{"id":17567,"date":"2018-07-15T13:37:52","date_gmt":"2018-07-15T11:37:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=17567"},"modified":"2019-01-28T21:50:18","modified_gmt":"2019-01-28T19:50:18","slug":"der-luxus-des-notwendigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2018\/07\/15\/17567\/","title":{"rendered":"Der Luxus des Notwendigen"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt einige Themen, die in Spielerkreisen immer wieder an die Oberfl\u00e4che kommen. Wie ein alter Filmklassiker, ein falscher Fuffziger, oder halt ein gro\u00dfes Mi\u00dfgeschick im Freibad. Eines dieser Themen, welches erfahrene Spielefans schon bei der ersten Andeutung die Augen verdrehen lassen, sind Spielepreise. Wie viel kostet ein Spiel? Wie viel darf ein Spiel eigentlich kosten und warum? Ist es Wucher wenn ein Spiel eine bestimmte Preisgrenze \u00fcberschreitet? Ich bin zwar der Ansicht, dass die Branche einen gesunden Umsatz erreichen sollte, damit Menschen die darin arbeiten auch davon leben k\u00f6nnen; bin aber auch der Meinung, dass Spiele zug\u00e4nglich sein m\u00fcssen und damit auch immer innerhalb eines bestimmten Preissegmentes bleiben sollten. Aber das ist heute nicht das Thema. Viel bemerkenswerter fand ich einen Kommentar, den ich schon oft geh\u00f6rt habe und den viele Spieler mittlerweile schon pr\u00e4ventiv in den Raum werfen, nur um sich in ihren Meinungs\u00e4u\u00dferungen nicht gleich wieder rechtfertigen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Spiele sind Luxusg\u00fcter.<\/p>\n<p>Es ist ein mittlerweile gut abgenutzter und auch vielseitiger Holzhammer, mit dem man jeglichen Versuch einer Debatte schnell und effizient zerschlagen kann. Spiele sind Luxusg\u00fcter, also ist schon der Ansatz differenziert dar\u00fcber zu reden, vermessen und l\u00e4cherlich. Wie jedes Argument, das Menschen einsetzen um anderen den Mund zu verbieten, steckt ein Funken eines Splitters eines Hauchs einer angemessenen Beobachtung darin: wer \u00fcber Spiele spricht, sollte sie auch in den richtigen Kontext setzen. \u00dcber diesen angemessenen Kontext sollten wir vielleicht mal sprechen.<\/p>\n<p>Der Begriff Luxus tr\u00e4gt bereits vielerlei Annahmen und unausgesprochen Wertungen mit sich. Die vielleicht offensichtlichste ist, dass ein Luxusobjekt im Kern etwas \u00dcberfl\u00fcssiges ist. Man w\u00fcrde von heute auf morgen sofort darauf verzichten, wenn etwas irgendwie bedeutsameres daherkommen w\u00fcrde. Mehr noch, Luxus steht f\u00fcr etwas latent Dekadentes und Verschwenderisches. Wer seinen Luxusg\u00fcter zu viel Bedeutung beimisst, legt ein beinahe schon anst\u00f6\u00dfiges Verhalten an den Tag. Diese Dinge hat man sich zu g\u00f6nnen. Sie haben neben und unter der t\u00e4glichen Schufterei und den schweren Lasten des Alltags zu existieren. Die N\u00e4he zum Eskapismus bedeutet auch, dass ein Spiel etwas frivoles und Unsittliches mit sich tr\u00e4gt, wenn man wagt es nicht als triviale Nichtigkeit abzutun.<\/p>\n<p>Ich f\u00fchle mich bez\u00fcglich Spielen eher Bill Shankly verbunden, der mal \u00fcber den Fu\u00dfball sagte:<\/p>\n<blockquote><p><a href=\"https:\/\/de.wikiquote.org\/wiki\/Bill_Shankly\">Manche halten Fu\u00dfball f\u00fcr eine Sache von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann ihnen versichern, dass es viel ernster ist.