{"id":2148,"date":"2011-04-17T09:54:41","date_gmt":"2011-04-17T07:54:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=2148"},"modified":"2011-04-17T17:17:28","modified_gmt":"2011-04-17T15:17:28","slug":"in-kennerlaune","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2011\/04\/17\/2148\/","title":{"rendered":"In Kennerlaune"},"content":{"rendered":"<p>Angesichts der neuen Erkenntnisse \u00fcber den neuen SdJ-Preis &#8211; dem &#8220;Kennerspiel des Jahres&#8221; &#8211; m\u00f6chte ich noch einmal kurz \u00fcber den formlosen Begriff des &#8220;Anspruchs&#8221; reden. (Und anmerken: aus etymologischer Sicht w\u00fcrde mich interessieren, wann und ob sich &#8220;Kennerspiel&#8221; in der Szene gegen\u00fcber &#8220;Vielspielerspiel&#8221; durchsetzt)<\/p>\n<p>Im Pressebericht der Jury ist von &#8220;anspruchsvollen&#8221; Spielen die Rede. Die Skala mit der die Jury die Spiele von 1-4 bewertet ist allerdings mit &#8220;Einstieg&#8221; betitelt und in der Tat handelt es sich um zweierlei Dinge. Anspruchsvolle Spiele haben zwar potentiell eine h\u00f6here Anspruchsh\u00fcrde, aber was gerne vergessen wird, das muss nicht so sein. Alles ist, wie immer, viel komplizierter:<\/p>\n<p>Die Komplexit\u00e4t eines Spieles kann die Einstiegsh\u00fcrde erh\u00f6hen, sie muss es aber nicht. Das h\u00e4ngt in erster Linie davon ab, ob ich auch aus dem Bauch herausspielen kann oder ob man von den M\u00f6glichkeiten &#8220;erschlagen&#8221; wird und nur spa\u00dfbringend spielen kann, wenn man die M\u00f6glichkeiten ansatzweise erfasst. Burgen von Burgund z.B. stellt den Spieler in seinem Zug in der Regel vor so viele M\u00f6glichkeiten, dass ein Drauflosspielen spielen ohne gro\u00dfes Nachdenken eher frustrierend wirkt. Zwei Anf\u00e4nger k\u00f6nnen dagegen ohne gro\u00dfe Probleme Kamisado spielen und sehen was passiert. Auch ist die Frage inwieweit man sich einarbeiten muss, bevor man sieht, was \u00fcberhaupt sinnvoll ist. Paradebeispiel ist das (von der Jury damals auf die Auswahlliste gesetzte) Casablanca \u2013 bis man sich an das um-die-Ecke-denken gew\u00f6hnt hat, vergehen einige Partien. Man kann schlichtweg noch nicht einsch\u00e4tzen, wie man spielen muss, und nach meiner Erfahrung wei\u00df man das nach der ersten Partie auch noch nicht. Ein aktuelles Beispiel ist Haggis: Gutes Spiel, aber um einen Ansatzpunkt zu finden, bedarf es doch einiger Spielerfahrung. Gerade Casablanca ist nun aber nicht das, was man unter einem \u201ehochkomplexen\u201c Spiel versteht.<\/p>\n<p>Bei der Spielregel wird\u2019s noch interessanter: Klar sind komplizierte Spiele schwieriger zu erfassen. Doch ist das keine proportionale Zuordnung. Spiele mit vielen Regeldetails lassen sich leichter erfassen, wenn diese Details intuitiv sind, sich z.B. aus dem Thema heraus ableiten lassen. Ein aktuelles Beispiel: Schwarzer Freitag ist im Kern ein sehr einfaches Spiel, doch durch relativ viele kleine Regeldetails, die sich weder aus dem Spiel heraus noch vom Thema her ableiten lassen, wird es fast unm\u00f6glich die erste Partie korrekt hinter sich zu bringen (mehr dazu in der in B\u00e4lde erscheinenden Rezi). Umgekehrt nenne ich mal den Primus Siedler: Ein recht komplexes Spiel, aber viele Regeln ergeben spielerisch unmittelbar einen Sinn: Das ich erst eine Stra\u00dfe bauen muss, bevor ich eine Siedlung gr\u00fcnde, dass keine zwei Siedlungen am selben Fleck stehen etc. Auch das Material kann hier helfen, z.B. durch \u00dcbersichten, Pfeilbez\u00fcge o.\u00e4. (Man stelle sich Drachenherz ohne Spielplan vor!) Wie gut sowas funktioniert zeigt das Spiel Eselsbr\u00fccke recht eindrucksvoll: Man ist erstaunt wie viele zuf\u00e4llige Begriffe man sich merken kann, sind sie in einer guten Geschichte irgendwie sinnvoll verpackt.<\/p>\n<p>Worauf wird die Jury achten? Auf alles? Oder doch nur auf das mittlere Gef\u00fchl ein Spiel ist recht anspruchsvoll? Im schlimmsten Fall wird die Regell\u00e4nge und der Anspruch beachtet, ohne auf die oben erw\u00e4hnten Hilfen zu achten. Welchen Kurs die Jury einschl\u00e4gt wird bei der Nominierungsliste zum Kennerspiel zu beobachten sein.<\/p>\n<p>Als Grenzstein betrachte ich 7 Wonders. Das Spiel selbst ist strunzeinfach. Aber es m\u00fcssen zahlreiche Kartenfunktionen gelernt werden (mehr als bei der ersten Dominionpartie) und die vielen Wertungsm\u00f6glichkeiten erh\u00f6hen die Einstiegsh\u00fcrde ebenso. Es gibt also gute Argumente f\u00fcr beide Einordnungen und wo immer sie das Spiel auch platziert, wird es zumindest f\u00fcr die nahe Zukunft den Anspruch der beiden Preise definieren. Das Spiel ist zu bedeutend, als dass die Kenner eine inkonsistente Nominierungsstrategie in den n\u00e4chsten Jahren verzeihen w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Und diese Nominierungsstrategie ist doch deutlich interessanter als die P\u00f6ppelfarbe oder \u2013gr\u00f6\u00dfe\u2026<\/p>\n<p>Ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angesichts der neuen Erkenntnisse \u00fcber den neuen SdJ-Preis &#8211; dem &#8220;Kennerspiel des Jahres&#8221; &#8211; m\u00f6chte ich noch einmal kurz \u00fcber den formlosen Begriff des &#8220;Anspruchs&#8221; reden. (Und anmerken: aus etymologischer Sicht w\u00fcrde mich interessieren, wann und ob sich &#8220;Kennerspiel&#8221; in der Szene gegen\u00fcber &#8220;Vielspielerspiel&#8221; durchsetzt) Im Pressebericht der Jury ist von &#8220;anspruchsvollen&#8221; Spielen die Rede. 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