{"id":16101,"date":"2016-10-29T21:18:34","date_gmt":"2016-10-29T19:18:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=16101"},"modified":"2016-10-30T12:36:55","modified_gmt":"2016-10-30T10:36:55","slug":"klischees-toeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2016\/10\/29\/16101\/","title":{"rendered":"Klischees t\u00f6ten"},"content":{"rendered":"<p>Angenommen man stolpert in Essen \u00fcber ein Eurogame eines koreanischen Verlages namens &#8220;Kopheister&#8221;, bei dem man das &#8220;M\u00fcnsteraner Kloster&#8221; bauen muss. Alle Arbeiter im Spiel tragen Lederhosen. Als W\u00e4hrung dienen Ablassbriefe. Sonderaktionen k\u00f6nnen mit &#8220;Wundern&#8221; durchgef\u00fchrt werden, f\u00fcr die man die Gebeine von christlichen Heiligen braucht. Wer davon zu viele verwendet wird auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Auch Wikinger und Almwiesen kommen vor. Und nein, das war nicht als Parodie gemeint oder so &#8211; Man w\u00fcrde sicherlich denken, dass der Verlag da ein bisschen was durcheinander gebracht hat.<\/p>\n<p>Dennoch gibt es diese Spiele &#8211; nur sie spielen eben nicht in Europa, sondern in anderen Kulturen &#8211; Kulturen wo man Fehler vielleicht nicht so mitbekommt. <a href=\"http:\/\/www.chitwitch.com\/2016\/05\/09\/waka-tanka\/\">Chitwitch <\/a>hat einmal exemplarisch die Herkunft verschiedener Elemente bei <em>Waka Taka<\/em> untersucht. Sagen wir mal so: Gegen\u00fcber diesem Spiel ist mein Beispiel ein Waisenknabe; rein geographisch w\u00e4ren Schottenr\u00f6cke und Baskenm\u00fctzen beim Bauen von Eifelt\u00fcrmen in Griechenland bessere Beispiele gewesen!<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/faidutti.com\/blog\/?p=5552\">Bruno Faidutti selbst meint,<\/a> die Europ\u00e4er sind weniger sensibel, sondern machen eben auch mal Spa\u00df mit Klischees. Und wenn man Klischees ordentlich mischt, dann ist das ja so \u00fcbertrieben, dass man sich \u00fcber die Klischees lustig macht und nicht \u00fcber die Realit\u00e4t dahinter.<\/p>\n<p>Ist das schlimm? Wie <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2016\/05\/07\/15907\">schon gesagt<\/a> eine Frage des pers\u00f6nlichen Geschmacks (Auch Suzanne\/chitwich \u00a0 l\u00e4sst die Frage offen). Aber ohne Bruno zu nahe treten zu wollen: Ein Klischeemix wie <em>Waka Tanka<\/em> (oder \u00e4hnliche Mixes \u00fcber Afrika, Fernost oder den Orient) ist f\u00fcr mich auch ein Zeichen f\u00fcr eine gewisse Faulheit. Wer nicht einmal den <a href=\"https:\/\/fr.wikipedia.org\/wiki\/M%C3%A2t_tot%C3%A9mique\">Wikipediaartikel<\/a> zum Thema lesen m\u00f6chte, kann in meinen Augen auch nicht allzu viel Zeit in das eigentliche Spiel gesteckt haben. Zur weiteren Erl\u00e4uterung rufe ich einmal Brunos Landsmann Herg\u00e9 in den Zeugenstand (*):<\/p>\n<p><em>Tim in Kongo<\/em> und <em>Tim in Amerika<\/em> steckten voller Klischees (von<em> Tim bei den Sowjets<\/em> ganz zu schweigen &#8211; der Band war ja Herg\u00e9 selbst peinlich). Als er nach den<em> Zigarren des Pharos<\/em> dann ank\u00fcndigte, dass der n\u00e4chste Band in China spielen w\u00fcrde, wurde er von einem Studenten gebeten, etwas weniger klischeehaft zu berichten. Mit dessen Hilfe recherchierte er und <em>der blaue Lotus<\/em> war deutlich differenzierter und damit auch besser als die Vorg\u00e4nger. Herg\u00e9 selbst betonte, <strong><em>wie viel Spa\u00df ihm die Recherche machte und wie inspirierend die war<\/em> <\/strong>&#8211; und steckte in alle weiteren B\u00e4nde \u00e4hnlich viel Vorbereitung.