{"id":15011,"date":"2014-10-25T19:03:11","date_gmt":"2014-10-25T17:03:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?p=15011"},"modified":"2014-10-27T21:43:48","modified_gmt":"2014-10-27T19:43:48","slug":"einspruch-euer-ehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/2014\/10\/25\/15011\/","title":{"rendered":"Einspruch, Euer Ehren!"},"content":{"rendered":"<p>Alle Jahre wieder wird \u00fcber Zahlen geredet und dabei wird immer wieder erneut eine Sicht ge\u00e4u\u00dfert, die f\u00fcr mich sehr gestrig ist. Eine Sicht, wie sie noch vor 20 Jahren funktioniert hat und inzwischen nicht mehr haltbar ist. Und wir reden hier nicht \u00fcber den Kampf der Printmedien gegen Internet-Journalismus. Nein, wir reden von den Neuheiten aus Essen. Wir reden \u00fcber die Gesch\u00e4ftspolitik der Verlage. Wir reden \u00fcber den Schrei der Ohnmacht der Alles-Woller.<\/p>\n<p>Es wird wieder \u00fcber die Zahl geg\u00e4ngelt, dass diese viel zu hoch ist. Es wird dar\u00fcber gemeckert, dass keiner das alles spielen kann, und dass die Spiele zu wenig Luft zum Atmen haben, weil sie nach einem Jahr wieder aussortiert werden. Dabei werden viele Kleinigkeiten \u00fcbersehen, denn die eigene Sichtweise wird bedient. Eine Sichtweise in der es logischerweise n\u00f6tig ist alles zu sichten, alles kennenzulernen und alles beurteilen zu k\u00f6nnen was auf den Markt kommt. Ein Umstand, der vor 20 Jahren vielleicht noch machbar war, der aber inzwischen weit davon entfernt ist nicht als Utopie bezeichnet zu werden.<\/p>\n<p><strong>Das Rekordjahr<\/strong><\/p>\n<p>Fangen wir mit den einfachen Zahlen an. 850 Spiele sind laut der Messe Essen auf der Spiel 14 neu vorgestellt worden. Die Spielbox hat ihre eigene Zahl, die ein bisschen abweicht, genauso wie Cliquenabend, BGG und jede andere Seite die versucht da eine Zahl zu zaubern und eine volle \u00dcbersicht \u00fcber alle Neuheiten zu liefern. Und wie viele waren es im letzten Jahr? Vielleicht 800, um eine Zahl zu nennen, die im Raum war. TricTrac Frankreich hatte letztes Jahr 863 gez\u00e4hlt. Spielbox, Cliquenabend und BGG hatten wieder andere Zahlen. Es funktioniert irgendwie gar nicht. Gef\u00fchlt war es aber eigentlich nur genauso viel wie letztes Jahr. Da ist keine Steigerung mehr zu sehen. Wozu auch? Wozu sich in der gro\u00dfen Zahl versuchen. Es waren halt viele, verdammt viele.<\/p>\n<p>Versuchen wir es mit anderen Zahlen. BGG hat in seiner Datenbank an Neuerscheinungen f\u00fcr 2013, volle 3800 Eintr\u00e4ge. F\u00fcr 2014 sind es bisher rund 3500. Vielleicht wird die Zahl noch um 300 steigen, denn auch in den kommenden 2 Monaten werden noch Eintr\u00e4ge dazukommen, aber ist das wichtig? Diese Zahl zeigt auch eine gewisse Konsistenz. Und sie zeigt noch etwas, was alle anderen Liste gemein haben. Sie z\u00e4hlt alles. Waren es wirklich 850 neue Spiele? Da kam ein Spiel bei einem Verlag raus und der deutsche Vertrieb war auch vor Ort. Bei beiden wurden die Spiele gelistet und zack waren es zwei Spiele statt einem. Hochgerechnet auf die Masse an Spielen die Heidelberger, Pegasus und Asmodee vertreiben und deren Partnerverlage auch St\u00e4nde hatten, kann die Zahl fast schon gef\u00fchlt halbiert werden. Sind wir mal nicht so kritisch, sagen wir es waren nur noch 550 Spiele.