{"id":17952,"date":"2018-12-02T11:01:53","date_gmt":"2018-12-02T09:01:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=17952"},"modified":"2019-01-28T21:48:40","modified_gmt":"2019-01-28T19:48:40","slug":"besser-gehts-nicht-das-thema-brettspielkritik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2018\/12\/02\/17952\/","title":{"rendered":"Besser Geht\u2018s Nicht? \u2013 Das Thema Brettspielkritik"},"content":{"rendered":"<p>Mit der Ank\u00fcndigung eines <a href=\"https:\/\/www.spiel-des-jahres.com\/de\/tag-der-brettspielkritik\">Tages der Brettspielkritik<\/a>, habe auch ich mich dabei ertappt wieder \u00fcber Kritiken nachzudenken. Insbesondere habe ich mir erneut den <a href=\"https:\/\/www.spiel-des-jahres.com\/de\/bessere-spiele-und-bessere-spieler\">Artikel von Dr. Synes Ernst<\/a> angeschaut. Mein erster Eindruck damals war, dass ich die Richtung und auch die Geste des Textes begr\u00fc\u00dfte, aber im Einzelfall dann doch nicht ganz zustimmen konnte. Sprich, im Gro\u00dfen und Ganzen stimme ich dem Anliegen des Autors zu, es sind nur die feineren Punkte, die mir etwas quer liegen.<\/p>\n<p>Das Bed\u00fcrfnis sich mit dem Themenkomplex Brettspiel kritischer, ambitionierter und anspruchsvoller auseinander zu setzen, teile ich uneingeschr\u00e4nkt. Auch das gro\u00dfe Ziel \u201eBessere Spiele und bessere Spieler\u201c zu erreichen, kann ich ohne zu z\u00f6gern unterschreiben.<\/p>\n<p>Aber wie genau sieht das aus? Wie l\u00e4sst sich der Bogen von der Rezension eines Kaufgegenstandes hin zur Besprechung eines Kulturobjekts genau schlagen? Der Vorschl\u00e4ge gibt es viele, und die meisten scheinen vornehmlich damit besch\u00e4ftigt zu sein die Unzul\u00e4nglichkeiten der derzeitigen Situation zu benennen. Allen voran die mit Regelerl\u00e4uterungen (oder schlimmer noch strategischen Erkl\u00e4rungen) aufgebl\u00e4hten Rezensionen, die aus der Spielbesprechung bestenfalls eine erweiterte Werbesendung machen.<\/p>\n<p>Denn Spielregeln detailliert zu erl\u00e4utern macht vor allem dann Sinn, wenn man ein Kaufprodukt vorstellen m\u00f6chte. Es wird gezeigt wie das Produkt funktioniert, seine vielseitige Anwendbarkeit erkl\u00e4rt und die einzelnen Besonderheiten erl\u00e4utert. Die Besprechung gleicht hier eher einer Informationsdarbietung, als einer Spielkritik. Das h\u00e4ufig aufgef\u00fchrte Gegenargument lautet, dass dem Publikum der Spielkontext erl\u00e4utert werden muss, bevor eine Bewertung m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Dieser Einwand ist auch nicht vollkommen aus der Luft gegriffen. Schaut man sich als Vergleich Filmbesprechungen an, findet man auch hier einen kurzen Umriss der Handlung. Aber der erfahrene Cineast wei\u00df hier schnell die Spreu vom Weizen zu trennen, den nuancierten Filmkritiker vom L\u00fcckenf\u00fcller. Eine gute Besprechung legt den Plot nicht detailliert dar. In vielen F\u00e4llen reicht es neben der Grundidee bereits aus nur punktuell Ereignisse anzudeuten. F\u00fcr eine Spielkritik gilt das Gleiche. Die Grundidee, der Kernmechanismus soll nur kurz umrissen werden und dann ZACK\u2026 geht\u2018s ans Eingemachte!<\/p>\n<p>Ein weiterer Punkt, den der werte Dr. Ernst auff\u00fchrt, ist die notwendige Kenntnis des Themas, um eine Spielkritik zu verfassen. Das scheint so einleuchtend wie trivial. Wenn man ein Spiel nicht kennt, kann (und sollte) man es auch nicht besprechen. Sicherlich kann ein gewiefter Schreiberling ein St\u00fcck Performancekunst daraus zaubern ein Spiel allein aufgrund anderer Kritiken und der allgemein erh\u00e4ltlichen Informationen zu besprechen; aber wenn es darum geht eine gute, ja sogar bessere Spielkritik zu schreiben, muss man das Spiel selbstverst\u00e4ndlich gespielt haben. Aber dann kommt die Einschr\u00e4nkung, dass man dieses Spiel mit unterschiedlichen Gruppen gespielt haben muss\u2026 und da muss ich den Kopf sch\u00fctteln.