{"id":19531,"date":"2020-03-08T13:13:43","date_gmt":"2020-03-08T11:13:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=19531"},"modified":"2020-03-11T22:24:43","modified_gmt":"2020-03-11T20:24:43","slug":"dieser-fahrstuhl-ist-alles-was-ich-habe-mein-ein-und-alles","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2020\/03\/08\/19531\/","title":{"rendered":"Dieser Fahrstuhl ist alles, was ich habe. Mein ein und alles!"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt verschiedene Gr\u00fcnde, warum Menschen die Dinge tun, die sie tun. Reden wir mal vom Beruf: Da gibt es die, die einfach nicht anders k\u00f6nnen, als das zu tun, was sie tun. Es gibt auch Leute, die tun alles, was man ihnen anbietet, um das Geld zu verdienen, das sie ben\u00f6tigen. Die einen folgen einer Art intrinsischen Motivation und die anderen wollen halt \u00fcberleben. Wie wichtig es ist bei seiner Arbeit gl\u00fccklich zu sein, ist eine ganz andere Sache und f\u00fcr manche wichtiger als f\u00fcr andere. Ich habe irgendwann festgestellt, ich muss machen was f\u00fcr mich wichtig ist und mich dabei selber besch\u00e4ftigen. Ich verdiene seit 10 Jahren schon weniger, als ich es noch tat, als ich angestellt war. Aber ich bin gl\u00fccklicher. Das war mir wichtiger.<\/p>\n<p>In meiner Twitter-Timeline spielte vor ein paar Wochen ein Beitrag ein, von einem Buchautor der sich ein bisschen dar\u00fcber ausgelassen hat wie das so mit der Bezahlung ist f\u00fcr das Schreiben als Autor. Ich habe das in Ruhe gelesen und musste an mehr als nur einer Stelle den Kopf sch\u00fctteln. Ich werde den Beitrag an ein paar Stellen etwas auseinandernehmen und den Vergleich zu Brettspielautorenbezahlungen ziehen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.timoleibig.de\/blog\/wirtschaftlicher-erfolg-als-verlags-autorin\/\">Aber lest erstmal in Ruhe den Beitrag.<\/a><\/p>\n<p>Nun ist meine Sichtweise darauf als Verleger nat\u00fcrlich eine andere als sie die meisten Autoren haben werden und vermutlich ist nicht alles was ich anbringe 1-zu-1 auf den Buchmarkt anwendbar, aber einige seiner Aussagen bringen halt nur ein Kopfsch\u00fctteln aus mir raus.<\/p>\n<p><strong>Die Anspruchs-Diskrepanz<\/strong><\/p>\n<p>Fangen wir mal grunds\u00e4tzlich mit der Haltung an, dass Timo als Autor unterstellt, dass die Verlage ihm gef\u00e4lligst genug zu zahlen haben, dass er den Mindestlohn verdient. Er begr\u00fcndet das mit der Mitgliedschaft in der KSK, was ihn zu einem Arbeitnehmer machen w\u00fcrde. Die erste Alarmglocke geht in meinem Kopf an.<\/p>\n<p>Er ist mitnichten ein Angestellter. Er ist freiberuflich. Er hat sich daf\u00fcr entschieden keinen Boss \u00fcber sich zu haben. Er kann Urlaub machen wann er m\u00f6chte und er kann auch 20 Stunden am Tag arbeiten, ohne dass ein Gesetz es ihm verbieten k\u00f6nnte. Sein Vergleich hinkt schon an dem Punkt und damit w\u00e4re der ganze Artikel hinf\u00e4llig. Er aber leitet daraus eine Forderung ab, die gef\u00e4lligst andere zu bringen haben. Beruf verfehlt, denke ich mir.<\/p>\n<p>Im Brettspielbereich sind 99% aller Autoren keine Angestellten bei einem Verlag. Es gibt in den USA Verlage die hausinterne Autoren haben, aber die bekommen ihr monatliches Gehalt, egal ob das Spiel, das wieder einspielt oder nicht und irgendwelche Tantiemen f\u00fcr Erfolge gibt es auch selten bis nie. Die Zahl der Autoren, auf die das zutrifft, ist aber auch stark r\u00fcckl\u00e4ufig. Es sei denn man setzt die vielen Kickstart-1-Mann-Unternehemn einem gro\u00dfen Verlag gleich. Aber das lassen wir au\u00dfen vor. Im Buchbereich gibt es ja auch die Selbstpublisher.