{"id":20378,"date":"2020-08-09T13:00:19","date_gmt":"2020-08-09T11:00:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=20378"},"modified":"2020-08-12T17:00:13","modified_gmt":"2020-08-12T15:00:13","slug":"wenn-du-es-baust-werden-sie-kommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2020\/08\/09\/20378\/","title":{"rendered":"Wenn du es baust, werden sie kommen!"},"content":{"rendered":"<p>Auch in der Spielbranche gibt es Jahreszeiten. Eine davon ist das Sommerloch zwischen der \u201eSpiel des Jahres\u201c-Verleihung und dem Blick auf die Neuheiten des Herbstes. Es ist die feine Zeit, in der alle \u00fcber den P\u00f6ppel reden, in der alle sich damit auseinandersetzen und in der gerade Leute, die in der Blase sind, sagen, sie k\u00f6nnen mit dem Preis nichts anfangen. Meist kommt von einer Seite dann der Wunsch, die Jury m\u00f6ge doch bitte noch den Expertenpreis ausgeben. Oft mit dem Farbwunsch in Gr\u00fcn oder Gelb.<\/p>\n<p>Wer l\u00e4nger in der Szene ist, kann dieses Ritual jedes Jahr auf&#8217;s Neue erleben und jedes Jahr auf&#8217;s Neue kommen die Erkl\u00e4rer, die erst Mal klarstellen, was der Sinn des P\u00f6ppels ist und warum es deswegen nicht nur keinen Expertenpreis gibt, sondern es auch keinen geben sollte. Die Argumente muss ich hier nicht mal wiederholen, sind sie doch zumindest aus meiner Sicht alle nachvollziehbar. Was ich heute ber\u00fchren m\u00f6chte, ist warum die Jury in dieser Position ist und was es so anders macht.<\/p>\n<p><strong>Die zwei Seiten von Janus<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt zwei Arten von Auszeichnungen. Kategorie A sind die, die etwas oder jemanden ehren und Erreichtes w\u00fcrdigen. Kategorie B sollen f\u00f6rdern und Erreichbares erm\u00f6glichen. In der Theorie ist das so einfach. In der Praxis ist die Linie aber sehr schwer zu umrei\u00dfen. Der Oscar wurde in die Welt gesetzt, um Kategorie A zu sein und wird an der Stelle auch so immer noch genutzt. Aber er hat auch Auswirkungen in Kategorie B, denn Filme, die nicht zeitgleich weltweit erscheinen, werden in anderen M\u00e4rkten mit dem Preis beworben. Auch kann er langfristig genutzt werden mit Aussagen wie: \u201eVom Regisseur der schon 5 Oscars erhalten hat; mit Schauspielern mit insgesamt 12 Oscars.\u201c Sagt das etwas \u00fcber den Film aus? Nur, dass da Leute involviert sind, die was k\u00f6nnen. Der Film kann dennoch eine Gurke sein.<\/p>\n<p>Sowas k\u00f6nnte ich mir im Brettspielbereich auch sehr gut vorstellen. Immer noch gibt es selten mehr als den Namen des Autors auf dem Cover. Warum steht da nicht: \u201eVom 5-fachen Spiel des Jahres-Gewinner Wolfgang Kramer\u201c drauf? Den P\u00f6ppel k\u00f6nnte man nicht mit abdrucken, das w\u00fcrde die Jury nicht erlauben, aber als Verkaufsargument im Handel k\u00f6nnte es dennoch helfen. Vielleicht h\u00e4tte Abluxxen dann auch mehr Erfolg gehabt. Vielleicht sollten sich Autoren solche Sachen erstreiten.<\/p>\n<p>Denn der \u201eSpiel des Jahres\u201c-P\u00f6ppel ist eindeutig ein Kategorie B-Preis. Spiele, die die Auszeichnung erhalten, sind danach gro\u00dfe Verkaufsschlager. Die Spiele werden zigfach \u00f6fter verkauft und der P\u00f6ppel ist eine Marke geworden. Das war nicht immer so. In den ersten Jahren war da ein Anschub n\u00f6tig. Ravensburger hat den Gewinn des ersten P\u00f6ppels Jahrelang \u00fcberall genutzt. Es gab so gut wie keine Auszeichnungen und selbst der erste Gewinner Hase und Igel war schon eine Weile auf den Markt. Es hatte sogar schon 1978 gewonnen. Der Preis wollte ein Kategorie A-Preis sein.