<\/p>\n<p>Nein, man muss ein Spiel nicht in unterschiedlichen Besetzungen spielen, um es fundiert besprechen zu k\u00f6nnen. Ja, es stimmt man nur eingeschr\u00e4nkt darlegen wie gut das Spiel als Konsumprodukt funktioniert, wenn man es nur mit \u201cseiner\u201d Gruppe kennt. Ja, es ist auch richtig, dass man mit Hilfe unterschiedlicher Spielerfahrungen in verschiedenen Gruppen eher erkennen kann wo sich Besonderheiten oder Eigenarten des Spiels abzeichnen. Man muss sich jedoch fragen, ob eine gute Kritik sich dadurch auszeichnet, dass sie ein Urteil \u00fcber das Spiel in vielf\u00e4ltigen Variationen f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Legt man an Spielekritiker jedoch einen solchen Ma\u00dfstab an, werden ein Gro\u00dfteil der Stimmen ausgeschlossen, die lediglich eine Spielgruppe zur Verf\u00fcgung haben, um Spiele auszuprobieren. Gibt es denn die gleichen Anforderungen bei Filmkritiken? M\u00fcssen die Kritiker dort einen Film in unterschiedlichen Situationen schauen, z.B. im Pressescreening, Mitternachtspreviews oder mit ganz normalen Kinog\u00e4ngern? Auf unterschiedliche Spielgruppen zur\u00fcckgreifen zu k\u00f6nnen ist ein Luxus. Es ist ein Hilfsmittel auf welches man durchaus zur\u00fcckgreifen darf und soll, wenn es ein Spiel nahelegt. Aber als notwendige Bedingung, um eine gehobene Spielkritik zu verfassen, bringt sie mehr Schaden als Nutzen. Ein kritischer Diskurs braucht Vielfalt, und nicht Gr\u00fcnde, um Teilnehmer auszugrenzen.<\/p>\n<p>Derzeit scheint mir die noch gr\u00f6\u00dfte H\u00fcrde f\u00fcr Brettspielkritiken vor allem darin zu liegen, dass klare Positionen bereits im Vorfeld als rein subjektiv oder elit\u00e4r verunglimpft werden. Diese ablehnende Grundhaltung f\u00fchrt dazu, dass die Ma\u00dfst\u00e4be die Kritiker anlegen oft diffus, schwer artikulierbar und bestenfalls indirekt herleitbar sind. Das hat viel Recherche f\u00fcr das Publikum zur Folge, wenn man herausfinden will, ob und wie fundiert eine Kritik ist. Die meisten Leute suchen sich stattdessen einen Rezensenten, der die gleichen Spiele lobt und ablehnt, wie sie selbst. Das hei\u00dft zwar nicht, dass diese Kritiken fundierter sind, aber dass die Kaufentscheidung damit einfacher f\u00e4llt.<\/p>\n<p>Eine Spielbesprechung hat in der Regel zwei gegens\u00e4tzliche, aber nicht unvereinbare, Zielsetzungen. Auf einer Seite steht die Rezension und auf der anderen die Kritik. Erstere soll eine Kaufentscheidung leiten bzw. eine Empfehlung f\u00fcr das Publikum aussprechen. Letztere zielt darauf ab den Diskurs voran zu treiben und \u00fcber die Begrenzungen des einzelnen Spiels hinauszugehen. Wenn vom Wunsch der besseren Spiele f\u00fcr bessere Spieler die Rede ist, dann ist die ambitionierte Spielkritik ein Weg dorthin. Vielen ist die Produktvorstellung und einfache Pr\u00fcfung auf Funktionst\u00fcchtigkeit jedoch genug, um als Brettspielkritik in Form einer Rezension ver\u00f6ffentlicht zu werden.<\/p>\n<p>Eine Rezension stellt immer einen direkten Austausch zwischen Verlag und Rezensent dar. Mit Hilfe eines Rezensionsexemplar wird f\u00fcr das Spiel \u00fcber das Mittel der Rezension Werbung gemacht. Je mehr Rezensionen im Umlauf sind, umso mehr Spieler werden von dem Spiel h\u00f6ren und um so h\u00f6her ist die Wahrscheinlichkeit, dass einzelne sich selbst ein Bild vom Spiel machen wollen. Dabei spielt das Urteil der Rezension nur dann eine nennenswerte Rolle, wenn es sich um einen bekannten Rezensenten handelt. Ein Verriss eines Tom Vasel kann ein Spiel am Englisch-sprachigen Markt schon mal versenken.