{"id":19569,"date":"2020-03-22T15:23:16","date_gmt":"2020-03-22T13:23:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=19569"},"modified":"2020-03-22T15:23:16","modified_gmt":"2020-03-22T13:23:16","slug":"das-spiel-mit-gefuehlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2020\/03\/22\/19569\/","title":{"rendered":"Das Spiel mit Gef\u00fchlen"},"content":{"rendered":"<p>Nachdem ich jahrelang davon geh\u00f6rt hatte, habe ich es nun tats\u00e4chlich selbst erlebt. W\u00e4hrend einer Spielrunde kam es zu einem derart unerfreulichen R\u00fcckschlag f\u00fcr einen Spieler, dass die Tr\u00e4nen flossen. Zugegeben, es handelte sich dabei um meine Tochter, die noch einige Jahre im Kindergarten vor sich hat, aber dennoch. Das Spiel hatte derart starke Emotionen geweckt, dass nur Tr\u00e4nen dem inneren Druck Luft machen konnten.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist die emotionale Entwicklung von Kindern in diesem Alter noch nicht vollst\u00e4ndig abgeschlossen. Wenn sie mit einer unerwarteten oder unbekannten Situationen konfrontiert werden, ist die Kontrolle \u00fcber das eigene Gef\u00fchlsleben nicht immer gegeben. Aber wer die eine oder andere Folge von Sendungen wie Queer Eye gesehen hat, wird auch wissen, dass Tr\u00e4nen als Reaktion auf einen unerwarteten Anblick auch jenseits des Kindesalters noch m\u00f6glich sind. Selbst als Erwachsener ist emotionale Kontrolle nicht selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>In meinem Fall war meine erste Reaktion nat\u00fcrlich meine Tochter zu tr\u00f6sten. Aber es war mir auch wichtig ihre Gef\u00fchle ernst zu nehmen und die Ursache f\u00fcr ihre Tr\u00e4nen nicht klein zu reden. Nat\u00fcrlich ist es \u201enur\u201c ein Spiel, aber das \u00e4ndert nichts daran, dass es echte Gef\u00fchle sind. Im Kreis ihrer Familie kann und darf sie zeigen, was sie empfindet. Dabei ist es egal wie wichtig ich die Gr\u00fcnde daf\u00fcr halte. Das hat nichts damit zu tun, ihr keine Grenzen aufzusetzen. Als Brettspieler ist mir durchaus klar, dass Grenzen auch formgebend sein k\u00f6nnen. Aber es ist mir auch wichtig, dass sie sich in der Familie sicher und geborgen f\u00fchlt. Sie muss sich f\u00fcr ihre Gef\u00fchle weder sch\u00e4men, noch entschuldigen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_19572\" aria-describedby=\"caption-attachment-19572\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-19572\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/DSC05613-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-19572\" class=\"wp-caption-text\">Ein Spiel ist Zutritt zum schillernden Rad der Emotionen<\/figcaption><\/figure>\n<p>Neben Freude und Spa\u00df kann ein Spiel auch immer \u00c4rger und Frustration wecken. Warum sollte man das verbergen m\u00fcssen? Sich an einem Erfolg zu erfreuen ist schlie\u00dflich auch kein Tabu. Das Hobby w\u00e4re sicherlich \u00e4rmer, wenn wir von unseren Spielpartnern erwarten w\u00fcrden sich jede Emotionsregung zu verkneifen. Stattdessen verlangen wir von unseren Mitspielern nur bestimmte Emotionen zu unterdr\u00fccken, zu \u00fcberspielen oder am Besten gar nicht erst zu empfinden.<\/p>\n<p>Diese Forderung Gef\u00fchle zu unterdr\u00fccken, statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ist ein Problem. Sie blendet einen essentiellen Bestandteils des Spielerlebnis aus. Das kann unter Umst\u00e4nden dazu f\u00fchren, dass Spielern der Blick fehlt, um toxische Verhaltensweisen zu erkennen. Dann fehlen dem einzelnen Spieler wie auch der Gruppe oft die Mittel und Techniken, um aufgeladenen Situationen ihre Sch\u00e4rfe zu nehmen. Dabei ist genau das n\u00f6tig, um auch besonders emotionale Spielerlebnisse als positive Erfahrung in Erinnerung zu behalten.<\/p>\n<p>Gelingt das nicht, so kann es im harmlosesten Fall dazu f\u00fchren, dass einzelne Spiele und Spielgenres in Zukunft ohne Wenn und Aber abgelehnt werden. Es kann dazu f\u00fchren, dass das Vertrauensverh\u00e4ltnis zwischen den Spielenden Schaden nimmt. Selbst wenn sich die Personen au\u00dferhalb des Spiels hervorragend verstehen. Gerade beim Spiel unter Paaren kann das ein wiederkehrendes Thema sein. In manchen F\u00e4llen kann es auch dazu f\u00fchren, dass negative Interaktion oder jede Art des direkten Konflikts als unangenehm und spielst\u00f6rend empfunden wird. Wenn ein neuer Spieler in eine Spielrunde gelangt, die Toxisches nicht zu bek\u00e4mpfen wei\u00df, sollte es auch nicht verwundern, wenn das gesamte Medium Spiel danach gemieden wird.<\/p>\n<p>Eine der gr\u00f6\u00dften Schwierigkeiten im Umgang mit toxischen Spielerlebnissen besteht darin sie \u00fcberhaupt als solche zu erkennen. Denn entgegen der Erwartungen, die der Begriff weckt, ist das Erlebnis nicht f\u00fcr alle Spielteilnehmer gleich. Ob eine Spielsituation toxisch ist, hat wenig mit dem eigenen Wohlempfinden zu tun. Sie entsteht, wenn das Spielen gezielt und wiederholt negative Emotionen bei den Spielenden ausl\u00f6st, aber die Gruppe nicht den sozialen Zusammenhalt besitzt, um Spielern Raum zu geben diese negativen Emotionen zu verarbeiten. Das Toxische wird sogar noch verst\u00e4rkt, wenn deutlich wird, dass das Eingestehen solcher negativen Empfindungen \u2013 ob verbal oder non-verbal \u2013 auf Ablehnung trifft. Sei es, weil das Empfinden klein geredet wird, oder weil der Rest der Gruppe mit Verlegenheit und peinlich ber\u00fchrtem Schweigen darauf reagiert. In beiden F\u00e4llen wird klar kommuniziert, dass das Eingestehen von negativen Gef\u00fchlen in diesem Umfeld nicht akzeptabel ist. An Stelle von Solidarit\u00e4t und Mitgef\u00fchl, wie wir es etwa bei den eigenen Kindern \u00fcben w\u00fcrden, reagiert man mit Abstand und einem schnellen Themenwechsel.