{"id":19406,"date":"2020-02-02T14:44:37","date_gmt":"2020-02-02T12:44:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=19406"},"modified":"2020-02-02T14:54:03","modified_gmt":"2020-02-02T12:54:03","slug":"lehrjahre-dauern-zu-lange","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2020\/02\/02\/19406\/","title":{"rendered":"Lehrjahre dauern zu lange"},"content":{"rendered":"<p>Ein Spiel erkl\u00e4ren bzw. neuen Spielern beibringen ist f\u00fcr die meisten Gruppen die Phase in der sich entscheidet, ob es noch mal auf den Tisch kommen wird oder nicht. Das liegt zum Einen daran, dass die Spielerkl\u00e4rung den Rahmen setzt in dem die erste Runde wahrgenommen wird. Eine orientierungslose, vage Erkl\u00e4rung macht aus einem Spiel wie <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/lama\/\">L.A.M.A.<\/a> schnell ein wirres, hochkomplexes Regelkonvolut, das man nur mit viel Spielerfahrung und Hartn\u00e4ckigkeit begreifen kann. W\u00e4hrend eine stringente und sorgf\u00e4ltig strukturierte Einf\u00fchrung selbst einem Koloss wie <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/twilight-imperium-4\/\">Twilight Imperium 4<\/a> sehr viel von seiner einsch\u00fcchternden Komplexit\u00e4t nehmen kann.<\/p>\n<p>Der Unterschied zwischen den Beiden liegt dabei nicht unbedingt in der Veranlagung und Motivation der Zuh\u00f6renden. Sicherlich hilft es wenn Sch\u00fcler Dinge lernen wollen und bereits Vorwissen, oder eine gewisse Affinit\u00e4t zum Thema, mitbringen. Aber in einer kleinen Gruppe von drei bis vier Leuten, sollte ein Lehrer auch ohne diese Vorarbeit Inhalte effektiv vermitteln k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Vorbereitung (oder Was erz\u00e4hle ich eigentlich?)<\/strong><\/p>\n<p>Das ist der Punkt, den ich selbst am H\u00e4ufigsten falsch mache. Wer sich nur unzureichend vorbereitet, wird unweigerlich eine langsame, h\u00e4ufig unterbrochene und ziellos wirkende Erkl\u00e4rung geben. Ich ertappe mich oft dabei, dass ich ein Spiel auf den Tisch packe und dann doch in der Anleitung nachlesen muss wie einzelne Regeln konkret formuliert sind. Oder wie ein Spiel einzelne Feinheiten handhabt. Einer Regelerkl\u00e4rung zuzuh\u00f6ren und sie zu verstehen, erfordert Konzentration. Wenn diese immer wieder aufgehoben wird, weil der Erkl\u00e4rende selbst noch was nachlesen muss, dann wirkt sich das sowohl auf das Spielverst\u00e4ndnis als auch auf das Spielgef\u00fchl aus. Es wird &#8211; gerade in den ersten Spielrunden &#8211; ein sehr stockendes, von bereits beantworteten Fragen durchl\u00f6chertes Spielen nach sich ziehen. Der Ersteindruck ist dann unvermeidlich, dass es sich bei dem Spiel um eines mit einer holprigen Lernkurve handelt, welches nach den ersten paar Runden ganz flott l\u00e4uft.<\/p>\n<p>Wenn ich es irgendwie einrichten kann, lese ich mir Regeln im Vorfeld mehrmals durch und mache mir Gedanken wie ich bestimmte Kerninformationen gut zusammenfassen und erkl\u00e4ren kann. Dazu geh\u00f6rt auch, dass ich mir ein klares Bild dar\u00fcber mache, welche Regeln f\u00fcr den Spielflu\u00df wichtig sind. Das hei\u00dft, welche Spielregeln selbst bei kleinster Fehlanwendung weitreichende Auswirkungen auf das Spielgef\u00fchl haben.<\/p>\n<p>Ziel einer guten Vorbereitung ist nicht das reine Auswendiglernen s\u00e4mtlicher Feinheiten und Sonderf\u00e4lle, die sich im Spiel ergeben k\u00f6nnen, sondern ein unersch\u00fctterliches Verst\u00e4ndnis des Spielkerns. Man muss jederzeit die Regeln erkl\u00e4ren k\u00f6nnen mit denen das Spiel Ziele und Anreize liefert.