{"id":23041,"date":"2022-04-10T12:18:52","date_gmt":"2022-04-10T10:18:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=23041"},"modified":"2022-04-10T16:02:32","modified_gmt":"2022-04-10T14:02:32","slug":"were-making-a-list-and-checking-it-more-than-twice","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/04\/10\/23041\/","title":{"rendered":"Were making a list, and checking it (more than) twice"},"content":{"rendered":"<p>Vor kurzem erregte ein Tweet etwas Aufmerksamkeit, nachdem Reiner Knizias <em>Euphrat&amp;Tigris<\/em> aus der Boardgamegeek Top 100 &#8211; Liste verschwunden war und er nun kein einziges Spiel in den Top 100 mehr h\u00e4tte &#8211; und das als der produktivste Autor und vermutlich auch der mit den meisten gewonnenen Spielepreisen (Die Liste ist gerade um die 100 herum sehr fluide, im Moment ist er gerade wieder drin).<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war dem Verfasser des Tweets und den meisten Antwortenden klar, dass die Boardgamegeek-Top-100-Liste eine Spielerei darstellt, nicht mehr. Die Notengebung auf BGG <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2019\/03\/03\/18298\/\">ist zu individuell<\/a>, die Liste zu sehr von Verf\u00fcgbarkeit abh\u00e4ngig, um jetzt wirklich etwas auszusagen. Letztlich kann man festhalten: Gibt es eine M\u00f6glichkeit Noten einzusehen, so wird \u00fcber kurz oder lang jemand auf die Idee kommen einen Durchschnitt zu bilden. Und dann ist der zwangsl\u00e4ufige zweite Schritt die Durchschnittnoten miteinander zu vergleichen. Das scheint ein menschliches Grundbed\u00fcrfnis zu sein (einzige L\u00f6sung w\u00e4re die Notenskala so klein zu halten, dass erst aber der 8. Nachkommastelle oder so Unterschiede auftreten. Aber selbst dann&#8230;).<\/p>\n<p>Mir ist aber etwas anderes aufgefallen: In anderen Medien gibt es Listen, die genauso willk\u00fcrlich daherkommen: z.B. <a href=\"https:\/\/www.imdb.com\/chart\/top\/?ref_=nv_mv_250\">die IMDB-Liste der besten Filme<\/a> oder <a href=\"https:\/\/www.goodreads.com\/list\/show\/6.Best_Books_of_the_20th_Century\">die GoodReads-Liste der besten B\u00fccher<\/a> (sortiert nach Jahrhunderten, ich habe die 20. Jahrhundertliste verlinkt). Beide Listen haben dieselben strukturellen Probleme wie die Boardgamegeekliste: Die abstimmenden Personen haben nicht nur (naturgem\u00e4\u00df) unterscheidliche Geschm\u00e4cker, sie setzen auch v\u00f6llig unterschiedliche Bewertungsma\u00dfst\u00e4be an. Es gibt keine allgemeine Hinweise, ob die Bewertungen die pers\u00f6nliche Meinung \u00fcber das Buch\/den Film darstellen sollen oder eine objektiviertere. Vor allem aber sind die Medien komplett Amerika-zentriert. Was im englischsprachigen Raum nicht verf\u00fcgbar ist, hat bei Boardgamegeek keine Chance auf die Top 100. \u00c4hnliches gilt bei den anderen Listen: IMDB hat unter den Top 100 sieben nicht-englischsprachige Filme und Goodreads lediglich 5 \u00dcbersetzungen (wenn ich mich nicht verz\u00e4hlt habe). Dass verschiedene Ausgaben desselben Spieles mehrfach vertreten sind (Wie T<em>hrough the ages, Twilight Imperium<\/em> oder <em>Agricola<\/em>) finden wir in \u00e4hnlicher Form auch bei Goodreads. Die klassischen Probleme von Listen, die auf pers\u00f6nlichen Noten bestehen, also.<\/p>\n<p>Doch in einem Aspekt hebt sich <em>Boardgamegeek<\/em> doch sehr stark von vergleichbaren Listen ab: &#8220;Klassiker&#8221; sind vergleichsweise rar. Jemand der sich bis Ende der 90er intensiv mit Brettspielen auseinandergesetzt hat, im Jahr 2000 aber aufgh\u00f6rt hat, wird lediglich drei Spiele der Liste kennen: <em>Crokinole<\/em>, <em>El Grande<\/em> und <em>Euphrat&amp;Tigris<\/em>. Keines davon ist in den Top -50. Der erste Titel der Nullerjahre ist erst auf Platz 13 &#8211; <em>Twilight Struggle.