{"id":22623,"date":"2021-12-12T21:51:35","date_gmt":"2021-12-12T19:51:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=22623"},"modified":"2021-12-13T00:58:52","modified_gmt":"2021-12-12T22:58:52","slug":"der-kampfbegriff-kulturgut-spiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2021\/12\/12\/22623\/","title":{"rendered":"Der Kampfbegriff &#8220;Kulturgut Spiel&#8221;"},"content":{"rendered":"<p>Die Erkenntnis, dass man Spiele als Kulturgut verstehen kann, ist nicht unbedingt brandneu. Aber es gibt immer noch viele Kreise in denen die Verbindung zwischen der Vorstellung eines Spiels und dem Konzept eines Kulturguts f\u00fcr hochgezogene Augenbrauen sorgt.<\/p>\n<p>Ich will hier mal versuchen zu umrei\u00dfen, was es genau hei\u00dft das Spiel als Kulturgut zu verstehen. Aber auch was es nicht bedeutet und welche Schl\u00fcsse man daraus ziehen sollte, wenn man Spiele als Kulturgut begreift.<\/p>\n<p>Ganz allgemein gesprochen, l\u00e4sst sich ein Kulturgut daran festmachen, dass es Teil des kulturellen Lebens einer Gesellschaft ist. Das bedeutet der Teil des gesellschaftlichen Lebens in dem z.B. Br\u00e4uche und Traditionen gepflegt werden, weil man damit Werten und \u00dcberzeugungen Ausdruck verleiht. Das Weihnachtsfest ist in vielen Familien Teil einer j\u00e4hrlichen Tradition. Man kann sich streiten, ob die Werte und \u00dcberzeugungen, die in den einzelnen Feiern ge\u00e4u\u00dfert werden wirklich mit N\u00e4chstenliebe und religi\u00f6ser Praxis zu tun haben, oder vielleicht eher Konsumlust zelebrieren; aber das ist ein Streit f\u00fcr zynischere Leute als mich. Ein Brauch wie eine traditionelle Feier kann ein Kulturgut sein.<\/p>\n<p>Aber Kulturg\u00fcter lassen sich auch in gegenst\u00e4ndlicher Form festmachen. B\u00fccher und Musik sind ohne Frage ebenfalls Kulturg\u00fcter der modernen Gesellschaft. Der damit verbundene Wirtschaftszweig hei\u00dft nicht ohne Grund Kulturindustrie. Hier werden wirtschaftlich verwertbare Objekte geschaffen, die sich aus kultureller Arbeit heraus ergeben.<\/p>\n<p>An dieser Stelle l\u00e4sst sich vielleicht ein Aspekt herausarbeiten, der im g\u00e4ngigen Sprachgebrauch oft unsauber gehandhabt wird. Ein Medium als Kulturgut zu bezeichnen, adelt noch nicht jede Form des Mediums zur Hochkultur. Oder anders gesagt, nur weil Musik ein Kulturgut ist; hei\u00dft das noch nicht, dass Beethovens 5. Symphonie auf einer Stufe mit Tim Toupets \u201eD\u00f6ner macht sch\u00f6ner\u201c steht. Beides ist Musik und geh\u00f6rt damit zu einem Medium, welches Kulturgut ist. Das bedeutet aber nicht, dass man beiden Werken die gleiche Qualit\u00e4t und Wirkung zusprechen muss. (Wer mal einen Kulturwissenschaftler \u00e4rgern will, kann ja erw\u00e4hnen dass der Satz \u201eIch hab ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein D\u00f6ner.\u201c f\u00fcr viele Menschen gr\u00f6\u00dfere Relevanz und Wiedererkennungswert besitzt, als das Leitthema von Beethovens 5. Symphonie.)<\/p>\n<p>Ein Kulturgut ist generell immer Ausdruck der Kultur, welche sie hervorgebracht hat. Das k\u00f6nnen Werke von berauschender Sch\u00f6nheit sein. Es k\u00f6nnen Musikst\u00fccke sein, die Emotionen in uns wecken. Es k\u00f6nnen Filme sein, die uns daran erinnern, dass uns alle eine Menschlichkeit eint, die unantastbar ist. Aber es k\u00f6nnen auch 4-Stunden-TV-Shows sein, in denen jemand Lieder daran erkennt, wie sie mit der Klob\u00fcrste in der Toilette nachgespielt werden.<\/p>\n<p>Es ist die gesellschaftliche Relevanz, die etwas zu einem Kulturgut macht, nicht seine vermeintlich hohe Qualit\u00e4t. Ein Kulturgut ist Ausdrucksform einer Gesellschaft, nicht Beleg ihrer \u00dcberlegenheit oder Beweis zu welchen Errungenschaften sie in der Lage ist.<\/p>\n<p>Spiele (und insbesondere nicht-digitale Spiele) sind hier eine Besonderheit. Sie sind Kulturgegenstand und kulturelle Praxis zugleich. Anstatt sie lediglich zu konsumieren, f\u00fchren wir sie aktiv aus.