{"id":225,"date":"2007-06-30T11:57:25","date_gmt":"2007-06-30T09:57:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2007\/06\/30\/225"},"modified":"2007-07-01T09:53:49","modified_gmt":"2007-07-01T07:53:49","slug":"kurswechsel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2007\/06\/30\/225\/","title":{"rendered":"Kurswechsel?"},"content":{"rendered":"<p>Letzte Woche hat sich wieder eine Prophezeihung von mir erf\u00fcllt: Zooloretto wurde Spiel des Jahres. Meine Gl\u00fcckw\u00fcnsche gehen nat\u00fcrlich an Michael Schacht und Abacus. <\/p>\n<p>Eine Wahl zum Hauptspielepreis w\u00e4re nicht vollst\u00e4ndig ohne die \u00fcblichen Diskussionen. Ein viel zitierter Vorwurf war: Der Kurswechsel der Jury zum leichten Spiel ist nicht gut, ja sogar gef\u00e4hrlich. Wenn keine anspruchsvolleren Familienspiele mehr Spiel des Jahres werden k\u00f6nnen, geht die Szene vor die Hunde und man w\u00fcrde bald nur noch Monopoly-Varianten kaufen k\u00f6nnen (Ja, ich \u00fcbertreibe, dass soll aber den Blick f\u00fcr die kommenden Zeilen nicht verstellen).<br \/>\nIch dachte ich versuche mal etwas neues in die Diskussion einzubringen: eine echte Analyse.<br \/>\nIst vielleicht mal was anderes als pers\u00f6nliche Erfahrungen (&#8220;Ich kenne ja zwei Caylus-Spieler, die sonst nur Skat spielen&#8221;) oder unfundierte Behauptungen.<br \/>\nVorweg: Es soll hier nicht darum gehen zu diskutieren, welcher Weg denn nun der richtige ist (anspruchsvollere Spiele wie z.B. Uli Blennemann meint oder einfachere Spiele wie die Jury zum \u00f6sterreichischen Spielepreis letztes Jahr ge\u00e4ussert hat) oder ob &#8220;anspruchsvoll&#8221; mit &#8220;Spielspass&#8221; gleichzusetzen ist, ja nicht einmal daran, wieviel Anspruch eine Familie denn nun vertr\u00e4gt. Dazu w\u00e4ren Untersuchungen n\u00f6tig, die meine Mittel sprengen.<br \/>\nHier soll es nur um die Frage gehen: Werden die Spiele des Jahres tats\u00e4chlich immer anspruchsloser? <\/p>\n<p>Wie misst man den Anspruch eines Spieles neutral? Eine schwere Frage. Ich habe mich auf eine bestehende Datenlage gest\u00fctzt: Die &#8220;Weight&#8221;-Wertung bei Boardgamegeek (Stand: 28.06).<br \/>\nDort kann jeder eingetragene Benutzer eine Sch\u00e4tzung des Anspruchs eines Spieles abgeben. Alle Werte werden gemittelt und ergeben die Gesamtwertung. Da die Spiele des Jahres ausreichend oft bewertet werden, ergibt sich so ein einigermassen brauchbarer Querschnitt aller Meinungen und ich muss mich nicht rechtfertigen, warum ich z.B. Elfenland f\u00fcr weniger anspruchsvoll als Auf Achse halte. <\/p>\n<p>Einen ersten Eindruck bekommt man im folgenden Graphen. Er zeigt die Entwicklung der Weight-Wertung \u00fcber die Jahre (Beginnend beim ersten Spiel des Jahres &#8211; Hase und Igel):<\/p>\n<p><a href='https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2007\/06\/sdjanalyse.JPG' title='sdjanalyse.JPG'><img src='https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2007\/06\/sdjanalyse.thumbnail.JPG' alt='sdjanalyse.JPG' \/><\/a><\/p>\n<p>Man sieht, dass sich fast alles zwischen 2,3 und 1,5 abspielt. Ordnet man die Titeltr\u00e4ger nach Weight  