<\/p>\n<p>Ich kenne aber auch wenige Autoren im Bretttspielbereich die solche Forderungen anbringen. Das hei\u00dft nicht, dass ich sie nicht gibt, aber wer ein paar Jahre dabei ist und die Erfahrung sammelt, wird merken, dass, um Vollzeit von dem Beruf leben zu k\u00f6nnen, die einzige Chance ist, den eigenen Output deutlich nach oben gehen zu lassen. Vielleicht fehlt es unserer Branche noch zu sehr an Vollzeitautoren, aber ich sehe die nur kommen, wenn die Branche als ganzes w\u00e4chst.<\/p>\n<p><strong>Die Berechnungs-Diskrepanz<\/strong><\/p>\n<p>Aber nehmen wir mal an, dass er einfach nur einen Vergleich aufstellen m\u00f6chte, wie viel er seiner Meinung gerne verdienen m\u00f6chte, n\u00e4mlichen den Mindestlohn. Das klingt ja gar nicht so dumm. Er rechnet vor wieviel er verdienen muss und sogar was er leisten muss, um das zu bekommen. Statt das aber zu nutzen und seine Energie in die Richtung zu bringen, wo das funktioniert, verliert er sich in anderen Begr\u00fcndungen. Im Buchbereich gibt es sehr viele die davon leben k\u00f6nnen. Die meisten schreiben vielleicht einen Roman pro Jahr, etliche bestimmt zwei oder drei. Disziplin geh\u00f6rt dazu.<\/p>\n<p>Sein Artikel setzt an einem Punkt an, wo wir von einem Vorschuss reden. Ein Vorschuss ist etwas was auch im Brettspielbereich einige Verlage machen, aber die meisten wohl eher nicht. Im Brettspielbereich zahlt aber keiner einen Vorschuss in 5-stelliger H\u00f6he. Keiner! Weder ein Knizia, noch ein Feld, noch ein Rosenberg, noch ein Lang bekommen das.<\/p>\n<p>Im Buchbereich vielleicht schon. Aber ich w\u00fcrde mal unterstellen, dass ein Autor schon einiges an Erfolgen vorweisen muss, um solch eine Summe angeboten zu bekommen. Neue Autoren erhalten bestimmt nur kleinere Betr\u00e4ge als Vorschuss. Deutlich kleinere.<\/p>\n<p>Das hat auch was damit zu tun, was der Sinn des Vorschusses ist. Zum einen kann der Verlag mit dem Vorschuss versuchen einen K\u00f6der zu bieten, dass der Vertrag zustande kommt. Wir glauben daran und wir sind der richtige Verlag, bevor du noch zu einem anderen gehst. Auf der anderen Seite kann der Autor versuchen, sich die M\u00fche des Verlages zu sichern. Denn ein Vertrag kann immer noch wieder auseinanderfallen und es ist in den meisten F\u00e4llen ja nicht das einzige Buch das beworben werden will. Und der Vorschuss muss nicht zur\u00fcckgezahlt werden, falls was schief l\u00e4uft. Das ist auch meist das Ansinnen im Brettspielbereich. Eine Partei will sich etwas gegen\u00fcber der anderen sichern.<\/p>\n<p>Aber kaum ein Verlag wird so viel an Vorschuss zahlen, dass sie bei jedem Buch draufzahlen, geschweige denn bei jedem zweiten. Eigentlich bei keinem. In der Rechnung als Verlag w\u00fcrde ich sagen, dass jeder Vorschuss unterhalb der erwarteten Auszahlungs-Einnahmen ist, sonst rechnet der Verlag lausig. Au\u00dfer er m\u00f6chte verhindern, dass es eh auf den Markt kommt, aber die Problematik lassen wir mal au\u00dfen vor. Wer also mit seiner Rechnung sagt, das wird eh das einzige Geld sein, dass ich f\u00fcr das Spiel\/Buch erhalte, der d\u00fcrfte noch keine Erfahrung haben. Seine Vita sagt eigentlich was anderes.<\/p>\n<p>Auch im Brettspielbereich ist das nicht anders. Ein Autor wollte von mir eine Vorauszahlung, damit er wei\u00df das ich wirklich das Spiel mache. Die Zahl der Vertr\u00e4ge, die im Nachhinein noch scheitern w\u00e4re wohl zu gro\u00df und er k\u00f6nnte sich damit sein Bad tapezieren. Mir war das Spiel wichtig und ich habe es gemacht. Aber da reden wir von einem 3-stelligen Betrag.