{"id":22180,"date":"2021-08-08T12:01:09","date_gmt":"2021-08-08T10:01:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=22180"},"modified":"2021-08-08T12:28:36","modified_gmt":"2021-08-08T10:28:36","slug":"the-limits-of-control","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2021\/08\/08\/22180\/","title":{"rendered":"The Limits of Control"},"content":{"rendered":"<p>In der Spielkritik ist es \u00fcblich das Designhandwerk eines Spiels danach zu beurteilen wie viel Einfluss Spielende auf den Spielverlauf nehmen k\u00f6nnen. Das ist nicht verwunderlich. Schlie\u00dflich ist es die Interaktivit\u00e4t, die das unverzichtbare Merkmal eines Spiels darstellt. Je interaktiver ein Medium ist, umso eher wird ihm der Charakter eines Spiels zugesprochen.<\/p>\n<p>Wir verstehen das Spiel damit nicht nur als Bereich in dem unsere Handlungen Wirkung zeigen, sondern verbinden dieses Handeln auch damit ein konkretes Ziel zu verfolgen. Die Siegbedingung des Spiels macht dieses Ziel fassbar und so versuchen wir, von Ehrgeiz getrieben, dieses Ziel zu erreichen. Damit schleicht sich unbemerkt eine Idee in das Spielumfeld ein, welche mehr Aufmerksamkeit verdient hat: das Spiel als meritokratischer Wettstreit. Ohne es laut aussprechen zu m\u00fcssen, spielen wir in der \u00dcberzeugung, dass der \u201ebessere Spieler\u201c gewinnen wird. Der Spielakt geht im Spiel auf und dient als Vergleichsma\u00dfstab zwischen den Spielenden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_22198\" aria-describedby=\"caption-attachment-22198\" style=\"width: 267px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/jeffrey-f-lin-unsplash-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-22198 \" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/jeffrey-f-lin-unsplash-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"267\" height=\"178\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22198\" class=\"wp-caption-text\">Photo by Jeffrey F Lin<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dieser Vergleich und damit auch der Sieg ist dadurch gerechtfertigt, dass Spielende direkt auf den Verlauf und Ausgang des Spiels Einfluss nehmen konnten. Der Sieg zum Spielschluss baut auf der eigenen Leistung auf und das ist auch der Grund weshalb man der siegreichen Person Respekt zollen muss. Im Mikrokosmos des eben gespielten Spiels gelten die einfachen Regeln, nach denen die Welt funktionieren sollte. Wer besser spielt, hat den Sieg verdient und damit auch die Achtung der Konkurrenten.<\/p>\n<p>Der Aufwand, den ein Spiel zeitlich, mental und auch emotional einfordert, wird erst dadurch gerechtfertigt, dass man an Hand dieser erbrachten M\u00fche gemessen wird. Abseits des Spieltisches mag das Leben un\u00fcberschaubar kompliziert und ungerecht sein. Wenn man den Spieltisch verl\u00e4sst, findet man sich von Sexismus, Rassismus, Klassismus und s\u00e4mtlichen h\u00e4sslichen Farben des Patriarchats umgeben, die willk\u00fcrlich einzelne Personen unten halten.<\/p>\n<p>Das macht das Spiel zu einem Zufluchtsort vor der gef\u00fchlten Ungerechtigkeit der gro\u00dfen, weiten Welt der \u201eErwachsenen\u201c. Im Spiel gelten noch die nostalgisch verkl\u00e4rten Regeln aus unserer Kindheit. Wenn man sich nur richtig anstrengt, kann man alles erreichen. Der spielerische Wettstreit ist in letzter Instanz auch immer der R\u00fcckzug in das Gef\u00fchl des selbstbestimmten Schicksals.<\/p>\n<p>Vielleicht ist gerade das einer der wichtigsten Gr\u00fcnde weshalb Spiele so attraktiv bleiben. Mehr noch als die Aussicht auf Gemeinschaft und soziales Miteinander, existiert das Spiels als Kleinod in dem man zu Ruhe kommt und sich gegen zumindest diese eine Herausforderung behaupten kann. Im Spiel sind wir nicht mehr machtlos.<\/p>\n<p>Das macht manche Niederlagen darum auch so bitter, wenn wir ohne gro\u00dfes Mitgef\u00fchl aus dieser Fantasiewelt gerissen werden und in der unnachgiebigen Realit\u00e4t landen. Der Ort, der uns immer wieder mit der einfachen Wahrheit konfrontiert, dass wir alleine machtlos sind und bleiben.<\/p>\n<p>Unter kulturellen Gesichtspunkten betrachtet, scheint das Spiel und das Spielverst\u00e4ndnis der Spielenden festgefahren. Die Spielbesch\u00e4ftigung wiederholt lediglich das immer gleiche Dogma: \u201eLeistung lohnt sich. Dein Handeln entscheidet \u00fcber deinen Erfolg. Wenn du nicht Erfolg hast, dann hast du einfach falsch gehandelt. Denn es liegt ja alles immer in deiner Hand.