{"id":5337,"date":"2013-08-07T11:36:55","date_gmt":"2013-08-07T09:36:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?page_id=5337"},"modified":"2013-08-07T11:36:55","modified_gmt":"2013-08-07T09:36:55","slug":"archipelago","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/archipelago\/","title":{"rendered":"Archipelago"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/reviews\/archipelago.jpg\" align=\"left\" hspace=\"10\"\/>Verlag: Ludically (Vertrieb durch Asmodee)<br \/>\nAutor: Christophe Boelinger<br \/>\nSpieleranzahl: 2-4 Spieler (mit Erweiterung auch solo)<br \/>\nAlter: ab 14 Jahre<br \/>\nSpieldauer: Angeblich 30-240, eher 60-300 Minuten<\/p>\n<p><em>Archipelago<\/em> ist ein ungew\u00f6hnliches Spiel. Ungew\u00f6hnliche Spiele verlangen nach ungew\u00f6hnlichen Rezensionen. In diesem Sinne beginne ich mal mit einer Aufz\u00e4hlung von Leuten, f\u00fcr die Archipelago <i>nicht<\/i> geeignet ist. Das sind n\u00e4mlich erstaunlich viele!<\/p>\n<p><em>Archipelago<\/em> ist nicht f\u00fcr Sie, wenn \u2026<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Sie sich am Thema st\u00f6ren. <em>Archipelago<\/em> ist eine sehr thematische Umsetzung der Kolonisierung irgendwelcher bereits bewohnter Inseln. Es ist auch eine sehr gesch\u00f6nte Umsetzung. Niemand st\u00f6rt und \u00a0wenn jemand rebelliert, legt er sich einfach schlafen. Die Eingeborenen sind traurig, wenn sie nicht arbeiten d\u00fcrfen und hoffen, dass sie jemand auf dem Markt kauft. Sch\u00f6ne neue Welt. Wer sich an der Farbe von <em>Puerto Rico-<\/em>Kolonisten st\u00f6rt, bekommt hier Schnappatmung.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Sie schnell anfangen und losspielen wollen. <em>Archipelago<\/em> ist <i>komplex<\/i>. Zwar sind vielleicht nicht viel mehr Details zu lernen, als beispielsweise bei <i>Trajan<\/i> und das meiste ist zudem thematisch begr\u00fcndet, aber die Regeln wollen doch <i>erarbeitet<\/i> werden. Alles h\u00e4ngt mit allem zusammen und es gibt viele, viele kleine Details und die Regel ist alles andere als gut.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Gleich die erste Partie sitzen muss. Bislang hat jeder Anf\u00e4nger sich erst einmal komplett von den M\u00f6glichkeiten erschlagen gef\u00fchlt. Anders als bei anderen Spielen, bei denen man am Anfang ein grobes Ziel vor Augen hat oder die einem am Anfang zumindest vor klare Entscheidungen stellen ist die Vorgehensweise bei <em>Archipelago<\/em> zu Beginn v\u00f6llig offen. Dies ist eine St\u00e4rke des Spieles \u2013 es erinnert mich fast schon an ein \u201eSandbox\u201c-Konzept \u2013 aber es ist eben nicht anf\u00e4ngerfreundlich. Die M\u00f6glichkeiten von Archipelago wollen entdeckt werden. Wer sich die Zeit daf\u00fcr nicht nimmt, kann sich die erste Partie sparen. Leider gibt es kein Einsteigerspiel \u00e1 la <em>Agricola<\/em>: Hier wird man gleich ins eiskalte Meereswasser geworfen.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Sie das Konzept \u201eSemi-Kooperativ\u201c grunds\u00e4tzlich fragw\u00fcrdig finden. Der Hauptkritikpunkt an diesem Spiel ist die Tatsache, dass alle verlieren k\u00f6nnen. Mehr noch: Es ist durchaus vorgesehen, dass die Spieler Rohstoffe f\u00fcr die \u201eGute Sache\u201c ausgeben. Machen dass die Spieler nicht, verlieren alle und das Spiel endet vorzeitig. \u201eBl\u00f6des Spiel?