{"id":22568,"date":"2021-11-28T17:51:37","date_gmt":"2021-11-28T15:51:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=22568"},"modified":"2021-11-28T17:51:37","modified_gmt":"2021-11-28T15:51:37","slug":"das-fiese-spiel-und-das-bunte-spiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2021\/11\/28\/22568\/","title":{"rendered":"Das fiese Spiel und das bunte Spiel"},"content":{"rendered":"<p>Manchen Spielen eilt ein Ruf voraus, dass sie ganz besonders gemein sind. Es sind Spiele, die mit ihrer als destruktiv bezeichneten Art der Interaktion f\u00fcr gro\u00dfe Gef\u00fchlsregungen sorgen. Am Tisch schimpft oder flucht man deshalb schon mal. Meistens ist eine solche Reputation verdient. Haben doch viele verschiedene Gruppen dieses \u201efiese Spiel\u201c schon gespielt und berichten von vergleichbaren Erfahrungen. Das fiese Spiel ist ein Hauen und Stechen um die F\u00fchrung, bis jemand den Sieg davon tragen kann.<\/p>\n<p>Ein eben solches \u201efieses Spiel\u201c durfte ich k\u00fcrzlich wieder spielen. Ich kannte es bereits und wusste daher was mich erwartete. Umso \u00fcberraschter war ich, als das Spiel dann vergleichsweise zur\u00fcckhaltend und ruhig verlief. Vereinzelte Momente der Anspannung waren nichts im Vergleich zu dem wie ich das Spiel bisher erlebt hatte. Die \u00fcbliche und g\u00e4ngige Erkl\u00e4rung f\u00fcr so eine Situation ist h\u00e4ufig, dass die Gruppe halt weniger fies spielen wollte. Ein Argument, dass ich in vielen F\u00e4llen auch als erste Begr\u00fcndung zu Rate ziehen w\u00fcrde, w\u00e4re da nicht das Spielerlebnis gewesen, welches nur eine Stunde vorher stattfand.<\/p>\n<p>Da hatten wir ein Spiel zusammengespielt, welches ich hier als \u201ebuntes Spiel\u201c benennen m\u00f6chte. Es war ein Spiel, welches leicht und beinahe belanglos wirkt. Auch hier hatte ich das Spiel schon einige Male gespielt. Die schlichten Regeln und kurze Spieldauer schienen ein gutes Argument daf\u00fcr zu sein, den Spielabend mit diesem \u201ebunten Spiel\u201c zu beginnen. Zu meiner \u00dcberraschung wurde das Spiel als deutlich gemeiner und fieser wahrgenommen als ich es bis zu diesem Zeitpunkt jemals erlebt hatte.<\/p>\n<p>Dieser Gegensatz hat mich besch\u00e4ftigt. Warum verlief das \u201efiese Spiel\u201c so entspannt und gem\u00fctlich, w\u00e4hrend das \u201ebunte Spiel\u201c nach nur wenigen Z\u00fcgen deutlich viel \u00c4rger und Anspannung verursachte? Es lag augenscheinlich nicht an den Vorlieben der Spielenden selbst, die sich am gleichen Abend bereits ein Hauen und Stechen lieferten. Aber es lag auch nicht allein an den Spielen selbst, denn sonst w\u00e4re das \u201efiese Spiel\u201c auch wirklich fies geworden und das \u201ebunte Spiel\u201c eben nur ein zahnloser Zeitvertreib.<\/p>\n<p>Augenscheinlich kamen hier zwei Dinge zusammen. Auf der einen Seite war es das Spielverhalten der Gruppe und auf der anderen der Entscheidungsraum, der durch die jeweiligen Spielregeln geschaffen wurde. In Kombination entsprach das Spielerlebnis der beiden Spiele nicht meinen Erwartungen.<\/p>\n<p>Es schien naheliegend anzunehmen, dass sich das Spielverhalten und Spielbed\u00fcrfnis meiner Mitspieler sich am gleichen Abend nicht grundlegend verschieben w\u00fcrde. Was sie an Spielen mochten und wie sie an diesem Abend spielen wollten, w\u00fcrde sich kaum so drastisch ver\u00e4ndert haben, dass derart unterschiedliche Spielerlebnisse die Folge w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Also versuchte ich mir n\u00e4her anzuschauen was das \u201efiese Spiel\u201c eigentlich tat, um sich seinen Ruf zu verdienen. Das \u201efiese Spiel\u201c ist, wie zu erwarten, ein kompetitives Spiel. Ein einfaches Bietspiel bei dem der Wert eines erworbenen Objekts sich im Laufe des Spiels sehr stark ver\u00e4ndern kann. So kann eine verloren gegangen Auktion dazuf\u00fchren, dass teuer erworbene Punkte aus vorherigen Runden, schnell einem Kontrahenten