<\/p>\n<p>Mittlerweile kann ich <em>Tim und Kongo<\/em> aufgrund des Fremdsch\u00e4mfaktors nicht mehr wirklich genie\u00dfen. Dennoch bin ich ein Fan von Tim und Struppi &#8211; und wer ist das nicht? Ich glaube kaum, dass die B\u00e4nde immer noch so bekannt und beliebt w\u00e4ren, wenn Herg\u00e9 nicht damit aufgeh\u00f6rt h\u00e4tte, sie auf Klischees zu st\u00fctzen.<\/p>\n<p>Recherchieren und das Verzichten auf Klischees ist nichts schlimmes, nichts nerviges! Im Gegenteil: Es inspiriert und ist deutlich interessanter, als nur die ersten Assioziationen mit dem Thema zusammenzuw\u00fcrfeln. Es ist auch nicht so, dass das Verzichten auf Klischees irgendwelche Nachteile h\u00e4tte &#8211; es m\u00fcssen nun nicht unbedingt &#8220;Traumf\u00e4nger&#8221; sein, die man in <em>Waka Tanka<\/em> benutzt, es wird sich in der Kultur der Tlingit gen\u00fcgend anderes finden, dass funktioniert &#8211; vielleicht sogar besser! Wie Herg\u00e9 sagte: Das Recherechieren ist ja selbst auch inspirierend und sollte mehr sein als eine l\u00e4stige Pflichtaufgabe. Sie istr Bestandteil der Spieleentwicklung und sollte auch entsprechend ernst genommen werden. Das meinte ich weiter oben, als ich davon sprach, dass ein Klischeemix f\u00fcr mich auch irgendwo ein Zeichen f\u00fcr Faulheit ist.<\/p>\n<p>Was die Spielerseite betrifft kann ich nur f\u00fcr mich sprechen, aber ich finde es interessant, wenn mir im Spiel ein nettes Detail vermittelt wird &#8211; so wei\u00df ich dank Spielen jetzt, was &#8220;Wampum&#8221; ist. Den Spielspa\u00df erh\u00f6hen Klischees jedenfalls nicht, verk\u00fcrzen aber eventuell die Lebenszeit des Spieles &#8211; siehe <em>Tim in Kongo<\/em>. Mit anderen Worten: Realistischeres Abbilden von Kulturen verbessert das Spiel. Und nebenbei sorgt man auch daf\u00fcr, dass andere Kulturen weniger fremdartig erscheinen, weniger wie eine Freakshow ausgestellt werden. Letztlich sind Klischees nicht anderes als eine \u00fcberm\u00e4\u00dfige Hervorhebung von &#8220;exotischen&#8221; Unterschieden. Dabei sind die Unterschiede zwischen Kulturen geringer als die Gemeinsamkeiten: In jeder Kultur sind Menschen der Mittelpunkt, Menschen die essen, schlafen, essen und arbeiten. Klischees vergessen das ganz gerne.<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n<p>(*) Ja ich wei\u00df, dass Bruno Faidutti Franzose ist und Herg\u00e9 Belgier. Aber wir Deutschen sind da nicht so sensibel.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angenommen man stolpert in Essen \u00fcber ein Eurogame eines koreanischen Verlages namens &#8220;Kopheister&#8221;, bei dem man das &#8220;M\u00fcnsteraner Kloster&#8221; bauen muss. Alle Arbeiter im Spiel tragen Lederhosen. Als W\u00e4hrung dienen Ablassbriefe. Sonderaktionen k\u00f6nnen mit &#8220;Wundern&#8221; durchgef\u00fchrt werden, f\u00fcr die man die Gebeine von christlichen Heiligen braucht. 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