{"id":15548,"date":"2015-11-21T17:36:36","date_gmt":"2015-11-21T15:36:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=15548"},"modified":"2015-11-21T20:02:18","modified_gmt":"2015-11-21T18:02:18","slug":"konfessionen-eines-gehackten-regeltranslatoren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2015\/11\/21\/15548\/","title":{"rendered":"Konfessionen eines gehackten Regeltranslatoren"},"content":{"rendered":"<p>Dem einen oder anderen ist vielleicht schon einmal ein japanisches Spiel in die H\u00e4nde gefallen und hat sich vielleicht gewundert, dass ich dort die Regel \u00fcbersetzt habe. Wo ich doch kein Japanisch kann.\u00a0 Das kam so:<\/p>\n<p>Vor Jahren schrieb ich einmal <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/spielt-die-Welt-Reisef%C3%BChrer-internationale\/dp\/3981189205\/ref=sr_1_4?s=books&amp;ie=UTF8&amp;qid=1448107717&amp;sr=1-4&amp;keywords=so+spielt+die+welt\">ein Buch \u00fcber die verschiedenen Spieleszenen der Welt<\/a>. F\u00fcr dieses Buch interviewte ich ein paar Leute von Japan Brand, die damals (wenn mich mein Ged\u00e4chtnis tr\u00fcgt) erstmals auf der Messe waren. W\u00e4hrend des Interviews fragte ich nach einem Preis und \u00fcberlegte schon, welche Spiele ich mir zulegen sollte, als der \u00dcbersetzer zu mir meinte: &#8220;Mach dir keine Gedanken &#8211; Die geben dir am Ende sowieso alles&#8221;. OK, damit hatte ich nun nicht gerechnet&#8230; Wie dem auch sei, einige Wochen sp\u00e4ter verzweifelte ich an den Regeln zu <em>Trouble School<\/em>, dessen deutsche Regeln sich lasen, als w\u00e4ren sie von einem \u00dcbersetztungsprogramm verfasst worden. Frustriert fragte ich nach einer englischen Regel. Die war rudiment\u00e4r verst\u00e4ndlicher, aber auch in PUnkto Aufbau und Schwerpunktsetzung eher suboptimal. Daher beschloss ich meine eigene Regel zu schreiben. Als Dankesch\u00f6n schickte ich die Regel an Japan Brand und seitdem fragen die mich jedes Jahr ob ich ein paar Regeln aus dem Englischen \u00fcbersetzen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Nun ist das \u00dcbersetzen aus einer \u00dcbersetzung nat\u00fcrlich nicht optimal, da bei jedem \u00dcbersetzungsschritt potentiell Sinn verlorengeht.\u00a0 Im Laufe der Jahre habe ich durchaus gelernt damit umzugehen: Ich \u00fcbersetze deutlich freier als zu Anfang, wo ich noch jeden Satz m\u00f6glichst direkt \u00fcbernommen habe. Das sorgt f\u00fcr etwas weniger gestelzte Regeln, aber auch daf\u00fcr, dass ich besser verstehen muss, wie das Spiel \u00fcberhaupt funktioniert und welche Auswirkungen die Regeln haben. Im Zweifelsfall frage ich nach, ob meine Interpretation richtig ist (meine &#8220;Rechthabe-Quote&#8221; liegt bei etwa 75%, also\u00a0 ist das Nachfragen schon sehr sinnvoll ;-) ). Mittlerweile denke ich, dass meine Regeln z.T. pr\u00e4ziser sind als meine englischen Vorlagen (und ein paar Fehler im Original konnte ich auch schon korrigieren &#8211; aber nat\u00fcrlich werden bei mir auch immer noch Fehler drin sein). Das ist auch der gr\u00f6\u00dfte Tipp, den ich potentiellen Regel\u00fcbersetzern mitgeben kann: \u00dcbersetzt Absatzweise, nicht Satzweise. Lest den Absatz durch, \u00fcberlegt, was der aussagt und schreibt dann das so, wie ihr es am verst\u00e4ndlichsten findet! Nat\u00fcrlich kann man versuchen den Stil oder den Humor mitzunehmen, aber wenn man kein professioneller \u00dcbersetzer ist, kann das schwierig werden. Toppriorit\u00e4t ist aber nun einmal das Spiel. Sind die Regeln unverst\u00e4ndlich, wird das Spiel nicht gespielt, Humor hin oder her.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte an dieser Stelle auch noch einmal darauf hinweisen, dass mir in der Regel das Spiel nicht vorliegt, wenn ich die Regel schreibe. Das ist dann ein Problem, wenn ich mich bei einer \u00dcbersetzung auf Material beziehen muss, bei dem ich nicht sicher bin, wie das \u00fcberhaupt aussieht. Sind Chips rund? Aus Plastik? Aus Holz? Aus Pappe? In der Regel von <em>Generalship<\/em> ist von &#8220;Action boards&#8221; die Rede &#8211; Dabei handelt es sich um Pappkarten, so wie die Rollenkarten bei <em>Puerto Rico<\/em>. Von &#8220;Spielbrettern&#8221; zu reden, ist also nicht optimal. Ein bisschen l\u00e4sst sich das Problem l\u00f6sen, wenn man bei Boardgamegeek geeignete Bilder findet. So habe ich einmal \u00fcberpr\u00fcft ob man bei <em>Sheep &amp; Thief<\/em> \u00fcberhaupt die M\u00f6glichkeit hat, die Stadt zweimal anzuschlie\u00dfen (wenn nicht, stellt sich die Frage auch nicht, ob