<\/p>\n<p><strong>Die Haltungs-Diskrepanz<\/strong><\/p>\n<p>Die Buchbranche ist deutlich gr\u00f6\u00dfer als die Brettspielbranche. Was auch einen Output in f\u00fcnfstelliger H\u00f6he erkl\u00e4rt (ich halte die genannten 70k B\u00fccher sogar f\u00fcr etwas niedrig angesetzt), aber ich bin mir sicher die Verlage werden auch mehr als 90% der ihnen eingesandten Manuskripte ablehnen. Verlage haben nicht nur die sch\u00f6ne Option w\u00e4hlerisch zu sein, sondern auch die Pflicht als Unternehmen nicht alles machen zu k\u00f6nnen, um wirtschaftlich nicht vor die Hunde zu gehen. Und wie im Brettspielbereich gibt es auch im Literaturbereich deutlich mehr Menschen, die davon tr\u00e4umen mal etwas zu ver\u00f6ffentlichen, als es am Ende schaffen. Die, die Erfolg haben, k\u00f6nnen davon sehr gut leben, andere kommen damit \u00fcber die Runden. Die meisten machen es nebenbei.<\/p>\n<p>Sogar ich wurde schon oft und sogar noch letztes Jahr gefragt, was mein Hauptberuf w\u00e4re, weil davon ausgegangen wird, das mal als kleiner Verleger eigentlich nicht hauptberuflich davon leben kann und genug andere Verlage laufen auch als Nebenberuf. Wenn das schon auf Verlagsebene so ist, wie soll das erst bei Autoren sein? Es ist die Berufung neben dem Geld, das man verdient. F\u00fcr manche nur ein Hobby. Der Autor Timo Leibig hat schon 13 B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht. Das ist nicht wenig und er d\u00fcrfte schon einiges damit verdient haben. Genug, um davon zu leben und keinen Job daneben zu machen. Er wird bestimmt nicht f\u00fcr lau arbeiten. Er ist vielleicht kein Million\u00e4r, aber den Mindestlohn d\u00fcrfte er bestimmt nicht so sehr unterschreiten.<\/p>\n<p>Leider l\u00e4sst er aber auch kein Beispiel folgen, das er nie mehr als den Vorschuss erhalten hatte. Denn darauf w\u00fcrde ich wetten, dass er immer noch nachtr\u00e4glich Geld erhalten hat. Und so spielt er sich zu einem Retter der kleinen Autoren auf, der er selber gar nicht mehr sein d\u00fcrfte, je nachdem wo man die Grenze zieht. Hier w\u00e4re ein konkretes Beispiel nicht nur n\u00f6tig, sondern wichtig, um seine Argumentation zu unterstreichen.<\/p>\n<p><strong>Die Strohmann-Diskrepanz<\/strong><\/p>\n<p>Schlie\u00dflich w\u00e4re da noch der Vergleich zu Externen die auch Geld f\u00fcr ihre Arbeit bekommen. Timo erw\u00e4hnt die Coverdesigner*innen, Setzer*innen und Lektor*innen. Allerdings kann er sich ja doch auch mal hinstellen, und einen fixen Betrag verlangen. Wenn sich dann sein Buch aber 10 Millionen Mal verkauft, bekommt er keinen zus\u00e4tzlichen Cent. Nat\u00fcrlich begr\u00fcndet er, das w\u00e4re ja schon so, aber die Idee, dass es nur den Vorschuss gibt, glaube ich immer noch nicht.<\/p>\n<p>Auch in der Brettspielbranche gibt es die Leute die Anleitungen Korrekturlesen, die die Schachtel und das Material Illustrieren und viele andere Dinge tun. Sie alle bekommen keinen Cent extra, egal ob das Spiel floppt, oder sich wie ein Azul verdammt gut verkauft. Einzig der Autor und der Verlag verdienen ab einem bestimmten Punkt noch dran. Er muss sich als mal \u00fcberlegen, ob er lieber ein festes Gehalt haben m\u00f6chte oder eine Gewinnbeteiligung. Der Vorschuss ist also eine Garantie, dass es mindestens so viel wird. Gerade in einem stark umk\u00e4mpften Markt ist das auch noch eine hohe Garantie.<\/p>\n<p>Wenn aber alle B\u00fccher floppen, zahlt auch der Verlag drauf. Auch eine juristische Person hat keinen Anspruch auf ein Mindestgehalt. Jedes Buch und jedes Spiel ist eine Wette. Der Verlag geht das Risiko ein. Im Brettspielbereich ist das noch gr\u00f6\u00dfer als im Buchbereich.