<\/em> Alleine in den Top-5- sind drei Spiele aus den letzten 5 Jahren zu finden (darunter allerdings zwei Versionen von <em>Gloomhaven<\/em>). Die anderen Listen sind deutlich gemischter. Sicherlich finden sich auch dort neue Ph\u00e4nomene, die vielleicht etwas h\u00f6her stehen, als sie in 10 Jahren stehen werden, aber die fallen nicht allzu gro\u00df auf. Warum ist das so?<\/p>\n<p>Die erste \u00dcberlegung ist, dass Brettspiele einfach <em>besser<\/em> werden. Da ist sicherlich etwas dran, erkl\u00e4rt aber nicht die absolute \u00dcberlegenheit der letzten 10 Jahre. Es gibt zahlreiche Spiele, die nicht umsonst als zeitlose Klassiker gelten: <em>Siedler von Catan<\/em>, <em>1830<\/em> oder <em>Cosmic Encounter<\/em> etwa. Lediglich zwei Spiele des Jahres finden sich in der Liste (neben <em>El Grande<\/em> noch <em>Azul<\/em>). Auch unter Vielspielern beliebte Bestseller wie <em>Carcassonne<\/em> fehlen ebenso. An der Qualit\u00e4t alleine liegt es also nicht.<\/p>\n<p>Die zweite M\u00f6glichkeit w\u00e4re <em>Verf\u00fcgbarkeit<\/em>. Anders als B\u00fccher oder Filme, die zumindest ab einem bestimmten Bekanntheitsgrad eher leicher als schwieriger zu finden sind, kann man nicht einfach ein klassisches Spiel &#8220;streamen&#8221;. Alte German Games hatten einfach nicht die Verbreitung im englischsprachigem Raum, um die Liste zu knacken. Auflagen sind heute im allgemeinen h\u00f6her als fr\u00fcher, da die spielerische Basis gewachsen ist. Doch auch das Argument ist bei n\u00e4herer Betrachtung nicht haltbar: Gerade die erw\u00e4hnten Klassiker sind allesamt mehrfach aufgelegt worden. Von exotischen Sonderf\u00e4llen (wie Ludoliere-Spiele oder lange Zeit <em>Dune<\/em>)\u00a0 wo Recte blockiert sind, finden sich gen\u00fcgend Verlage die bereit sind mit alten Sch\u00e4tzen neue Kohle zu machen. An dieser Stelle funktioniert der Kapitalismus &#8211; es ist kein Zufall, dass Spiele als Spekulationsobjekte seltener geworden sind. Was gut ist, kommt wieder, was schlecht ist, will keiner haben &#8211; und kommt eh nicht in die Top-100.<\/p>\n<p>Die einfachste ubd logischte Erkl\u00e4rung ist, dass es einen Bias gegen\u00fcber neuen Spielen gibt. Das ist sicherlich der Fall, aber die Frage bleibt, warum das so sein sollte. Ich glaube dass der Grund im Connoisseur-Verhalten der Spieleszene liegt: Ein Brettspiel-Connoisseur- sowie der Begriff IIRC von Eric Martin mal definiert wurde &#8211; ist ein vielspielende Person, die weniger die Tiefe von einem oder wenigen Spielen erforscht -wie es ein:e Schach- oder Skatspieler:in tun w\u00fcrde- sondern in die Breite geht und m\u00f6glichst &#8220;alles wichtige&#8221;, also alle f\u00fcr ihn oder sie relevanten Titel ausprobiert. Es geht ums Kennen lernen, weniger um das erforschen. Das ist kein Makel (ich bin ganz klar ein &#8220;Brettspiel-Connoisseur&#8221; nach dieser Definition), sondern nur eine Frage dessen, was interessiert. Der gro\u00dfe Unterschied zu der entsprechenden Person im Film oder Buchbereich ist die Fokussierung auf das Neue. Ein:e Filmliebhaber:in dagegen wird zumindest mit hoher Wahrscheinlichkeit (auch) die Klassiker sehen wollen. Wer sich selbst als Kenner:in amerikanischer Literatur versteht, wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auch <em>Wen die Nachtigall st\u00f6rt<\/em> oder <em>Der F\u00e4nger im Roggen<\/em> anfassen. Dieser Wunsch