<\/p>\n<p>Aber es geht noch weiter. Zum Teil wurden Spiele gelistet, die auch schon letztes Jahr gelistet waren, wie Machi Kori und Das Verm\u00e4chtnis. Die sind jetzt auf deutsch raus. Das ist f\u00fcr manche Spieler neu, denn sie konnten es vorher nicht spielen, aber f\u00fcr die Akribiker ist das nichts neues. Und dann kommen noch die Erweiterungen mit rein. Dazu z\u00e4hlen gro\u00dfe Erweiterungen wie Babel genauso rein, wie die kleinen Goodies, etwa die Haustiere f\u00fcr Br\u00fcgge. Sind das neue Spiele oder nur Gr\u00fcnde, alte Spiele wieder zu spielen? BGG schlie\u00dflich f\u00fchrt noch jede Menge weitere Projekte auf, die es nie \u00fcber den Teich schaffen oder gar in die Ver\u00f6ffentlichungen oder sie sind eh nur Fan-Projekte. Was \u00fcbrig bleibt sind etwa 300 neue Spiele. Eine Zahl, die weder zu hoch noch zu erdr\u00fcckend erscheint. Aber immer noch mehr als der Normalsterbliche spielen kann, der gerne alles spielen will.<\/p>\n<p><em>Der Blick \u00fcber den Tellerrand<\/em>: Im Buchgesch\u00e4ft erscheinen \u00fcbrigens deutlich mehr Titel im Jahr, dadrunter W\u00e4lzer die nicht an einem Tag gelesen sind. Aber auch Fortsetzungen, Neuerscheinungen, Taschenbuch-Ausgaben von vorher nur gebunden B\u00fcchern uvm. Und im Musikgesch\u00e4ft ist es auch nicht viel weniger. In beiden Sparten kenne ich keinen der sagt, dass da zu viel rauskommt. Und genauso wie in diesen Sparten finanzieren sich die Spiele auch gegenseitig quer.<\/p>\n<p><strong>Der Allesspieler<\/strong><\/p>\n<p>Die n\u00e4chste falsche Annahme ist, alles spielen zu m\u00fcssen. Basierend darauf, den Verlagen den Vorwurf zu machen nicht so viel auf den Markt zu werfen, sondern lieber Klassiker zu pflegen, statt nach einem Jahr wieder zu verramschen. Das ist, als w\u00fcrde man die Parteien auffordern nicht mehr Politik f\u00fcr jeden zu machen sondern sich auf ihr Kernthema zu konzentrieren. Was mit der letzten Partei passiert ist, die das getan hat, kann man sehr gut erkennen, sie wurde nicht f\u00fcr voll genommen.<\/p>\n<p>Gerade die gro\u00dfen Verlage sind Vollsortierer. Sie m\u00fcssen viele Zielgruppen bedienen, um auch als gro\u00dfer Verlag genommen zu werden. Sie bieten auch Perlen an, die vielleicht wirklich nur f\u00fcr 1000 Spieler sind, und diese sind dann zufrieden, wenn sie das Spiel haben. Ein Spiel muss nicht ewiglich bestehen, so wie auch nicht jeder Mensch unsterblich ist. Aber warum f\u00fcr diese Menge produzieren statt mehr f\u00fcr die Masse? Und ich dachte Spiele sind Kulturgut und dazu geh\u00f6ren auch Spiele f\u00fcr die Randgruppen die nur 1000 St\u00fcck verkaufen.<\/p>\n<p>Es gibt Spiele f\u00fcr Kinder, Familien, Erwachsene, Freaks, Kenner, Experten, Erz\u00e4hler und Miniaturbemaler. Es gibt Karten-, W\u00fcrfel-, Brett-, Rollen- und neuerdings sogar Beutelspiele. Es gibt Spiele mit einfachen, normalen und schweren Regeln. Es gibt thematische, abstrakte, Euro-, Ameritrash- und auch masochistische Spiele. Und diese Aufz\u00e4hlungen waren weit davon entfernt vollst\u00e4ndig zu sein. Alleine die Schnittmengen f\u00fcr die Kombinationen aufzuz\u00e4hlen w\u00fcrde zu einer Grafik im f\u00fcnfdimensionalen Raum f\u00fchren und den Rahmen einer Essen-Show sprengen. Und jedes Spiel hat seine Berechtigung.