<\/p>\n<p>Im Brettspielbereich gibt es auch ein paar Illustratoren, die eine Gewinnbeteiligung wollen und ein paar Autoren die auf selbige verzichten k\u00f6nnen. Aber das sind alles Ausnahmen und alles Beispiele die den Verlag dazu zwingen, Sachen neu berechnen zu m\u00fcssen. Etwas was Arbeit macht, und worauf die meisten keine Lust haben.<\/p>\n<p><strong>Die Selbstbild-Diskrepanz<\/strong><\/p>\n<p>Schlie\u00dflich will Timo auch selber entscheiden, ob er sich als Handwerker oder als Kreativer bezeichnet. F\u00fcr mich ist das kein Widerspruch und er kann beides sein und es kann auch mit beidem eine Berufung sein. Die in meinen Augen besten Spieleautoren sind auch beides. Denn kreative Ideen zu haben ist nicht das Problem, sondern diese auszuarbeiten daran zu feilen und zu einem fertigen Produkt zu bringen. Das Handwerkliche ist also wichtig. Das hat aber mit der Entlohnung nichts zu tun.<\/p>\n<p>Am Ende lamentiert er \u00fcber sinkende Vorsch\u00fcsse, als wenn die 10.000 \u20ac die er am Anfang erw\u00e4hnt h\u00e4tte sein bisher niedrigstes Angebot gewesen w\u00e4ren. Er musst bestimmt viele Jahre selbst\u00e4ndig arbeiten und seine Handwerksf\u00e4higkeiten ausbilden um zu dem Punkt zu kommen, wo man sowas verlangen kann. Im Brettspielbereich bekommt das keiner, um das noch mal zu erw\u00e4hnen.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich h\u00e4tte der Autor sich mal von seiner Ecke entfernen m\u00fcssen und versuchen m\u00fcssen rauszubekommen warum die Sachen so sind, wie sie sind, um den Hebel zu finden wo man etwas \u00e4ndern kann. Ich kann nur vermuten ob er \u00fcberhaupt mit seinem Agenten, seinem Verlag oder irgendwem geredet hat. Mein Gef\u00fchl sagt mir jedoch, dass das nicht passiert ist. Denn die h\u00e4tten ihm auch all das erz\u00e4hlen k\u00f6nnen was ich hier erz\u00e4hle. Aber er konnte sich mal was von der Seele schreiben. Gl\u00fcckwunsch.<\/p>\n<p><strong>Aber was hat das alles mit Brettspielautoren zu tun?<\/strong><\/p>\n<p>Die Wahrheit ist, dass ich auch schon Autoren hatte, die angefangen hatten zu rechnen. Ein Brettspielautor erh\u00e4lt je nach Verlag und Art von Spiel zwischen 4% und 7%. Und zwar nicht vom Verkaufspreis am Ende an der Kasse, sondern von dem Preis, f\u00fcr den es der Verlag verkauft. Was meist der Einkaufspreis ist. Das ist bei einem Spiel f\u00fcr 40 Euro im Handel meist nur rund 1 Euro ist. Das alles im Detail aufzudr\u00f6seln ist schwer aber tue ich gerne im Gespr\u00e4ch. Einen Vorschuss haben bei mir genau 2 Autoren erhalten. Nicht mehr. Und die beiden haben ein Vielfaches des Vorschusses in ihrer Abrechnung bekommen.<\/p>\n<p>Autoren, die dann mit 10% oder mehr kommen, m\u00fcssen schon echte Garanten sein, dass da deutlich mehr zu holen ist. Dummerweise f\u00e4llt mir derzeit wirklich kein einziger ein, auf den das zutrifft. Wirklich Null. Wer sich also vorstellen kann auch mal seinen Namen auf einer Schachtel zu lesen und davon tr\u00e4umt das Hauptberuflich zu machen, wird den Vergleich zum Mindestlohn lange nicht ziehen k\u00f6nnen. Ich kann es nicht mal als Verleger. Und f\u00fcr mich ist Verleger sein vermutlich meine Berufung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt verschiedene Gr\u00fcnde, warum Menschen die Dinge tun, die sie tun. Reden wir mal vom Beruf: Da gibt es die, die einfach nicht anders k\u00f6nnen, als das zu tun, was sie tun. Es gibt auch Leute, die tun alles, was man ihnen anbietet, um das Geld zu verdienen, das sie ben\u00f6tigen. 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