{"id":21137,"date":"2020-12-12T13:32:10","date_gmt":"2020-12-12T11:32:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=21137"},"modified":"2021-01-12T18:30:36","modified_gmt":"2021-01-12T16:30:36","slug":"kritiker-und-ihre-rezensionsexemplare-der-odyssee-erster-teil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2020\/12\/12\/21137\/","title":{"rendered":"Kritiker und ihre Rezensionsexemplare &#8211; der Odyssee erster Teil"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt viele Merkmale an denen man einen Spielekritiker von einem typischen Brettspielfreund unterscheiden k\u00f6nnte. Sei es die F\u00e4higkeit das eigene Spielgef\u00fchl in Worte zu fassen, oder das analytische Geschick die Ursachen f\u00fcr diese oder jene Spielerfahrung zu finden. Manchmal ist es auch nur das Talent dem Publikum die emotionale Dimension eines Spiels zu vermitteln. Der Punkt, der jedoch in den K\u00f6pfen vieler h\u00e4ufig den gr\u00f6\u00dften Platz einnimmt lautet: die bekommen Rezensionsexemplare geschenkt. Grund genug sich ein mal anzuschauen was das eigentlich f\u00fcr eine Kritik bedeutet.<\/p>\n<p>Oft und gerne wird behauptet, dass Kritiker ihre Unabh\u00e4ngigkeit aufgeben, wenn sie sich bereit erkl\u00e4ren Rezensionsexemplare entgegen zu nehmen. Sie w\u00fcrden in einen Interessenkonflikt geraten, wenn die Aussicht besteht aufgrund einer positiven Rezension in Zukunft weitere Spiele kosteng\u00fcnstig oder sogar kostenfrei vom Verlag zu erhalten. Darum ist es zwingend n\u00f6tig, hier transparent zu sein und dem Publikum eine solche Zusendung deutlich zu kommunizieren. Das Publikum muss gewarnt werden, dass eine derartige Befangenheit des Kritikers m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Das klingt zuerst auch recht einleuchtend. Wie auch die Behauptung, dass Menschen nur 10% ihres Gehirns nutzen; dass Alpha-M\u00e4nnchen sich immer an die Spitze des Wolfrudels k\u00e4mpfen oder dass es exakt zwei Geschlechter gibt. Das klingt \u00fcberzeugend, ist aber Unsinn.<\/p>\n<p>Die Gefahr der Befangenheit erkl\u00e4rt sich nicht durch die dem Kritiker unterstellte Gier nach mehr Spielgeschenken, sondern wird viel eher durch ein Ph\u00e4nomen wie dem Endowment-Effekt. Dieser besagt, dass wir die Dinge, die uns geh\u00f6ren f\u00fcr wertvoller und hochwertiger halten als sie es wom\u00f6glich sind. In der Praxis lautet das, wer sich ein Spiel selbst kauft, ist eher daf\u00fcr anf\u00e4llig die Schw\u00e4chen zu \u00fcbersehen und die St\u00e4rken zu unterstreichen.<\/p>\n<p>W\u00e4re einem also tats\u00e4chlich daran gelegen, Transparenz zu beweisen und auf eine m\u00f6gliche Befangenheit des Kritikers hinzuweisen, m\u00fcsste man dieses bei selbst erworbenen Spielen tun. Dabei ist die Frage viel interessanter, warum Transparenz in einer Kritik \u00fcberhaupt so wichtig ist.<\/p>\n<p>Die Antwort darauf findet sich in der Beziehung zwischen Kritiker und Publikum. Transparenz ist in dem Moment notwendig, wenn der Kritiker auf das Verhalten des Publikums Einfluss nehmen will. Konkret: wenn Kaufentscheidungen beeinflusst werden sollen. Das moderne Internetzeitalter hat daf\u00fcr sogar einen Begriff gefunden: Influencer. Transparenz ist in dem Moment zwingend, wenn der Kritiker als Influencer aktiv wird. Daran ist nichts verwerfliches. Es beschreibt lediglich eine Art wie Kritik pr\u00e4sentiert wird.<\/p>\n<p>Die Wirksamkeit einer Kritik h\u00e4ngt von ihrer Glaubw\u00fcrdigkeit ab. Diese kann sich zum Beispiel daraus ergeben, dass der Spielgeschmack des Publikums dem des Kritikers \u00e4hnelt. Oft wird das Argument ge\u00e4u\u00dfert, dass man sich einen Kritiker suchen sollte, der dem eigenen Spielgeschmack am n\u00e4chsten kommt. Eine Kritik kann aber auch an Glaubw\u00fcrdigkeit gewinnen, weil sie analytisch und argumentativ Substanz bietet. F\u00fchlt man sich dazu verleitet sich ein Spiel zu kaufen, weil man sich den Spielvorlieben des Kritikers verwandt f\u00fchlt, oder machen die dargelegten Argumente neugierig auf das Spiel? Die Trennlinie zwischen den beiden Ans\u00e4tzen ist nie ganz sauber und es ist nicht ungew\u00f6hnlich, dass eine Rezension mal in die eine oder andere Richtung geht. Das liegt daran, dass Influencer und Kritiker keine gegens\u00e4tzlichen Positionen sind. Es sind vielmehr zwei eigene Arbeitsbereiche, die sich \u00fcberschneiden k\u00f6nnen aber nicht m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Diese Unterscheidung ist jedoch keine Frage der Qualit\u00e4t, sondern der Funktion. Eine Rezension kann als Kaufberatung dienen, oder als tiefere, inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Spiel selbst. Ein Publikum, welches in einer Kritik eine Kaufberatung sucht, f\u00fchlt sich durch Transparenz beruhigt und vor etwaiger Manipulation durch den Kritiker gewarnt. Wie man auch einem Verk\u00e4ufer im Spieleladen nur unter Vorbehalt Glauben schenkt, da dieser ein Interesse daran hat ein Spiel zu verkaufen. So versucht man einzusch\u00e4tzen, ob der Kritiker ebenfalls ein Spiel zu verkaufen versucht, wenn dieser ein Rezensionsexemplar erhalten hat. Die Forderung Rezensionsexemplare immer anzumerken dr\u00fcckt damit auch aus, wie man die eigene Beziehung zum Kritiker versteht. N\u00e4mlich die einer Community gegen\u00fcber eines Influencers, dessen Ansichten Gewicht zugeschrieben werden, weil man sich der Person in der einen oder anderen Art verbunden f\u00fchlt.<\/p>\n<p>Wenn man Rezensionsexemplare thematisiert geht es also nur vordergr\u00fcndig um journalistische Integrit\u00e4t. Im Kern geht es um das Selbstverst\u00e4ndnis des Kritikers, seiner Arbeit und die Menschen, die diese Arbeit konsumieren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Photo by <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/@tofansilviuben?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Silviu Beniamin Tofan<\/a> on <a href=\"https:\/\/unsplash.com\/?utm_source=unsplash&amp;utm_medium=referral&amp;utm_content=creditCopyText\">Unsplash<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt viele Merkmale an denen man einen Spielekritiker von einem typischen Brettspielfreund unterscheiden k\u00f6nnte. Sei es die F\u00e4higkeit das eigene Spielgef\u00fchl in Worte zu fassen, oder das analytische Geschick die Ursachen f\u00fcr diese oder jene Spielerfahrung zu finden. Manchmal ist es auch nur das Talent dem Publikum die emotionale Dimension eines Spiels zu vermitteln. 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