{"id":17581,"date":"2018-07-23T16:28:40","date_gmt":"2018-07-23T14:28:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=17581"},"modified":"2018-07-23T22:53:15","modified_gmt":"2018-07-23T20:53:15","slug":"vor-ort-spiel-des-jahres-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2018\/07\/23\/17581\/","title":{"rendered":"Vor Ort &#8211; Spiel des Jahres 2018"},"content":{"rendered":"<p>Es ist 10 Uhr. Drau\u00dfen brennt die Sonne und wir haben uns, wie es dem Brettspieler-Klischee entspricht, in die schattigen, k\u00fchlen und gediegenen R\u00e4umlichkeiten des Swiss\u00f4tel Berlin zur\u00fcckgezogen. Die Preisverleihung des Spiel des Jahres steht an. Der prestige-tr\u00e4chtigste Preis, den dieses Hobby bzw. diese Industrie vorzuweisen hat. Auch wenn einige sich im Vorfeld nicht zur\u00fcckhalten k\u00f6nnen ihre digge Gleichg\u00fcltigkeit zum Thema ungefragt zu erw\u00e4hnen. Oder auch die geringe Relevanz, die der Preis f\u00fcr den einzelnen Vielspieler oder Kenner darstellt. Auch das ist naheliegend, denn wer nicht in der Branche arbeitet ist, der wird von den direkten Folgen des Preises auch nicht ber\u00fchrt werden. Aber so ein roter P\u00f6ppel auf der Schachtel (und der schwarze in geringerem Ausma\u00df ebenfalls) macht f\u00fcr einen Verlag und einen Autor schon sehr viel aus. \u201eDie Druckerei ist schon vorgewarnt. Wenn der Preis kommt, geht heute noch das Go, um die n\u00e4chste Auflage in den Druck zu schicken.\u201c vertraut mir Thorsten Gimmler von Schmidt Spiele an. Er gibt zu nerv\u00f6s zu sein, auch wenn Schmidt Spiele mit zwei Nominierungen im Kennerspiel gute Karten hat. Letztendlich hat sich Asmodee 2016 mit zwei Nominerungen \u00e4hnliche Hoffnungen gemacht, die dann doch zerschlagen wurden. Gimmler und Autor Wolfgang Warsch k\u00f6nnen sich aber freuen. <a href=\"https:\/\/www.spiel-des-jahres.com\/de\/die-quacksalber-von-quedlinburg\">Die Quacksalber von Quedlinburg<\/a> erh\u00e4lt die Auszeichnung und schl\u00e4gt damit Heaven &amp; Ale, welches vielen schon zu tief im Expertensegment liegt; aber auch das leichtere Roll &amp; Write Spiel Ganz Sch\u00f6n Clever (ebenfalls von Warsch bei Schmidt Spiele). Aus der vordersten Sitzreihe der Autoren entweicht Warsch sogar ein kurzer Aufschrei, als sein Spiel auf dem gro\u00dfen schwarzen Siegerp\u00f6ppel in Erscheinung tritt. Die Emotionen sind da. Warum auch nicht? Schlie\u00dflich ist das die Anerkennung der Fachpresse, als auch der Fu\u00df in der T\u00fcr f\u00fcr weitere Spielideen, die man gro\u00dfen Verlagen anbieten will.<\/p>\n<p>Ein Punkt, den auch Matt Leacock wiederholt. Nat\u00fcrlich ist diese Auszeichnung etwas Besonderes, selbst wenn seine Pandemie-Spiele oder die Forbidden-Reihe (Verbotene Insel, Vergessene Stadt und sp\u00e4ter dieses Jahr Forbidden Sky) viele Preise und hohe Verkaufszahlen verbuchen konnte. Er ist zum vierten Mal nach Berlin gekommen und kann erstmalig mit dem schweren Holzp\u00f6ppel f\u00fcr den Sonderpreis 2018 f\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.spiel-des-jahres.com\/de\/pandemic-legacy-season-2\">Pandemic Legacy Season 2<\/a> zur\u00fcckreisen. (Ein Objekt, dass man dem Zollschutz erstmal erkl\u00e4ren muss. Schlie\u00dflich ist er schwer und gro\u00df genug, um jemanden damit zu erschlagen.) Er ist, wie er sagt, noch immer sehr stolz darauf mit kooperativen Spielen in Verbindung gebracht zu werden. Einen gro\u00dfen Wurf wie Pandemie muss man auch erst mal leisten. Rob Daviau, sein Partner in der Aufsehen erregenden und uneingeschr\u00e4nkt empfehlenswerten Pandemic Legacy-Reihe, sieht das \u00e4hnlich. Er hatte noch nicht den Leonard Nimoy-Moment in dem er sich von seiner erinnerungsw\u00fcrdigsten und bekanntestn