geh\u00f6ren. Es kann sogar passieren, dass sich m\u00fchsam errungene Punktesummen in schmerzhafte Punktabz\u00fcge verwandeln, wenn das Spiel nicht so zu Ende geht, wie man es sich w\u00fcnscht. Es steht also viel auf dem Spiel, und diese schnellen und unabwendbaren Ver\u00e4nderungen der eigenen Position auf der Rangliste, sorgen f\u00fcr Anspannung. Das Fiese des Spiels liegt zu einem gewissen Grad sicherlich in der Hilflosigkeit mit der die eigenen Gewinnchancen zum Spielball anderer Interessen werden. Anderen vors\u00e4tzlich Punkte zu nehmen oder sie ihnen zu verweigern, ist unverkennbarer Kern der Spielinteraktion. Darum muss man oft bangen, dass die Interessen eines Auktionsgewinners den eigenen nicht zuwider laufen.<\/p>\n<p>Das \u201ebunte Spiel\u201c hingegen war mir in s\u00e4mtlichen Runden bis dato nicht als sonderlich fies aufgefallen. Im Gegenteil, es schien ein leichtf\u00fc\u00dfiges aber dennoch klug verpacktes Spiel zu sein, bei dem die eigenen Handlungen offensichtliche aber auch subtile Folgen nach sich ziehen konnten. Man nahm sich durch das Ausspielen einer Karte Objekte aus der Auslage und erhielt f\u00fcr Karte und Objekt(e) Siegpunkte. Das Spiel ist zu Ende sobald die Auslage leerger\u00e4umt ist. Dabei engte die Karte ein welche Objekte man aus der Auslage entfernen durfte, und die gew\u00e4hlten Objekte l\u00f6sten ihrerseits Effekte aus. Darunter auch die M\u00f6glichkeit die Objekte und Karten anderer Spieler zu verringern. Anders gesagt, ein Mal errungene Punkte, k\u00f6nnen einem wieder genommen werden. Gerade FDP-W\u00e4hler werden sich bei einer solchen Regel im 8. Ring der H\u00f6lle w\u00e4hnen.<\/p>\n<p>Aber dieses Wegnehmen von Erworbenem war sowohl beim \u201efiesen\u201c wie auch beim \u201ebunten\u201c Spiel stark pr\u00e4sent. Obwohl die Spielgruppe beiden Spielen eine latente \u201eGemeinheit\u201c zusprach, war sie im \u201ebunten\u201c Spiel weit st\u00e4rker ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-22570\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Spielsteine-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/>Es schien plausibel anzunehmen, dass die Art wie die Spielinteraktion ausgef\u00fchrt wurde, hier ausschlaggebend f\u00fcr das Spielgef\u00fchl war. An diesem Punkt trat ein deutlicher Unterschied zwischen dem \u201efiesen Spiel\u201c und dem \u201ebunten Spiel\u201c auf. Das \u201efiese Spiel\u201c wurde bereits mit dem Verweis auf angespannte und konfrontative Punktehatz auf den Tisch gebracht. Die Gruppe konnte sich mental und auch emotional darauf einstellen, dass man sich hier nichts schenken w\u00fcrde. Auch die Spielmechanismen stellten genau diese Wirkung auf die Mitspieler in den Vordergrund. Die Objekte auf die man bot, wurden mit taktischen Blick auf ihre Wirkung auf andere ausgesucht. Man wirkte wissentlich emotionalen Druck auf andere aus, in dem man ihnen wichtige Objekte zur Versteigerung anbot, um sie so zum Handeln zu bewegen. Das war deutlich im Spiel zu erkennen und wurde auch \u00e4hnlich deutlich so oft wie m\u00f6glich vermieden.<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu, fand das Wegnehmen von Punkten im \u201ebunten Spiel\u201c eher als Nebensache statt. Man suchte sich das wertvollste Objekt aus der Auslage aus, welches man mit Hilfe der Karten ergattern konnte und f\u00fchrte die damit verbundenen Aktionen fast schon mit Widerwillen aus. Ein notwendiges \u00dcbel, welches man so schnell wie m\u00f6glich \u00fcber die B\u00fchne bringen wollte, um sich anderen Dingen zu widmen.<\/p>\n<p>Ich denke, dass es genau dieser Punkt und diese Einstellung war, die das \u201ebunte Spiel\u201c zu einer gemeinen und fiesen Spielerfahrung gemacht hat. Die Aufmerksamkeit lag nicht darauf wie die eigenen Spielz\u00fcge auf andere wirkten, sondern allein auf den eigenen Vorteil. Das dadurch jemand beeintr\u00e4chtigt oder benachteiligt wurde, schien eher eine l\u00e4stige Nebens\u00e4chlichkeit zu sein statt etwas, dass n\u00e4here Beachtung ben\u00f6tigt.