{"id":22322,"date":"2021-09-13T14:00:09","date_gmt":"2021-09-13T12:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=22322"},"modified":"2021-09-13T12:13:23","modified_gmt":"2021-09-13T10:13:23","slug":"politikum-brettspiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2021\/09\/13\/22322\/","title":{"rendered":"Politikum Brettspiel"},"content":{"rendered":"<p>In der letzten Woche ist im englisch-sprachigen Brettspielumfeld viel passiert. Ein gro\u00dfer Teil davon fand zwar allein online statt, aber hat und hatte konkrete und auch nachhaltige Auswirkungen auf reale Zusammenarbeiten und gesch\u00e4ftliche Vereinbarungen.<\/p>\n<p>Ein Ereignis betrifft die Vorstandswahl der Game Manufacturers Association (GAMA), die eine Schnittstelle zwischen H\u00e4ndlern und Verlagen in den USA darstellt und u.a. Fachmessen wie Origins organisiert. Mit \u00c4nderung der Satzung werden ab diesem Jahr weitere Vertreter der Brettspielindustrie zu Mitgliedern des Vorstands gew\u00e4hlt. Unter den Bewerbenden ist auch T.Caires &#8211; vor einigen Jahren als Medienperson aktiv und nun f\u00fcr die Kommunikation bei HABA USA t\u00e4tig. Das wiederum brachte \u00fcber Umwege eine derzeit aktive Medienschaffende auf den Plan, die ihrerseits ihren Unmut dar\u00fcber online \u00e4u\u00dferte und daf\u00fcr alte Feindseligkeiten aufw\u00e4rmte. Es wurden Anschuldigungen abgefeuert und Unterstellungen ge\u00e4u\u00dfert, um die charakterliche Tauglichkeit von T.Caires anzugreifen. Diese Kritik zog schnell weitere Kreise und dabei gerieten Personen ins Fadenkreuz, die sich oft und wiederholt f\u00fcr eine inklusive und diverse Brettspielindustrie stark gemacht haben. <\/p>\n<p>Zuspruch erntete diese Medienschaffende, wenig \u00fcberraschend, von Accounts, die neben Brettspielen auch Trump, Fox News oder die republikanische Partei unterst\u00fctzen. Kurz die gleiche Art Mensch, die die Black Lives Matter-Bewegung und Antifa als gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr die moderne Gesellschaft sehen.<\/p>\n<p>Die Details dieser Sache will ich hier nicht weiter aufw\u00e4rmen. Nicht weil diese Situation sonderlich kompliziert w\u00e4re \u2013 denn das ist sie nicht. Ich vermeide eine ausdr\u00fcckliche Nennung der betreffenden Person und der Kontroverse, welche sie umgibt, weil sie f\u00fcr die Sache unerheblich ist. Die Frage wem man glaubt und ob man sich in dieser Situation positionieren muss, spielt keine Rolle. Im Gegenteil es spielt viel mehr den falschen Leuten in die H\u00e4nde. Wer das ist, wird im zweiten gro\u00dfen Ereignis der Woche deutlich. <\/p>\n<p>Dieses beginnt damit, dass Suzanne Sheldon auf Twitter anmerkte, dass auf einer gut beworbenen Kickstarter-Kampagne eine gro\u00dfe Illustration auf der Seite eine Dog Whistle der White Supremacy-Szene beinhaltete. Eine Dog Whistle \u2013 f\u00fcr die Leute, die das Konzept noch nicht kennen \u2013 ist ein unscheinbares Zeichen, eine bestimmte Wortwahl oder \u00e4hnliches, mit der man seine N\u00e4he und Sympathie zu gewissen politischen Lagern deutlich machen kann. Das Unscheinbare daran erlaubt es sowohl jegliche politische Aussage der Dog Whistle zu leugnen, aber auch die Leute ins L\u00e4cherliche zu ziehen, die auf solche Dog Whistles hinweisen.