Kreation distanzieren will. Er ist der Mann, der das Legacy-Konzept bekannt gemacht hat. Er hatte zwar eine lange Karriere bevor er damit zu Bekanntheit kam, aber f\u00fcr die meisten Interviewer bleibt er der \u201eLegacy\u201c-Typ. Wir sprechen kurz \u00fcber sein letztes Spiel \u201eMountains of Madness\u201c und warum es vielleicht nicht so gut ankam wie erwartet. Das liegt zum einen sicherlich an der gro\u00dfen Flut an neuen Spielen jedes Jahr. Aber viele schienen auch \u00fcberfordert vom ungew\u00f6hnlichen Tonfall des Spiels: die Mischung aus solidem kooperativen Spiel und \u201ewhimsy\u201c. Ein Begriff, f\u00fcr den es im Deutschen keine direkte \u00dcbersetzung gibt, was Daviau so lustig findet, dass er es gleich in einen Tweet setzt. Whimsy liegt irgendwo zwischen verspielt, humorvoll und wechselhaft oder launisch. Das passte nicht ganz in die Erwartungen. Lovecraft ist schlie\u00dflich bierernst, wie kann ein solches Spiel Leichtigkeit und Humor erzeugen? Zu widerspr\u00fcchlich erscheinen die erlebten Emotionen. Denn darum geht es in einem Spiel in Wirklichkeit: Emotionen, die es zu wecken gilt und die Regeln, Komponenten und Konzepte, die die Gruppe dahin f\u00fchren. Zumindest geht Leacock so an die Sache heran und der Erfolg von Pandemie und der Sonderpreis der Spiel des Jahres Jury scheint das zu best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Der gro\u00dfe Sieger ist jedoch <a href=\"https:\/\/www.spiel-des-jahres.com\/de\/azul\">Azul<\/a> von Michael Kiesling. Beinahe einhellig als Gewinner vorhergesagt, haben doch viele \u2013 mich eingeschlossen \u2013 gehofft, dass der Underdog namens <a href=\"https:\/\/www.spiel-des-jahres.com\/de\/the-mind\">The Mind<\/a> vielleicht noch das Rennen macht. Denn gerade wenn es um Emotionen geht, scheint dieses Spiel \u2013 wie auch der kurze Videoeinspieler bei der Preisverleihung zeigt \u2013 genau diese zu wecken. Gel\u00e4chter, Freude und gemeinsames Aufheulen, wenn die falsche Karte gespielt wurde. Eine Vertreterin des NSV Verlags erw\u00e4hnt, dass die Lizenzen in ganz Europa bereits vor der Nominierung verkauft waren. So schnell hat sich der Ruf dieses Spiels verbreitet. Nach der Nominierung gab es Abnehmer in den USA und sogar Taiwan. The Mind braucht also kaum den Verkaufsschub, den der Sieger heute den Rest des Jahres (und vielleicht sogar dar\u00fcber hinaus) verbuchen darf. Aber auch <a href=\"https:\/\/www.spiel-des-jahres.com\/de\/luxor\">Luxor<\/a> von R\u00fcdiger Dorn (bei Queen Games erschienen) geht leer aus. So beeindruckend und genial das Kartensystem von Jury-Mitglied Martin Klein empfunden wurde, so kann es dann doch nicht gegen die geschliffene Pr\u00e4sentation von Azul antreten. Das Gleichgewicht aus Spieltiefe und Zug\u00e4nglichkeit konnte \u00fcberzeugen. Die zwei Stufen des Spiels vom friedlichen Nebeneinander bei dem jeder Spieler seine Auslage zu optimieren versucht, wie auch die des geschickten Ausbootens seiner Mitspieler weil man ihnen ganz dreist Minuspunkte einbrockt, ist repr\u00e4sentativ f\u00fcr das moderne Brettspiel 2018. Aber so will Martin Klein das nicht stehen lassen. Der Spiel des Jahres Preis geht nicht an das repr\u00e4sentative Spiel dieses Jahres, oder an das Beste. Daf\u00fcr hat der Markt jedes Jahr zu viele Facetten. Der Preist hat vielleicht etwas davon den Zeitgeist einzufangen. Ziel der Jury ist es das Spiel zu finden welches als Aush\u00e4ngeschild f\u00fcr das Hobby dienen kann. Es soll dem orientierungslosen Neuspieler einen Einstieg in das Hobby liefern. Es soll das Spiel sein von dem sich die Jury am ehesten verspricht, dass es Interesse am Spiel weckt, Lust auf mehr macht und \u2013 wie es immer so hochtrabend hei\u00dft \u2013 das Kulturgut Brettspiel verbreitet. So ist die Entscheidung f\u00fcr Azul nur konsequent, wenn auch wenig gewagt. Aber es ist ein Spiel, welches Anf\u00e4nger kaum verschrecken wird. Es erlaubt Entdeckungen und \u00dcberraschungen, auch bei mehrmaligem Spiel. Die Unbefangenheit mit der man an Azul gehen kann, nimmt dem neuen Spieler vielleicht die Unsicherheit sich an die vielen anderen, bunten und geheimnisvollen Schachteln zu wagen, die beim H\u00e4ndler im Regal stehen und so viel Spa\u00df versprechen.