<\/p>\n<p>Durch das Spielen setzen wir uns individuell mit den Inhalten des Spiels auseinander und normalisieren dadurch eben diese Auseinandersetzung. Wir gew\u00f6hnen uns daran, dass bestimmte Inhalte und Themen im Medium Spiel behandelt werden und setzen uns so damit auseinander wie es im Rahmen unserer lokalen Spielkultur \u00fcblich ist. Das kann in manchen Kreisen eine hohe emotionale Distanz und Abstraktion bedeuten; aber es kann in anderen Kreisen auch eine starke Identifikation mit den Spielhandlungen und dem thematischen Hintergrund des Spiels hei\u00dfen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-18158\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-300x225.jpg\" alt=\"Beitragsbild neutral\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-700x525.jpg 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-150x113.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-1536x1152.jpg 1536w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-2048x1536.jpg 2048w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-370x278.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-270x203.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-570x428.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-667x500.jpg 667w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-740x555.jpg 740w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/IMG_2696-80x60.jpg 80w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/>Positive Spielerfahrungen f\u00fchren dazu, dass die jeweilige Herangehensweise an das Spiel und seine Inhalte normalisiert wird. Zu einem gewissen Grad l\u00e4sst sich so auch erkl\u00e4ren warum Themen wie Kolonialismus eine Zeit lang akzeptabel waren oder zumindest wenig Aufsehen erregten. Ein solches Spiel machte dann Spa\u00df, wenn man nicht weiter \u00fcber die Implikation und Aussagen des Themas nachdachte, also blendete man eben diese Inhalte aus, um am Spiel selbst Spa\u00df zu haben.<\/p>\n<p>Das Thema wurde normalisiert, so dass seine Pr\u00e4senz immer seltener in Frage gestellt wurde und die Duldung dieses und vergleichbarer Themen am Spieltisch ein akzeptierter Teil der Spielkultur wurde.<\/p>\n<p>Dabei ist es wichtig hier zwischen Normalisierung und Indoktrinierung zu unterscheiden. Gewalt in Videospielen erzieht nicht zu Gewalttaten. Selbst der Vorwurf der Abstumpfung gegen\u00fcber realer Gewalt ist bestenfalls eine kontroverse \u00c4u\u00dferung. Es steht aber au\u00dfer Frage, dass Gewalt in Videospielen uns daran gew\u00f6hnt Gewaltdarstellungen in diesem und vergleichbaren Medien zu tolerieren und mit ihnen zu rechnen. Diese Entwicklung ist dabei nicht zwingend. Ein kritischer Diskurs zu solchen Themen kann zumindest diese selbstverst\u00e4ndliche Duldung in Frage stellen. Die Darstellung von Frauen, zum Beispiel, findet bei weitem nicht mehr so unbedacht statt wie es vielleicht vor einigen Jahren der Fall gewesen sein mag.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich dazu, findet aber auch eine Normalisierung mit unserem individuellen Umgang mit dem Thema im Kontext des Spiels statt. Das hei\u00dft, wir normalisieren wie wir \u00fcber dieses Spielthema mit Menschen aus der Szene (oder auch nur unserer Spielrunde) sprechen.<\/p>\n<p>Wenn wir bei einem Spiel wie Puerto Rico den Punkt \u201eSklaverei\u201c stillschweigend \u00fcbergehen, mit zynischen Witzen kommentieren oder unser Unbehagen deutlich machen (evtl. so sehr, dass wir das Spiel nicht fortsetzen m\u00f6chten), dann normalisieren wir unsere Position gegen\u00fcber unseren Freunden und pr\u00e4sentieren damit eine M\u00f6glichkeit auf das Thema zu reagieren.<\/p>\n<p>Wir setzen uns in diesen Momenten zumindest kurzfristig (und oft auch nur oberfl\u00e4chlich) mit dem Thema auseinander und verkn\u00fcpfen damit ein positives oder negatives Urteil. Wir machen damit deutlich welche Inhalte und Ansichten von uns akzeptiert und geduldet werden.<\/p>\n<p>Nach Johan Huizinga dr\u00fcckt sich so Kultur aus. Im spielerischen Umgang probieren (und etablieren) wir vorl\u00e4ufige Normen und Wertevorstellungen. Wir normalisieren so bestimmte \u00dcberzeugungen und tragen diese im kleinen Kreis weiter. Wenn wir uns im und beim Spiel auf eine bestimmte Weise verhalten, behandeln wir Themen, Ideen und Verhaltensweisen als gut, schlecht, neutral, usw. Damit praktizieren wir Kultur.<\/p>\n<figure id=\"attachment_9206\" aria-describedby=\"caption-attachment-9206\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-9206\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/20130824-210816-300x300.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/20130824-210816-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/20130824-210816-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/20130824-210816-270x270.