{"id":15387,"date":"2015-06-20T11:45:39","date_gmt":"2015-06-20T09:45:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=15387"},"modified":"2015-06-20T11:45:39","modified_gmt":"2015-06-20T09:45:39","slug":"autor-aergere-dich-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2015\/06\/20\/15387\/","title":{"rendered":"Autor \u00e4rgere dich nicht!"},"content":{"rendered":"<p>Das Internet ist so gro\u00df geworden, dass ich mich manchmal darin verlaufe. Jedenfalls wei\u00df ich nicht mehr wo, aber ich bin irgendwo \u00fcber eine Diskussion gestolpert, in der sich ein Buchautor dar\u00fcber beschwerte, dass er sich m\u00fchen muss, um \u00fcber die Runden zu kommen, w\u00e4hrend ein Buch wie <em>50 shades of grey<\/em>, das &#8220;dahingeschriebener Schlunz&#8221; ist, zum weltweiten Bestseller wird, der sogar verfilmt wurde. Nun der Mann hat seinen Beruf nicht verstanden \u2013 wie sagte Dieter Bohlen schon: \u201eMan darf nicht erwarten, dass das Musikbusiness gerecht ist\u201c. Und das gilt f\u00fcr alle k\u00fcnstlerischen Berufe.<\/p>\n<p>Auch ich werde gelegentlich gefragt, ob mich Erfolge von so manchem Spiel nicht befremden. \u00dcberraschenderweise lautet die Antwort: Nein! Mir ist bewusst, dass ein gro\u00dfer Erfolg zu nicht unerheblichen Teil auch Gl\u00fcckssache ist. Umgekehrt gibt es auch viele Gr\u00fcnde, warum Spiele, die ich\u00a0 als Rezensent ablehnen w\u00fcrde, kommerziell erfolgreich sind. Das \u00e4rgert mich nicht (mich \u00e4rgert eher ein durchschnittlich-m\u00e4\u00dfiges Spiel ohne originelle Ideen, dass dennoch ver\u00f6ffentlicht wurde, w\u00e4hrend meine tollen, super-originellen Megaspiele abgelehnt werden ;-)). Ich bin aber auch in der komfortablen Lage, dass ich nicht vom Spiele erfinden leben muss und daher machen kann, was mir gef\u00e4llt &#8211; auch wenn es vielleicht geringe Aussicht auf Ver\u00f6ffentlichung oder gar Erfolg hat (was nicht bedeutet, dass ich was dagegen h\u00e4tte, einen Hit zu landen ;-) )<\/p>\n<p>Ich dachte aber mal, ich schreibe ein paar Zeilen \u00fcber ein paar kommerziell m.W. sehr erfolgreiche Spiele, die einen schlechten Ruf unter Spielern haben und beschreibe was der Connaisseur ablehnt und warum das Spiel dennoch ein Erfolg ist. Nicht beachten werde ich Lizenzprodukte, die sich in erster Linie \u00fcber den Namen verkaufen (wie die Legospiele). Auch die Klassiker sind schnell abgehakt: Die werden eben viel gekauft, weil sie bekannt sind und \u00fcberall zu haben.<br \/>\n<em><strong>Black Stories<\/strong><\/em>: Bis ich vor kurzem \u00fcber eine Rezension dar\u00fcber gestolpert bin, war mir nicht bewusst, dass diese Spiele einen Autoren haben (Holger B\u00f6sch), denn diese R\u00e4tselgeschichten gibt es schon seit mindestens 30 Jahren, also viel l\u00e4nger als die <em>Black Stories<\/em> (die \u00e4lteste mir bekannte Quelle stammt aus den 80er Jahren, aber ich denke es gibt sie schon viel l\u00e4nger). Als \u201eLaterale\u201c sind sie in der Literatur bekannt (insbesondere seien <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Denkpuzzles-helle-K%C3%B6pfe-Paul-Sloane\/dp\/3405147964\/ref=sr_1_2?ie=UTF8&amp;qid=1434793245&amp;sr=8-2&amp;keywords=paul+sloane\">die B\u00fccher von Paul Sloane<\/a> erw\u00e4hnt) \u2013 einige R\u00e4tsel tauchten auch in dem Spiel <em>Mindtrap<\/em> auf. Mit anderen Worten: Wir haben es hier mit einem klassischen <em>Traditional<\/em> zu tun. Und das bezieht sich nicht nur auf die Struktur (Nur Ja\/Nein \u2013 Fragen erlaubt, R\u00e4tsel oft verbl\u00fcffend und\/oder abstrus), sondern auch auf viele