\u201c Ich meine: Nein! Erstens besteht die reelle M\u00f6glichkeit, dass der \u201eSeparatist\u201c mitspielt, der gewinnt, wenn alle verlieren. Die gemeinsame Niederlage abzuwenden, ist also (wenn man nicht der Separatist ist) eine notwendige Strategie, will man nicht jemanden anderen zum Gewinner machen. Zudem sind die Siegbedingungen zum Teil verdeckt, d.h. keiner wei\u00df genau, wo er steht. Wer nach dem Motto spielt \u201eWenn ich nicht Hundert Prozent wei\u00df, dass ich gewinne, dann verliere ich lieber mit allen zusammen\u201c, dem wird das nicht helfen. F\u00fcr den ist das Spiel auch nicht gedacht. Wer aber normal auf Sieg spielt, hat in der Regel eine gro\u00dfe Motivation seine Sache an dem Spiel beizutragen. Wer das nicht sieht: Siehe oben \u2013<strong> F\u00fcr den ist das Spiel nicht gedacht<\/strong>. Das Spiel erlaubt den Spielern durchaus durch taktisch schlechtes Spiel, das Spiel gemeinsam an die Wand zu fahren. Ob das eine Designschw\u00e4che ist, sei dahingestellt. Aus meiner Sicht ist dieser Punkt nur deshalb kritisch, weil <em>Archipelago<\/em> eben eine so hohe Einstiegsh\u00fcrde hat \u2013 es m\u00fcssen so viele Konzepte verinnerlicht werden, dass die gemeinsame Niederlage auch einfach mal \u00fcbersehen wird.<\/p>\n<p>&#8211;\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Sie schlechte Augen haben: So sch\u00f6n das Material auch ist, so un\u00fcbersichtlich ist es auch. Insbesondere m\u00fcssen auf den wundersch\u00f6nen Inselhexfeldern winzige H\u00fctten gesucht werden, die zudem nicht immer gleich aussehen. Ich vermute wir haben im Schnitt 1-3 H\u00fctten pro Spiel \u00fcbersehen\u2026<\/p>\n<p>Sind Sie noch da? Sehr sch\u00f6n! Das hei\u00dft, dass Sie sich auf das Experiment, das da \u201eArchipelago\u201c hei\u00dft, einlassen wollen. Ich kann Ihnen versprechen: Es ist zumindest etwas Besonderes!<\/p>\n<p>Wie gesagt werden Inseln besiedelt und das Entdecken von neuen Spielplanteilen ist eine der m\u00f6glichen Optionen. Andere M\u00f6glichkeiten schlie\u00dfen das Bauen von diversen Geb\u00e4uden oder von Schiffen ein, das Anheuern von Arbeitern oder das Erlangen von neuen B\u00fcrgern auf die traditionelle, biologische Methode. Es k\u00f6nnen auch Waren gehandelt werden, um Geld zu machen oder um die Rohstoffe f\u00fcr andere Dinge zu nutzen. Oder es werden Dinge geerntet. Oder Steuern erhoben. Ich sagte ja, dass die M\u00f6glichkeiten umfangreich sind! Zu Beginn d\u00fcrfen drei dieser Methoden pro Runde durchgef\u00fchrt werden (das wird im Laufe des Spieles mehr). Zus\u00e4tzlich werden aber Geb\u00e4ude verwendet, wobei Geb\u00e4ude von demjenigen genutzt werden, der sie besetzt. Das muss nicht derjenige sein, der sie gebaut hat, denn manchmal braucht der seine Leute woanders. Au\u00dferdem k\u00f6nnen Karten genutzt werden, die nochmal neue M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen. Die Karten werden in einer Extra Phase an die Spieler verkauft.<\/p>\n<p>Das alles dient zwei Dingen: Zum einen m\u00f6chte man Siegpunkte erf\u00fcllen. Dabei kennt man nur einen kleinen Teil der Dinge, die am Ende Punkte z\u00e4hlen, aber die Mitspieler verraten durch ihre Bauweise durchaus auch ein bisschen. Zudem versucht man eine gewisse Wirtschaft aufzubauen \u2013 weil Geld grunds\u00e4tzlich gut ist, Waren einen flexibel halten und vor allem, weil sich so eine Rebellion verhindern l\u00e4sst. Vor den eigentlichen Aktionen (und manchmal auch zwischendurch) legen sich die B\u00fcrger alle hin und schlafen und werden erst wieder aufgeweckt, wenn ihnen bestimmte Dinge geschenkt werden. Geschieht das nicht, hat man nicht nur weniger B\u00fcrger, sondern auch die Unzufriedenheit steigt \u2013 und wenn die kumulierte Unzufriedenheit h\u00f6her ist als die der B\u00fcrger, dann kracht\u2019s und zwar gewaltig \u2013 das Spiel endet und alle haben verloren. Au\u00dfer dem Separatisten vielleicht.