<\/p>\n<p>Ein enthusiastisches Lob von Shut Up &amp; Sit Down f\u00fchrt schon mal schnell dazu, dass der Lagerbestand verschiedener L\u00e4den in wenigen Tagen ausverkauft ist. Am Rande sei hier angemerkt, dass keiner der beiden sich verpflichtet f\u00fchlt Rezensionsexemplare als solche zu markieren. Warum sich also Rezensenten mit merklich weniger Marktauswirkung solcher Danksagungsarien und Verlagshuldigungen hingeben sollen, erschlie\u00dft sich mir nicht. Das ist nicht Transparenz. Vielmehr wird damit suggeriert, dass der Rezensent dem Verlag etwas f\u00fcr seine Marketingarbeit schuldet. Es wird eine Abh\u00e4ngigkeit vom Verlag eingestanden, die den Rezensenten sofort in die Defensive dr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Eine Spielbesprechung, die sich vornehmlich damit besch\u00e4ftigt wie und ob das Spiel funktioniert, wird immer in einer Art der Kaufempfehlung m\u00fcnden. Die Antworten auf \u201cWas macht man in diesem Spiel?\u201d und \u201cMacht das Spa\u00df?\u201d nehmen zwar gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche R\u00fccksicht auf das Publikum als Spielk\u00e4ufer, aber ignorieren dabei, dass sich in diesem Hobby auch Kultur ausdr\u00fcckt und manifestiert.<\/p>\n<p>Aber genau das ist es was eine gute Kritik leisten kann. Sie strebt nicht danach dem Publikum zu dienen und deren Spielauswahl aufzubessern. Eine Kritik ist eine Bewertung des Spielerlebnisses und ein Urteil \u00fcber das Spiel, welches dieses Erlebnis erm\u00f6glicht hat. Sie hat als einziges Ziel ehrlich und mit einem deutlichen, wertenden Standpunkt \u00fcber Spiele zu sprechen. Hier trifft es Synes Ernst genau: keine Wischi-Waschi Aussagen, keine Einschr\u00e4nkungen und keine \u201cwer sowas mag, der wird sowas m\u00f6gen\u201d Phrasenh\u00fclsen.<\/p>\n<p>Damit sich die Spielkritik eines Tages auf einer Augenh\u00f6he mit Film- und Literaturkritik bewegen kann, muss sie \u00fcber ihre Identit\u00e4t als werbung-treibende Kaufhilfe hinauswachsen. Sie muss \u00fcber mehr sprechen d\u00fcrfen als die Frage, ob ein Spiel Spa\u00df macht. Dabei geht es nicht darum die derzeit typischen Rezensionen zu verdr\u00e4ngen oder abzul\u00f6sen.<\/p>\n<p>Es wird immer Bedarf an Rezensionen geben. Bei der \u00fcberwaltigenden Zahl an Neuerscheinungen jedes Jahr hilft es eine verl\u00e4ssliche Stimme zu haben, die einen durch die Flut an toll aussehenden Spielen f\u00fchrt. Nicht nur weil unser aller finanziellen Mittel begrenzt sind, sondern weil wir auch nicht genug Zeit haben wirklich jedes Spiel auszuprobieren, dass vielversprechend aussieht. Aber wer will, dass sich Spielkritiken nicht mehr hinter Film- oder Literaturkritiken verstecken m\u00fcssen, der muss an Spiele auch andere Ma\u00dfst\u00e4be anlegen als nur die Frage, ob sie Spa\u00df machen oder\u00a0 ob sie ihr Geld wert sind.<\/p>\n<p>Sei es auch nur, um zu zeigen, dass es m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Georgios<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit der Ank\u00fcndigung eines Tages der Brettspielkritik, habe auch ich mich dabei ertappt wieder \u00fcber Kritiken nachzudenken. Insbesondere habe ich mir erneut den Artikel von Dr. Synes Ernst angeschaut. Mein erster Eindruck damals war, dass ich die Richtung und auch die Geste des Textes begr\u00fc\u00dfte, aber im Einzelfall dann doch nicht ganz zustimmen konnte. 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