{"id":19632,"date":"2020-04-12T12:45:39","date_gmt":"2020-04-12T10:45:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=19632"},"modified":"2020-04-12T12:45:03","modified_gmt":"2020-04-12T10:45:03","slug":"das-spielen-ist-schoen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2020\/04\/12\/19632\/","title":{"rendered":"Das Spielen ist sch\u00f6n!"},"content":{"rendered":"<p>Wer \u00fcber l\u00e4ngere Zeit ein Hobby betreibt, der neigt dazu, das <em>Jetzt<\/em> mit dem <em>Was-War<\/em> zu vergleichen. Dabei ist die Konstante, an der man Ver\u00e4nderungen misst, ganz zwangsl\u00e4ufig man selbst. Menschen sind nicht gerade gut daran, Ver\u00e4nderungen an sich selbst festzuhalten, obgleich kaum einer noch die \u00dcberzeugungen aus beispielsweise der achten Klasse unterzeichnen w\u00fcrde. Daher ist die Ver\u00e4nderung die man wahrnimmt in erster Linie eine Ver\u00e4nderung der Au\u00dfenwelt. Und ganz allgemein neigen Menschen dazu, Ver\u00e4nderungen der Au\u00dfenwelt eher als unbequem wahrzunehmen, zumindest wenn diese \u00c4nderungen ohne Erlaubnis stattfanden.<\/p>\n<p>Mit anderen Worten: Fr\u00fcher war alles besser. Der Zeitpunkt dieses &#8220;fr\u00fcher&#8221; ist dabei recht flexibel, je nachdem, \u00fcber was man spricht und wie genau man \u00fcber das &#8220;Fr\u00fcher&#8221; nachdenkt.<\/p>\n<p>Wer regelm\u00e4\u00dfig \u00fcber Spiele schreibt, hebt nicht nur aus diesem Punkt vor allem die Dinge hervor, die missfallen. Da nehme ich mich nicht aus. Nat\u00fcrlich immer auch in der Hoffnung, Dinge m\u00f6gen sich \u00e4ndern. Prinzipiell kommen daher positive Entwicklungen eher zu kurz. Ich versuche da einmal gegenzusteuern und einmal \u00fcber positive Dinge schreiben, die ich \u00fcber &#8220;Brettspiele&#8221; noch sagen wollte. Gerade in diesen Zeiten sind positive Gedanken sehr wichtig f\u00fcr die geistige Gesundheit.<\/p>\n<p><strong>Die Spiele<\/strong>: Nichts wundert mich so sehr, wie wenn jemand schreibt, dass die Spiele fr\u00fcher besser waren. Sicherlich: Viele tolle Spiele sind in der Vergangenheit erschienen. Doch nicht alle auf einmal. Fakt ist: Niemals -und ich wiederhole das gerne! &#8211; NIEMALS war die Spannweite an Spielen und auch die generell Qualit\u00e4t h\u00f6her als jetzt. Es ist noch nicht so lange her, da dominierte der eine oder andere Spielstil. In der Anfangszeit der Spielbar habe ich die \u00d6ffnung der Schere zwischen Vielspielerspielen und Familienspielen kritisiert. In den 90er Jahren gab es in Deutschland praktisch nur Euros. Und in jenen 90er Jahren musste man gerade bei Kleinverlagen tats\u00e4chlich aufpassen, dass Spielanleitung verst\u00e4ndlich und vollst\u00e4ndig war, ja dass die Spiele \u00fcberhaupt funktionierten. Und wenn man zeitlich weiter zur\u00fcck geht, war das selbst bei gro\u00dfen Verlagen keinesfalls garantiert. Spielerezensenten waren damals tats\u00e4chlich noch Spiele<em>tester<\/em>, weil manches gar nicht oder nur so gerade eben funktionierte. Wir hatten damals mehrere Spiele, bei denen zentrale Regeln nicht klar waren oder f\u00fcr die es eine absolute Gewinnstrategie gab. Heute muss man schon ziemloch suchen, um deartiges zu finden. Aber auch wenn man die Latte h\u00f6her h\u00e4ngt, stellt man fest: Ein durchschnittliches Spiel mag heutzutage niemanden vor den Ofen vorlocken, aber man vergisst leicht, was &#8220;Mittelma\u00df&#8221; noch vor 20 Jahren bedeutete. Ich empfehle jeden, der einen Abgesang auf die heutigen, angeblich nicht mehr so sauber designten, Spiele anstimmt, mal auf einem Flohmarkt Spiele von vor 10, 20 Jahren zu kaufen oder vielleicht einfach mal in alten Spielboxen zu bl\u00e4ttern. Mittelma\u00df bleibt per Definition nicht im Ged\u00e4chtnis, an was man sich erinnert sind die Highlights.