<\/p>\n<p>Ich kann und will hier gar nicht auf alle Details eingehen, sondern lieber etwas \u00fcber <em>das Spiel an sich<\/em> schreiben: Wenn man erst einmal wei\u00df, was man tut (und dazu braucht es mindestens eine Probepartie, besser zwei), dann bietet <em>Archipelago<\/em> ein fast einzigartiges Spielgef\u00fchl und zwar weil man so v\u00f6llig frei ist, in dem was man tut. Fast alle modernen Spiele verlangen danach, irgendwie alles zu machen. Vernachl\u00e4ssigungen werden oft bestraft. Oder man kann sich gar nicht spezialisieren, weil das Spielsystem dem entgegensteht. Hier bleibt alles dem Spieler \u00fcberlassen: Er kann sich auf eine Sache konzentrieren oder er kann \u00fcberall mitmischen, er kann konstruktiv spielen oder destruktiv, was aber wegen Rebellionsgefahr riskanter ist.<\/p>\n<p>Hinzu kommt noch, dass das Spiel aufgrund der zahlreichen m\u00f6glichen Sieg- und Endbedingen, der immer neuen Inselwelt und der vielen Aktionskarten (von denen immer nur ein Bruchteil im Spiel ist), sowie der immer unterschiedlichen Forderungen der Rebellen sich immer unterschiedlich spielt.<\/p>\n<p>Diese Freiheit kommt eben mit dem Preis der gro\u00dfen Fragezeichen, die man immer wieder auf der Stirn hat, wenn man <em>Archipelago<\/em> eine Zeitlang nicht angefasst hat. Und ganz ehrlich: In der kurzen Varianten werden die St\u00e4rken des Spieles nur angedeutet. Um diese Entstehungsgeschichte wirklich nutzen zu k\u00f6nnen, m\u00fcsste schon mindestens die mittlere Spieldauer her. Und da sind wir beim n\u00e4chsten Problem: Der Spieldauer. Die steht dem h\u00e4ufigem probieren etwas entgegen, denn ein knackig-kurzes 90-Minutenspiel ist das Kolonisieren des Archipels nicht. Schon gar nicht, wenn man es <em>richtig<\/em> machen will.<\/p>\n<p><em>Archipelago<\/em> bewundere ich, weil es einen sehr eigenst\u00e4ndigen Weg geht. Es will ein bestimmtes Thema umsetzen und den Spielern maximal m\u00f6gliche Freiheiten bieten \u2013 inklusive der Freiheit alles falsch zu machen. Damit hebt es sich erfrischend von anderen Vielspielerspielen der j\u00fcngsten Vergangenheit ab, die es allen recht machen wollen. <em>Archipelago<\/em> ist arrogant genug, um auszusortieren. Wem es nicht gef\u00e4llt, dem gef\u00e4llt es nicht. Die Zielgruppe dagegen liebt es.<\/p>\n<p>Und ich? In einer anderen Zeit, einer Zeit mit mehr Unibesuchen und weniger Familie, einer Zeit in der man sich regelm\u00e4\u00dfig zu Spielen wie <em>Republik of Rome<\/em> getroffen hat und bei denen ein <em>Ra<\/em> als \u201eWarm up\u201c gespielt wurde, da w\u00e4re mir <em>Archipelago<\/em> sehr, sehr willkommen gewesen. Heutzutage sieht die Sachlage leider anders aus. Aber die Qualit\u00e4ten dieses Spieles bewundere ich dennoch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag: Ludically (Vertrieb durch Asmodee) Autor: Christophe Boelinger Spieleranzahl: 2-4 Spieler (mit Erweiterung auch solo) Alter: ab 14 Jahre Spieldauer: Angeblich 30-240, eher 60-300 Minuten Archipelago ist ein ungew\u00f6hnliches Spiel. Ungew\u00f6hnliche Spiele verlangen nach ungew\u00f6hnlichen Rezensionen. In diesem Sinne beginne ich mal mit einer Aufz\u00e4hlung von Leuten, f\u00fcr die Archipelago nicht geeignet ist. 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