{"id":22701,"date":"2022-01-09T13:00:03","date_gmt":"2022-01-09T11:00:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=22701"},"modified":"2022-01-10T00:13:42","modified_gmt":"2022-01-09T22:13:42","slug":"das-ist-der-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2022\/01\/09\/22701\/","title":{"rendered":"Das ist der Weg"},"content":{"rendered":"<p>Immer wieder kommt in der Szene die Frage auf, wie man sich am Tisch richtig zu verhalten habe. Sei es, wie und ob man noch weiterspielt, wenn man bereits wei\u00df, dass man das Spiel nicht gewinnen kann. Oder welche Z\u00fcge nicht im Sinne des Spiels sind, auch wenn sie von den Regeln erlaubt sind. Oder viele andere Ans\u00e4tze, die fragen wie man sich beim Spielen korrekt verh\u00e4lt. Darf ich die geheimen Pl\u00e4ne anderer hinausposaunen, um sie angreifbar zu machen? Darf ich mich \u00fcber nicht optimale Z\u00fcge anderer lustig machen? Darf ich meinen Unmut dar\u00fcber laut \u00e4u\u00dfern, dass ich in meinem Zug immer Pech hatte und das ich es bl\u00f6d finde, wenn alle \u201egegen mich\u201c spielen? Usw. usf. Was davon ist erlaubt? Was geht zu weit? Wo zieht man die Grenze?<\/p>\n<p>Eine Idee, um damit umzugehen, w\u00e4re einen groben Abriss \u00fcber die richtigen Verhaltens- bzw. Benimmregeln (f\u00fcr dieses Spiel) ins Regelheft zu setzen. Manche Spiele machen das in einzelnen Sonderf\u00e4llen, z.B. wenn es um die Geheimhaltung von Informationen geht. Viele Spiele mit Deduktionselement schreiben vor, dass man nicht alles preisgeben darf (oder soll), was man im Laufe des Spiels in Erfahrung bringt. Hanabi deutet an, dass Kommunikation begrenzt ist. The Mind untersagt jede systematische Kommunikation prinzipiell.<\/p>\n<p>Aber wie w\u00fcrden vergleichbare Regeln in Verhandlungsspielen aussehen? Wie steht es um Spiele, in denen man kurzfristige Allianzen eingeht? Wie formuliert man solche Regeln in vollst\u00e4ndig kooperativen Spielen?<\/p>\n<p>Wie man sich die \u201erichtigen\u201c Regeln f\u00fcr solche Spiele vorstellt, ist dabei gar nicht so wichtig. Der eigentlich Gewinn eines solchen Ansatz ergibt sich daraus, dass man Spiele sofort in den Rahmen der sozialen Interaktion setzen w\u00fcrde. Wie wir das Spiel spielen, w\u00fcrde nicht nur die Spielmechanismen, sondern auch den Umgang untereinander einbeziehen. Anders gesagt, man k\u00f6nnte nicht mehr die Augen davor verschlie\u00dfen, dass wir auch im Spiel den gleichen sozialen Dynamiken und Zw\u00e4ngen unterliegen, wie wir es in anderen Formen der Interaktion tun. Wir m\u00fcssten anfangen auf die Dinge zu achten, die wir auch in anderen sozialen R\u00e4umen ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>F\u00fcr manche ist das nat\u00fcrlich ein Problem. Es gibt noch immer viele Menschen, die den Eskapismus im Spiel vor allem als Flucht vor den Folgen des eigenen Verhaltens verstehen. Die Vorstellung h\u00e4lt sich hartn\u00e4ckig, dass wir im Spiel einen von Konsequenzen befreiten Raum haben und dass unser Tun nur bis zum Ende des Spiels nachwirken darf. Nicht weiter.<\/p>\n<p>Die Folge ist eine gewisse Gedankenlosigkeit, die sich am Spieltisch etabliert hat. Oft zieht man sich auf die Regeln zur\u00fcck (\u201edas ist erlaubt, also darfst du dich nicht beschweren\u201c) oder auf die Art des Spiels (\u201ewir spielen gegeneinander also muss ich mich nicht drum scheren welche Folgen mein Verhalten auf dich hat\u201c). Diese akzeptierte Gedankenlosigkeit tr\u00e4gt wom\u00f6glich dazu bei, dass Brettspiele den Ruf haben einen bestimmten Typ Menschen anzuziehen.