{"id":19450,"date":"2020-02-16T12:30:51","date_gmt":"2020-02-16T10:30:51","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=19450"},"modified":"2025-10-28T19:38:37","modified_gmt":"2025-10-28T17:38:37","slug":"aber-ich-hab-doch-nur-nach-den-regeln-gespielt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2020\/02\/16\/19450\/","title":{"rendered":"Aber ich hab doch nur nach den Regeln gespielt"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr die meisten Spielgruppen ist es eine seltene, aber nicht unvorstellbare Situation. Man ist vertieft in ein kompetitives Spiel und jeder ringt um seinen Vorteil. Es wird geknobelt und taktiert. Man macht vielleicht von seinen rhetorischen \u00dcberzeugungsk\u00fcnsten Gebrauch. Dann pl\u00f6tzlich macht jemand einen unerwarteten, niederschmetternden Zug. Einen Augenblick lang knistert es fast vor Anspannung. Dann entl\u00e4dt sie sich in einem Schwall aus Emp\u00f6rung und \u00c4rger. Der leidtragende Spieler verliert die Fassung, es kommt vielleicht zu einer lautstarken Auseinandersetzung. Der Rest des Spielabends ist von diesem Erlebnis \u00fcberschattet.<\/p>\n<p>In den Augen vieler Spieler ist selbst in einer so vage skizzierten Umschreibung die Sachlage klar: der w\u00fctende und schimpfende Spieler ist im Unrecht. Dabei ist es fast egal um welches Spiel es sich handelt, oder welche Spieler hier aufeinander treffen. Die Situation ist sp\u00e4testens dann gel\u00f6st, wenn der unanfechtbare Unschuldsbeweis ins Gespr\u00e4ch gebracht wird: \u201eich habe mich doch nur an die Regeln gehalten\u201c.<\/p>\n<p>Die Unantastbarkeit eben dieser Argumentation m\u00f6chte ich hier mal antasten&#8230; oder anfechten&#8230; oder ihr einfach grundlegend widersprechen. Das Einhalten von Spielregeln entschuldigt f\u00fcr sich genommen nichts. Ob eine Handlung gut oder schlecht ist, h\u00e4ngt nicht davon ab, ob sie regelkonform ausgef\u00fchrt wurde. Daf\u00fcr muss man weder Ethik noch Jura studiert haben. Denn der Vorwurf,\u00a0 der tats\u00e4chlich im Raum steht ist ein anderer. Das gemeinschaftliche Spielerlebnis hat gelitten, weil es entweder vors\u00e4tzlich sabotiert oder fahrl\u00e4ssig behandelt wurde. Regeltreues Spielen schlie\u00dft keinen der beiden F\u00e4lle aus.<\/p>\n<figure id=\"attachment_19462\" aria-describedby=\"caption-attachment-19462\" style=\"width: 225px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-19462 size-medium\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/20200215_120838-225x300.jpg\" alt=\"\" width=\"225\" height=\"300\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-19462\" class=\"wp-caption-text\">Nicht einmal hier f\u00fchrt ein Regelbruch zum Streit<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dennoch wird dieses Argument in beinahe jeder aufgeheizten Auseinandersetzung am Spieltisch herausgekramt. Es basiert auf der Annahme, dass die Regeln den Zweck des Spiels definieren und vorgeben. Aber genau das ist nicht richtig. Regeln geben die formalen Abl\u00e4ufe des Spiels vor. Sie k\u00f6nnen festlegen wieviele Karten man zieht, wieviele Felder man sich bewegt oder nach welcher Formel man Ressourcen in Siegpunkte umwandelt. Sie schreiben vor, wann das Spiel zu Ende ist, und wie man danach zwischen Sieg und Niederlage unterscheidet. Der Zweck des Spiels und des Spielakts wird durch sie jedoch bestenfalls angedeutet.<\/p>\n<p>Der Grund weshalb wir gemeinsam spielen ergibt sich nicht aus dem Spiel oder seinen Regeln. Die meisten Spielgruppen sind Opfer ihrer Gewohnheiten, wenn es um den Spielzweck geht. Wir spielen aus den gleichen Gr\u00fcnden aus denen wir immer gespielt haben. Manchmal ist es das Bed\u00fcrfnis nach Selbstbest\u00e4tigung, wenn man die kopflastige Herausforderung eines Spiels gemeistert hat. Manchmal ist es die Freude dar\u00fcber etwas besser gemacht zu haben als ein anderer. In einigen F\u00e4llen geht es uns allein darum Zeit mit Freunden zu verbringen. Es gibt viele Gr\u00fcnde um zu spielen und die meisten Spieler pendeln sich fr\u00fcher oder sp\u00e4ter auf einen davon ein.