{"id":16571,"date":"2017-07-22T13:24:36","date_gmt":"2017-07-22T11:24:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=16571"},"modified":"2017-07-22T13:24:36","modified_gmt":"2017-07-22T11:24:36","slug":"co2-haltiger-rauch-weiss","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2017\/07\/22\/16571\/","title":{"rendered":"CO2-haltiger Rauch (Wei\u00df)"},"content":{"rendered":"<p>Als ich meinen letzten Kommentar schrieb, war mir noch nicht so bewusst, wie passend der &#8220;Rauch&#8221; war &#8211; immerhin gehen ja so viele Exitspiele in Rauch auf und erh\u00f6hen das Global Warming und so. Ganz furchtbar! So jedenfalls ein aus dem Nichts aufgetauchtes Argument. Und ich m\u00f6chte es ein bisschen fachgerecht zerlegen.<\/p>\n<p>Vorab zwei Dinge: Erstens: Man darf nat\u00fcrlich \u00fcber die Wahl des Kennerspieles diskutieren &#8211; das gilt f\u00fcr <em>Exit<\/em> wie f\u00fcr jedes andere auch. Gerade ist es ein durchaus diskussionsw\u00fcrdiges Thema, ob der Anspruch wirklich dem grauen P\u00f6ppel entspricht, ob das Auszeichnung einer ganzen Reihe sinnvoll ist und wie verwerflich es ist ein Spiel, dass man nur einmal spielen kann auszuzeichnen. Oder ob es sich bei Exitspielen \u00fcberhaupt um Spiele handelt und ob es sich um Spiele handeln muss, um den Preis zu verdienen (D\u00fcrfen Rollenspiele Spiel des Jahres werden?). Alles spannende Themen. \u00dcber die es hier nicht geht, denn<\/p>\n<p>Zweitens: Wer diskutiert und ein Argument nennt, der muss damit leben, dass man dieses Argument kritisiert, anzweifelt und demontiert. Das gilt im zweierlei Ma\u00df, wenn sich, ich sag mal, &#8220;berechtigte Zweifel&#8221; dar\u00fcber ergeben, dass der Kritiker das Argument tats\u00e4chllich ernst meint und es nicht nur deshalb nennt, weil es so sch\u00f6n klingt und weil er sich dann moralisch\u00a0 von der b\u00f6sen weiten Welt abgrenzen kann (und damit habe ich den Fehdehandschuh zur\u00fcckgeworfen).<\/p>\n<p>In diesem Fall geht es mir um den Kritikpunkt, dass die Exitspiele ein Symbol f\u00fcr die &#8220;Wegwerfgesellschaft&#8221; sind, die sich einen Dreck um Nachhaltigkeit k\u00fcmmert. So ziemlich alles an diesem &#8220;Argument&#8221; ist falsch:<\/p>\n<p>Fangen wir mit dem globalem an: Der Umweltschutz ist im Jahre 2017 -&#8220;Wegwerfgesellschaft&#8221; hin oder her &#8211; auf einem historischen H\u00f6chsstand. Insbesondere Deutschland ist Vorreiter in Sachen M\u00fclltrennung, Energiepolitik und aktivem Umweltschutz. Das hei\u00dft nicht, dass man sich zur\u00fccklehnen k\u00f6nnte, aber zumindest kann man akzeptieren was man hat.<\/p>\n<p>Kommen wir jetzt zum Thema <em>Exit<\/em>-Spiel: Ja, die wirft man weg. Das ist auch schon so ziemlich das einzig negative in Punkto Umweltproblematik:<\/p>\n<p>JEDES Spiel hat einen umwelttechnischen Fu\u00dfabdruck, denn jedes Spiel wird ja erst einmal produziert. Ob es 100 Jahre im Schrank liegt, jede Woche gespielt wird oder nach Gebrauch weggeworfen ist erst einmal egal: Jegliches Material muss erst einmal hergestellt und verarbeitet werden. Problematisch sind insbesondere Metallteile (eher selten in Spielen, aber gerade bei Zinnfiguren ist der Umweltaspekt zu beachten, da Gie\u00dfzinn immer auch umweltsch\u00e4dliches Blei enth\u00e4lt, was besonders bei der Verabeitung problematisch &#8211; und bei hohem Bleigehalt auch bei der anschlie\u00dfenden Nutzung), aber auch Lacke und Farben sind problematisch. Bei Holzteilen muss die Frage nach der Herkunft des Holzes erlaubt sein: Nachhaltige Beforstung oder Raubbau? \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Papier und Pappe, wobei da ein Anteil aus recycelten Rohstoffen denkbar ist (Mir ist kein Spiel bekannt, dass dies zumindest \u00f6ffentlich irgendwie kommuniziert). Bei Kunststoffen kommt es nat\u00fcrlich auf den jeweiligen Kunststoff an, aber die g\u00e4ngigen Kunststoffe sind zumindest alle auf Erd\u00f6lbasis und belasten so die CO2-Bilanz und verringern die Rohstoffe (anders alls nachhaltiges Holz ist Erd\u00f6l ja irgendwann weg). Also schon die Rohstoffe sind manchmal problematisch, die Verarbeitung dann sicher.