F\u00e4lle. Der Autor hat diese R\u00e4tsel also im Prinzip nur gesammelt und sich ein paar neue ausgedacht (so steht das im Prinzip auch im Regelheft bei moses). Insofern ist der Erfolg der <em>Black Stories<\/em> nicht \u00fcberraschend: Die Spiele h\u00e4tten sich als traditional nicht so lange halten k\u00f6nnen, wenn sie nicht irgendwie was taugen w\u00fcrden. Es ist nat\u00fcrlich eine ganz spezielle Zielgruppe \u2013 im Prinzip sind die Spiele ja eher R\u00e4tsel, die gemeinsam gel\u00f6st werden \u2013 und f\u00fcr die sind die Spiele gut. Ich pers\u00f6nlich kenne eigentlich so ziemlich jede Geschichte aus der ersten Schachtel, aber das macht das Spiel ja nicht schlecht. Was den Wenigspieler hier fesselt, sind die Simpel-Regeln und die Kommunikation \u2013 man erz\u00e4hlt sich zusammen eine Geschichte und kann jederzeit aufh\u00f6ren oder \u00fcber etwas anderen reden. Und man hat den Drang ein R\u00e4tsel zu l\u00f6sen und dieser Drang ist doch recht gro\u00df. Was man jetzt daraus ableiten kann: Man sollte sich die traditionellen Spiele ansehen! Tats\u00e4chlich ist das aber keine neue Erkenntnis: <em>Werw\u00f6lfe<\/em> oder <em>Stille Post Extrem<\/em> sind auch aus <em>Traditionals<\/em> entstanden und zumindest ersterem ist auch gr\u00f6\u00dferer Erfolg beschiehen.<br \/>\n<strong><em>Munchkin<\/em><\/strong>: Ich habe mir damals die Amerikanische Erstaufgabe gekauft, sobald die in Deutschland verf\u00fcgbar war. Ich habe fr\u00fcher viele Rollenspiele gespielt und mit uns ehemaligen Rollenspielern hatten wir viel Spa\u00df an den ersten ein, zwei Partien. Allerdings kann ich kaum nachvollziehen, was daran reizt, mehr als diese zwei Partien zu spielen &#8211; denn der Spielreiz speist sich in erster Linie eben aus den Klischees und Rollenspielwitzen, die das Spiel bereith\u00e4lt. Wer sich alle Karten durchliest hat einen vergn\u00fcglichen Abend gehabt &#8211; und den gr\u00f6\u00dften Teil des Spielwitzes verbraucht. Tats\u00e4chlich gibt es aber viele Rollenspielrunden, die immer wieder Munchkin spielen &#8211; und eben diesen Reiz mittels den zahllosen Erweiterungen aufrecht erhalten. Auch hier ist das Spiel eher Vehikel f\u00fcr gemeinsames Bl\u00f6deln, das der Kommunikation zwischen den Spielern nicht im Weg steht.<\/p>\n<p><em><strong>Cards against Humanity<\/strong><\/em>: Ich habe schon viel \u00fcber CaH geschrieben: Einmal \u00fcber den <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2012\/12\/05\/4086\">Verlag <\/a>und einmal (Im Rahmen des Plagiatswatches) <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2012\/12\/08\/4090\">\u00fcber die Wurzeln des Spieles<\/a> und die Verwandschaft zu <em>Apple to apples<\/em> und <em>Wie ich die Welt sehe<\/em>. Im Prinzip ist CaH einfach eine L\u00fcckentextversion von<em> Apple to Apple<\/em>, allerdings eine, die von sehr krassen Antworten und Fragen lebt. Ich muss gestehen, mir war lange nicht klar, wie krass die Antworten sind &#8211; &#8220;provozierend&#8221; ist das doch stark untertrieben. Am besten schaut man sich Wil Wheatons <a href=\"http:\/\/www.google.de\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=1&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=0CCsQyCkwAA&amp;url=http%3A%2F%2Fwww.youtube.com%2Fwatch%3Fv%3DQCEqUn7If44&amp;ei=5CKFVe-xIoWxUc69gYAD&amp;usg=AFQjCNGN0NpU2vwC1IUB7MYPrVGtCfnz4A&amp;sig2=uoLl6YtsGDPp6cqu3jpJBA\">Tabletop-Episode <\/a>an, um einen Eindruck zu bekommen. Auch hier ist das Spiel eher Vehikel f\u00fcr gemeinsames Rumbl\u00f6deln. Es bildet sich durchaus ein Muster heraus. Bei CaH kommt aber