{"id":22981,"date":"2022-03-13T14:30:58","date_gmt":"2022-03-13T12:30:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=22981"},"modified":"2022-03-13T15:34:30","modified_gmt":"2022-03-13T13:34:30","slug":"wie-werde-ich-spielekritiker-iii-analyse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/03\/13\/22981\/","title":{"rendered":"Wie werde ich Spielekritiker? III \u2013 Analyse"},"content":{"rendered":"<p>Im <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/02\/13\/22905\/\">ersten Teil<\/a> dieser Reihe habe ich dar\u00fcber geschrieben, dass man als Kritiker*in in der Lage sein muss unterschiedliche Spielreize zu erkennen und einzuordnen. In <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/02\/27\/22946\/\">Teil 2<\/a> ging es darum, dass man das Medium Spiel zumindest in seinen Grundz\u00fcgen verstehen muss, damit man beurteilen kann was ein Spiel tats\u00e4chlich bewirkt. Heute will ich \u00fcber die dritte S\u00e4ule des kritischen Handwerks schreiben: die Analyse des Spiels.<\/p>\n<p>Dabei muss ich hier gleich die Mehrdeutigkeit des Begriffs \u201eSpiel\u201c in Angriff nehmen. Denn es geht mir hier nicht darum den Gegenstand, also das physische Objekt selbst zu analysieren. Es geht mir auch nicht darum \u00fcber die Ideen und Konzepte zu sprechen, die im Spiel zum Einsatz kommen. Ich spreche hier also nicht dar\u00fcber Regeln, Spielthema oder \u00e4hnliches genau aufzuschl\u00fcsseln. Eine gr\u00fcndliche Analyse dieser Punkte kann ohne Frage ansprechend sein und interessante Inhalte hervorbringen. Sie funktioniert in meinen Augen jedoch nicht als Kritik im urspr\u00fcnglichen Sinne.<\/p>\n<p>Stattdessen schreibe ich hier von der Analyse der Spielaktivit\u00e4t selbst. Wenn der Zweck eines Spiels darin besteht, gespielt zu werden; dann sollte die Kritik eben dieses Spielen erfassen und bewerten. Wenn man akzeptiert, dass das Spiel das ist was am Tisch passiert; dann folgt daraus auch, dass die Kritik sich diesem Geschehen widmen sollte. Darum muss man als Kritiker*in in der Lage sein, das erlebte Spiel m\u00f6glichst umf\u00e4nglich zu erfassen, zu verstehen und es zu bewerten.<\/p>\n<p>Das ist es was Analyse im weitesten Sinne bedeutet: das Erfassen der einzelnen Elemente aus denen etwas besteht. Bei einem Spiel hei\u00dft das, als Kritiker*in nicht nur die groben Zusammenh\u00e4nge zu sehen, sondern auch die feinen Zusammenspiele innerhalb der Spielaktivit\u00e4t zu bemerken. Vor allem muss man fein unterscheiden k\u00f6nnen was aus dem Spiel entsteht und was nicht.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick mag das offensichtlich wirken, aber gerade in der Spielkritik warten hier die gr\u00f6\u00dften Herausforderungen. Denn Spielen bedeutet nicht nur ein Teilnehmer an einer gemeinsamen Aktivit\u00e4t zu sein, sondern auch Teilhaber dieser Aktivit\u00e4t zu sein. Wer wir sind beeinflusst und ver\u00e4ndert die Art wie wir das Spiel gemeinsam erleben und empfinden.<\/p>\n<p>Um ein besonders einfaches Beispiel zu w\u00e4hlen: es macht einen sp\u00fcrbaren Unterschied in der Beurteilung eines Spiels, wenn man die Partie gewonnen oder verloren hat. Zum einen ver\u00e4ndert es den emotionalen Kontext in dem wir das Spiel wahrnehmen und erleben. Ein Spiel in dem jede unserer Entscheidungen zielf\u00fchrend und vorteilhaft war, beurteilen wir anders als ein Spiel in dem jede Entscheidung sich als falsch bzw. zu unserem Nachteil entpuppte. Entgegen dem Selbstbild vieler Spielender und Kritiker*innen f\u00e4rbt sich unser emotionales Erlebnis des Spiels deutlich auf unsere Beurteilung ab.<\/p>\n<p>Es geht mir nicht darum zu sagen, dass wir uns alle von unseren Gef\u00fchlen blenden und in unserem Urteil steuern lassen. Mein Punkt ist, dass die kritische Analyse nicht in einer Umschreibung der eigenen Gef\u00fchlserfahrung besteht, sondern darin zu fragen warum man diese Gef\u00fchle beim Spielen hatte.<\/p>\n<p>Die \u201eschonungslose Ehrlichkeit\u201c, die manche als Kernst\u00fcck guter Kritik verstehen, hat wenn \u00fcberhaupt dann nur hier eine Existenzberechtigung. Nachdem man die eigene Gef\u00fchlslage erfasst und benannt hat, muss man auch ehrlich beantworten, ob die Ursache daf\u00fcr im Spiel liegt oder nicht. Immer wieder muss man sich hinterfragen, ob das eigene Urteil auf einer fairen Beurteilung des Spielablaufs beruht oder auf die eigene emotionale Befangenheit, die beim Spielen entstanden ist.