4gt. Was ist Spielreiz? war die Eingangsfrage des Diskussionsforums, welches ich mit Udo Bartsch leiten durfte. Das Ergebnis war \u2013 wie auch schon angek\u00fcndigt \u2013 von mehr Fragen als Antworten gepr\u00e4gt. Ich hoffte, ein paar Impulse zu setzen. Aber selbst wenn ich nicht sagen kann, ob mir das gelungen ist, sah ich in der Diskussionsbereitschaft der Teilnehmenden ein reges Interesse sich zum Thema auszutauschen: von einer Begriffsf\u00fcllung des Wortes Spielreiz bis zu seiner Relevanz f\u00fcr die Spielkritik. Mehr noch als den Erkenntnisgewinn schienen einige einen h\u00f6heren Anspruch an sich selbst und das eigene Schaffen aus diesem Wochenende zu nehmen.<\/p>\n<p>So manchen wurde klar, dass wir eigentlich mehr mit Kritiken tun k\u00f6nnten, warum also sollten wir nicht mehr in der Kritik versuchen? Der n\u00fcchterne Kommentar, dass viele dieser hehren Ziele weit weg von der Realit\u00e4t der Brettspielkritiker*innen sei, ist vielleicht nicht falsch; aber ich finde, dass das noch kein Grund ist von diesen Ambitionen abzulassen. Wenn man sich nur das M\u00f6gliche als Ziele setzt, wird man zwar seltener entt\u00e4uscht, aber wird auch nicht \u00fcber sich hinauswachsen. Ich stelle auch an mir fest, dass die eigene Komfortzone manchmal die H\u00fcrde ist, die am Schwersten zu \u00fcberwinden ist.<\/p>\n<p>Der Versuch aus eben dieser auszubrechen, f\u00fchrte so manche zum Ehrfurcht gebietenden Begriff \u201eKulturkritik\u201c. Eine Idee, die \u00e4hnlich bedrohlich \u00fcber uns hing, wie die angek\u00fcndigten H\u00f6chsttemperaturen dieses Wochenende. Am Ende war die Hitze nicht ganz zu erschlagend wie bef\u00fcrchtet. Ich denke, dass gilt auch f\u00fcr den Anspruch der Kulturkritik in unserer Szene.<\/p>\n<p>Denn zuerst zwingt uns dieser Begriff eine wichtige, wenn auch nicht immer angenehme Frage an uns selbst zu stellen: welches Ziel verfolgen wir mit unseren Kritiken \u00fcberhaupt? Vergr\u00f6\u00dfern wir die Reichweite der Verlage, um ihre Juwelen einem breiteren Publikum zu vermitteln? Sind wir Sommeliers, die dank unseres feine Gaumens und umfassenden Kenntnis Neuank\u00f6mmlinge die bunte, weite Welt des Brettspiels er\u00f6ffnen? Oder sind wir die Stimmen in der Szene, die den Umgang mit dem Spiel in Worte fassen und damit auch eine Identit\u00e4t des Mediums erkennbar machen? (Der Zyniker mag uns einfach als Schnorrer verstehen, die gratis Spiele ergattern, um sie mit ein paar oberfl\u00e4chlichen Bemerkungen vor eine Kamera zu halten.)<\/p>\n<p>Erst wenn wir diese Frage f\u00fcr uns ehrlich und ohne Eitelkeiten beantwortet haben, sind wir in der Lage zu benennen was Kulturkritik f\u00fcr uns bedeutet. Vielleicht ist es ein Urteil dar\u00fcber, ob Spielredaktionen ausreichend Themenrecherche und kulturelle Beratung in Anspruch genommen haben, um den aktuellen Wissensstand zum Spielthema abzubilden. Allerdings stellt sich mir da die Frage, ob hier eine akademische Verhandlung des Mediums noch nah an der gelebten Spielpraxis ist. Wenn wir Spiele als Form der Sekund\u00e4rliteratur verstehen, m\u00fcssten wir dann nicht auch die Bestsellerliste der Unterhaltungsliteratur \u00e4hnlich einordnen? Schlie\u00dflich geht es in beiden F\u00e4llen um ein Abtauchen in eine Fiktion, die zwar Reales andeutet aber keinen Anspruch auf Authentizit\u00e4t erhebt. Wer in den verhandelten Bilder und Anspielungen eines Spiels ein Kommunizieren von realen Fakten erkennt, liefert lediglich den Beweis f\u00fcr Baudrilliards Warnung \u00fcber unser Unverm\u00f6gen