<\/p>\n<p>Mag man \u00fcber Geschmack noch streiten, so ist es doch unstrittig, dass die Spannbreite an Spielen schon alleine durch die Internationalisierung gestiegen ist. Autoren und Verlage aus aller Welt produzieren Spiele f\u00fcr wirklich jeden Geschmack. Wer meint, sein pr\u00e4feriertes Genre w\u00fcrde vernachl\u00e4ssigt, sucht nicht richtig. Allenfalls kann kritisiert werden, dass es nicht in <em>Deutschland<\/em> produziert wird, aber selbst wenn man sich die hierzulande produzierten Spiele anschauen w\u00fcrde, findet man eine geh\u00f6rige Bandbreite: Solospiele, Partyspiele, Eurogames, Narrative Spiele, Kartenspiele, W\u00fcrfelspiele, Denkspiele, Rollenspiele&#8230; Nat\u00fcrlich wird keiner alle diese Genres m\u00f6gen &#8211; jeder hat seine Pr\u00e4ferenzen und das ist in Ordnung. Es beschwert sich ja auch keiner dar\u00fcber, dass es zu viele Kinderspiele g\u00e4be. Warum sich also etwa \u00fcber narrative oder <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2019\/12\/15\/19226\/\">Solospiele<\/a> beschweren? Nat\u00fcrlich darf jeder bedauern, dass sein pr\u00e4feriertes Genre nicht im Mittelpunkt steht, aber es muss einem schon klar sein, dass dies ein sehr egozentrisches Weltbild ist. Spielen bedeutet Gemeinschaft, da sollte man so sozial sein, sich zu freuen, dass mehr Geschm\u00e4cker angesprochen werden. Vor allem, weil eben Bandbreite und Qualit\u00e4t durchweg so gestiegen sind.<\/p>\n<p><strong>\u00a0Die Leu<\/strong><strong>te:<\/strong> Beim Spielen reizt mich der Wettkampf, die geistige Herausforderung, das Entdecken von Neuem, der Umgang mit Emotionen und sicherlich noch einiges mehr. Aber dass ich selbst meine &#8220;Vielspielerzeit&#8221; schon in Dekaden messen kann, hat einen einfachen Grund: Die Mitspieler. Spielen gibt einen die beste Ausrede, um sich zu regelm\u00e4\u00dfig treffen. &#8220;Brettspiele&#8221; sind im entsprechenden Kreis immer ein Thema, \u00fcber das zumindest ich stundenlang reden k\u00f6nnte (siehe auch die entsprechende <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2020\/04\/01\/19619\/\">Podcast-Reihe<\/a>). Ich habe noch drei Freunde aus Schulzeiten, einige aus Seglerkreisen, einige aus Beruf und Umfeld, aber mit Abstand die meisten meiner Freunde kommen aus dem Spielehobby. Auch gerade online habe ich eine unglaublich hohe Anzahl an tollen Menschen getroffen, denen ich sonst niemals begegnet w\u00e4re.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es auch im Brettspielbereich problematische Menschen. Die gibt es \u00fcberall. Doch Spielen ist ein soziales Hobbys und daher sind auch gef\u00fchlt besonders viele Menschen hier sozial. Vielleicht fallen deswegen die weniger sozialen Mitspieler mehr auf? Ich will nicht sagen, dass ich nur positive Erfahrungen gemacht habe, aber im Vergleich sind es doch \u00fcberw\u00e4ltigend viel mehr positive.<\/p>\n<p>Nun bin ich allerdings ein wei\u00dfer Mann und PoCs und\/oder Frauen haben sicherlich anderes zu berichten. Ich sage nicht, dass unser Hobby perfekt ist. Es gibt noch viel in Sachen &#8220;Inklusion&#8221; zu tun. Ich sehe aber einen sehr positiven Trend &#8211; was auch mit der Internationalisierung und Diversit\u00e4t der produzierten Spiele zu tun hat. Mehr verschiedene Leute die spielen, erh\u00f6hen zwangsl\u00e4ufig die Akzeptanz. Wer das negativ sieht, hat am Spieltisch nichts verloren.