<\/p>\n<p>Als n\u00e4chstes kommt der Transport. Hier gilt ganz einfach: Je weiter die Spiele transportiert werden, desto schlechter f\u00fcr die Umweltbilanz. Spiele aus China sind umwelttechnisch deutlich problematischer, als Spiele, die vor Ort (ergo in Deutschland) produziert werden.<\/p>\n<p>Wie schneidet <em>Exit<\/em> bislang ab? Die Exitspiele enthalten wenig Teile, alle aus Pappe. Nur die Karten sind in einer H\u00fclle aus Polyethylen, das beim Verbrennen zwar CO2 produziert, aber keine anderen Giftstoffe (Polyethylen enth\u00e4lt nur Kohlenstoff und Wasserstoff und verbrennt daher vollst\u00e4ndig zu Wasser und CO2) Die Menge an Teilen ist verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gering, die Schachteln sind klein, dass hei\u00dft der Transport ist nicht ganz so problematisch wie bei gr\u00f6\u00dferen Spielen. Zudem werden sie meines Wissens (lass mich gerne korrigieren) in Deutschland produziert. Exitspiele enthalten keine Metall- oder Holzteile. Soweit liegen sie im Spektrum der &#8220;Umweltproblematischen Spiele&#8221; sehr weit unten.<\/p>\n<p>Aber, aber, aber&#8230; Sie werden doch weggeworfen!!!!!!1!<\/p>\n<p>Ja, werden sie. Was genau \u00e4ndert das?<\/p>\n<p>Aber erst einmal: Das Material landet (von den Kartenumverpackungsfolie -die es bei fast jedem Spiel gibt &#8211; abgesehen) vollst\u00e4ndig im Altpapier und wird dann wieder recycelt. Selbst wenn die Schachteln in den Hausm\u00fcll geworfen werden, wird die Pappe verbrannt &#8211; was im Vergleich zu so ziemlich allen anderen Dingen dort drin verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig unproblematisch ist &#8211; oder verrotten auf einer M\u00fclldeponie &#8211; was im Falle von Papier ebenfalls kaum ein Problem darstellt. Es ist schwierig irgendetwas vergleichbares zu finden, dass weniger kritisch ist, wenn man es entsorgt. Zudem ist das Material ja auch nicht allzu viel. Ich hatte schon Spiele, bei denen die Stanzb\u00f6gen mehr Gewicht hatten, als das gesamte Material des Exitspieles. Und die habe ich dann auch weggeworfen. Sogar noch bevor ich das betreffende Spiel gespielt habe!<\/p>\n<p>Aber noch einmal zur\u00fcck zu meiner Frage: Was genau ist der Unterschied ob ich sie wegwerfe oder nicht? Ich kann sie sowieso nur einmal spielen. Ich werde mir also kaum noch mehr Spiele davon kaufen, um die alle anschlie\u00dfend (ungespielt?) wegzuwerfen. Ich kaufe mir ein Spiel. Ob ich das wegwerfe oder behalte &#8211; was f\u00fcr einen Unterschied macht das in Bezug auf die produzierten Spiele? Gar keinen. Sicher, ich kann das Spiel nicht weitergeben &#8211; aber wieviele Spiele werden denn so weitergegeben? Wie viele Spiele werden <em>mehr<\/em> produziert, weil man die Exitgames wegschmei\u00dft? 2%? &#8220;Wegwerfgesellschaft&#8221; bedeutet eigentlich, dass man sich Dinge f\u00fcr die einmalige Verwendung kauft, dann wegschmei\u00dft UND DAS WIEDERHOLT! Plastikgeschirr, Pappbecher oder Plastikt\u00fcten sind Beispiele f\u00fcr die Wegwerfgesellschaft, denn die muss ich nach Gebrauch ja immer wieder neu kaufen. Kaufe ich mir stattdessen eine Gabel aus Metall, dann nutze ich die mehrmals. Was hat das mit den Exitspielen zu tun? Nichts. Die werfe ich zwar weg, aber ich kaufe die ja nicht nach. Die haben damit so viel mit der &#8220;Wegwerfgesellschaft&#8221; zu tun wie Nahrungsmittel oder Kinokarten- auch die sind nach Gebrauch weg.