{"id":17061,"date":"2018-01-21T17:56:26","date_gmt":"2018-01-21T15:56:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=17061"},"modified":"2019-01-28T21:54:11","modified_gmt":"2019-01-28T19:54:11","slug":"civilization-ein-neuer-anfang","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2018\/01\/21\/17061\/","title":{"rendered":"Civilization &#8211; Ein neuer Anfang"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal muss man einfach einen Neuanfang wagen. Man muss einen Schritt zur\u00fcckgehen und ehrlich einsch\u00e4tzen wo man steht und einen harten Schlu\u00dfstrich ziehen. Man muss mit einem ungewohnten Ansatz und neuem Mut Aufgaben angehen. Aber genug \u00fcber meine Schwierigkeiten beim Einparken.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte hier \u00fcber <i>Sid Meier\u2019s Civilization &#8211; Ein neuer Anfang<\/i> sprechen. Der zweite Anlauf von Fantasy Flight Games einen der Grundpfeiler des 4X-Genres in die Brettspielwelt zu transportieren. Nachdem 2010 bereits Kevin Wilson (der Kopf hinter dem Cosmic Encounter-Reboot, dem Arkham Horror-Reboot und der Grundlage f\u00fcr Descent) einen Versuch gewagt hatte, darf nun James Kniffen ran.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/boardgamegeek.com\/boardgame\/233247\/sid-meiers-civilization-new-dawn\">Sid Meier&#8217;s Civilization &#8211; A New Dawn<\/a> folgt zwar namentlich der Spielreihe, die ein ganzes Genre geformt war, orientiert sich inhaltlich aber klar an den Anforderungen des modernen Brettspielmarkts. Daher ist es auch kein Wunder, dass das Spielgef\u00fchl eher an <em>Scythe<\/em> erinnert. Ein Vertreter der aktuellen Designmode, komplexe Zusammenh\u00e4nge einfach zu verpacken, effiziente Regelkombinationen in den Mittelpunkt zu legen und Frustmomente gezielt zu entsch\u00e4rfen. Wenn man andere Spieler erfolgreich angreift, so verlangsamt man ihre Strategie, statt sie g\u00e4nzlich zu verhindern. Das Civilization-Spiel von 2010 spielt sich im Vergleich zur aktuellen Version wie ein verbissener Messerkampf in einer Telefonzelle. (F\u00fcr unsere j\u00fcngeren Leser: eine Telefonzelle ist eine \u00f6ffentliche Umkleidekabine f\u00fcr Superhelden.)<\/p>\n<p><em>A New Dawn<\/em> unterscheidet sich jedoch an zwei Punkten deutlich von <em>Scythe<\/em>. Zum einen fehlt das visuelle Brimborium mit dem das Spiel unvermeidlich Interesse weckt. Civilizations Spielmaterial ist \u00fcberschaubar, ohne deutliche L\u00fccken zu haben. Die grafische Aufmachung ist farbenfroh, aber nicht knallbunt. Stegmaiers Opus Magnum l\u00f6ste bei mir zwar in jeder Runde Langeweile aus, dennoch verleiten mich Illustrationen und Spielkomponenten dazu dem Spiel eine weitere Chance geben zu wollen.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-17064\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141436-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141436-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141436-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141436-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141436-700x394.jpg 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141436-370x208.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141436-270x152.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141436-889x500.jpg 889w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141436-740x416.jpg 740w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><em>Ausblick auf einen befriedeten und zivilisierten Kontinents<\/em><\/p>\n<p>Diese Langeweile tritt bei <em>Civilization<\/em> nicht ein, denn negatives Feedback wird hier anders gehandhabt. <em>Scythe<\/em> straft eine sub-optimale Entscheidung des Spielers damit, dass das gesetzte Ziel zwei Z\u00fcge sp\u00e4ter erreicht wird. Genau genommen ist das aber nicht wesentlich anders als eine Runde aussetzen zu m\u00fcssen. Bei <em>Civilization<\/em> hingegen f\u00fchrt jede Entscheidung dazu, dass bis zu vier andere Aktionen in ihrer Wirkungskraft aufgewertet werden. Der Grund daf\u00fcr liegt in der dezenten, aber wirkungsvollen Ver\u00e4nderung, die die Fokusleiste in das Spiel bringt. F\u00fcnf Aktionskarten werden darunter ausgebreitet und jede Position modifiziert die darunter liegende Aktion mit einem Multiplikator (falls im Kartentext