<\/p>\n<p><strong>Die Themen<\/strong>: In der P\u00f6ppel Revue gab es einmal eine Karikatur von Christoph Tisch: Sein P\u00f6ppel gr\u00fcndete einen Verein gegen die Vereinnahmung \u00e4gyptischer G\u00f6tter f\u00fcr irgendwelchen abstrakten Spiele. Das ist \u00fcber 20 Jahre her &#8211; \u00c4gypten war damals in Spielen omnipr\u00e4sent. Dann kam das Mittelalter und dieser Trend h\u00e4lt bis heute an. Dennoch ist die Bandbreite an Themen so hoch wie nie zuvor. Neben dem Mittelalter kann man Flugzeuge oder Kinos bef\u00fcllen, in so ziemlichen jedem Zeitalter der Menscheitsgeschichte kleinere Menschengruppen f\u00fchren, den Mars besiedeln, Kriminalf\u00e4lle l\u00f6sen oder Eisenbahnlinien bauen. Und das sind noch nicht einmal die originelleren Spiele. Ich habe im letzten Jahr\u00a0 unter anderem Toiletten beschmutzt, die Weltwirtschaft zugrunde gerichtet, Deiche gebaut, V\u00f6gel beobachtet, Nessi\u00a0 gesucht, Geangelt, K\u00fche gestohlen, mit Dinosauriern am Teetisch gesessen, Riesen mit Steinen beworfen, einen Selbstmord verhindert, mit einer Stoffpuppe im M\u00fcll gegraben und mit einem Delphin M\u00fcll am Strand wegger\u00e4umt und ein Brettspielcafe gef\u00fchrt. Trotz H\u00e4ufungen entdecken Spieleautoren und Verlage doch immer mehr, dass ein gutes Thema neugierig macht, sich aus dem Spieleangebot absetzt.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wird auch immer mehr \u00fcber kritische Themen diskutiert. Auch wenn die Diskussionen mitunter hitzig sind: Das ist eine gute Entwicklung. Es zeigt, dass Themen wichtig sind, dass Menschen von Themen bewegt werden und dass ein Thema wie &#8220;Kolonialismus&#8221; von Betroffenen eben auch als Thema wahrgenommen wird. Es zeigt, dass die internationale Szene und die Diversifit\u00e4t innerhalb der Szene w\u00e4chst. Was in dem einen Land akzetabel ist (z.B. 2. Weltkriegs-Themen in den USA) , mag im anderen Land ein Tabu sein (z.B. in 2. Weltkriegsthemen in Deutschland). Dies wird erst jetzt so richtig wahrgenommen, so richtig diskutiert. Wir sind da am Anfang eines Weges, aber wir sind auf dem Weg. Es gibt noch viele spannende Themen zu entdecken und manchmal ist ein bisschen Zwang, wie eben eine verst\u00e4rkt sensibilisierte Wahrnehmung da hilfreich. Auch sehe ich dies absolut als Zeichen, dass das Spielen eben mehr ist als eine &#8220;Kinderei&#8221;, sondern sich auf dem Weg zum Kulturgut befindet. Wer das Spiel dort sehen will, der muss verstehen, dass Themen mehr sein m\u00fcssen, als nur Bezeichnungen f\u00fcr Geb\u00e4ude- eine Erkenntnis, die sich immer mehr durchsetzt.<\/p>\n<p><strong>Die Verlage<\/strong>: Ich wei\u00df nicht, wie Verlage durch die Krise kommen, insofern kann ich mich nur auf den Pr\u00e4-Corona-Zustand beziehen. Und da stelle ich fest: Das Verlagskarussell dreht sich wie eh und je. Verlage werden aufgekauft, fusionieren, werden selbstst\u00e4ndig oder \u00e4nderen ihre Ausrichtung. Neue Verlage werden gegr\u00fcndet. Ich sehe die Lage nicht schlechter als vor 20 Jahren. Nur anders. Kleinverlage produzieren professioneller. Verlage arbeiten mehr zusammen. Und auch wenn ich einer der gr\u00f6\u00dferen Kritiker der hiesigen Verlagsszene bin, sehe ich auch hier, dass Verlage wie Heidelb\u00e4r, Spielworxx, Frosted Games (und damit indirekt auch Pegasus) oder <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2019\/12\/06\/19125\/\">Spielfaible<\/a> die Spielelandschaft in alle Richtungen erweitern. Habe ich vor 20 Jahren noch kritisiert, dass gerade die kleinen Verlage oft wenig eigenst\u00e4ndiges Profil besitzen und nicht selten ein \u00e4hnlcihes Programm haben, wie die &#8220;gro\u00dfen&#8221;, ist dies jetzt anders geworden. Auch hier ist der Wandel, der m.E, w\u00fcnschenswert ist, noch nicht 100%ig vollzogen, aber ich sehe einen Markt, der mir gesund erscheint.