\u201c Der Thesaurus bezeichnet das als Ideologie.<\/p>\n<p>Hat man ausreichend Erfahrung mit Spielen gesammelt, festigt sich darum die Erwartungshaltung, dass sich die eigene Leistung im Spiel zu lohnen hat. Endet ein Spiel in einem unverdienten Sieg, so gilt das Spiel als suspekt. H\u00e4ufen sich unverdiente Siege und Niederlagen gilt das Spiel als vollends misslungen.<\/p>\n<p>Wenn einem Spiel vorgeworfen wird, dass es \u201ebroken\u201c ist, dann r\u00fchrt diese Kritik nicht aus einem \u00e4sthetischen Bed\u00fcrfnis nach mathematischer Parit\u00e4t der Gewinnchancen. Der Unmut entsteht weil man das Gef\u00fchl hat, das Spiel h\u00e4tte sein implizites Versprechen an die Spielgruppe gebrochen: Siege m\u00fcssen schlie\u00dflich durch Leistung verdient werden und nur darum sind errungene Siege auch verdient.<\/p>\n<div class=\"mks_pullquote mks_pullquote_right\" style=\"width:200px; font-size: 24px; color: #ffffff; background-color:#3488bc;\">&#8220;F\u00fatbol is life!&#8221;<\/p>\n<p><cite>&#8211; Danny Rojas<\/cite><br \/>\n<\/div>\n<p>Im Film hat das Happy End keinen besonders guten Ruf. Es wird schnell als Kitsch abgetan. Man weist es weit von sich, weil es ein falsches, unauthentisches Bild zeichnet. Ein Bild von einer Welt in der wahre Liebe sich immer findet und bis ans Lebensende gl\u00fccklich ist. Ein Bild in dem die Gerechten erfolgreich sind, die Schwachen besch\u00fctzt werden und jedes Verbrechen am Ende vergolten wird. Es ist ein Bild in dem nicht nur die Guten am Ende siegen, sondern auch selbst f\u00fcr diesen Sieg verantwortlich waren. Sie haben ihn sich ehrlich, redlich und m\u00fchsam erk\u00e4mpft. Sie haben sich den Sieg verdient.<\/p>\n<p>Die f\u00fcr mich interessantesten und wertvollsten Designmomente in einem Spiel sind immer mehr jene, in denen sich das Spiel dieser unausgesprochenen Erwartungshaltung der Kontrolle verweigert. Das kann zum Beispiel die radikale K\u00fcrzung der Entscheidungsfreiheit sein. Ein Spiel wie Love Letter wird daf\u00fcr kritisiert, dass man mit nur zwei Karten auf der Hand nur selten eine Entscheidung treffen muss. Entweder die Regeln erlauben es nicht, oder die Entscheidung ist derart klar in \u201egut\u201c und \u201eschlecht\u201c aufteilbar, dass man kaum dar\u00fcber nachdenken muss. Wie verdient kann hier ein Sieg wirklich sein?<\/p>\n<p>Seit Jahren drohe ich meinem Bekanntenkreis damit eine lange Abhandlung dar\u00fcber zu schreiben, warum ich DungeonQuest f\u00fcr eines der gro\u00dfartigsten und vielleicht f\u00fcr die Spielkultur wichtigsten Spiele \u00fcberhaupt halte. Auch hier spielt der gewollte und bewusste Bruch mit Erwartungen eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p>Die Pr\u00e4sentation von DungeonQuest baut auf das typische Fantasyrollenspiel im Stile von Dungeons &amp; Dragons auf. Eine Spielform, die sich vor allem durch ihre fast grenzenlose Freiheit auszeichnet mit der imaginierte Orte und Situationen erforscht werden k\u00f6nnen. Das Spiel bedient sich s\u00e4mtlicher visueller und thematischer Verweise, um eben diese Assoziationen zu wecken. Die Regeln hingegen brechen mit grundlegenden Konzepten, die wir mit Rollenspielen im Allgemeinen, und Dungeoncrawlern im Speziellen verbinden.<\/p>\n<p>Statt der Freiheit alles Vorstellbare zu versuchen, gibt es durch Spielpl\u00e4ttchen klar vorgegebene Begrenzungen. Statt taktisch kluger Entscheidungen, gibt es das Urteil der Spielgruppe wie mutig man gehandelt hat. Statt einer geordneten Spielwelt, die man bezwingen kann, herrscht der reine Zufall. Die Regeln des Spiels werfen uns in einen chaotischen Wirbelsturm eines mitleidlosen Universums. Es ist ein Spielerlebnis, welches einen immer wieder nur mit der eigenen Machtlosigkeit konfrontiert sieht. Die Coen Br\u00fcder haben aus diesem Lebensgef\u00fchl ja eine ganze <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=mDKHWRbK2_Q\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Filmlaufbahn<\/a> gemei\u00dfelt.