<\/p>\n<p>Eine Dog Whistle ist effektiv \u201ehail Hydra\u201c auszusagen, aber dabei etwas harmloses wie \u201e14 Worte\u201c, die Zahl 88 oder etwa die OK-Handgeste zu nutzen. Gleiches bekennt sich so zu gleichem. <\/p>\n<p>Um eben diese Handgeste ging es auch in der Illustration der Kickstarter-Kampagne. Der verantwortliche Verleger reagierte mit Spott und Hohn auf Twitter. Sp\u00e4ter tat er \u00e4hnliches auf Facebook und unterstellte den Kritikern unlautere Absichten und dass sie aus Neid und Missgunst einen Online-Mob anstachelten. Auch der Designer des Spiels \u00e4u\u00dferte sich im Boardgame Geek Forum mit \u00e4hnlich abwiegelnder und zweifelnder Haltung was die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Kritik anging. <\/p>\n<p>Das betreffende Bild wurde jedoch weder zur\u00fcckgezogen, noch wurde eine Entschuldigung ge\u00e4u\u00dfert, dass eine derartige Dog Whistle versehentlich benutzt worden war. Im Gegenteil, es wurde umgehend in die Offensive gegangen. Die DARVO-Methode kam zum Einsatz. Eine Vorgehensweise in der manipulierende, oft narzisstische Personen Vorw\u00fcrfe erst leugnen (Deny), Kritiker angreifen (Attack) und die Rollen von Angreifer und Opfer umdrehen (Reverse Victim and Offender). Pl\u00f6tzlich war von politisch motivierten und hinter den Kulissen koordinierten Online-Mobs die Rede, welche allein das Ziel verfolgen bestimmte Personen aus der Industrie zu verdr\u00e4ngen. Ein Schelm wer hier psychologische Projektion vermutet.<\/p>\n<p>Der Dialog zwischen Kritikern und den beiden Kickstarter-Beteiligten eskalierte schnell. Die fehlende Einsicht der beiden, sowie Vorgeschichte des Verlegers, trugen dazu bei, dass Verleger und Designer von Boardgame Geek gebannt wurden und das Spiel dort nicht weiter beworben wurde. <\/p>\n<p>Als Folge dieser Eskalation entzog ein anderes Designerteam dem Verleger die US-Vertriebslizenz f\u00fcr ihr Spiel. Ein europ\u00e4ischer Verlag zog kurz darauf gleich und stellte die Kooperation mit dem Verleger ein. Ein bekannter europ\u00e4ischer Designer l\u00e4sst derzeit pr\u00fcfen, ob auch er die Vertriebslizenz f\u00fcr sein Spiel dem Verlag entziehen kann.<\/p>\n<p>Was diese beiden Ereignisse gemeinsam haben, ist die bewusste Instrumentalisierung durch politisch motivierte Teilnehmer. Unabh\u00e4ngig der Einzelheiten der beiden Kontroversen oder ihrer Legitimit\u00e4t, machen sich verschiedene Personen die aufgeheizte Stimmung zu Nutze, um einen Keil  zwischen den Stimmen zu treiben, die eine progressive, inklusive und offene Brettspielszene anstreben und denen die erst noch davon \u00fcberzeugt werden m\u00fcssen, etwas daf\u00fcr zu tun.<\/p>\n<p>Diese Vorgehensweise ist nicht neu. Sie wurde vor gut 10 Jahren bereits im Rahmen der Gamergate-Bewegung benutzt, welche als private Animosit\u00e4t begann, zu einer Verschw\u00f6rungstheorie mutierte um als diffuse und unspezifische Kritik an \u201eethischen Grunds\u00e4tzen des Videospiel-Journalismus\u201c zu enden. Sp\u00e4testens an diesem Punkt gingen immer mehr Leute, den reaktion\u00e4ren, misogynen und rassistischen Antreibern hinter dieser Bewegung auf den Leim. Schlimmer noch, viele merkten erst sehr sp\u00e4t wie schnell und effektiv die Indoktrinierung von Online-Gamer zu Alt-Right Sympathisant bei viel zu vielen Beobachtern stattfand. (Ich empfehle zur n\u00e4heren Information die gelungene Videoessay-Reihe <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/playlist?list=PLJA_jUddXvY7v0VkYRbANnTnzkA_HMFtQ\">&#8220;The Alt-Right Playbook&#8221;<\/a> von Innuendo Studios.)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/20210913_095851-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/20210913_095851-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" class=\"alignleft size-medium wp-image-22327\" \/><\/a>Vieles von dem was passiert ist, l\u00e4uft nat\u00fcrlich unter dem Deckmantel des \u201eTrollens\u201c: dem vors\u00e4tzlichen Provozieren und Reizen von Personen, welche man so l\u00e4cherlich machen will. Eine bequeme Ausrede, welche jedoch sp\u00e4testens an dem Punkt an Glaubw\u00fcrdigkeit verliert, wenn Gewalt- und Morddrohungen versendet werden. Derartige Eskalationen brachten die oben erw\u00e4hnten T.Caires, Suzanne Sheldon und auch Designer Eric Lang dazu ihre Online-Profile privat zu stellen und die zust\u00e4ndigen Beh\u00f6rden \u00fcber diese Drohungen zu informieren.