<\/p>\n<p>Im Presseraum nach der Verleihung ist Azuls Autor Michael Kiesling kaum aufzufinden. Er tritt f\u00fcr ein paar Interviews mit der Presse auf und ist dann sp\u00e4ter, sehr zum \u00c4rgernis der Podcaster, Blogger und Videomenschen, kaum aufzufinden. Es ist nicht ganz klar warum er fehlt. Vielleicht ist ihm das Theater um sein Spiel zu gro\u00df. Vielleicht hat er auch nur etwas Schlechtes gegessen. Aber w\u00e4hrend die ersten wieder abreisen m\u00fcssen, da manchen stundenlange Fahrten bevorstehen, bleiben noch einige zur\u00fcck um die Veranstaltung auf sich wirken zu lassen. Die etablierten Medien reiben sich hier die Schultern mit den de facto Volont\u00e4ren. Nat\u00fcrlich kommt da ein klein wenig Unmut auf, wenn Rezensionsexemplare abgeholt werden, das Buffet kurz goutiert und dann der R\u00fcckweg angetreten wird. Es ist ein ganz hobby-spezifischer Konflikt, der sich hier \u00e4u\u00dfert. Einer der jede Zusammenarbeit mit Rezensenten fast auf eine Stufe mit Betrug stellt, wenn das Rezensionsexemplar nicht ausdr\u00fccklich in der Besprechung erw\u00e4hnt wird. Schon allein die Anwesenheit an einer solchen Veranstaltung weckt bei manchen die Angst, dass da zwischen Presse und Verlagen Absprachen stattfinden. Oder dass sich ein Insider-Club der coolen Leute bildet, bei denen andere au\u00dfen vor bleiben. Als Brettspieler ist man auf solche Gruppenbildungen und Ausschl\u00fcssen oft sehr schlecht zu sprechen. Damit kann man nat\u00fcrlich hadern und etwas bitter werden.<\/p>\n<p>Oder man kann sich von diesem Ballast l\u00f6sen und erkennen, dass hier Produkte gelobt werden, weil sie Menschen erlauben sich kennen zu lernen, wie Matt Leacock es sieht oder man \u00fcber seine Arbeit als Rezensent seine besten Freunde kennenlernt, wie es Martin Klein erlebt hat. Beim Spiel geht es zwar um Emotionen, aber beim Spielen sind es die Menschen, die eigentlich im Mittelpunkt stehen. Jede dieser Interaktionen, ob am Tisch, auf einer solchen Veranstaltung, im Interview oder in Online-Kommentaren\u2026 ist eine Chance die Verbindung mit anderen zu suchen. Der Spiel des Jahres Preis ist f\u00fcr Autoren und Verlage ein wichtiger Meilenstein f\u00fcr die professionelle Entwicklung. F\u00fcr die Fachpresse ist es ohne Frage eine M\u00f6glichkeit Kontakte zu kn\u00fcpfen, um in Zukunft besser und umfangreicher berichten zu k\u00f6nnen. Aber f\u00fcr den Spieler in jedem von uns, ist dieser Preis ein Fixpunkt an dem man sich treffen kann. Drei nominerte Spiele, die man den Menschen, die abseits des Hobbies leben, nahe legen kann und Spiele \u00fcber die man vorz\u00fcglich debattieren, sinnieren und, ja, auch streiten kann. Weil sie ein Vorh\u00e4ngeschild f\u00fcr und eine Einladung in das Hobby darstellen.<\/p>\n<p>In diesem Sinne\u2026 wir sehen uns demn\u00e4chst am Spieltisch!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist 10 Uhr. Drau\u00dfen brennt die Sonne und wir haben uns, wie es dem Brettspieler-Klischee entspricht, in die schattigen, k\u00fchlen und gediegenen R\u00e4umlichkeiten des Swiss\u00f4tel Berlin zur\u00fcckgezogen. Die Preisverleihung des Spiel des Jahres steht an. 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