{"id":1612,"date":"2010-12-05T18:16:37","date_gmt":"2010-12-05T16:16:37","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=1612"},"modified":"2011-02-20T12:03:22","modified_gmt":"2011-02-20T10:03:22","slug":"ist-die-jury-obsolet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2010\/12\/05\/1612\/","title":{"rendered":"Ist die Jury obsolet?"},"content":{"rendered":"<p>Weihnachtszeit, Zeit der Besinnung und der Besonnenheit. Zeit zum Nachdenken. Und bald kommt das neue Jahr, also auch Zeit zum Umdenken und Zeit das Alte zu hinterfragen. Und &#8220;das Alte&#8221; ist eben auch die Jury zum Spiel des Jahres, die ja jetzt schwer auf die 40 zugeht (naja, die ist immer noch ein halbes Jahrzehnt\u00a0 j\u00fcnger als ich).<\/p>\n<p>Ich war nie ein gro\u00dfer Jurykritiker. Ohne den P\u00f6ppel h\u00e4tte ich pers\u00f6nlich wohl nicht so leicht zum Spielen gefunden. Ohne den P\u00f6ppel w\u00e4re es nie zum Ph\u00e4nomen\u00a0 &#8220;German Games&#8221; gekommen, davon bin ich \u00fcberzeugt. Auch den Ruf nach verschiedenen Kategorien oder mehr Transparenz habe ich nie von mir gegeben. Was Kategorien anrichten k\u00f6nnen sieht man beim Spiel der Spiele, bei dem ein Solospiel zur Empfehlung f\u00fcr das Spiel mit Freunden wird. Transparenz ist gegeben, wenn einem klar ist, dass eine Abstimmung letztlich eine Abstimmung bleibt. Und das am Ende, wenn jemand gewinnt, auch jemand verlieren muss.<\/p>\n<p>Es gab in den vergangenen Jahren Entscheidungen, die ich kritisiert habe, die ich nicht nachvollziehen konnte. In der Mehrheit aber, hat die Jury ihre Arbeit gut gemacht. Die kritischen Spiele waren alle dabei. Kaum ein Klassiker, den die Jury nicht bedacht hat. Fehlentscheidungen gibt es immer und sie bleiben Einzelf\u00e4lle. Der Erfolg gibt der Jury recht: Nach wie vor kaufen Hunderttausende allein in Deutschland das Spiel mit dem P\u00f6ppel. Jedes Jahr aufs neue.<\/p>\n<p>Und genau das ist vielleicht ein Problem: Die Jury ist zu erfolgreich. Sie hat ihr Ziel erreicht: Brettspiele sind etabliert, es gibt eine Brettspielszene und einen Brettspielmarkt in Deutschland. Wenn man aber sein Ziel erreicht hat, sollte man sich ein neues stecken oder aufh\u00f6ren -sonst besteht die Gefahr zum Ballast zu werden.<\/p>\n<p>Als die Jury begann gab es kaum mehr als ein preisw\u00fcrdiges Spiel im Jahr. Vielleicht waren es auch mal zwei, aber dennoch scheinen die Preistr\u00e4ger der 80er Jahre im R\u00fcckblick als ziemlich logisch. Damals war es wichtig, dass dem K\u00e4ufer bei der Kaufentscheidung geholgen wurde: Seht, dieses Spiel ist wirklich gut! Das ist was neues! Das lohnt sich f\u00fcr Familien!<\/p>\n<p>Und heute? Heute ist die Anzahl der Spiele un\u00fcberschaubar geworden. Dabei ist die Qualit\u00e4t aber ebenfalls mitgestiegen. Einen totalen Flopp wird man kaum bekommen. Ob ein Familienvater <em>Dixit <\/em>kauft oder eines der anderen Spiele, die man so im Kaufhaus findet und auf denen nicht &#8220;Hasbro&#8221; steht, ist fast schon egal. Die Jury hat das erkannt und versucht der Spieleflut mit zahlreichen Listen, Nominierungen und Sonderpreisen beizukommen. Doch das ist letztlich alles Tand: So lange es <strong>den einen <\/strong>Hauptpreis gibt, wird sich der unbedarfte Spielk\u00e4ufer daran orientieren und alles andere au\u00dfen vor lassen. Es gibt nur einen Gewinner und die anderen Spiele sind alles Verlierer &#8211; so zumindest die Wahrnehmung, gleich was f\u00fcr tolle Listen es gibt. Das merkt man schon daran, dass selbst Vielspieler, die es besser wissen m\u00fcssten, eine Nominierung ohne Titel als Fehlentscheidung einsch\u00e4tzen. Diese Fokussierung auf einen Hauptpreis ist bei der momentanen Spieleschwemme aber grob fahrl\u00e4ssig &#8211; zu viel Gutes bleibt auf der Strecke. Aus einem Strom hervorragender Spiele wird eines fast schon willk\u00fcrlich herausgepickt.