<\/p>\n<p><strong>Ziele und Anreize (oder Warum machen wir das?)<\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_19408\" aria-describedby=\"caption-attachment-19408\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-19408\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/20200202_134034-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-19408\" class=\"wp-caption-text\">Regelhilfe aus den Augen eines unerfahrenen Spielers<\/figcaption><\/figure>\n<p>Menschen verfolgen mit ihrem Handeln konkrete Ziele und haben daf\u00fcr auch ihre Gr\u00fcnde. Ob ihre Handlungen tats\u00e4chlich zum ausgew\u00e4hlten Ziel f\u00fchren, kl\u00e4rt sich meist erst am Ende des Spiels. Unabh\u00e4ngig davon beurteilt man die einzelnen Aktionsm\u00f6glichkeiten danach, wie sehr sie einem helfen diese Ziele zu erreichen. Kann man seine Ziele nicht richtig zu fassen bekommen, so fehlt die Grundlage, um eine sinnvolle Entscheidung zu f\u00e4llen. Wenn ich nicht wei\u00df wohin ich reisen will, kann ich nur schwer entscheiden ob ich den Weg mit dem Fahrrad, im Zug oder zu Fu\u00df antreten werde. Ein Ziel ist jedoch nicht allein als Siegbedingung zu verstehen. Spiele, die eine Erkl\u00e4rung ben\u00f6tigen, bieten immer Zwischenziele, die man erreichen muss, um sich f\u00fcr eine der Siegbedingungen zu qualifizieren. Das Spielverst\u00e4ndnis w\u00e4chst zu einem gro\u00dfen Teil daraus eben diese zu erkennen. Zu wissen, dass ich bei Catan 10 Punkte erreichen muss, um das Spiel zu gewinnen, hilft mir nicht zu verstehen welchen Zweck der Handel mit Ressourcen hat oder warum eine Stra\u00dfe zu bauen manchmal sinnvoller ist als eine Siedlung aufzuwerten. Wenn ich aber die Zwischenziele darlege, die mir helfen Punkte zu machen (z.B. l\u00e4ngste Stra\u00dfe, St\u00e4dte, etc.), so habe ich umgehend einen Ma\u00dfstab an dem ich den Wert einzelner Aktionen messen kann.<\/p>\n<p>Damit ich mich in einem Spiel zurecht finden kann, muss ich verstehen wie und warum einzelne Regeln miteinander verkn\u00fcpft und verschachtelt sind. Damit das Spiel einen Sinn ergibt, muss ich die Absicht hinter den Regeln erkennen k\u00f6nnen. Eine gute Spielerkl\u00e4rung legt diese Dinge offen, damit Spieler fundierte und bewusste Entscheidungen f\u00e4llen k\u00f6nnen. Ein Spiel zu verstehen, hei\u00dft nicht nur den Rundenablauf aufsagen zu k\u00f6nnen, sondern in der Lage zu sein zielgerichtet und vors\u00e4tzlich Entscheidungen f\u00e4llen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Kontext und Veranschaulichung (oder Wie ergibt das einen Sinn?)<\/strong><\/p>\n<p>In den meisten F\u00e4llen sind diese Ziele und Zwischenziele sehr abstrakt gehalten. Es kann sich um Punkte auf einer Leiste handeln. Oder um das Verh\u00e4ltnis zwischen roten Spielsteinen und blauen Spielsteinen hinter dem eigenen Sichtschirm. Mit ausreichend \u00dcbung und Erfahrung ist dieser Abstraktionsgrad f\u00fcr Vielspieler keine H\u00fcrde mehr. Irgendwann sieht man nur noch die Abstraktionen auf dem Spielbrett. Ich stelle mir das meist wie das Finale aus Matrix vor, wenn Neo zum ersten Mal nur noch den Programmiercode um sich herum sieht und nicht mehr die fotorealistische Welt, in der er sich bewegt. Dieser Blick auf ein Spiel bringt einen Haufen anderer Probleme mit sich, die aus dem Akt des Spielens eine aufw\u00e4ndige Form des Wettrechnens machen.