<\/p>\n<p>Der heutigen Jury ist aber bewusst, dass sie kein Kategorie A-Preis sind. Und so w\u00e4hlen sie Spiele aus, welche die Zuordnung nutzen k\u00f6nnen, um das Spielen an sich hoff\u00e4higer zu machen. Die St\u00e4rke des P\u00f6ppels ist zu wissen, was er heute ist. Ein weiterer Preis von der Jury w\u00fcrde es nur weiter schwammig machen und er w\u00fcrde dem Kunden schwer zu erkl\u00e4ren sein. Tut sich doch jetzt schon so mancher damit schwer, warum der P\u00f6ppel mal rot, mal blau und mal anthrazit ist. Wer nicht in unserer Blase ist, versteht das nicht.<\/p>\n<p><strong>Der Weg zum Olymp<\/strong><\/p>\n<p>Und da kommt der Deutsche Spielepreis immer wieder ins Gespr\u00e4ch, denn direkt nach der Verleihung der Jury sind auch die letzten Tage, um f\u00fcr den Deutschen Spielepreis abzustimmen. Dieser Preis ist als Publikumspreis auch ein Gradmesser, welche Verlage eigentlich bei den Spielern angesagt sind und welche die coolsten Spiele f\u00fcr die Blase machen. Das m\u00fcssen nicht unbedingt Expertenspiele sein, aber etliche auf der Top 10 passen in diese Kategorie.<\/p>\n<p>Dieser Preis ist einzig ein Kategorie A-Preis. Und auch wenn manche es auf ihre Schachtel drucken, so macht keiner Anstalten das zu \u00e4ndern. Werfen wir mal einen Blick auf die Geschichte mancher Verlage mit dem Preis.<\/p>\n<p>Hans im Gl\u00fcck galt viele Jahre als der Liebling der Spieler. Mit 36 Platzierungen seit 1990 gibt es auch keinen Verlag, der mehr erreicht h\u00e4tte. Aber zwischen 2015 und 2019 waren es nur noch 2. Vielleicht hat der Verlag sich ge\u00e4ndert. Vielleicht ist der Markt aber auch unkontrollierter geworden. Es gibt mehr Konkurrenz. Das Zugpferd f\u00fcr den Verlag ist eindeutig Carcassonne.<\/p>\n<p>Lookout ist auch so ein Spieler-Liebling, mit 9 Platzierungen von 2005 bis 2016. Seitdem ist es aber ruhiger geworden um den Verlag. So als wollten die Spieler das nicht mehr sehen. Zugpferd ist hier ganz vorne Agricola.<\/p>\n<p>Eggertspiele hat auch von 2006 bis 2018 insgesamt 14 Platzierungen erreicht und war fast jedes Jahr vertreten. Sowas passiert mit harter Arbeit und einem guten N\u00e4schen. Und der Verkauf des Verlages wird mit solchen Titeln auch leichter gewesen sein.<\/p>\n<p>Feuerland ist der aktuelle Darling mit 8 Platzierungen seit 2013. Frank hat eine Nase f\u00fcr sehr gute Entwicklungen und nat\u00fcrlich auch passende Partner. Die Partner-Auswahl hilft ungemein, um zu zeigen, was die Spieler wollen. Ich gehe davon aus, dass dieses Jahr nochmal mindestens 2 Platzierungen dazukommen. Der Wert des Verlages kann sich daran gut messen lassen.<\/p>\n<p>Der Deutsche Spielepreis ist etwas, was vor allem Verlage auszeichnet. Aber er wird von diesen nicht genauso genutzt. Es wird von ihnen nicht in derselben Form beworben. Sogar Kosmos hat 26 Platzierungen und Pegasus Spiele 20. Aber solche Zahlen werden nicht im Marketing verwendet. Warum eigentlich nicht?<\/p>\n<p><strong>Der Hund der seinem Schwanz nachl\u00e4uft<\/strong><\/p>\n<p>Das gro\u00dfe Problem ist eine Art Spirale. Je wertvoller der Preis, desto mehr wird damit geworben. Wenn damit nicht geworben wird, dann kann er sich auch nicht verbreiten. Aber damit er sich verbreitert, m\u00fcssten alle an diesem Marketing-Strang ziehen. Gar nicht so einfach. Man k\u00f6nnte dem Preis ein Gesicht verleihen mit einem Untertitel wie: \u201eDas Anspruchsvolle Spiel des Jahres,\u201c aber ich glaube die Verlage haben davor sogar eher Angst. Sie wollen leichte Unterhaltung sein und nicht anspruchsvoll. In der Literatur ist das ja auch gef\u00fchlt keine Hilfe.