<\/p>\n<p>Bestenfalls bilden sich vereinzelt Enklaven von Spielenden, die diesem Typ nicht entsprechen. Diese entdecken dann erst im Spiel mit anderen Gruppen oder in \u00f6ffentlichen R\u00e4umen wie unwirsch und eben gedankenlos andere spielen. Es entsteht eine zunehmende Zersplitterung der Spielgemeinschaft, die sich selbst als normale Spieler und die anderen als Randgruppe verstehen. Seien es nun die \u201etoxisch kompetitiven\u201c auf der einen Seite oder die \u201eweichgesp\u00fclten Wohlf\u00fchlspieler\u201c auf der anderen. Richtiges und \u201eechtes\u201c Spielen ist das was wir machen. Die anderen da sind komisch.<\/p>\n<p>W\u00fcrde man Verhaltens- und Benimmregeln in einem Regelheft einf\u00fchren, w\u00fcrde damit zumindest deutlich werden, dass es hier weder allgemeing\u00fcltige Normen gibt, noch dass dieser Rahmen eine Nebens\u00e4chlichkeit ist, die mal mehr und mal weniger Auswirkungen auf das Spiel hat. Statt ein positives Spielerlebnis davon abh\u00e4ngig machen zu m\u00fcssen, dass man \u201edie richtige Gruppe daf\u00fcr\u201c hat; k\u00f6nnte man dar\u00fcber sprechen welche Form der pers\u00f6nlichen Interaktion man diesem Spiel zu Grunde legen muss.<\/p>\n<p>Das Problem an solchen Verhaltens- und Benimmregeln dr\u00fcckt sich aber auch im Namen selbst aus. Es sind Regeln, die unser Verhalten und unsere pers\u00f6nliche Interaktion eingrenzen. Es sind Regeln, die es zu beachten und im Kopf zu halten gilt, w\u00e4hrend man parallel dazu auch die Spielmechanismen effizient anzuwenden versucht. F\u00fcr manche mag es zu einer Umstellung f\u00fchren, das gemeinsame Spielen pl\u00f6tzlich unter Achtung und Beachtung der Gemeinschaft zu betreiben.<\/p>\n<p>Aber Regeln er\u00f6ffnen auch immer die M\u00f6glichkeit Verantwortung abzugeben. Sie erlauben es die Folgen das eigenen Verhaltens nicht weiter abw\u00e4gen zu m\u00fcssen, sondern auf das blinde Ausf\u00fchren externer Anweisungen zur\u00fcckzufallen. Das ist sowohl eine Funktion von Regeln wie auch der Grund weshalb manche Menschen sie zu sch\u00e4tzen wissen. Sie k\u00f6nnen Klarheit schaffen, wenn Unsicherheit besteht. Es gibt Situationen in denen das helfen kann. Aber manchmal ist gerade die Auseinandersetzung mit unserer Unsicherheit so wichtig. Insbesondere Vielspieler*innen sollten das nur zu gut kennen.<\/p>\n<p>Die wichtigste und vermutlich wertvollste Funktion derartiger Verhaltens- und Benimmregeln ist das Aufzeigen von Grenzen. Dieses geschieht in der Hoffnung, dass Teilnehmende diese Grenzen wahrnehmen und ber\u00fccksichtigen. Ob das Erfolg haben wird, wage ich nicht zu beurteilen. Im schlimmsten Fall wecken diese Regeln Trotzreaktionen, die versuchen L\u00fccken aufzuweisen oder sie durch penible Auslegung ad absurdum zu f\u00fchren. Solche Regeln zeigen aber zumindest, dass sich Menschen Gedanken dar\u00fcber gemacht haben was es bedeutet, das Spiel als sozialen Raum zu verstehen. Es ist ein Signal, das f\u00fcr die Menschen au\u00dferhalb der Szene vielleicht wichtiger ist, als f\u00fcr jene, die bereits mittendrin stehen.<\/p>\n<p>Letztendlich muss das Ziel lauten ein Bewusstsein f\u00fcr die zwischenmenschlichen Aspekte des Spielerlebnis zu besitzen. Wir brauchen meistens keine derartigen Verhaltens- und Benimmregeln, um ins Kino zu gehen, im Restaurant zu essen oder Freunde zu besuchen. Wir haben ein grob umrissenes Grundverst\u00e4ndnis, welches Verhalten akzeptabel ist. Nicht zuletzt, weil wir beobachten wie sich andere verhalten und uns daran orientieren. Das ist am Spieltisch nicht anders.<\/p>\n<p>Photo by Jay Johnson from Pexels<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Immer wieder kommt in der Szene die Frage auf, wie man sich am Tisch richtig zu verhalten habe. 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