noch ein weiterer Faktor hinzu: Es erlaubt den Spielern ungestraft Un-PC zu sein und Tabus zu brechen. Das kann man durchaus positiv sehen. Ich habe aber ein ganz anderes Problem mit dem Spiel: Mir ist das nicht nur unangenehm, mir gibt das Spiel auch noch das Gef\u00fchl, das w\u00e4re etwas schlechtes. Ich darf kurz ausholen: Ich habe kein Problem mit <em>Guillotine<\/em> oder auch mit<em> Fuck You Motherfucker<\/em> (bei dem man Schimpfworte legen muss). Ich halte den Humor von CaH aber f\u00fcr doch sehr infantil (Oho, er hat &#8220;Sperma&#8221; gesagt) und vor allem zu 90% rein darauf begrenzt zu provozieren. Das ist nicht mein Humor. Und ja, ich finde es auch nicht super z.B. &#8220;Schwarze Schw\u00e4nze&#8221; in einen Bezug mit dem Holocaust zu setzen. Aber gut, jeder zieht seine Grenzen anders. Was ich <em>Cards against Humanity <strong>nicht<\/strong> <\/em>vorwerfe ist, dass es solche krassen Aussagen erlaubt oder dass andere daran Spa\u00df haben. Was ich dem Spiel vorwerfe, ist dass es mir nicht erlaubt, so etwas doof zu finden. Ich kann nicht anders als solche Karten zu spielen und wenn ich das nicht mag, bin ich ein humorloser Spielverderber, der alles zu ernst nimmt und nicht mal abschalten kann. Ein Spiel muss aber auch erlauben, dass man es nicht mag. Und daher geh\u00f6rt <em>Cards against Humanity<\/em> tats\u00e4chlich zu den paar Spielen, die ich niemals mehr anfassen m\u00f6chte. Zum Gl\u00fcck ist es hier nicht sehr verbreitet (<em>B\u00e4m<\/em> kenne ich nicht aus eigener Anschauung, wei\u00df daher nicht wie viele Provokationen die Umarbeitung \u00fcberlebt haben)<\/p>\n<p><em>Fluxx<\/em>: Nach <em>Munchkin<\/em> ein weiteres Spiel, dass ich im Original gekauft habe und f\u00fcr ganz witzig befunden habe, was ich aber nicht wirklich spielen muss. Und ein weiteres Spiel, dass eben erfolgreich ist, weil es witzig ist und viele, viele Reinkarnationen mit neuen Witzen (und z.T. auch spielerischen Neuerungen) erlebt hat. Wie <em>Munchkin<\/em> ist es ein reines Gl\u00fccksspiel, bei dem Karten irgendwelche unvorhersehbarenb Effekte ausl\u00f6sen, wobei <em>Fluxx<\/em> noch deutlich weniger Struktur hat als <em>Munchkin<\/em>. Beim vierten Beispiel sollte klar geworden sein, was diese Spiele gemein haben: Sie sorgen f\u00fcr Spa\u00df und Kommunikation, wobei die Spiele selbst eher Eisbrecher sind und der gemeinsamen Zeit zwischen den Spielern nicht im Weg stehen. Und das ist genau der Unterschied zwischen diesen Vieren und den Spielen, die Vielspieler bevorzugen: Vielspieler wollen Spielen und stellen das Spiel in den Mittelpunkt &#8211; die Regeln, die Entscheidungen, der Wettstreit. Zumindest bei diesen vier Spielen geht es nicht um das Spiel, sondern um das gemeinsame. Man lacht zusammen, man macht etwas zusammen und streng genommen ist es egal was. Das Spiel sorgt f\u00fcr Kommunikation und ist der Ausgangspunkt f\u00fcr eigene Anekdoten, Geschichten usw. Wer gewinnt ist dabei ziemlich egal. Und die Regeln prinzipiell auch.<\/p>\n<p>Da das eine ganz andere Ausrichtung ist, als das was ich gerne mache und ich halte gerne erfinde, was ich gerne spiele, bin ich den Spielen nicht b\u00f6se, dass es sie gibt. Ich bin den Autoren nicht neidisch. Diese Spiele decken\u00a0 eine andere Sp\u00e4hre ab, als meine Spiele, sie k\u00f6nnten genausogut ein anderes Medium sein. Warum sollte mich deren Erfolg daher \u00e4rgern?<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Internet ist so gro\u00df geworden, dass ich mich manchmal darin verlaufe. 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