<\/p>\n<p>Bei Buchpreisen haben mir die Ohren geschlackert als ich das genauer betrachtet habe. <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liste_deutscher_Literaturpreise\">Wikipedia listet 372 Auszeichnungen auf<\/a>. Und das sind nur die deutschsprachigen. Im Internationalen Markt wird es noch un\u00fcbersichtlicher. Kennen tue ich vielleicht zwei davon. Also im Sinne von schon mal geh\u00f6rt. Was gewonnen hat, kann ich nicht beantworten. F\u00fcr keinen einzigen Jahrgang.<\/p>\n<p>Wird mit diesen Preisen geworben? Nicht das ich es mitbekomme. Ich bin in der Blase nicht drin. Und selbst in der Blase w\u00e4re das vermutlich eher nur eine Randnotiz f\u00fcr die meisten dieser Auszeichnungen. Einige dotieren ihren Preis auch noch mit Geld. Ob dies wirklich zur F\u00f6rderung des Preistr\u00e4gers ist, oder um sich etwas bekannter zu machen, kann ich auch nicht beurteilen. Mein Gef\u00fchl sagt aber letzteres. Und das ohne gro\u00dfen Erfolg.<\/p>\n<p>Wenn ich mir anschaue womit geworben wird, dann ist es mit solch einfachen Aussagen wie: \u201eNew York Times Bestseller,\u201c oder \u201e 10 Wochen in der Spiegel Bestseller-Liste.\u201c Das sind noch nicht mal Preise, sondern einzig Charts. Der Verkauf wird durch Verkauf gef\u00f6rdert. Ein Buch ist ein Erfolg, also sollten andere das auch mitbekommen und an diesem Erfolg teilhaben. Mehr Kategorie B geht nicht. Bei Brettspielen sieht man die Charts dann in einem Karstadt und denkt sich: \u201eWTF. Warum denn immer dasselbe mit Monopoly und Co.\u201c Ein Buch-Autor der es in diese Charts geschafft hat, wirbt damit: \u201eEin neuer Roman vom New York Times Bestseller-Autor.\u201c Das k\u00f6nnte man auch im Brettspielbereich machen. Es tut aber keiner.<\/p>\n<p><strong>Am Ende tragen die Gondeln Trauer<\/strong><\/p>\n<p>Ignacy Trzewiczek, Chef von Portal Games hatte vor ein paar Monaten <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=3VEAn-K9a5A\">\u00fcber die Golden Geek Awards und \u00fcber Auszeichnungen im Allgemeinen<\/a> gesprochen. Der Golden Geek ist nicht nur ein Publikumspreis &#8211; und dabei vermutlich der gr\u00f6\u00dfte weltweit &#8211; sondern auch ein Preis, der vor allem etliche Kategorien hat und versucht etwas in Richtung Oscar zu sein. Und Ignacy macht deutlich, was nicht Kategorie B ist, kann auch weg. Die Verlage brauchen keine Kategorie A-Preise. Davon gibt es tats\u00e4chlich ordentlich viele.<\/p>\n<p>Es gibt auch genug Kategorie B-Preise die keiner braucht, wie den Mensa-Select oder den Toy-Award. Denn am Ende z\u00e4hlt nur was f\u00fcr das Marketing genutzt werden kann. Aber die Wahrheit ist, das wenn die Verlage da an einem Strang ziehen w\u00fcrden, meiner bescheidenen Meinung nach, der Deutsche Spielepreis derjenige ist, der am n\u00e4chsten dran k\u00e4me genau diese Stelle zu f\u00fcllen und das Spiel des Jahres zu erg\u00e4nzen. Auch Au\u00dferhalb unserer Blase. Als Kategorie B-Preis f\u00fcr Spiele, die alles abdecken. Den Einsteiger und die Vielspieler und den Experten. Erg\u00e4nzt um den innoSpiel, f\u00fcr das innovativste Spiel des Jahres. F\u00fcr die Verlage ist das bestimmt mehr wert als Twiddle.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch in der Spielbranche gibt es Jahreszeiten. 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