{"id":20004,"date":"2020-06-07T14:30:53","date_gmt":"2020-06-07T12:30:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=20004"},"modified":"2020-06-07T13:42:48","modified_gmt":"2020-06-07T11:42:48","slug":"bauchgefuehl-fuer-die-gute-sache","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2020\/06\/07\/20004\/","title":{"rendered":"Bauchgef\u00fchl f\u00fcr die gute Sache"},"content":{"rendered":"<p>Ich finde die Initiative Spielend f\u00fcr Toleranz gut. Zugegeben, der Name ist nicht perfekt. Der Begriff Toleranz tr\u00e4gt eher den Gedanken der Duldung mit sich, an Stelle der Akzeptanz und Wertsch\u00e4tzung von Menschen mit anderen Hintergr\u00fcnden. Aber ich finde die Initiative gut, weil sie eine einfache Wahrheit als selbstverst\u00e4ndlich voraussetzt: unsere Spielrunden sind soziale R\u00e4ume.<\/p>\n<p>Menschen kommen zusammen, um als Gruppe miteinander zu interagieren. S\u00e4mtliche Regeln, welche die Normen und das Verhalten dieser Menschen formen, sind daher in gewisser Art auch politische Regeln. Der Umgang miteinander im Spiel, am Spiel und um das Spiel herum wird dadurch zu einer Frage des politischen Konsens der Spielenden.<\/p>\n<p>Darunter fallen triviale Angelegenheiten, wie etwa die Spielregeln selbst, oder wer zur Spielerunde Knabbereien oder Getr\u00e4nke mitbringt. Aber es fallen auch unausgesprochene Fragen darunter: wie gemein darf man im Spiel miteinander umgehen? Wie wichtig darf uns der Spielsieg sein? Oder eben wer am Spielen teilnehmen darf.<\/p>\n<p>Ein Mitspieler stellt mir immer die Frage, ob er seine Partnerin mitbringen darf, bevor sie f\u00fcr einen Abend an unserer Runde teilnimmt. Aber ich denke das hat eher mit H\u00f6flichkeit zu tun und nicht damit, ob er sich tats\u00e4chlich unsicher ist, inwieweit ich das als Gastgeber guthei\u00dfe. Aber auch das ist eine Regel, die nicht ausdr\u00fccklich in Worte gefasst ist. Sowohl wer diese Entscheidung f\u00e4llt, als auch nach welchen Kriterien entschieden wird, wer an einem Abend teilnehmen darf und wer nicht.<\/p>\n<p>Ja, nat\u00fcrlich sind Partnerinnen und Partner willkommen. Manche Fragen muss man nicht ausdiskutieren oder gar aussprechen. Aber es ist ein Irrtum zu denken, dass wenn bestimmte Fragen nicht gestellt werden m\u00fcssen, deshalb ein Raum geschaffen wurde, der jenseits eben dieser Fragen steht.<\/p>\n<p>Keiner meiner Mitspieler geh\u00f6rt, soweit ich wei\u00df, dem LGBTQ-Umfeld an. Es ist kein Thema, welches an unserem Spieltisch oft zur Sprache kommt. Da ich mir nicht vorstellen kann, was ich daran auszusetzen h\u00e4tte, einen solchen Mitspieler in meiner Runde aufzunehmen, k\u00f6nnte ich daraus folgern, dass meine Runde nicht homo- oder <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Transphobie\">transphob<\/a> ist.<\/p>\n<p>Das mag stimmen. Ich hoffe nat\u00fcrlich sehr, dass es stimmt. Es mag aber auch einfach ein Fall der ungepr\u00fcften Vorurteile sein. Wenn ich wenig bis gar nichts mit Menschen anderer Hintergr\u00fcnde und Identit\u00e4ten zu tun habe, ist es recht gewagt zu behaupten, dass ich ihnen gegen\u00fcber nicht voreingenommen sein kann. Es ist genau genommen auch sehr naiv. Denn wir alle wachsen in einer Welt auf, die von sexistischen, rassistischen, homophoben und vielen weiteren Str\u00f6mungen und Strukturen gepr\u00e4gt ist. Zu glauben ein jeder von uns kann ihrem Einfluss entgehen, nur weil man niemanden k\u00f6rperlich bel\u00e4stigt, Parolen auf Montagsdemos skandiert oder auch mal Rosa als Spielfarbe w\u00e4hlt, ist naiv.<\/p>\n<p>Unsere Gruppen, ob \u00f6ffentlich oder nicht, sind Orte an denen wir zusammenkommen und bei denen wir bewusst ausw\u00e4hlen mit wem wir an einem Tisch sitzen wollen. Wir entscheiden letztendlich nach Bauchgef\u00fchl wen wir zu uns an den Tisch einladen. Wir denken meist nicht lange und sorgf\u00e4ltig nach und w\u00e4gen kein komplexes F\u00fcr und Wider ab. Ich zumindest gehe danach, ob mir jemand sympathisch ist oder nicht. Das ist alles. Meistens klappt das gut. Aber die Einfachheit mit der diese Entscheidung gef\u00e4llt wird, macht sie auch anf\u00e4llig daf\u00fcr durch unbewusste und auch unbeabsichtigte Vorurteile beeinflusst zu werden.<a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/20200607_133813-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-medium wp-image-20008\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/20200607_133813-300x156.