man dann doppelt Punkte bekommt). Dieses Problem l\u00e4sst sich aber kaum umgehen &#8211; Regel\u00fcbersetzungen brauchen zeit, vor allem wenn die zu Essen gedruckt vorliegen sollen. Das wiederrum ist notwendig, denn Essen ist f\u00fcr die ausl\u00e4ndischen Kleinverlage wie Japan Brand (*) nun einmal der wichtigste Termin des Jahres. Eine \u00dcbersetzung die erst ein paar Wochen sp\u00e4ter kommt, ist verschwendet. Aber Kleinverlage haben nun einmal eine kurze Planungsphase: Es stellt sich erst sp\u00e4t heruas, welche Spiele rechtzeitig fertig werden und oft gibt es noch bis kurz vor Ultimo kleinere Regel\u00e4nderungen. Daher muss man sich eben ohne Originalmaterial behelfen.<\/p>\n<p>Was ziemlich charakteristisch f\u00fcr die Spieleszene ist, dass der absolute Gro\u00dfteil der Spielregeln immer noch von Amateuren wie mir \u00fcbersetzt werden &#8211; Eigentlich alles, was nicht bei den gro\u00dfen Verlagen verlagsintern gemacht wird. In der Regel wird auch ohne Bezahlung \u00fcbersetzt, es gibt lediglich Spiele umsonst. Das mag \u00fcberraschen, wenn man bedenkt, wie zentral eine schlechte Regel f\u00fcr den Misserfolg eines Spieles sein kann (anders herum sorgt eine gute Regel nicht unbedingt auch f\u00fcr einen Erfolg &#8211; da ist das Spiel selbst wichtiger). Nun ist nat\u00fcrlich der Kostenfaktor einer \u00dcbersetzung nicht zu untersch\u00e4tzen &#8211; ein professioneller \u00dcbersetzer d\u00fcrfte fast so viel f\u00fcr <em>eine<\/em> Regel\u00fcbersetzung bekommen, wie der Graphiker &#8211; aber es ist auch ein Problem des Angebotes und ein Problem der Wahrnehmung. Das Angebot an interessierten Helfern\/\u00dcbersetzern ist riesig. \u00dcbersetzungen von allem m\u00f6glichen werden tagt\u00e4glich kostenlos bei Boardgamegeek eingestellt. Ist es da einem armen Kleinverlag zu verdenken, dass er kein Geld f\u00fcr etwas ausgibt, was er problemlos umsonst haben kann? Und jetzt sind wir beim Problem der Wahrnehmung: Ein Kleinverlag hat so viel zu tun, so viel zu bedenken, zu kalkulieren und zu entscheiden, dass Regel\u00fcbersetzungen vielleicht auch nicht immer den Stellenwert einnehmen, der ihnen zusteht. Zumal die Verantwortung ja an den Regelschreiber abgegeben wird &#8211; der Verlag hat da selten die M\u00f6glichkeit irgendwie einzugreifen (gerade wenn der Verlagsmensch die Sprache, in die \u00fcbersetzt wird, selbst nur rudiment\u00e4rt oder gar nicht beherrscht). Auch wird der Kleinverleger keine M\u00f6glichkeit haben, zu netscheiden, welche Regel\u00fcbersetzer gut sind und welche weniger. Wer eine vielleicht schon vorher unpr\u00e4zise Regel g\u00e4nzlich unleserlich \u00fcbersetzt und wer noch rettet was zu retten ist und eine Regel vielleicht sogar verbessert. Und wenn er die h\u00e4tte braucht er nat\u00fcrlich auch \u00fcberhaupt erst einmal eine Auswahl &#8211; trotz gro\u00dfem Angebot sind die meisten doch froh, wenn sie jemanden finden, der eine nicht unerhebliche Arbeit unentgeltlich auf sich nimmt. Und wenn man jemanden gefunden hat, will man den nicht auch noch kritisieren.<\/p>\n<p>Aber vielleicht ist das doch irgendwie n\u00f6tig. Vielleicht w\u00e4re eine M\u00f6glichkeit Spielregeln z.B. auf BGG gesondert bewerten zu k\u00f6nnen ein Schritt in die richtige Richtung. Nat\u00fcrlich steht dann das Original im Vordergrund, aber wenn eine \u00dcbersetzung stark unterschiedliche Noten bekommt als die anderen Sprachen, gibt das sicherlich einen Hinweis auf eine schlechte \u00dcbersetzung. Die kann zeitliche oder andere Gr\u00fcnde gehabt haben, aber -und da nehme ich mich ausdr\u00fccklich nicht aus (ich wei\u00df, dass meine Regeln nicht perfekt sind) &#8211; einn bisschen mehr Professionalit\u00e4t t\u00e4te diesem Bereich durchaus gut. Und das sage ich nicht nur, weil ich gerade <em>The Producers<\/em> wieder in die Ecke gelegt habe.<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>(*) Japan Brand ist genaugenommen kein Verlag, sondern ein Zusammenschluss von Kleinverlagen, so in etwa mit <a href=\"http:\/\/www.spiel-direkt.com\/\">Spiel direkt<\/a> vergleichbar.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dem einen oder anderen ist vielleicht schon einmal ein japanisches Spiel in die H\u00e4nde gefallen und hat sich vielleicht gewundert, dass ich dort die Regel \u00fcbersetzt habe. Wo ich doch kein Japanisch kann.\u00a0 Das kam so: Vor Jahren schrieb ich einmal ein Buch \u00fcber die verschiedenen Spieleszenen der Welt. 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