ergibt sich folgende Rangliste:<\/p>\n<p>El Grande\t1996\t             3.18<br \/>\nTorres\t2000\t             2.94<br \/>\nTikal\t1999\t             2.92<br \/>\nSherlock Holmes \t1985\t2.71<br \/>\nSiedler v. C.1995\t             2.35<br \/>\nFocus\t             1981\t2.27<br \/>\nThurn &amp; Taxis\t2006\t2.27<br \/>\nElfenland\t             1998\t 2.15<br \/>\nDampfross\t1984\t2.14<br \/>\nAlhambra\t             2003\t2.11<br \/>\nScotland Yard\t1983\t2.01<br \/>\nHase und Igel\t1979\t2.00<br \/>\nManhattan\t1994\t1.95<br \/>\nDrunter und Dr\u00fcber\t1991\t1.94<br \/>\nCarcassonne\t2001\t1.91<br \/>\nZug um Zug\t2004\t1.87<br \/>\nAuf Achse\t1987\t1.81<br \/>\nUm Reifenbreite\t1992\t1.81<br \/>\nAdel verpflichtet\t1990\t1.78<br \/>\nNiagara\t             2005\t1.78<br \/>\nZooloretto\t2007\t1.76<br \/>\nRummikubb\t1980\t1.74<br \/>\nCafe international\t1989\t1.73<br \/>\nMississippi Queen\t1997\t1.71<br \/>\nBarbarossa\t1988\t1.6<br \/>\nHeimlich &amp; Co\t1986\t1.48<br \/>\nSagaland\t            1982\t1.26<br \/>\nBluff\t            1993\t1.24<br \/>\nVilla Paletti\t2002\t1.13<\/p>\n<p>Interessant vielleicht das die letzten drei jeweils einen Repr\u00e4sentanten aus jedem der drei Dekaden stellen.<br \/>\nInsgesamt liegt der Mittelwert bei 1.984 mit einer Standardabweichung von 0.48. Ein Wert liegt \u00fcber 3. Zehn weitere liegen \u00fcber 2. Vier Werte liegen unter 1.5<\/p>\n<p>Jetzt eine kleine Aufschl\u00fcsselung nach Jahrzehnten (dabei lasse ich 1979 au\u00dfen vor):<br \/>\nIn den 80ern lag der Mittelwert bei 1.875, bei einer Standardabweichung von 0.399. Das Spiel mit der h\u00f6chsten Wertung war Sherlock Holmes Criminal Cabinet mit 2.71 und das niedrigste Sagaland mit 1.26. Vier Spiele haben eine Wertung von \u00fcber 2, Zwei eine von unter 1.5<\/p>\n<p>In den 90er Jahren lag der Mittelwert bei 2.10 bei einer Standardabweichung von recht massiven 0.55. Die 90er Jahre sahen den anspruchsvollsten Titeltr\u00e4ger (El Grande) und insgesamt 4 Spiele mit einer Wertung \u00fcber 2 und einem Spiel mit einem Wert unter 1.5<br \/>\nInteressant in den 90er Jahren ist die Verteilung des Anspruchs: In den ersten f\u00fcnf Jahren lag der Weight-Durchschnitt mit 1.74 relativ deutlich unter dem Gesamtdurchschnitt, in den zweiten f\u00fcnf Jahren mit 2.46 deutlich dar\u00fcber. <\/p>\n<p>Im neuen Jahrtausend (das ich mal im Jahr 2000 beginnen lasse, auch wenn Erbsenz\u00e4hler mich daf\u00fcr pr\u00fcgeln m\u00f6gen) liegt der Durchschnitt soweit bei 1.97 bei einer Standardabweichung von 0.48. Drei Werte liegen \u00fcber 2, einer unter 1.5.<\/p>\n<p>Kleine Interpretation: Die Werte dieses Jahrtausends liegen perfekt im Gesamtdurchschnitt &#8211; die Standardabweichung ist identisch, d.h. dass die Jury den &#8220;\u00fcblichen&#8221; Fokus nach oben und unten walten l\u00e4sst. Der Durchschnittswert liegt nur knapp unter dem Gesamtdurchschnitt. Bei einem \u00fcblichen Signifikanzniveau von 5% f\u00e4llt die Abweichung unter &#8220;Zufall&#8221;. Und der Durchschnitt f\u00e4llt unter dieses Signifikanzniveau.