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re nat\u00fcrlich sehr gef\u00e4llig die gro\u00dfe \u00f6rtliche und kulturelle Distanz zu Nord-Amerika als Erkl\u00e4rung heranzuziehen, weshalb man derartige Probleme in der deutschen Spieleszene nicht bef\u00fcrchten muss. Aber in Anbetracht der Umfragewerte bestimmter Parteien in diesem Land, muss man zumindest feststellen, dass eine reaktion\u00e4re, misogyne und rassistische Weltanschauung auch hier nicht nur von unbedeutenden Minderheiten geteilt und geduldet wird.<\/p>\n<p>Die Spaltung und Verdr\u00e4ngung einer inklusiven und diversen Spieleszene wird dadurch erm\u00f6glicht, dass man durch gezielte Provokation und das Anzetteln von Kontroversen immer wieder Angriffsfl\u00e4chen f\u00fcr die gleichen Taktiken bietet, mit der die rechte Szene Gamer in gro\u00dfen Zahlen rekrutieren konnte: provozieren, abstreiten, angreifen, Opfer und T\u00e4ter umdrehen. Immer und immer wieder.<\/p>\n<p>Mit jedem Durchlauf wird es einen Teil der Beobachter geben, die diese Taktik nicht bemerken und versuchen aus Tweets, Posts und Bildern die \u201eWahrheit\u201c aufzusp\u00fcren und so Schritt-f\u00fcr-Schritt der Normalisierung solcher Stimmen dienen. Denn \u201eirgendwo hat er ja auch Recht\u201c. Oder \u201ees ist ja nicht alles falsch, was der da sagt\u201c. etc. pp. <\/p>\n<p>Die Streith\u00e4lse bringen sich durch so ein Verhalten selbst nicht in Gefahr. Auf sie wartet Aufmerksamkeit, mehr Klicks und h\u00f6here Abonnenten-Zahlen. In den USA bekamen einige Provokateure aus den Gamergate-Kreisen lukrative Jobs auf rechten Plattformen, Buchvertr\u00e4ge, Werbevertr\u00e4ge, Merchandising, etc. <\/p>\n<p>Da ist es in letzter Instanz auch vollkommen hinf\u00e4llig, ob diese Provokateure Teil einer anti-progressiven Schicht sind, oder sich dieser nur bedienen, um die Marketingtrommel zu r\u00fchren. Ob sie privat f\u00fcr Akzeptanz und Inklusion stehen und nur f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit ein wenig vom Leder ziehen, \u00e4ndert nichts an dem Schaden, den sie durch ihr Tun verursachen. <\/p>\n<p>Aber daf\u00fcr braucht es immer zwei Gruppen: eine, die Streit, Konflikte und Kontroversen befeuert und aus billigem Opportunismus lostritt und eine Gruppe, die solche Leute beim Namen nennt und so zur Bekanntheit und mehr Relevanz verhilft. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der letzten Woche ist im englisch-sprachigen Brettspielumfeld viel passiert. Ein gro\u00dfer Teil davon fand zwar allein online statt, aber hat und hatte konkrete und auch nachhaltige Auswirkungen auf reale Zusammenarbeiten und gesch\u00e4ftliche Vereinbarungen. 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Das sieht @joedizzy anders und kommentiert einige Ereignisse der j\u00fcngsten Vergangenheit und welche Lehren man daraus ziehen sollte.","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-22322","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-1"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22322","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22322"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22322\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22331,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22322\/revisions\/22331"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22322"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22322"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22322"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}