\u00a0 Und damit erreicht die Jury letztlich das Gegenteil von dem, was sie urspr\u00fcnglich wollte.<\/p>\n<p>Ironischerweise sieht man den Effekt ganz deutlich beim Kinderspielpreis: Hier ist eine F\u00fchrung noch notwendig, hier ist es noch nicht egal was man kauft &#8211; dass der Kinderspiel den Hauptpreis in Punkto Verkaufszahlen mittlerweile \u00fcberholt hat ist kein Zeichen daf\u00fcr, dass eben mehr Leute Spiele f\u00fcr Kinder statt f\u00fcr Familien suchen, sondern folgt aus den eben geschilderten Argumenten.<\/p>\n<p>Was ist aber die Konsequenz aus diesen \u00dcberlegungen (sofern man die enthaltenen \u00dcberzeugungen denn teilt)? Der Weg \u00fcber mehr Listen und mehr Nominierungen und mehr Sonderpreisen ist jedenfalls falsch, denn damit schafft man schlechtestenfalls nur mehr Verlierer und f\u00f6rdert bestenfalls die Verwirrung: Welcher P\u00f6ppel ist denn nun der Richtige? (siehe auch <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2010\/06\/12\/1433\">hier<\/a>). Mindestens ebenso verkehrt ist die andere \u00dcberlebensma\u00dfname der Jury: Durch Ver\u00e4nderung der Kriterien (z.B. durch Verringerung des m\u00f6glichen Anspruchsniveau) den Schwall zum Rinnsaal auszud\u00fcnnen versuchen. Erstens wird das wohl kaum funktionieren &#8211; es gibt einfach zu viele gute Spiele &#8211; zum anderen erreicht man damit wenns schlecht l\u00e4uft, dass die Verlage mitziehen und sich dem neuen Niveau anpassen (Ein Hauptpreis bringt zu viel Geld), dass verringert aber das Faszettenreichtum der Spieleszene und nivelliert zum anderen den urspr\u00fcnglichen Effekt: Irgendwann haben wir wieder &#8220;zu viele Spiele&#8221; und dann m\u00fcssten die Kriterien weiter eingeschr\u00e4nkt werden usw. Ein Teufelskreis&#8230;<\/p>\n<p>Es gibt nur zwei M\u00f6glichkeiten: Entweder weiter wie bisher, auch wenn alles eigentlich schon so ist, wie es sein soll. Das SdJ wird als gro\u00dfer Wirtschaftsfaktor bestehen bleiben, aber eine Perspektive, ein Ziel, eine Utopie ist nicht mehr zu erkennen. Und die Jury muss sich immer neue M\u00f6glichkeiten ausdenken, wie sie die Verlierer weniger als Verlierer darstellen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Oder sie \u00e4ndern grundlegend ihre Ausrichtung. Hundertausende von Weihnachtsk\u00e4ufern wird das verwirren &#8211; aber verzichten die dann auf den Spielekauf? Wohl kaum. Irgendwas werden sie schon kaufen, nur halt nicht mehr so konzentriert. Was den Verlagen vielleicht sogar recht sein k\u00f6nnte, denn der Lottogewinn des SdJs ist ja nur einem verg\u00f6nnt, der den anderen Verlagen K\u00e4ufermasse entzieht. In so einer Situation k\u00f6nnte eine neue Jury (&#8220;neu&#8221; im Sinne einer neuen Ausrichtung) Lotse sein &#8211; nicht durch <em>einen<\/em> Hauptpreis, sondern um <em>mehrere <\/em>besonders empfehlenswerte Spiele hervorzuheben. Gerne mit Sternchensystem f\u00fcr den Schwierigkeitsgrad, wenns denn gew\u00fcnscht ist.<\/p>\n<p>Utopie? Empfehlenswert? Keine Ahnung! Das sind nur ein paar Adventsgedanken von mir&#8230; (Und weit genug weg von jeglicher Preisverleihung um diese Gedanken nicht auf spezielle Titel zu beziehen).<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Weihnachtszeit, Zeit der Besinnung und der Besonnenheit. Zeit zum Nachdenken. Und bald kommt das neue Jahr, also auch Zeit zum Umdenken und Zeit das Alte zu hinterfragen. 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