anwendbar) und einer Gebietsangabe. Letztere gibt vor auf welche Art von Gebiet diese Aktion anwendbar ist, bzw. durch welches sie nicht behindert wird. W\u00e4hlt man eine Aktion, die sich auf Position 3 befindet, so kann die Aktion nicht auf Gebiete angewandt werden, die auf der Leiste h\u00f6her liegen. Wer in den Bergen t\u00e4tig sein will, muss warten bis seine Aktionskarte auf den h\u00f6chsten Platz gewandert ist. Erst dann kann man etwa in den Bergen St\u00e4dte gr\u00fcnden oder durch diese ziehen. Wohingegen eine einfache H\u00fcgellandschaft schon ab Position 2 nutzbar ist. Sobald eine Aktion abgehandelt wurde, wandert diese auf Position 1 der Fokusleiste, und die restlichen Aktionen r\u00fccken entsprechend auf. Man setzt damit keine Runde mehr aus, sondern investiert im schlimmsten Fall seinen Zug, um eine andere Aktion vorzubereiten. Das f\u00fchlt sich nicht nach einer Verlangsamung an, sondern wie ein kleiner Schub nach vorne. Auch das f\u00fchrt dazu, dass sich das Spiel flott und fl\u00fcssig anf\u00fchlt. So viel Spa\u00df habe ich sonst nur, wenn der Balken meines Steam-Downloads sich unaufhaltsam nach vorne schiebt.<\/p>\n<p>Kniffens <em>Civilization<\/em> ist kurz. Zumindest im Vergleich zu seinen Namensvettern, die sich gerne jenseits der 4-Stunden-Grenze bewegten. In <em>A New Dawn<\/em> saust eine Spielrunde nur so an einem vorbei. Es wird eine von 5 Aktionen gew\u00e4hlt, ausgef\u00fchrt und schon darf das n\u00e4chte Kulturhaupt seine Gefolgsleute einen Schritt n\u00e4her in die Zukunft katapultieren. Die Aktionen werden Kategorien zugeordnet: Wissenschaft, Kultur, Industrie, Milit\u00e4r und Wirtschaft. Je nachdem wie gut man in den jeweiligen Bereichen geforscht hat, haben diese Aktionen unterschiedlich starke Auswirkungen. Dabei ist jede Verbesserung nicht immer eine rein mathematische Aufwertung der Effekte. Es gibt oft sekund\u00e4re Effekte oder Kniffe (vermutlich auf Beharren des Designers eingef\u00fcgt), die in einer h\u00f6heren Stufe nicht mehr zur Verf\u00fcgung stehen. Um die Aktionen auseinander zu halten, wurden sie mit schmissigen Namen belegt: Mauerwerk, W\u00e4hrung, Nationalismus, Massenmedien. <em>Civilization<\/em> ist, wie man sieht, ein sehr amerikanisches Spiel.<\/p>\n<p>Hier kommt dann auch der erste Stolperstein: das Design folgt der alten Schule der Immersion, der es meist ausreicht abstrakte Regelmechanismen mit themenverwandten Bezeichnungen zu umschreiben. Der Mechanismus hat nichts mit der Bezeichnung zu tun, aber die Bezeichnung hat etwas mit dem Thema zu tun. Wer das f\u00fcr thematisch Spielen h\u00e4lt, glaubt vermutlich auch, dass die AFD weniger als drei L\u00fcgen im Namen tr\u00e4gt. Die eigentliche Thematik manifestiert sich aber je her im Spielgef\u00fchl und hier wird die Frage interessant.<\/p>\n<p style=\"text-align: left\">Was genau macht ein Zivilisations-Spiel denn thematisch? Es sind offensichtlich nicht die Komponentenbezeichnungen allein. Ist es das Spielkonzept? Das stufenweise Aufbauen unterschiedlicher Regelkomponenten, die miteinander verzahnt sind um in komplexer werdenden Aktionsm\u00f6glichkeiten zu m\u00fcnden? Das w\u00fcrde aber auch f\u00fcr einen Gro\u00dfteil der sogenannten Eurogames gelten. Diese alle als Zivilisationsspiele zu bezeichnen, geht vielleicht etwas weit. Oder ist es das Ausf\u00fcllen der 4X-Formel? Explore, Expand, Exploit und Exterminate? (Erforschen, Ausweiten, Ausbeuten, Ausl\u00f6schen &#8211; Dass sich damit Kolonialismus perfekt umschreiben l\u00e4sst, ignorieren wir wie die letzten 40 Jahre einfach weiter. Dann kann man auch die unangenehmen politischen Fragen, die sich daraus ergeben, bequem ausblenden.) Alle diese Fragen helfen sicherlich das Genre etwas einzugrenzen, aber reichen noch nicht aus, um ein Spiel dieser Kategorie zuzuordnen. Ich meine, dass die unabdingbare Eigenschaft eines Zivilisationsspiels schlicht\u2026 seine Gr\u00f6\u00dfe ist. <img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-17065\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141639-300x169.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"169\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141639-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141639-150x84.jpg 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141639-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141639-700x394.jpg 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141639-370x208.