<\/p>\n<p>In seiner tragischerweise letzten Filmrolle sagt Raul Julia so etwas wie \u201eDer Tag an dem [ich] in ihr Dorf kam [und ihren Vater t\u00f6tete] war f\u00fcr sie bestimmt der wichtigste Tag ihres Lebens. F\u00fcr mich was es einfach nur Dienstag.\u201c Diese S\u00e4tze sorgen noch immer f\u00fcr schockierte Lacher, gerade weil sie so ver\u00e4chtlich und dem\u00fctigend sind. Nat\u00fcrlich ist die Szene \u00fcberzeichnet und hoch stilisiert, aber diese Interaktion veranschaulicht dank der \u00dcberspitzung warum derartige Momente am Spieltisch f\u00fcr so viel Unmut und Ver\u00e4rgerung sorgen.<\/p>\n<p>Der Teil der Spielaktion, die emotional die gr\u00f6\u00dfte (negative) Wirkung auf das Spielerlebnis hat, findet nebenher statt. Der Unmut, den die verlorenen Punkte oder die spielerische Benachteiligung ausl\u00f6sen, sind f\u00fcr die handelnde Person irrelevant und nebens\u00e4chlich. Das kratzt deutlich mehr am eigenen Ego, als die Tatsache, dass man nun ein paar Punkte \u00e4rmer ist. Es ist eben diese Mischung aus Gleichg\u00fcltigkeit und zur Schau gestellter Belanglosigkeit, die einen so sehr ver\u00e4rgert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend man im \u201efiesen Spiel\u201c noch als Konkurrent wahrgenommen und ber\u00fccksichtigt wurde und gerade auch die emotionale Wirkung bei Entscheidungen eine Rolle spielte, bekam man das Gef\u00fchl beim \u201ebunten Spiel\u201c nur als belangloses Anh\u00e4ngsel zu existieren. Interessant und wertvoll waren allein die Auslage und die eigenen Karten. Was mit den anderen am Tisch passierte war \u2013 auch wenn man selbst dar\u00fcber entscheiden musste \u2013 egal.<\/p>\n<p>Unweigerlich musste ich mich fragen, was der Grund f\u00fcr dieses Spielverhalten war. Was bewegte die Gruppe dazu, im \u201ebunten Spiel\u201c nach unpers\u00f6nlichen Kriterien, zu entscheiden wer Objekte oder Karten verlieren musste? Ich kann hier lediglich vermuten und spekulieren. Plausibel erscheint mir, dass die Gruppe Konflikte unbedingt vermeiden wollte. Insbesondere wollte man keine Verantwortung daf\u00fcr \u00fcbernehmen, dass das eigene Handeln negative Folgen f\u00fcr andere nach sich zieht.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich wird geglaubt, dass eine teilnahmslos ausgef\u00fchrte Regel, die gerechteste und fairste Form ist, um unangenehme Entscheidungen zu treffen. Wie kann man mir vorwerfen ungerecht zu handeln, wenn meine Entscheidung beliebig und fast zuf\u00e4llig getroffen wurde? Statt negative Folgen mit Vorsatz zu w\u00e4hlen und bewusst auf einen Spieler abzuzielen, beschr\u00e4nkt man sich allein auf sich und greift zu einfachen Entscheidungshilfen, die weder die aktuelle Situation noch den bisherigen Spielverlauf ber\u00fccksichtigen. Denn letzteres zu tun, w\u00e4re ja pers\u00f6nlich. Dabei ist ein Spiel <a href=\"https:\/\/youtu.be\/by5YzWJ9W4U\">nichts pers\u00f6nliches, es ist nur Business.<\/a> (<em>Zur Erinnerung, in dieser Szene aus Der Pate zeigt Michael Corleone nicht, wie gerecht er ist; sondern wie soziopathisch er handeln kann.<\/em>)<\/p>\n<p>Das nun ist meine vorl\u00e4ufige Erkenntnis aus dem vergangenen Spieleabend: es gibt keine unpers\u00f6nliche Konkurrenz bei einem Brettspiel. Je mehr man versucht die negativen Auswirkungen des eigenen Handelns von sich zu weisen, umso st\u00e4rker ist der \u00c4rger und Unmut bei denen, die diese Auswirkungen zu sp\u00fcren bekommen. Statt sich an einem gemeinsamen Wettstreit unter Gleichgesinnten zu erfreuen, hat das Spielgef\u00fchl etwas von praktizierter Mitleidlosigkeit. Das emp\u00f6rt und ver\u00e4rgert nicht nur zur Adventszeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchen Spielen eilt ein Ruf voraus, dass sie ganz besonders gemein sind. 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