die Unterschiede zwischen Realit\u00e4t und Fiktion zu benennen. Aber vielleicht sind diese Vorw\u00fcrfe an Spiele und ihre \u201eproblematischen\u201c Themen auch nur ein Symptom f\u00fcr unsere Ohnmacht gegen\u00fcber den Themen, die wir medial wahrnehmen und von denen wir nicht mehr sagen k\u00f6nnen wo die Wahrheit endet und die L\u00fcge beginnt. Sei es die Klimakatastrophe, seien es Kriege, die radikalen gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen, die sich anbahnen oder die Meinungsdiktatur der \u201epolitisch korrekten\u201c \u201ewokeness\u201c. Was davon ist wahr und was davon gezielte T\u00e4uschung? Vielleicht sucht man gerade wegen dieser Verunsicherrung in der Fiktion eines Spiels einen Wahrheitsanspruch, f\u00fcr den es nicht geschaffen ist.<\/p>\n<p>War das jetzt schon Kulturkritik? Wenn wir aus der kleinen Brettspielblase eine gro\u00dfe Reflektion \u00fcber unsere Gesellschaft herausheben? Oder ist das nur seiten-f\u00fcllender Feuilleton?<\/p>\n<p>Vielleicht ist Kulturkritik wortw\u00f6rtlich das was der Begriff sagt: eine Kritik der Kultur. Das bedeutetet eine kritische Auseinandersetzung mit der kulturellen Brille durch die wir das Spiel sehen und verstehen. Das f\u00e4ngt bereits bei der Frage an, ob wir das Spiel nun als Kulturgut f\u00fcr die Allgemeinheit oder als Gebrauchsgegenstand f\u00fcr die wohl Betuchten einordnen. Ist es dann also Kulturkritik, wenn wir uns anschauen was uns ein Spiel anbietet und erm\u00f6glicht, d.h. die Interaktion und der zwischenmenschliche Austausch welche wir wegen des Spiels erfahren k\u00f6nnen? Oder sollte eine Kulturkritik sich damit befassen wie und warum der Gebrauchsgegenstand Spiel so ist wie er ist? Warum sind die Aufgaben, die das Spiel stellt und die Bilder, die das Spiel nutzt, so wie sie sind?<\/p>\n<p>In der abschlie\u00dfenden Diskussion heute Vormittag wurde deutlich, dass ein Themenbereich wie Geschlechteridentit\u00e4ten und ihre Vorkommen in den Spielen selbst \u2013 und damit auch in unserer aktiv eingesetzten Vorstellungskraft beim Spielen \u2013 in den Spielredaktionen angekommen ist. Das hei\u00dft nicht, dass es reflektiert verarbeitet und verinnerlicht wurde. Aber es ist ein Thema, welches von Redaktionen und Kritiker*innen nicht mehr so verwundert be\u00e4ugt wird wie ein dreik\u00f6pfiger Affe. (VORSICHT, ER STEHT GENAU HINTER DIR!).<\/p>\n<p>Eine heutige Spielver\u00f6ffentlichung, welche in ihren Illustrationen nur noch wei\u00dfe M\u00e4nner zeigt, w\u00fcrde als schweres Faux-Pas der Redaktion statt als stilistische Eigenheit verstanden werden. Ein solches Spiel w\u00fcrde gerade in unserer Kritiker*innen-Blase viel negative Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Die kulturelle Brille mit der die Welt nur noch aus wei\u00dfen, europ\u00e4ischen M\u00e4nnern besteht, welche unerschrocken Dinge tun, f\u00fcr die man wei\u00dfe, europ\u00e4ische M\u00e4nner mal gefeiert hat.. rutscht immer mehr Spielenden langsam von der Nase.<\/p>\n<p>Aber k\u00f6nnte es dann nicht auch sein, dass wir viele andere Brillen noch tragen? Wie steht es etwa um Konzepte wie Wettkampf, Individualismus und Hierarchien? Ist es einfach nur eine stilistische Eigenheit eines Spiels? Setzen wir uns vielleicht gar keine Brille auf, wenn die Regelerkl\u00e4rung mit den Worten \u201eGewonnen hat wer am Ende die meisten Siegpunkte hat.\u201c beginnt? Steckt da nichts dahinter was man hinterfragen und kritisch reflektieren k\u00f6nnte? Vielleicht ist es das, vielleicht auch nicht. Vielleicht m\u00fcssen Fische auch gar kein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr haben was Wasser ist.