<\/p>\n<p>Insgesamt ist die Umweltbilanz von einem Exitspiel dank umwelttechnisch relativ unproblematischer Materialien und Recyclingm\u00f6glichkeit von Pappe relativ OK. Selbst mit Entsorgung ist der Gro\u00dfteil meiner Sammlung aus Umweltsicht vermutlich problematischer. Ich w\u00fcrde die Umweltbilanz von Exitspielen nicht ganz ungef\u00e4hr mit denen von R\u00e4tselheften vergleichen; K\u00f6nnte nat\u00fcrlich (immer!) besser sein, aber ganz ehrlich: Man sollte seine Schlachtfelder woanders suchen.<\/p>\n<p>Und damit kommen wir zu meinem absoluten Lieblingsargument der letzten Woche: &#8220;Du [also ich] willst nur eine Verfehlung mit einer gr\u00f6\u00dferen Verfehlung rechtfertigen!&#8221;<\/p>\n<p>Nun, ich erkenne ein Todschlagargment wenn, ich eines sehe: W\u00e4re die Verfehlung gr\u00f6\u00dfer als bei allen anderen Spielen, w\u00e4re das nat\u00fcrlich schlimm und ist anzuprangern. Ist sie kleiner, darf das keine Entschuldigung sein und ist dennoch anzuprangern. Mit anderen Worten: Egal was an Fakten kommt, man kann immer anprangern! Und das ist es ja, was wir alle wollen, nicht wahr? Wer ist denn an sachlichen Debatten interessiert? Hauptsache ich &#8220;gewinne&#8221; eine Debatte! Auch wenn das Argument rein rhetorischer Natur ist und die Substanz von einer Heliumluftblase hat.<\/p>\n<p>Nun, wenn sich tats\u00e4chlich irgendein Kritiker in der Spieleszene f\u00fcr den Umweltschutz interessieren w\u00fcrde, so hat er das bislang gut verschwiegen. Aber davon ab, w\u00fcrde er sich schon eher daf\u00fcr interessieren, was denn die Hauptprobleme sind und wie man die l\u00f6sen k\u00f6nnte. Da fallen mir eine Menge M\u00f6glichkeiten ein: Stanzb\u00f6gen optimieren. Mehr Transparenz von den Verlagen fordern, was Produktion und Umweltbilanz betrifft. Lokal produzierte Spiele kaufen. Keine Spiele mit Zinnminiaturen kaufen, au\u00dfer die tragen ein G\u00fctesiegel bez\u00fcgllich ihrer Produktion. Pappe, Papier und Holz explizit aus nachhaltigen Best\u00e4nden produzioeren und dies angeben &#8211; Letztlich sind wir wieder bei &#8220;Transparenz&#8221;. Zumindest sollte man gelegentlich die in China produzierte Miniaturenschlacht mal bez\u00fcglich deren Umwelt- (und Arbeitsbedingungen)\u00a0 hinterfragen. Sich zu beschweren, dass ein Exit-Spiel Kennerspiel des Jahres geworden ist, ist aber eher so, als w\u00fcrde man die moderne Landwirtschaft kritisieren, in dem man sich beschwert, dass der Nachbar Mutterede von Aldi statt Kompost f\u00fcr seine Blumenbeete benutzt: Ziemlich albern, nicht durchdacht und wenig \u00fcberzeugend.<\/p>\n<p>Aber um die Sache ging es diesen speziellen Kritikern ja eh nicht. Sie suchten nur nach einer vermeidlich guten Begr\u00fcndung, die Wahl zum Kennerspiel doof zu finden. Woran ich das erkenne? Es ist sehr leicht die Moral von etwas zu kritisieren,\u00a0 dass man ohnehin ablehnt. Es ist bedeutend schwieriger <em>sein eigenes<\/em> Denken zu hinterfragen &#8211; und wer die Umweltbilanz von Brettspielen verbessern will muss nun einmal genau das tun.<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als ich meinen letzten Kommentar schrieb, war mir noch nicht so bewusst, wie passend der &#8220;Rauch&#8221; war &#8211; immerhin gehen ja so viele Exitspiele in Rauch auf und erh\u00f6hen das Global Warming und so. Ganz furchtbar! So jedenfalls ein aus dem Nichts aufgetauchtes Argument. Und ich m\u00f6chte es ein bisschen fachgerecht zerlegen. 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