die Klassiker -etwa ein <em>Civilization<\/em> oder <em>Pit<\/em> oder <em>Catan<\/em> &#8211; auszuprobieren ist im Spielebereich sehr viel geringer ausgepr\u00e4gt; Ja, es reizt vielleicht schon einmal <em>Hase&amp;Igel<\/em> zu spielen, aber der neue Lacerda reizt mehr. Ein Grund daf\u00fcr wird sein, dass viele Klassiker (zur Recht oder zu Unrecht) einen schlechten Ruf haben. &#8220;Brettspiel-Klassiker&#8221; wie man sie in der Bev\u00f6lkerung versteht, sind ja Spiele wie <em>Risiko<\/em>, <em>Monopoly<\/em>, <em>Fang den Hut, Malefiz<\/em> oder <em>Scrabble<\/em>. Also genau die Spiele, von denen sich ein modernes Brettspiel abzusetzen versucht. Dieses Bild von &#8220;Klassiker&#8221; hat sicherlich das Bild vom modernen Spiel gepr\u00e4gt, das um so besser ist, desto neuer es ist.<\/p>\n<p>Der zweite Grund ist m.E, in der Austauschkultur der Brettspielszene zu suchen. Anders als B\u00fccher oder Filme konsumiert man Spiele ja nicht allein, sondern immer im Austausch miteinander. W\u00e4hrend ich ein langes Wochenende nutzen k\u00f6nnte, um mir (z.B.) die mir noch unbekannten Filme von IMDBs Top 20 anzusehen, bin ich bei einem Brettspiel davon abh\u00e4ngig, was die Mitspielenden kennenlernen wollen. Und die wollen (vielleicht) ebenfalls nicht die Klassiker, sondern lieber auch die Spiele, \u00fcber die &#8220;man&#8221; gerade spricht. Das sind nun einmal die aktuellen. Ein Austausch \u00fcber \u00e4ltere Spiele findet kaum statt (eigentlich nur wenn eine besonders schicke Neuauflage auf den Markt kommt) &#8211; das hat etwas mit der -nicht unberechtigten &#8211; Angst vor Gatekeeping zu tun, ist aber auch ein Zeichen daf\u00fcr, dass die Spieleszene im Vergleich mit B\u00fcchern oder Filmen immer noch eher klein ist; Es sind schlicht zu wenig Leute da, um \u00fcber die neuen UND \u00fcber die Klassiker zu philosophieren, also konzentriert man sich auf aktuelles. In der wachsenden Spieleszene werden also die aktuellen Spiele mehr gespielt und mehr diskutiert und bekommen daher mehr Stimmen bei Boardgamegeek und werden daher mit einer h\u00f6heren Wahrscheinlichkeit die Top-100 knacken. Wenn die Spielszene irgendwann ein zahlenm\u00e4\u00dfiges Plateau erreicht hat, dann kann die Top-100 auch eher die Form annehmen, wie sie mit anderen Top-Listen vergleichbar ist. Im Moment wird das Dazugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchl am ehesten dadurch befriedigt, dass man \u00fcber die aktuellen Hits oder angek\u00fcnfigte Kickstarter spricht.<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor kurzem erregte ein Tweet etwas Aufmerksamkeit, nachdem Reiner Knizias Euphrat&amp;Tigris aus der Boardgamegeek Top 100 &#8211; Liste verschwunden war und er nun kein einziges Spiel in den Top 100 mehr h\u00e4tte &#8211; und das als der produktivste Autor und vermutlich auch der mit den meisten gewonnenen Spielepreisen (Die Liste ist gerade um die 100 [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-23041","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-1"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23041","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=23041"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23041\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23067,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/23041\/revisions\/23067"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=23041"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=23041"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=23041"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}