<\/p>\n<p>Erschwert wird das Erkennen solcher Situationen allerdings, wenn uns klar wird, dass das Spiel mit negativen Erlebnissen auch Spa\u00df machen kann. Genauso wie Horrorfilme Spa\u00df machen k\u00f6nnen, obwohl sie gezielt \u00c4ngste wecken. Oder wie ein extrem scharfes Chili Genie\u00dfer findet, obwohl es erst mal Schmerzen verursacht. Nur weil etwas unangenehm ist, hie\u00dft das nicht, dass es keine Freude bereiten kann.<\/p>\n<p>Spiele arbeiten bewusst mit negativen Erfahrungen, R\u00fcckschl\u00e4gen und auch Frust, um Spa\u00df zu machen. Es liegt in den H\u00e4nden der Spielgruppe darauf zu achten, dass diese Freude erhalten bleibt und nicht von extremen, negativen Reaktionen \u00fcbert\u00f6nt wird. Das gilt insbesondere dann, wenn wir als einzelne Spieler daf\u00fcr verantwortlich sind wann und in welcher Form diese Momente im Spiel entstehen. Gerade hier wird der Gruppenzusammenhalt am deutlichsten auf die Probe gestellt.<\/p>\n<p>Prinzipiell kann nat\u00fcrlich jedes Spiel in eine toxische Situation f\u00fchren. Aber es ist auch klar, dass es Spiele gibt, die solche Dinge st\u00e4rker beg\u00fcnstigen als andere. Sogenannte \u00c4rgerspiele, Nullsummenspiele oder Spiele, die das Ausscheiden von Spielern als zentralen Mechanismus nutzen, sind hier die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen. Aber auch Spiele mit geringer bzw. indirekter Interaktion sind davon nicht gefeit. Das liegt daran, dass die problematischen und toxischen Elemente nur in seltenen F\u00e4llen essentieller Bestandteil des Spiels sind. Vielmehr ist es ihre Umsetzung in der Spielrunde, die den Unterschied zwischen einem toxischen und intensiven Spielerlebnis ausmacht.<\/p>\n<p>Das ist die eigentliche Herausforderung, die Spiele an uns als Gruppe stellen. Sie konfrontieren uns mit negativen Erlebnissen und Erfahrungen, die wir entweder alleine oder gemeinsam verarbeiten k\u00f6nnen. Wenn Spiele vor allem mit der Einschr\u00e4nkung empfohlen werden sie mit guten Freunden zu spielen, dann hat das einen einfachen Grund. Hier ist die Wahrscheinlichkeit noch am H\u00f6chsten, dass Empathie, Umsicht und Vertrauen konsequent genug ausge\u00fcbt werden, um toxische Situationen zu verhindern. Es reicht nicht sich einfach nur gut oder lange zu kennen. Man muss auch gewillt sein aktiv zum Gruppenzusammenhalt beizutragen.<\/p>\n<p>Im Spiel \u2013 insbesondere dem kompetitiven Spiel &#8211; geht es darum das soziale Miteinander ein klein wenig zu strapazieren, um das daraus resultierende Erlebnis gemeinsam genie\u00dfen zu k\u00f6nnen. Das Gemeinschaftliche am Spiel ist nicht nur die Notwendigkeit Gegenspieler zu haben, die einen fordern; es besteht auch darin die guten, wie auch die schlechten Erlebnisse zu teilen.<\/p>\n<p>Der amerikanische Filmkritiker Roger Ebert hat gesagt, dass Filme f\u00fcr ihn wie Maschinen sind, die Empathie erzeugen. Wenn das so ist, dann sind Spiele der Rahmen, in dem wir diese Empathie \u00fcben k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdem ich jahrelang davon geh\u00f6rt hatte, habe ich es nun tats\u00e4chlich selbst erlebt. W\u00e4hrend einer Spielrunde kam es zu einem derart unerfreulichen R\u00fcckschlag f\u00fcr einen Spieler, dass die Tr\u00e4nen flossen. 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Zumindest schreibt er das und erkl\u00e4rt warum das nicht immer ohne Probleme ist.","jetpack_publicize_feature_enabled":true,"jetpack_social_post_already_shared":true,"jetpack_social_options":{"image_generator_settings":{"template":"highway","default_image_id":0,"font":"","enabled":false},"version":2},"jetpack_post_was_ever_published":false},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-19569","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-1"],"jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_featured_media_url":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/DSC05617-scaled.jpg","_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19569","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=19569"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19569\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":19575,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/19569\/revisions\/19575"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/19573"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=19569"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=19569"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=19569"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}