{"id":21031,"date":"2020-11-15T17:56:13","date_gmt":"2020-11-15T15:56:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=21031"},"modified":"2020-11-15T17:56:13","modified_gmt":"2020-11-15T15:56:13","slug":"vom-grossen-luxus-zu-spielen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2020\/11\/15\/21031\/","title":{"rendered":"Vom gro\u00dfen Luxus zu spielen"},"content":{"rendered":"<p>Ich mag es nicht Spiele als Luxusg\u00fcter zu bezeichnen. W\u00e4hrend des Lockdowns und der eingeschr\u00e4nkten Kontaktma\u00dfnahmen ist der Umsatz der Spielindustrie stetig nach oben gegangen. Die Besch\u00e4ftigung mit Spielen wurde nicht wie eine Nebens\u00e4chlichkeit abgelegt, sobald die Umst\u00e4nde etwas schwieriger wurden. Im Gegenteil wir haben uns in dieser Zeit immer intensiver mit den Produkten der Kulturindustrie besch\u00e4ftigt. Wir haben mehr Filme geschaut, mehr B\u00fccher gelesen und mehr Spiele gespielt. Das ist kein Zeichen des Luxus, sondern ein Zeichen daf\u00fcr, dass Kultur im Allgemeinen und Spiele im Speziellen einen wichtigen Teil unserer modernen Lebensrealit\u00e4t ausmachen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00f6nnten wir auf Spiele verzichten, wenn wir es m\u00fcssten. Aber das trifft auch auf sehr gro\u00dfe Teile der Ern\u00e4hrungspyramide zu und niemand k\u00e4me auf die Idee, K\u00e4se, Salami und Milch als \u201eLuxusg\u00fcter\u201c zu bezeichnen. Es ist eine reflexartige Genussfeindlichkeit, die uns antreibt Spiele als Luxus zu bezeichnen. Die \u00dcberzeugung, dass nichts was Freude und Geselligkeit verursachen soll, wirklich wichtig ist, sondern nur eine Form der Belohnung f\u00fcr die Arbeit, die wir den Rest der Woche verrichten. <\/p>\n<p>Dabei haben gerade die letzten Monate gezeigt, wie wichtig es f\u00fcr unser emotionales und geistiges Wohl ist, die kleinen Momente der Freude gemeinsam mit anderen zu suchen. Unser Bed\u00fcrfnis nach dem gemeinsamen Spiel ist so stark, dass wir sogar gewillt sind uns in unhandliche und fehleranf\u00e4llige digitale Plattformen einzuarbeiten, wenn diese uns erm\u00f6glichen am kulturellen Leben teilzuhaben.<\/p>\n<p>Es ist zu bequem und verlockend dem Spiel sein kulturelles Potential und seinen kulturellen Wert abzusprechen, wenn der Blick nur auf unseren individuellen Spa\u00df reduziert bleibt. Dabei hat der Spa\u00df, den wir mit einem Spiel haben, nur indirekt damit zu tun welchen kulturellen Mehrwert es bietet. Kultur findet immer im Austausch mit anderen statt. Sie fu\u00dft auf den Gemeinsamkeiten, die wir untereinander entdecken und sie w\u00e4chst aus den Gewohnheiten, die wir gemeinsam entwickeln. <\/p>\n<p>Wer Teil einer bestimmten Kultur ist, sieht die Elemente aus denen sie besteht nicht als Luxus an, sondern als notwendige Voraussetzung, um eben diese Kultur am Leben zu erhalten. <\/p>\n<p>Daraus ergibt sich auch der zweite Grund, weshalb es mir unangenehm ist, Spiele als Luxusg\u00fcter zu beschreiben. Um am kulturellen Leben teilzunehmen, braucht man Zugang dazu. Um Spielkultur zu leben braucht man (in den meisten F\u00e4llen) Mitspieler, auf jeden Fall Zeit um sich dem Spielen widmen zu k\u00f6nnen und nat\u00fcrlich Spiele, welche die Grundlage f\u00fcr eben diese Besch\u00e4ftigung bieten. Per Definition sind Luxusg\u00fcter solche, die einen nennenswerten Geldwert darstellen. Sich Luxus zu leisten, ist vor allem eine finanzielle Frage. Wer sich Luxusg\u00fcter kauft, tut dies nicht zuletzt, um diese vorzuzeigen und als Zeichen des eigenen Status zu pr\u00e4sentieren. Wenn man nun Spiele grunds\u00e4tzlich als Luxusgut versteht, dann erlaubt das nicht nur Spiele in ein h\u00f6heres Preissegment zu bewegen; es ist fast zwingend n\u00f6tig es zu tun. G\u00fcnstiger Luxus ist ein Widerspruch in sich. <\/p>\n<p>Wenn wir also Spiele (und Spielen) als Luxus akzeptieren w\u00fcrden, m\u00fcssten wir auch den Folgeschritt ziehen und die finanzielle Einstiegsh\u00fcrde erh\u00f6hen. Luxus, den sich jeder leisten kann ist kein Luxus mehr, sondern einfach nur der neue Standard. Der Zugang zur Spielkultur wird so allen denen erschwert, die nicht die Mittel besitzen, um eine Spielesammlung und eine regelm\u00e4\u00dfige Spielerunde zu gr\u00fcnden. Spielkultur bildet sich unterm Strich um jene herum, welche Spielesammlungen besitzen und zum Spielen auffordern. Das passiert aus Leidenschaft und diese sollte man nicht mit Prunk und \u00dcberfluss gleichsetzen.<\/p>\n<p>Schon Johan Huizinga hat festgestellt, dass das Spiel Selbstzweck ist. Wir spielen, um zu spielen und genie\u00dfen diesen Vorgang seiner selbst willen. Es macht schlicht Spa\u00df. Aber genau diese Dinge zu teilen und gemeinsam mit anderen zu erleben, schafft ein Gef\u00fchl der Zusammengeh\u00f6rigkeit und des Zusammenhalts. Wir f\u00fchlen uns anderen Spielenden verbunden, nicht allein weil wir mit ihnen an einem Tisch gesessen haben, sondern weil wir viele ihrer Erfahrungen und Erlebnisse selbst kennen.<\/p>\n<p>Dieses Bed\u00fcrfnis nach Zugeh\u00f6rigkeit ist zutiefst menschlich und kein Verlangen nach Luxus und \u00dcberfluss. Spiele sind eines der Mittel mit dem wir diesem Bed\u00fcrfnis nachkommen k\u00f6nnen. Gerade auch jenseits der H\u00fcrden und Schwierigkeiten, die uns dieses Jahr vorsetzt. Daher sollte es auch nicht verwundern, dass sich immer mehr Menschen dem Spiel widmen, wenn gerade das Gef\u00fchl des gemeinschaftlichen Zusammenhalts manchmal so selten erscheint.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich mag es nicht Spiele als Luxusg\u00fcter zu bezeichnen. W\u00e4hrend des Lockdowns und der eingeschr\u00e4nkten Kontaktma\u00dfnahmen ist der Umsatz der Spielindustrie stetig nach oben gegangen. Die Besch\u00e4ftigung mit Spielen wurde nicht wie eine Nebens\u00e4chlichkeit abgelegt, sobald die Umst\u00e4nde etwas schwieriger wurden. 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