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist es ein alter Witz, dass jedes Spiel gut ist so lange man es gewinnt. Aber die Frage wie zuf\u00e4llig, taktisch oder unausgewogen ein Spiel ist, wird deutlich davon beeinflusst wie gut gelaunt wir durch das Spiel kommen. Gerade jene, die sich f\u00fcr besonders unabh\u00e4ngig und unbefangen halten, laufen schnell Gefahr sich selbst nicht weiter zu hinterfragen und damit eher pers\u00f6nliche Stimmungsbilder zu verfassen, statt Kritiken.<\/p>\n<figure id=\"attachment_22983\" aria-describedby=\"caption-attachment-22983\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-22983\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/Das-grosse-Ganze-300x208.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"208\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-22983\" class=\"wp-caption-text\">Man kann den Kontext auch zu weit fassen<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn man diesen Punkt der strengen Selbstreflexion verinnerlicht hat, beginnt der etwas heiklere Teil der kritischen Auseinandersetzung mit einem Spielerlebnis. Man muss den gleichen Blick auch auf die \u00c4u\u00dferungen werfen, die in der Nachbesprechung einer Spielrunde fallen. Die Meinungen und Einsch\u00e4tzungen der Mitspieler*innen sind \u00e4hnlich anf\u00e4llig f\u00fcr eine derartige Befangenheit. Nat\u00fcrlich sind ihre Empfindungen und Wahrnehmungen \u00fcber jeden Zweifel erhaben und in ihrer G\u00fcltigkeit unantastbar. Aber wenn es darum geht die Gr\u00fcnde f\u00fcr sie zu benennen, muss man als Kritiker*in genau unterscheiden. Es hilft hier nat\u00fcrlich die unterschiedlichen Spielreize im Kopf zu behalten (<a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/02\/13\/22905\/\">Teil I<\/a>), oder die Funktionsweise von Spielen (<a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/02\/27\/22946\/\">Teil II<\/a>) zu ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Die Nachbesprechung innerhalb der Spielgruppe ist f\u00fcr Kritiker*innen ein unverzichtbares Werkzeug und Hilfsmittel. Aber sie folgt den gleichen Einschr\u00e4nkungen, die man auch der eigenen Einsch\u00e4tzung auflegt. Statt jede Regung und \u00c4u\u00dferung f\u00fcr bare M\u00fcnze zu nehmen, muss man hinterfragen und den Kontext miteinbeziehen in dem sie gemacht wurde. Man muss auch das Urteil der eigenen Spielrunde schonungslos ehrlich beurteilen und einordnen. Auch wenn das Erlebte exakt so ist, wie es beschrieben wird, so sind es die benannten Ursachen daf\u00fcr nicht immer. Als Kritiker*in muss man hier klar trennen. (Am Rande: Designer kennen dieses Ph\u00e4nomen aus Testspielrunden in denen viele Vorschl\u00e4ge und Erkl\u00e4rungen in den Raum geworfen werden und man selbst beurteilen muss, was davon zielf\u00fchrend ist und was nicht.)<\/p>\n<p>Die kritische Analyse beginnt bei der Feststellung des eigenen Spielerlebnis und den damit verbundenen Empfindungen. Sie hinterfragt und differenziert was daran durch das Spiel verursacht wurde und was andere Gr\u00fcnde hat. Gleiches gilt f\u00fcr die Erfahrungen der anderen Spieler*innen in der Nachbesprechung. Im Idealfall entsteht so ein m\u00f6glichst gut nachvollziehbares und fundiertes Bild was das Spiel ausmacht und wie es wirkt.<\/p>\n<p>Eine Kritik fu\u00dft auf einer solchen Analyse des Spielgeschehens und der Spielwirkung. Erst danach beginnt die Arbeit einer Bewertung des Erlebten. Ob ein Spiel gut oder schlecht gemacht ist; ob es f\u00fcr Spielfreude oder Frust sorgt oder ob es etwaige Zielsetzungen in der Praxis erf\u00fcllt oder nicht, beginnt immer mit einer sauberen Analyse dessen was am Spieltisch tats\u00e4chlich stattgefunden hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im ersten Teil dieser Reihe habe ich dar\u00fcber geschrieben, dass man als Kritiker*in in der Lage sein muss unterschiedliche Spielreize zu erkennen und einzuordnen. 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