<\/p>\n<p>Aber nicht jeder muss alles spielen. Ich wei\u00df, dass mich Wargames, Cosims und inzwischen auch wieder Kinderspiele nicht interessieren. Ich kann sie von meiner Liste streichen. Ich muss mich nicht mit abstrakten Holzspielen besch\u00e4ftigen, weil ich oft keinen Spa\u00df daran habe. Die 2er-Spiele ignoriere ich auch oft. Und sollte da doch eine Perle dabei sein, so wird man es mir n\u00e4her bringen und ich kann dann immer noch drauf schauen. Ich habe mich dieses Jahr das erste Mal sehr ausf\u00fchrlich mit den Neuheuten besch\u00e4ftigt und bin dabei an rund 140 Spiele inkl. Erweiterungen gekommen die einen Blick f\u00fcr mich wert sind. Muss ich alles spielen? Nein!<\/p>\n<p><em>Der Blick \u00fcber den Tellerrand<\/em>: Keiner liest alle B\u00fccher, und keiner h\u00f6rt jede CD da drau\u00dfen. Es gibt B\u00fccher die nur von einer kleinen Gruppe von Menschen gelesen werden, und es gibt sie in kleinen Auflagen. Gepflegt werden die Bestseller und dennoch bringt jeder Verlag jede Menge neue B\u00fccher raus. Denn wenn etwas gut ist fliegt es nicht raus. Und bei Musikern habe ich auch noch keine Plattenfirma geh\u00f6rt die darauf verzichtet neue Talente zu finden und auf den Markt zu bringen, weil die alten sich schon so gut verkaufen.<\/p>\n<p><strong>Die Pyramide<\/strong><\/p>\n<p>Es wird immer wieder ge\u00e4u\u00dfert das schlechte Spiele verboten geh\u00f6ren, so wie schlechte Werbung verboten geh\u00f6rt. Dabei gilt f\u00fcr manche schon das Gute als Schlecht, denn es ist ja schlechter als das Bessere. Es kann nie alles gut sein, etwas ist immer besser als etwas anderes. Selbst wenn man die jeweils besten 20 Spiele der letzten 10 Jahre nehmen w\u00fcrde, w\u00fcrden da Gurken im Vergleich zu anderen Spielen sein.<\/p>\n<p>In dem Umfeld aufzurufen weniger zu produzieren und sich lieber auf weniges zu konzentrieren, erscheint mir v\u00f6llig verkehrt. Wenn die Zahl der Spiele, die mich interessieren, sinkt, wirkt es so, als w\u00fcrde der Markt schrumpfen und alle w\u00e4ren einfallslos. Herr Hutter w\u00fcrde dar\u00fcber klagen, dass der Umsatz zur\u00fcckgeht und eh wir uns versehen geben Menschen das Hobby auf, weil nichts mehr f\u00fcr sie interessantes dabei ist. Die Menschliche Psyche will immer mehr und immer neuer. Wer neu einsteigt findet nicht nur cooles Neues in unbegrenzter Zahl, sondern kann auch damit leben, dass es alt ist. Das White Album von den Beatles ist immer noch eine Perle. Und die Lizenzgurke ist ein Geldbringer, so wie das Buch zum Film bei Teenagern.<\/p>\n<p>Aber w\u00e4ren wir wo wir sind, wenn wir bei 100 Neuerscheinungen im Jahr geblieben w\u00e4ren? Wie in der Evolution wird die Entwicklung durch die Masse vorangetrieben. W\u00e4ren die Spiele denn heute so gut, wenn es nicht so viele geben w\u00fcrde, an denen die Verlage und Autoren sich reiben, neue Ideen finden und Verfeinerungen ausmachen k\u00f6nnten? Und ein Blick auf die Masse der unver\u00f6ffentlichten Spiele oder welche lieber h\u00e4tten unver\u00f6ffentlicht bleiben sollen, aber dank Kickstarter leider den Weg in die Produktion gefunden hat, ist da nur ein Teilaspekt. Die Verlage sind schon sehr konservativ. Wer nur 12 Spiele ver\u00f6ffentlicht, obwohl ihm 700 angeboten wurden, hat schon stark gesiebt.