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/20130824-210816.jpg 350w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9206\" class=\"wp-caption-text\">Keine Meinung ist auch eine Meinung<\/figcaption><\/figure>\n<p>Das Spiel ist darum Kulturgut, weil es das notwendige Vehikel ist, mit dem die Spielenden ihre Auseinandersetzung mit bestimmten Inhalten zum Ausdruck bringen. Mit Inhalten k\u00f6nnen sowohl die thematischen Hintergr\u00fcnde des Spiels gemeint sein, als auch die Verhaltensweisen, die man sich im Rahmen der spielerischen Besch\u00e4ftigung aneignen muss. Das mag vielleicht selten Zweck des Spiels sein, aber es ist effektiv immer seine Wirkung.<\/p>\n<p>Was jedoch das Spiel von anderen, als Kulturgut anerkannten, Medien unterscheidet, ist dass wir daran teilnehmen. Literatur, Theater und Film beziehen ihr Publikum vor allem dadurch ein und machen so ihre kulturelle Wirkung deutlich, dass man \u00fcber sie spricht und sich \u00fcber sie austauscht. Die Auseinandersetzung mit den Inhalten findet nach dem Konsum statt.<\/p>\n<p>Das Spiel jedoch ist ein partizipatives Medium, also eines an dem man aktiv teilnimmt. Unsere Auseinandersetzung mit seinen Inhalten findet durch den Spielakt selbst statt. Damit findet auch die kulturelle Aktivit\u00e4t eben nicht um das Spiel herum, sondern im Spiel selbst statt. Spielen ist ein kultureller Akt.<\/p>\n<p>Auch darum spielt es eine wichtige Rolle wie wir \u00fcber Spiele sprechen. Erst wenn wir Spielen als kulturelle Aktivit\u00e4t und damit auch Spiele als Kulturgut begreifen, k\u00f6nnen wir uns ernsthaft damit auseinander setzen welches Potential dieses Medium besitzt.<\/p>\n<p>So kann man davon ausgehen, das das Verhalten oder auch die Ansichten von Menschen nicht grundlegend durch Spiele ver\u00e4ndert werden. Genauso wie auch gewaltt\u00e4tige Videospiele eben nicht gewaltt\u00e4tig machen, ver\u00e4ndern Gesellschaftsspiele nicht die \u00dcberzeugungen der Spielenden. Aber sie erlauben es Ideen und Wertevorstellungen zu normalisieren.<\/p>\n<p>Dieser Umstand verpflichtet meiner Meinung nach die Machenden nicht unbedingt zu einer historisch korrekten, authentischen oder von <em>cultural consultants<\/em> abgesegneten Darstellung spielerischer Inhalte. Aber die Machenden tragen durchaus Verantwortung daf\u00fcr, welche Inhalte, Ideen und Ansichten hier zur Normalisierung frei gegeben werden. Als eklatantes Gegenbeispiel f\u00fcr Machende, die ihrer Verantwortung \u00fcberhaupt nicht nachgekommen sind, sei hier <em>Cards Against Humanity<\/em> genannt. Ein Spiel in dem Ansichten und \u00dcberzeugungen normalisiert und verharmlost werden, die man v\u00f6llig zu Recht ablehnen sollte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist ein einziges Spiel niemals Grundlage f\u00fcr eine Normalisierung irgendwelcher \u00dcberzeugungen und Werte. Ein erfolgreiches Spiel hingegen kann durchaus Nachahmer nach sich ziehen und so daf\u00fcr sorgen dass komplexe, schwierige und auch kritisch zu beurteilende Inhalte (z.B. die Ausbreitung europ\u00e4ischer Imperien auf andere Kontinente, sowie die wirtschaftliche Ausbeutung die dem folgte) normalisiert und verharmlost werden.<\/p>\n<p>\u201eKulturgut Spiel\u201c mag als Kampfbegriff begonnen haben, um sich vom Vorwurf der Trivialit\u00e4t und Belanglosigkeit loszurei\u00dfen. Er mag auf der \u00dcberzeugung fu\u00dfen, dass Spiele eben nicht allein eine Freizeitbesch\u00e4ftigung auf Kinderniveau sind. Aber je weiter das Spiel Anklang in der Gesellschaft findet, umso wichtiger wird es sich dar\u00fcber klar zu werden wie der Spielakt und das Spiel selbst kulturell wirken. Gerade auch weil eben nicht jedes Spiel das spielerische Pendant zu \u201eIch hab `ne Zwiebel auf dem Kopf, ich bin ein D\u00f6ner\u201c ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Erkenntnis, dass man Spiele als Kulturgut verstehen kann, ist nicht unbedingt brandneu. Aber es gibt immer noch viele Kreise in denen die Verbindung zwischen der Vorstellung eines Spiels und dem Konzept eines Kulturguts f\u00fcr hochgezogene Augenbrauen sorgt. Ich will hier mal versuchen zu umrei\u00dfen, was es genau hei\u00dft das Spiel als Kulturgut zu verstehen. 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