<\/p>\n<p>Etwas was jedoch an diesem Wochenende uns allen ein paar Mal aufgefallen ist, waren die aus anderen Bereichen entlehnten Begriffe, um Ph\u00e4nomene innerhalb der Brettspielkritik zu umschreiben. Insbesondere wie oft der Einsatz dieser Begriffe kurz darauf eine Nachjustierung ben\u00f6tigte, um falsche Assoziationen auszuklammern.<\/p>\n<p>Das begann mit der Bezeichnung der Kritiker als Dilettanten. Aber eben nicht in der umgangssprachlichen Konnotation der \u201einkomptenten St\u00fcmper\u201c, sondern eben der \u201evon Leidenschaft und Vergn\u00fcgen getriebenene ohne schulm\u00e4\u00dfige Ausbildung\u201c. \u00c4hnliches geschah sp\u00e4ter beim Begriff \u201eNarzissmus\u201c, der auch hier keine pathologische Egozentrik loben sollte, sondern den Kritiker*innen den Mut zusprechen wollte, das eigene Schaffen mit einem gesunden Selbstbewusstsein und Eigenwahrnehmung zu begreifen. Sp\u00e4ter dann war davon die Rede, dass Kritiker*innen \u201ekeine R\u00fccksicht\u201c nehmen sollten. Hier musste ich mir dann auf die Zunge bei\u00dfen, weil eben nicht ein Mangel an Empathie zum wichtigen Charakterzug einer guten Kritik verkl\u00e4rt werden sollte. Vielmehr ging es darum daran zu erinnern, wem wir als Kritiker*innen verpflichtet sind. N\u00e4mlich der Wahrheit unseres Urteils und nicht dem emotionalen Wohlbefinden der Autoren und Verlagsmenschen, welche die Kritiken durchaus auch lesen. Ich fand es aber interessant, dass diese fehlende R\u00fccksichtnahme nicht f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse des Publikums gilt. Vielleicht weil sehr vielen Kritiker*innen die Verpflichtung gegen\u00fcber dem Publikum wichtiger ist als gegen\u00fcber ihrem eigenen Sendungsdrang.<\/p>\n<p>Daher konnte ich es mir auch nicht verkneifen anzumerken, dass \u201eMetathemen\u201c eine irref\u00fchrende Bezeichnung f\u00fcr viele der Artikel und Podcasts sind, die z.T. hier bei Spielbar.com (aber auch andernorts) ver\u00f6ffentlicht werden.<\/p>\n<p>Im Sinne einer Spielkritik, die vor einer Einordnung als Kulturkritik nicht zur\u00fcckschreckt, sind das einfach nur Themen, die Spiele nicht nur als funktionsf\u00e4hige Gebrauchsgegenst\u00e4nde verstehen. Es sind Kritiken, die Spiele als Teil unserer zeitgen\u00f6ssischen (Spiel-)Kultur begreifen und sich dar\u00fcber im Klaren sind, dass sich unsere Gesellschaft unweigerlich darin spiegelt. Vielleicht ist das dann ja die Aufgabe der Kulturkritik. Aus dem wilden und kaum \u00fcberschaubaren Durcheinander aus Freizeit und Konsum einen kleinen Spiegel bergen, damit wir unseren Blick auf das richten k\u00f6nnen was wir eigentlich tun. Gelegentlich k\u00f6nnen wir dann den Spiegel auch so weit drehen, dass wir uns selbst darin erkennen und beurteilen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Darum schlie\u00dfe ich dann auch mit J\u00fcrgen Karlas kryptischen aber auch sehr wegweisenden Kommentaren am Fr\u00fchst\u00fcckstisch von heute morgen: \u201eBurgen von Burgund\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>P.S. &#8211; Sch\u00f6n war&#8217;s. Gerne wieder.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie uns der Neoliberalismus lehrt, ist Effizienz die h\u00f6chste Tugend des Menschen. Darum schreibe ich dieses erste Resum\u00e9 vom Tag der Brettspielkritik 2022 auf der R\u00fcckfahrt nach Berlin. Die Eindr\u00fccke sind noch frisch. 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