{"id":15286,"date":"2015-03-28T15:20:35","date_gmt":"2015-03-28T13:20:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=15286"},"modified":"2015-03-28T15:20:35","modified_gmt":"2015-03-28T13:20:35","slug":"politikum-spiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2015\/03\/28\/15286\/","title":{"rendered":"Politikum Spiel"},"content":{"rendered":"<p>Spiele sind eher unpolitisch und das ist meistens auch gut so. Letzte Woche geisterten gleich drei Gegenbeispiele durch die Medien und auch das ist gut so: Ein Kulturgut darf auch mal politisch sein, darf (und soll) sich auch mal ruhig positionieren.<\/p>\n<p>Als erstes ist einmal <a href=\"Gencon.com\">Genocon <\/a>zu nennen. <em>Gencon<\/em> ist nicht irgendeine Spieleversanstaltung, sondern die gr\u00f6\u00dfte in den USA und mit 180.000 Besuchern in Essen-Regionen (wobei Gencon eben ein Con ist, keine Messe). Bislang fand die immer in Indianapolis statt. Bislang &#8211; denn gestern wurde die &#8220;Religious Freedon Bill&#8221; unterzeichnet und die erlaubt es, dass gl\u00e4ubige Unternehmer, keine Gleichgeschlechtlichen Paare mehr bedienen muss, wenn dies gegen die religi\u00f6sen \u00dcberzeugungen geht. Allein den letzten Satz zu schreiben, geht mir gegen den Strich und ich denke gerade daran, eine Religion zu gr\u00fcnden, die es mir verbietet, religi\u00f6se Fundamentalisten zu bedienen und dann einen Laden in Indiana aufzumachen. Aber das nur nebenbei.<\/p>\n<p>Als Protest gegen dieses Gesetz <a href=\"http:\/\/www.themarysue.com\/gen-con-religious-freedom-law\/\">pr\u00fcfen die Veranstalter einen Wegzug aus Indianapolis<\/a> &#8211; aber erst 2020 (bis dahin laufen die Vertr\u00e4ge mit der Stadt noch). Wirtschaftich w\u00e4re das ein herber Schlag gegen die Stadt. Dies ist meines Wissens das bislang erste Mal, dass ein Unternehmen aus der Spieleszene ihre wirtschaftliche Hebel benutzt, um einen Politikwechsel zu erreichen. Da Brettspieler i.A. eher humane Werte (wie eben z.B. den Gleichheitsgrundsatz) vertreten, ist dies ein guter Tag, auch wenn das Gesetz trotz der Drohung unterzeichnet wurde. Ich bin jeden Fall gespannt wie es weitergeht &#8211; bis 2020 kann viel passieren (z.B. kann das Gesetz als nicht verfassungskonform wieder einkassiert werden, was ich -nebenbei gesagt &#8211; fast erwarte).<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Politikwechsel ist eher kleinerer Natur und betrifft Days of Wonder. Die haben jetzt entschieden, <a href=\"http:\/\/de.trictrac.net\/news\/five-tribes-fakire-statt-sklaven\">die Sklaven aus <em>Five Tribes<\/em> gegen Fakire auszutauschen<\/a>. Der Grund d\u00fcrfte erst einmal wirtschaftlicher Natur sein: Viele Leute haben ein Problem damit, mit Sklaven zu handeln und der Wechsel erm\u00f6glicht so zumindest potentiell eine etwas h\u00f6here Verbreitung.\u00a0 Umgekehrt wird nat\u00fcrlich wieder der Ruf nach \u00fcbertriebender &#8220;Political Correctness&#8221; laut. Wie stehe ich zu der Geschichte? Nun, vorweg: Ich glaube dass der PC-Vorwurf gerne erst einmal rausgeworfen wird, um sich nicht mit unangenehmen Fragen befassen zu m\u00fcssen, gerade auch, was das eigene Verhalten betrifft. <em>Political Correctness<\/em> hat nach meiner \u00dcberzeugung schleichend im Hintergrund eine gro\u00dfe Rolle gespielt, was Toleranz in unserer heutigen Gesellschaft betrifft. Umgekehrt <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2012\/07\/06\/3017\">halte ich das einfache Weglassen negativer Aspekte in