<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>Meine Sicht auf Spiele ist stark von Johan Huizinga gepr\u00e4gt, und ich halte die enge Verbindung zwischen Spiel und Kultur f\u00fcr absolut nicht anzweifelbar. Das Verspielte ist ein Grundbestandteil des menschlichen Wesens. Das macht es zu einem wichtigen Einflu\u00df in unserer Kultur und in unserer Gesellschaft. Man muss sich nur anschauen wie sehr das Konzept des Spiels sich durch alle Facetten unserer Gesellschaft zieht. Angefangen bei den allgegenw\u00e4rtigen Aufgaben vor die uns digitale Spiele auf Handy und Konsolen stellen. \u00dcber die stark formalisierten und ritualisierten Formen wie wir sie in verschiedenen Fiktionsmedien im Theater oder Film genie\u00dfen. Bis hin zu den unterschiedlichen Rollen in die wir schl\u00fcpfen, wenn wir uns von einer sozialen Gruppe in die n\u00e4chste bewegen. (<a href=\"https:\/\/youtu.be\/XthLQZWIshQ\">Sorry to Bother You<\/a> greift diese Idee des Code-Switching auf und nutzt das als zentrale Metapher.)<\/p>\n<p>Der Grund daf\u00fcr ist, dass Spielen eben nicht nur daraus besteht Ziele gesetzt zu bekommen und diese dann zu erf\u00fcllen. Auch wenn unreflektierte Gamification-Ans\u00e4tze versuchen das so in den Alltag zu quetschen. Das Spiel ist auch eine Art Gemeinschaften zu bilden. Der Magic Circle (Huizinga) trennt nicht nur das Spiel vom Alltag. Es verwandelt die einzelnen Spielenden f\u00fcr kurze Zeit in eine eingeschworene Truppe die zusammengeh\u00f6rt, gemeinsam handelt und in der Gruppe erlebt. Das Spiel gibt uns eine Form der Gruppenzugeh\u00f6rigkeit und damit eine weitere Facette unserer Identit\u00e4t. Wir sind Spieler. Wir sind Teil der Spielgruppe. Wir sind Teil eines gr\u00f6\u00dferen Hobbies. Wir \u201egeh\u00f6ren dazu\u201c. Genau das ist und genau so entsteht Kultur.<\/p>\n<figure id=\"attachment_17568\" aria-describedby=\"caption-attachment-17568\" style=\"width: 169px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-17568\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180412_0742372-e1531652385999-169x300.jpg\" alt=\"\" width=\"169\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180412_0742372-e1531652385999-169x300.jpg 169w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180412_0742372-e1531652385999-84x150.jpg 84w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180412_0742372-e1531652385999-768x1365.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180412_0742372-e1531652385999-394x700.jpg 394w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180412_0742372-e1531652385999-370x658.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180412_0742372-e1531652385999-270x480.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180412_0742372-e1531652385999-281x500.jpg 281w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/20180412_0742372-e1531652385999-740x1316.jpg 740w\" sizes=\"auto, (max-width: 169px) 100vw, 169px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-17568\" class=\"wp-caption-text\">Hier abgebildet: sp\u00e4t-r\u00f6mische Dekadenz<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn Menschen als Spiele als dekadente Luxusobjekte abtun, dann wirkt das auf mich immer zutiefst lust- und kulturfeindlich. Wenn leidenschaftliche Spieler diese Begrifflichkeiten \u00fcbernehmen und ihr Hobby so unter den Scheffel stellen, dann mutet es schon fast an Selbstgei\u00dfelung. Als m\u00fcsste man sich daf\u00fcr entschuldigen, die Verbindung mit anderen Menschen zu suchen und zu pflegen. Als w\u00e4re es schamvoll die Zugeh\u00f6rigkeit zu anderen Menschen zu ben\u00f6tigen, statt jeden wachen Moment mit Arbeit und Produktivit\u00e4t zu verbringen.