<br \/>\nAuch im Vergleich mit den anderen Jahrzehnten liegen die letzten sieben Jahre im Mittelfeld: In den 80er Jahren war das Niveau im Schnitt niedriger, im letzten Jahrzehnt im Schnitt h\u00f6her. In beiden vergangenen Jahrzehnten gab es vier Titel oberhalb der 2.0-Grenze, in den letzten 7 Jahren gab es deren 3 (was der Jury noch 3 Jahre zeit f\u00fcr den vierten Titel gibt ;-) )Es gab ein Titel unter 1.5, so wie in den 90er Jahren und einer weniger als in den 80er.<\/p>\n<p>Der letztj\u00e4hrige Titel (Thurn &amp; Taxis) liegt auf Platz 6 des Anspruchsranking, also w\u00fcrde ein &#8220;Leichttrend&#8221; fr\u00fchestens dieses Jahr erkennbar sein. Zooloretto liegt recht tief auf der Anspruchsskala (nicht \u00fcberraschend). 8 Titel liegen noch tiefer, darunter 5 aus den 80er Jahren, 2 aus den 90ern und einer -Villa Paletti &#8211; aus den letzten Sieben.<\/p>\n<p>Insgesamt kann ich zwei Trends aus den Daten herauslesen: Mitte der 90er-Jahre gab es eine klare Verschiebung in Richtung anspruchsvoller Spiele. Diese Verschiebung wurde nach Torres wieder in die urspr\u00fcngliche Richtung korrigiert. Diese R\u00fcckkehr zu dem normalen SdJ-Anspruch f\u00e4llt zusammen mit dem Ausstieg von 3 SdJ-Juroren und den sinkenden Verkauszahlen von Tikal und Torres. Der &#8220;neue Trend&#8221; existiert also nicht &#8211; wenn \u00fcberhaupt nur eine R\u00fcckkehr zum Ursprung.<br \/>\nDass dieses Ger\u00fccht von der &#8220;neuen Leichtigkeit&#8221; so wild diskutiert wird liegt also nicht an der Realit\u00e4t sondern zu gleichen Teilen an der doppelten Kurskorrektur 1995 und 2000 und der Jury selbst; H\u00e4tte Stefan Duksch nicht die &#8220;Einfachheit der Regeln&#8221; angesprochen w\u00e4re niemanden etwas aufgefallen, weil es nichts gab, was einem h\u00e4tte auffallen k\u00f6nnen.<br \/>\nFairnesshalber muss ich aber auch sagen, dass ich den Wirbel um das entsprechende Zitat f\u00fcr \u00fcberdimensioniert halte. Er sprach nicht zuletzt davon, dass Spiele mit leichtem Zugang beliebt sind und dass die Regelh\u00fcrde oft einem Spielgenuss im Wege steht. Kaum mehr als ein Allgemeinplatz, denke ich.<\/p>\n<p>Warum Zooloretto und nicht Yspahan gew\u00e4hlt wurde wird niemand erfahren. Nicht zuletzt deswegen, weil das Wahlverfahren eine Abstimmung ist. Warum wer nun genau abstimmt, l\u00e4sst sich nicht ausklab\u00fcsern.<br \/>\nImmerhin stimmt es, dass Zooloretto den niedrigsten Wert der nominierten Spiele hatte (0.02 unter dem Dieb von Bagdad). Andererseits gewann im letzten Jahr das zweitanspruchsvollste Spiel mit Thurn &amp; Taxis (Blue Moon City hat ein Wert von 2.31, Aqua Romana 2,22, Seer\u00e4uber und Just 4 Fun deutlich unter 2). Und bei <strong><em>einer <\/em><\/strong>Wahl von einem Trend zu sprechen ist nicht gerade professionell ;-)<br \/>\n(\u00dcbrigens konnte ich alle SdJs aus dem Kopf nennen, aber die nominierten des letzten Jahres musste ich nachschlagen &#8211; so viel zur Bedeutung des Hauptpreises&#8230;)<\/p>\n<p>ciao<br \/>\npeer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzte Woche hat sich wieder eine Prophezeihung von mir erf\u00fcllt: Zooloretto wurde Spiel des Jahres. 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