einem Thema auch f\u00fcr problematisch<\/a>. Es gibt Vorw\u00fcrfe, dass &#8220;Fakire rein, Sklaven raus&#8221; eine idealisierte Welt vorgaukelt und die Besch\u00e4ftigung mit einem ernsten Thema so verhindert. Das kann ich auch nachvollziehen, denke aber, <em>Five Tribes<\/em> ist dieses Spiel sowieso nicht. Das Spiel ist abstrakt, keine Simulation und es bietet allenfalls eine thematische Einkleidung. Ehrlich gesagt kann ich nicht einmal nachvollziehen, warum Sklaven \u00fcberhaupt gew\u00e4hlt wurden, da hier ohne Not ein negatives besetztes Element eingef\u00fchrt wurde. Mich pers\u00f6nlich st\u00f6ren die Sklaven nicht, gerade weil sie generisch sind &#8211; aber genau deswegen h\u00e4tte man sie von Anfang an besser weggelassen. Negative Konnationen ohne Not sind bestenfalls ein Beispiel von &#8220;nicht nachgedacht&#8221; und schlicht \u00fcberfl\u00fcssig. Ihr Ausstausch ist insofern in Ordnung, auch wenn jetzt wohl erst einmal der <em><a href=\"http:\/\/www.google.com\/url?sa=t&amp;rct=j&amp;q=&amp;esrc=s&amp;source=web&amp;cd=1&amp;cad=rja&amp;uact=8&amp;ved=0CB4QFjAA&amp;url=http%3A%2F%2Fde.wikipedia.org%2Fwiki%2FStreisand-Effekt&amp;ei=qakWVa-PDoOqaZnggvgH&amp;usg=AFQjCNGedghLSYCobni51VesoPcIaAVCnQ&amp;sig2=vPe9O1sVc_C-J_5iYmzLZg\">Streisand-Effekt<\/a><\/em> wirken d\u00fcrfte&#8230;<\/p>\n<p>Das dritte Beispiel ist f\u00fcr mich das st\u00e4rkste und stammt aus dem Computerbereich: Beim Spiel <em>Rust<\/em> haben die Spieler keine Wahl, was ihr Aussehen betrifft. Klingt erstmal nicht weiter spektakul\u00e4r. Aber: Man bekommt ein Aussehen fest zugeteilt, inklusive Ethnizit\u00e4t. Da ist dann pl\u00f6tzlich so viel Sprengsatz dahinter, dass ich spontan &#8220;WoW!&#8221; ausrief, als ich davon las. In Onlineswelten sind n\u00e4mlich die meisten Europ\u00e4isch aussehend, andere Typen sieht man selten. Und tats\u00e4chlich gab es in den Foren einige sehr negative Stimmen von Spielern, die z.B. keinen Schwarzen spielen wollen, aber vom Spiel eine entsprechende Hautfarbe (zuf\u00e4llig) zugeteilt bekamen.<\/p>\n<p>DAS ist aber einmal eine M\u00f6glichkeit, die ein Spiel hat, die f\u00fcr das Medium einzigartig ist: Multiperspektivit\u00e4t. Spiele (egal ob Brett &#8211; Computer &#8211; oder Rollenspiele) bieten eben auch die M\u00f6glichkeit einmal eine andere Seite kennen zu lernen. Und in diesem Fall hei\u00dft das eben auch im Rahmen eines normalen Spieles, einmal zu sehen, wie es als Mitglied einer ethnischen Minderheit sein kann, wenn man z.B. vermeidlich harmlosen Spr\u00fcchen ausgesetzt ist. Umgekehrt setzt vielleicht auf Dauer das Denken ein, dass die Hautfarbe vielleicht doch gar nicht wichtig ist (die feste Augenfarbe hat ja auch keine gro\u00dfen Emotionalen Ausbr\u00fcche verursacht). Wenn ich oben von wachsender Toleranz in unserer Gesellschaft sprach: Spiele wie <em>Rust<\/em> haben so das Potential eben gerade ohne Zeigefinger, quasi nebenbei, f\u00fcr differentierteres Denken und damit Toleranz zu sorgen.<\/p>\n<p>Und das erwarte ich von einem Kulturgut auch ein St\u00fcckweit.<\/p>\n<p>ciao<\/p>\n<p>peer<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Spiele sind eher unpolitisch und das ist meistens auch gut so. Letzte Woche geisterten gleich drei Gegenbeispiele durch die Medien und auch das ist gut so: Ein Kulturgut darf auch mal politisch sein, darf (und soll) sich auch mal ruhig positionieren. Als erstes ist einmal Genocon zu nennen. 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