<\/p>\n<p>Spielen ist in meinen Augen ein menschliches Grundbed\u00fcrfnis, welches \u00fcberall eine Gelegenheit sucht ausgelebt zu werden. Auf unseren Handys, mit unseren Freunden oder in den kleinen Momenten auf der Arbeit, wenn wir den zerkn\u00fcllten Notizzettel von der Drei-Punkte-Linie hinter dem Schreibtisch in den Papierkorb werfen wollen. Aber auch Grundbed\u00fcrfnisse kann man \u00fcber lange Zeit hin ignorieren, bis sie evtl. sogar verk\u00fcmmern. Das beweist nicht, dass sie lediglich Luxus sind, sondern nur dass wir Menschen enorm anpassungsf\u00e4hig sind. So kann man zum Beispiel auf eine vielf\u00e4ltige Ern\u00e4hrung, regelm\u00e4\u00dfigen Sport und menschlichen Kontakt verzichten. Das ist nicht gesund, aber man bleibt dennoch am Leben. Spiele sind da nicht anders. Man kann sie von heute auf morgen aus seinem Alltag entfernen. Das ist nicht gesund. Aber man wird es \u00fcberleben. Vermutlich.<\/p>\n<p>Daher \u00fcberzeugt mich das Argument Spiele w\u00e4ren Luxus aus dieser Richtung mit Sicherheit nicht. Es hat meiner Meinung nach nur den Zweck eine n\u00e4here oder leidenschaftlicher Betrachtung des Themas abzuwiegeln. Aber auch der profit-orientierte Ansatz st\u00f6\u00dft bei mir aus \u00e4hnlichen Gr\u00fcnden auf wenig Gegenliebe. Der Versuch Spiele als Luxusg\u00fcter zu pr\u00e4sentieren, um so Preiserh\u00f6hungen dem K\u00e4ufer schmackhaft zu machen *husthustasmodeehusthust *st\u00f6\u00dft mir auf ganz eigene Art auf. Das einzig Dekadente an diesen vermeintlichen Luxusobjekten ist der Preis. Es scheint viel mehr darum zu gehen Menschen dazu zu verf\u00fchren mit ihren Errungenschaften zu prahlen. Die Kickstarter-Welle der letzten Jahre hat dieses Ph\u00e4nomen leider ma\u00dfgeblich beschleunigt und nach vorne gebracht. Die Vorbestell-Boutique f\u00fcr Brettspiele hat den freien Investorenmarkt f\u00fcr ungew\u00f6hnliche und unerprobte Spieleideen mittlerweile so gut wie abgel\u00f6st.<\/p>\n<p>Jetzt da die Convention-Saison langsam losgeht, wird auch vielerorts gest\u00f6hnt, dass es jedes Jahr zu viele neue Spiel gibt. Dass man sich gar nicht alles anschauen kann. Aber darin sehe ich eher die Chance Spiele endlich als allt\u00e4gliche Gebrauchsgegenst\u00e4nde zu etablieren und nicht mehr ulkige Kuriosit\u00e4ten mit Kindercharme. Ich w\u00fcnsche mir Spiele w\u00fcrden weniger als wertvolle Kunstobjekte f\u00fcr den Kenner oder kultiges Indie-Kleinod f\u00fcr den hippen Individualisten gelten. Stattdessen k\u00f6nnten wir Spiele doch auch als Hilfsmittel f\u00fcr Gemeinschaftlichkeit nutzen. So wie ein Ausflug mit der Familie, ein Abendessen mit Freunden oder ein Kinobesuch mit Kollegen.<\/p>\n<p>Nichts davon sollte Luxus sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt einige Themen, die in Spielerkreisen immer wieder an die Oberfl\u00e4che kommen. Wie ein alter Filmklassiker, ein falscher Fuffziger, oder halt ein gro\u00dfes Mi\u00dfgeschick im Freibad. Eines dieser Themen, welches erfahrene Spielefans schon bei der ersten Andeutung die Augen verdrehen lassen, sind Spielepreise. Wie viel kostet ein Spiel? 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