<\/p>\n<p><strong>Das Internet<\/strong>&#8230; ist nat\u00fcrlich gro\u00dfartig. Die Spieleszene w\u00e4re weder so international noch so famili\u00e4r ohne es. Es ist aber auch ein gewisser Gleichmacher: Jeder kann Spiele erfolgreich \u00fcber das Internet vertreiben (Siehe <em>Skyjo<\/em>). Und jeder kann seine Meinung sagen. Es wird gerne vergessen, dass dies eine grunds\u00e4tzlich gute Sache ist; Gatekeeper versuchen nur die &#8220;richtigen&#8221; Meinungen und Formate zuzulassen, andere dissen Mitbewerber, als w\u00e4ren sie Gangs, die New York unter sich aufteilen . Und ich kenne mindestens einen Journalisten der quasi als Blogwart auf allen m\u00f6glichen Seiten den Betreibern in deren Kommentaren mitgeteilt hat, was sie alles falsch machen. Doch es w\u00e4re ein Fehler diese St\u00f6rger\u00e4usche als &#8220;Fazit&#8221; wahrzunehmen. Erstens einmal ist die Meinungsvielfalt zu begr\u00fc\u00dfen; Ich als User kann aus vielen unterschiedlichsten Kan\u00e4len diejenigen herauspicken, die den Content liefern, der mir behagt. Ich als nicht-profesioneller Content erzeugender kann guten Gewissens produzieren, wozu ich lust habe, mit der Sicherheit, dass, wenn ordentlich gemacht, sich auch Gleichgesinnte finden. Vor allem aber hat jeder das Recht zu lernen. Diskussionen, wie gute Rezensionen aussehen k\u00f6nnen, die \u00fcber das pure Nennen von m\u00f6glichst beeindruckenden Zahlen hinausgehen, helfen die Qualit\u00e4t aller zu verbessern. Positive, konstruktive Beitr\u00e4ge helfen mehr, als Gatekeeping. Wer Linien zieht, wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter einfach ignoriert &#8211; und kann sich dann nicht mehr beschweren. Wer andere belehrt, erreicht meist nichts weiter als verh\u00e4rtete Fronten. Der <em>Beeple<\/em>-Kodex wurde ausgerechnet daf\u00fcr angegriffen, dass wir \u00f6ffentliches Anz\u00e4hlen von Mitbewerbern ausschlie\u00dfen. Das ist befremdlich, zum einen weil die Spieleszene so als Konglumerat von Bewerbern angesehen wird, statt als gemeinsames Hobby. Zum anderen aber auch aufgrund eines falschen Verst\u00e4ndnisses daf\u00fcr, wie man Kritik \u00e4u\u00dfern sollte. Kritik ist auch mit dem Kodex m\u00f6glich &#8211; wie dieser Absatz zeigt. Pers\u00f6nliche Gespr\u00e4che n\u00fctzen mehr als \u00f6ffentliche Rants. Und Veranstaltungen wie der <em>Tag der Brettspielkritik<\/em> oder Blogeintr\u00e4ge \u00fcber <em>modern Boardgame Journalism<\/em> erreichen eine breitere Basis und vor allem diejenigen, die ihren Content auch ver\u00e4ndern wollen. Gegen die anderen Windm\u00fchlen braucht man sowieso nicht ank\u00e4mpfen. Doch auch hier noch einmal der Satz, der hier schon oft gefallen ist: Diversit\u00e4t ist gut. Die Bloggersp\u00e4hre (und da schlie\u00dfe ich Videos, Podcats etc. mit ein) ist breit aufgestellt mit mehr spannenden Content als ich konsummieren kann. Da sollte es leicht fallen, die Angebote zu ignorieren, die einen konzeptuell oder qualittativ nicht ansprechen. Und wer nichts findet, kann selbst t\u00e4tig werden. Und wird geh\u00f6rt werden.<\/p>\n<p>Fazit: Es ist ein sch\u00f6nes Hobby, das wir haben.Geht euren Weg!<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer \u00fcber l\u00e4ngere Zeit ein Hobby betreibt, der neigt dazu, das Jetzt mit dem Was-War zu vergleichen. Dabei ist die Konstante, an der man Ver\u00e4nderungen misst, ganz zwangsl\u00e4ufig man selbst. Menschen sind nicht gerade gut daran, Ver\u00e4nderungen an sich selbst festzuhalten, obgleich kaum einer noch die \u00dcberzeugungen aus beispielsweise der achten Klasse unterzeichnen w\u00fcrde. 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