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"156\" \/><\/a><\/p>\n<p>Geschlechtsneutrale bzw. geschlechtergerechte Sprache in einem Regelwerk wird von manchen als selbstverst\u00e4ndliche Notwendigkeit gesehen. Andere sehen es als un\u00e4sthetisches \u00c4rgernis beim Lesen oder gar als hohle Geste, die den Sexismus schlie\u00dflich gar nicht beenden wird und \u00fcberhaupt nur vor\u00fcbergehende Modeerscheinung ist. Wie wir auf Texte in dieser Art reagieren, h\u00e4ngt vor allem davon ab, ob wir uns pers\u00f6nlich adressiert f\u00fchlen. Inwieweit wir das wiederum tun, h\u00e4ngt vielleicht auch stark davon ab, welche unbewussten und unbeabsichtigten Vorurteile wir mit uns herum tragen.<\/p>\n<p>Diese Dynamik ist selbstverst\u00e4ndlich nicht nur auf Fragen zu Geschlechteridentit\u00e4t oder sexueller Orientierung beschr\u00e4nkt. Sie gilt ebenso f\u00fcr Ethnien und das weite Feld an sozio-\u00f6konomischen Hintergr\u00fcnden, aus denen Menschen stammen k\u00f6nnen. Es sind eben diese nicht artikulierten Bauchgef\u00fchle, die wenn sie lange Zeit weder gepr\u00fcft noch kritisch hinterfragt werden, unbemerkt eskalieren und sich als \u201evern\u00fcnftige Erkenntnis\u201c festbei\u00dfen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eFrauen spielen nicht so viel Brettspiel, weil sie aufgrund ihrer Emotionen nicht mit Konflikten umgehen k\u00f6nnen. Na klar. Das ist total logisch. Das erkl\u00e4rt ja so viel.\u201c<\/p>\n<p>\u201eLeute aus den unteren Bildungsschichten spielen weniger Brettspiele, weil man halt ein gewisses Ma\u00df an Intelligenz daf\u00fcr braucht. Na klar. Das ist total logisch. Das erkl\u00e4rt ja so viel.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDas Hobby wird nie die gro\u00dfe gesellschaftliche Relevanz haben, weil die \u201eGeiz ist geil\u201c-Mentalit\u00e4t es wirtschaftlich nicht tragbar macht. Na klar. Das ist total logisch. Das erkl\u00e4rt ja so viel.\u201c<\/p>\n<p>Ich bin nicht der Meinung, dass unser Hobby von Menschen ausgef\u00fcllt wird, die andere wegen ihrer Geschlechteridentit\u00e4t, ihrer Herkunft oder ihres Einkommens ausgrenzen wollen. Einzelne Spieler, die das vors\u00e4tzlich tun, <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Toleranz-Paradoxon\">schie\u00dfen sich damit meist selbst ins Abseits<\/a>. Aber ich denke auch, dass es nicht genug ist sich von solchen Extrempositionen fern zu halten. Wir m\u00fcssen uns auch fragen nach welchen unspezifischen Bauchgef\u00fchlen wir unsere sozialen R\u00e4ume formen und am Laufen halten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich finde die Initiative Spielend f\u00fcr Toleranz gut. Zugegeben, der Name ist nicht perfekt. Der Begriff Toleranz tr\u00e4gt eher den Gedanken der Duldung mit sich, an Stelle der Akzeptanz und Wertsch\u00e4tzung von Menschen mit anderen Hintergr\u00fcnden. Aber ich finde die Initiative gut, weil sie eine einfache Wahrheit als selbstverst\u00e4ndlich voraussetzt: unsere Spielrunden sind soziale R\u00e4ume. [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":20007,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_newsletter_access":"","_jetpack_dont_email_post_to_subs":false,"_jetpack_newsletter_tier_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paywalled_content":false,"_jetpack_feature_clip_id":0,"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":"","jetpack_publicize_message":"Bauchgef\u00fchl f\u00fcr die gute Sache - @joedizzy macht sich ein paar lose Gedanken \u00fcber das Wie unseres spielerischen Miteinanders","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-20004","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/20200607_132401-scaled.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20004","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=20004"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20004\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":20009,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/20004\/revisions\/20009"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/20007"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=20004"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=20004"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=20004"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}