<\/p>\n<p>Es gibt einige Spiele, die darauf angelegt sind, genau das zu verhindern. Gerade bei diesen Spielen, hat es sich f\u00fcr mich bew\u00e4hrt die Spielerkl\u00e4rung mit Hilfe des Hintergrundes zu veranschaulichen. Dabei reicht es selten hier lediglich die thematischen Begrifflichkeiten des Regelbuchs wiederzugeben, um das Spielmaterial zu benennen. Vielmehr achte ich darauf, dass die Aktionen nicht nur als reine Ursache-Wirkung-Ketten dargelegt werden, sondern bette diesen in den Spielhintergrund ein. Das hat zum einen zur Folge, dass das Thema als unverzichtbarer Bestandteil des Spielerlebnisses behandelt wird. Aber was viel wichtiger ist: die Informationsdichte der Regelerkl\u00e4rung wird so aufgelockert. In Kombination mit gelegentlicher Wiederholung bereits erkl\u00e4rter Regeln, kann der Kopf hier kurz aufatmen. Aus zwei gelben W\u00fcrfeln wird ein brauner W\u00fcrfel. Aus zwei Sack Weizen wird eine Ladung Brot. Eure Feldarbeiter bringen die Ernte des Tages ein und nach einem kurzen Schw\u00e4tzchen geht das ganze in Richtung M\u00fchle, wo der M\u00fcller mit dem B\u00e4cker zusammen daraus Brot f\u00fcr eure Siedlung macht. Eine erz\u00e4hlerisch dargelegte Regel kann Spielern helfen, die das bereits geh\u00f6rte noch kurz verarbeiten m\u00fcssen. Aber sie kann Spieler auch st\u00f6ren, wenn sie bereit sind weitere Informationen aufzunehmen. Es hilft hier seine gesamte emotionale Intelligenz zum Tragen zu bringen.<\/p>\n<p>Spiele, die abstrakter konzipiert sind und weniger Bezug zu ihrem Hintergrund einfordern, lassen sich gut erkl\u00e4ren, in dem man veranschaulicht, wie sich eine Aktion auf andere Spieler auswirkt. Welche Informationen werden zum Beispiel indirekt preisgegeben, wenn man bei Hanabi genau eine Karte als Gr\u00fcn identifiziert? Was sagt es \u00fcber die Kartenhand eines Spielers bei <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/die-crew-reist-gemeinsam-zum-9-planeten\/\">Die Crew<\/a> aus, wenn dieser die Farbe des Stichs nicht bedient und stattdessen eine sehr hohe Karte abwirft? Diese Veranschaulichung an Hand des thematischen Hintergrundes oder der Spielinteraktionen erdet die ansonsten abstrakten Regelerkl\u00e4rungen in etwas Greifbarem. Sie gibt ihnen Substanz und damit dem Spielerlebnis eine gewisse F\u00fclle.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde gerne behaupten, dass ich diese drei Punkte konsequent und fehlerfrei umsetze und darum jede meiner Spielerkl\u00e4rungen perfekt abl\u00e4uft. Ich w\u00fcrde mir durchaus etwas drauf einbilden, wenn es so w\u00e4re. Oft ertappe ich mich dabei zu wenig Zeit in die Vorbereitung gelegt, manche Ziele nicht ausreichend klar aufgezeigt oder Regeln praktisch zusammenhangslos erw\u00e4hnt zu haben. Ich kann aber meine erfolgreichen und misslungenen Regelerkl\u00e4rungen immer daran festmachen wie eng ich den drei erw\u00e4hnten Prinzipien gefolgt bin.<\/p>\n<p>Vielleicht kann der eine oder andere Leser damit auch etwas anfangen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Spiel erkl\u00e4ren bzw. neuen Spielern beibringen ist f\u00fcr die meisten Gruppen die Phase in der sich entscheidet, ob es noch mal auf den Tisch kommen wird oder nicht. Das liegt zum Einen daran, dass die Spielerkl\u00e4rung den Rahmen setzt in dem die erste Runde wahrgenommen wird. 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