<\/p>\n<p>Und was ein Klassiker wird, bestimmt an der Stelle wieder der Markt. Die Zahl der Spieler steigt auch jedes Jahr. Wenn ein Spiel des Jahres nicht nur 300.000 mal verkauft wird, sondern 700.000 mal dann ist das ein deutliches Signal f\u00fcr eine wachsende K\u00e4uferschicht. Und mit der wachsenden K\u00e4uferschicht kommt auch mehr Verlangen. Es ist wie eine Pyramide. Oben sind die Freaks, die sehr viel spielen und einen Blick auf den Markt haben. Und die Kollegen von der Jury, die alles anspielen m\u00fcssen. Ganz unten ist das breite Fu\u00dfvolk, das nur wenig spielt, und dem es egal sein kann, ob es 10, 100, 1000 oder auch eine Millionen neue Spiele gibt. Aber nur durch st\u00e4ndige Ver\u00f6ffentlichungen die oben in den kleinen Trichter geworfen werden, kommen unten die besten Spiele an, aber die halten sich lange. Welche Spiele das sind, h\u00e4ngt sehr stark davon ab wie gut jeder arbeitet. Aber die Chancen steigen, je mehr reingeworfen wird. Sonst h\u00e4tten wir weiterhin nur Monopoly, Scrabble und ein Leiterspiel. Viele gute Spiele stehen auch in unserer Branche f\u00fcr einen guten Jahrgang.<\/p>\n<p><em>Der Blick \u00fcber den Tellerrand<\/em>: So mancher Bestsellerautor ist gezwungen ein neues Buch jedes Jahr abzuliefern, um im Gespr\u00e4ch zu bleiben. Und eine Band die nach 18 Monaten noch kein neues Album rausgebracht hat, erscheint unwichtig geworden. Nur wenige B\u00fccher und Alben werden Klassiker. Warum sollte ein Verlag auf eine Neuheit verzichten, nur um was voranzutreiben, was es bisher nicht geschafft hat?<\/p>\n<p><strong>Mein Fazit<\/strong><\/p>\n<p>Statt also \u00fcber die Menge zu st\u00f6hnen, sollten wir alle uns wieder an den Spieltisch setzen und spielen. Ich erfreue mich an dem, was ich spiele. Tut das doch\u00a0auch alle. Und ich werde bestimmt nicht alles spielen wollen, das kann keiner und das sollte auch (fast) keiner. Hier zu sortieren macht Sinn und wer das nicht kann braucht die Expertise von anderen, wie der Jury, die das in hervorragender Art und Weise seit \u00fcber 30 Jahren macht. Vielleicht sollten wir mehr Schubladen einbringen. Nicht nur Kinder, Familien, Kenner und Expertenspiele, sondern auch Schubladen, die es f\u00fcr andere einfacher machen. Es gibt mehr als 4 Musikrichtungen, es gibt mehr als 4 Romangruppen.<\/p>\n<p>Aber wer jammert, verpasst die Entwicklung und die ist nicht aufzuhalten. Gestaltet sie lieber mit!<\/p>\n<p>PS:\u00a0Dieser Artikel ist ein Widerspruch gegen die Ansichten von <a href=\"http:\/\/www.reich-der-spiele.de\/specials\/Gebt-Gesellschaftsspielen-Zeit\">Michael Weber<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.infosperber.ch\/Artikel\/Home\/Der-Spieler-Die-Untoten-im-Reich-der-Spiele\">Synes Ernst<\/a>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alle Jahre wieder wird \u00fcber Zahlen geredet und dabei wird immer wieder erneut eine Sicht ge\u00e4u\u00dfert, die f\u00fcr mich sehr gestrig ist. Eine Sicht, wie sie noch vor 20 Jahren funktioniert hat und inzwischen nicht mehr haltbar ist. Und wir reden hier nicht \u00fcber den Kampf der Printmedien gegen Internet-Journalismus. 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