<\/p>\n<p>Wer etwas mehr Spielerfahrung gesammelt hat, merkt schnell dass ein Spiel bestimmte Zwecke einfacher zu unterst\u00fctzen wei\u00df als andere. Die meisten Partyspiele liefern oft wenig Grund sich durch einen Sieg best\u00e4tigt zu f\u00fchlen. Wem danach ist, der sucht sich eher Spiele in denen analytische F\u00e4higkeiten und strategisches Denken wiederholt Anwendung finden. Ebenso ist das gemeinschaftliche Erlebnis in einem interaktions-armen Spiel in dem man wiederholt Ressourcen in andere Ressourcen und sp\u00e4ter in Siegpunkte umwandelt, eher zweitrangig. Anders als es etwa bei einem kommunikativen Kooperationsspiel der Fall ist. Die Spiele selbst geben diesen Spielzweck nicht bindend vor. Sie sind aber durchaus so konzipiert bestimmte Zielsetzungen zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>So kommt es dann, dass so manche Vielspielergruppe sich bei einem Kooperationsspiel auf das Erfolgserlebnis fixiert, statt auf die Zusammenarbeit. Oder auch Neuspieler, die das gemeinschaftliche Erlebnis suchen, pl\u00f6tzlich an knallharte Konfliktspiele oder Eurogames geraten, bei denen man eher in sich kehrt und nur f\u00fcr sich selbst verantwortlich ist.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite hat man also Spieler, die ein gewisses Spielgef\u00fchl oder -erlebnis suchen, und auf der anderen Seite gibt es Spiele, die wie ein Werkzeugkasten bereit stehen, um bestimmte Spielgef\u00fchle oder -erlebnisse zu unterst\u00fctzen. Kommt also ein neues Spiel auf den Tisch, gilt es diese Dinge irgendwie ein Einklang zu bringen.<\/p>\n<p>Hier nun schlie\u00dft sich der Kreis zum oben erw\u00e4hnten Eklat am Brettspielabend. Ein derart dramatischer Streit findet seinen Ursprung eben nicht in der fehlenden Reife der Streitenden, oder der Unf\u00e4higkeit eine Niederlage zu akzeptieren. Sie l\u00e4sst sich auch nicht dadurch unter den Teppich kehren, dass man beharrlich die eigene Konformit\u00e4t zum Regelwerk wiederholt. Sie hat ihren Ursprung darin, dass ein Spieler glaubte den gemeinsamen Spielzweck zu verfolgen und durch eine unerwartete Handlung pl\u00f6tzlich den Boden unter den F\u00fc\u00dfen verlor.<\/p>\n<p>Der Zweck eines Spiels wird durch die Gruppe bestimmt, die das fast nie offen tut. Stattdessen greifen wir auf unsere eigenen Gewohnheiten zur\u00fcck. Aus den Indizien, die das Spiel und seine Regeln uns bietet, leiten wir ab welcher Spielzweck wohl am Besten damit umzusetzen ist. Mit Hilfe unserer sozialen Intelligenz merken wir welchen Zweck der Rest der Gruppe vorzieht und wenn wir dazu gewillt und in der Lage sind, richten wir unser Verhalten danach aus.<\/p>\n<p>Bei einem Brettspiel folgt daraus sich vor Augen zu f\u00fchren, ob man das gemeinsame Spielerlebnis im gegenseitigen Wettbewerb sucht, in der eigenen Leistung, in der gemeinschaftlichen Interaktion oder einer beliebigen Zahl anderer Gr\u00fcnde. Es bedeutet sich selbst klar zu machen, warum man eigentlich zusammen spielt und ob das noch mit den Zielen der anderen Mitspieler vereinbar ist. Denn wenn die Ziele der Einzelnen nicht \u00fcbereinstimme, ist es nur eine Frage der Zeit bis die ganze Sache mit einem lauten Knall platzt. Dann l\u00e4sst sich die eigene Unschuld eben nicht dadurch beweisen, dass man sich doch nur an die Regeln gehalten hat. Denn dann hat einer seine Ziele \u00fcber die Grundlagen der Spielgruppe gesetzt. Das ist schlichtweg inakzeptabel. Regeln hin oder her.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr die meisten Spielgruppen ist es eine seltene, aber nicht unvorstellbare Situation. Man ist vertieft in ein kompetitives Spiel und jeder ringt um seinen Vorteil. Es wird geknobelt und taktiert. Man macht vielleicht von seinen rhetorischen \u00dcberzeugungsk\u00fcnsten Gebrauch. Dann pl\u00f6tzlich macht jemand einen unerwarteten, niederschmetternden Zug. Einen Augenblick lang knistert es fast vor Anspannung. 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