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141639-270x152.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141639-889x500.jpg 889w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/20180121_141639-740x416.jpg 740w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><em>Vor Wikipedia wurde das gesammelte Wissen der Menschheit in Reihen abgelegt<\/em><\/p>\n<p>Was den \u201cechten\u201d Zivilisationsspielen gemein ist, ist nicht unbedingt ihre Treue zur Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Es ist die Tatsache, dass sie lang sind und man es mit einem komplexen Regelgebilde zu tun hat, \u00fcber das man die Kontrolle erringen muss. Denn darum geht es in diesen Spielen wirklich: man beweist, dass man die Kontrolle \u00fcber die Regeln, den Spielverlauf und m\u00f6glichst viele der Spielstadien hat. Ein echtes Zivilisationsspiel muss lang sein, schwer zu verstehen und noch schwerer zu meistern sein. Damit l\u00e4uft dieses Genre aber zwei der Hauptstr\u00f6mungen des heutigen Brettspielhobbies zuwider: \u00fcberschaubare Spieldauer und zug\u00e4ngliche Spielmechanismen.<\/p>\n<p>So kommt es dann auch, dass sich <em>A New Dawn<\/em> vielerorts rechtfertigen muss den Namen <em>Civilization<\/em> zu tragen. Was es an milit\u00e4rischer Interaktion gibt, ist selten verheerend. So wie etwa beim Vorl\u00e4ufer von 2010, oder dem Karten-basierten \u201cIm Wandel der Zeiten\u201d. F\u00fcr manche ist das ein Manko. F\u00fcr meine Spielgruppe erh\u00f6ht das lediglich die Wahrscheinlichkeit, dass das Spiel schon bald wieder auf den Tisch kommt. Die Spieldauer l\u00e4sst sich mit Sicherheit nicht als episch bezeichnen, so wie bei Fantasy Flights Vorzeigetitel <em>Twilight Imperium<\/em> oder dem auf absurde Spiell\u00e4nge ausgelegten <em>Mega-Civilization<\/em>. Damit verliert eine abgeschlossene Spielrunde von<em> A New Dawn<\/em> zwar etwas an Glamour, aber gewinnt auch an zu erwartender Spielh\u00e4ufigkeit. Die Neuauflage punktet, wenn es ums Spielkonzept geht. Hier geht es n\u00e4mlich ganz nach \u201cschaffe, schaffe, h\u00e4usle baue\u201d-Prinzip und es wird um die Wette geforscht, gebaut und voraus geplant. Aber eben ohne gro\u00dfe Ged\u00e4chtnisleistungen abzuverlangen, weil es 20 Minuten gedauert hat, bis man wieder am Zug war.<\/p>\n<p>Ein Neuer Anfang in der Civilization-Reihe steht f\u00fcr ein elegantes Optimierungsspiel, bei dem Aufbauen wichtiger ist als Zerst\u00f6ren und welches auch spielende V\u00e4ter und M\u00fctter in ihre Abendplanung unterbringen k\u00f6nnen. Wie so viele Spiele des letzten Jahres ist es von sehr hoher, aber nicht atemberaubender Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Ach \u00fcbrigens\u2026 ich bin Georgios. Ich habe fr\u00fcher einen englisch-sprachigen Brettspiel-Podcast gemacht und dann damit aufgeh\u00f6rt. Jetzt schreibe ich hier meine Eindr\u00fccke und \u00dcberlegungen zu Spielen und Spieldesign auf. Ich habe eine Schw\u00e4che f\u00fcr ungew\u00f6hnliche Spielideen, neue Designans\u00e4tze und ausgefallene Hintergr\u00fcnde. Ich sch\u00e4tze Spiele sehr, die f\u00fcr viele Arten von Spielern zug\u00e4nglich sind. Solche die eine geringe Gl\u00fcckskomponente als Qualit\u00e4tsargument hochhalten, langweilen mich eher. Die beste Serie aller Zeiten ist <em>The Wire<\/em>. Der beste Kabarettist Deutschlands ist weiterhin Volker Pispers. Und Fettes Brot wird wohl niemals den Geniestreich namens \u201c<a href=\"https:\/\/youtu.be\/tcV7VN3l3bY\">Jein<\/a>\u201d \u00fcbertreffen.<\/p>\n<p>Damit sollte alles wichtige gesagt sein.<\/p>\n<p>Ich danke f\u00fcr Ihre Aufmerksamkeit.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal muss man einfach einen Neuanfang wagen. Man muss einen Schritt zur\u00fcckgehen und ehrlich einsch\u00e4tzen wo man steht und einen harten Schlu\u00dfstrich ziehen. Man muss mit einem ungewohnten Ansatz und neuem Mut Aufgaben angehen. Aber genug \u00fcber meine Schwierigkeiten beim Einparken. Ich m\u00f6chte hier \u00fcber Sid Meier\u2019s Civilization &#8211; Ein neuer Anfang sprechen. 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