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist das alles zu einem gewissen Grad eine \u00e4sthetische Vorliebe. Manche Menschen h\u00f6ren lieber schwerm\u00fctige Musik statt fr\u00f6hlicher. Manche Menschen schauen lieber tieftraurige Dramen an Stelle lebensfroher Kom\u00f6dien. Manche spielen gerne Spiele mit einem gro\u00dfen Zufallselement, andere ziehen einen ausreichend kontrollierbaren Spielverlauf vor.<\/p>\n<p>Es geht hier nicht darum pers\u00f6nliche Vorlieben auf- oder abzuwerten. S\u00e4mtliche oben genannten Genres haben in ihren jeweiligen Medien ihre Berechtigung, ganz unabh\u00e4ngig davon welche davon dem eigenen Geschmack n\u00e4her kommen m\u00f6gen. Nicht jedes Musikst\u00fcck, nicht jeder Film und auch nicht jedes Spiel, liefert die emotionale Erfahrung, die man sucht und zu sch\u00e4tzen wei\u00df.<\/p>\n<p>Genau das gilt f\u00fcr das Ma\u00df an Kontrolle, welches man in einem beliebigen Spiel aus\u00fcben kann. Es ist Teil der emotionalen Erfahrung des Spiels. Das Abschneiden zum Ende des Spiels kann mit der erbrachten Leistung einhergehen oder eben durch \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde bestimmt werden. Es ist gut m\u00f6glich keine Fehler zu machen und dennoch zu verlieren. Das ist kein Zeichen von Schw\u00e4che, das ist das Leben. (Picard)<\/p>\n<p>Gute Filmtrag\u00f6dien definieren sich \u2013 und das wird manchmal vergessen \u2013 nicht dadurch, dass sie kein gl\u00fcckliches Ende nehmen. Vielmehr ist es das Erleben der Katharsis, die am Ende eintritt, die uns als Zuschauer mit einem guten, gereinigten Gef\u00fchl in die Welt hinausl\u00e4sst. Diese emotionale Note zu treffen, ist den meisten Brettspielen verwehrt. In letzter Zeit war es vielleicht nur <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/the-kings-dilemma-abgeschlossen-spoiler\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">The King\u2019s Dilemma<\/a>, welches bereit war eine solche Erfahrung \u00fcberhaupt einzur\u00e4umen. Denn diese Ann\u00e4herung an Katharsis setzt auch voraus, dass man als Spielgruppe in der Lage ist diesen Ausgang des Spielerlebnis als solche zu erkennen, einzuordnen und zuzulassen.<\/p>\n<p>Ich merke, dass ich es immer \u00f6fter zu sch\u00e4tzen wei\u00df, wenn ich die Spielrunde auch mal mit dem Gef\u00fchl verlassen kann, nicht in der heilen Fantasiewelt der meritokratischen Leistungsvergleiche verbracht zu haben. Das Spielerlebnis f\u00fchlt sich f\u00fcr mich authentischer an, und n\u00e4her an meinem Lebensgef\u00fchl, wenn ich wei\u00df, dass ich mein Schicksal eben nicht allein in der Hand hatte. Es f\u00fchlt sich ehrlicher an, wenn am Ende ein un\u00fcberschaubares und undurchdringliches Geflecht an Faktoren den Ausgang des Spiels entschieden hat. Gerade wenn es Faktoren waren, \u00fcber die ich nicht verf\u00fcgen kann; egal wie sehr ich mich auch bem\u00fche.<\/p>\n<p>Die Regeln eines Spiels setzen unserem Wunsch den Spielausgang zu kontrollieren Grenzen. Vielleicht sollten wir uns in der Kritik seltener fragen, ob diese Grenzen zu eng oder zu weit gezogen wurden; sondern wie es sich anf\u00fchlt und was es eigentlich bedeutet wenn man nur so viel Kontrolle aus\u00fcben kann, wie einem das Spieldesign zugesteht.<\/p>\n<div class=\"mks_pullquote mks_pullquote_center\" style=\"width:400px; font-size: 24px; color: #ffffff; background-color:#3488bc;\">\n&#8220;Even though F\u00fatbol is life.<br \/>\nF\u00fatbol is also death.<br \/>\nAnd (\u2026) F\u00fatbol is F\u00fatbol, too.&#8221;<\/p>\n<p><cite>&#8211; Danny Rojas<\/cite><br \/>\n<\/div>\n<hr \/>\n<p>Photo by <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@yoannboyer?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Yoann Boyer<\/a> on <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/s\/photos\/out-of-reach?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><br \/>\nPhoto by <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@jeffreyflin?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Jeffrey F Lin<\/a> on <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/s\/photos\/earned-victory?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Spielkritik ist es \u00fcblich das Designhandwerk eines Spiels danach zu beurteilen wie viel Einfluss Spielende auf den Spielverlauf nehmen k\u00f6nnen. 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