{"id":24296,"date":"2023-06-11T21:39:21","date_gmt":"2023-06-11T19:39:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?page_id=24296"},"modified":"2023-06-12T08:44:05","modified_gmt":"2023-06-12T06:44:05","slug":"turing-machine","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/turing-machine\/","title":{"rendered":"Turing Machine"},"content":{"rendered":"<p><strong>Verlag<\/strong>: Le Scorpion Masqu\u00e9 \/ Huch<br \/>\n<strong>Autor<\/strong>: Fabien Gridel, Yoann Levet<br \/>\n<strong>f\u00fcr <\/strong>1-4 Spieler*innen<br \/>\n<strong>ab <\/strong>14 Jahren<br \/>\n<strong>Dauer<\/strong>: ca. 20 Minuten<\/p>\n<p>Eine der wiederkehrenden Scheindebatten in der Spielszene ist die Frage, ob XYZ \u201e\u00fcberhaupt ein Spiel ist?\u201c. Es ist dahingehend eine Scheindebatte, weil es keine ausreichende Liste \u00e4u\u00dferer Merkmale gibt, die diese Einordnung vorweg nehmen k\u00f6nnen. Manche Spiele sind nicht kompetitiv. Manche Spiele haben kein Zufallselement. Manche Spiele haben keine Form der Interaktion. Manche Spiele haben verschwindend geringe Entscheidungsm\u00f6glichkeiten. Wie in anderen Bereichen des Lebens auch, ergibt sich die richtige Zuordnung aus der Selbstbestimmung. Turing Machine nennt sich Spiel und pr\u00e4sentiert sich wie ein Spiel. Also ist es ein Spiel.<\/p>\n<p>Wie es sich f\u00fcr ein Spiel geh\u00f6rt, werden wir mit einer Aufgabe konfrontiert. Eine Aufgabe, die gerade zu Beginn noch sehr knifflig erscheint. Es geht darum einen drei-stelligen Zahlencode zu ermitteln. Daf\u00fcr nutzen wir die Spielkomponenten: Lochkarten und ein dicker Stapel an Matritzen. Auff\u00e4llig und gewisserweise auch ein Spiegel der Designphilosohpie ist der karge Minimalismus den Turing Machine pr\u00e4sentiert. Alles ist zweckdienlich und die kleinen visuellen Details, wie z.B. Schrifttyp oder Farbgebung, sind allein der einfachen Handhabung untergeordnet. Wie man die Spielkomponenten zur Ermittlung des richtigen Zahlencodes einsetzt, erschlie\u00dft sich schnell. Lochkarten aufeinander legen, eine bestimmte Matrix dahinter legen und anschlie\u00dfend schauen ob durch das einzige \u00fcbriggebliebene Loch ein gr\u00fcnes H\u00e4kchen oder ein rotes Kreuz zu sehen ist. Dieses Ergebnis richtig zu lesen, ist die erste Herausforderung, der wir uns stellen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Zu einem gewissen Grad braucht jedes Spiel eine Herausforderung, um sich als Spiel zu qualifizieren. Es muss eine H\u00fcrde geben, die es zu \u00fcberwinden gilt. Ein Spiel kann allein daraus bestehen, dass man Pl\u00e4ttchen zieht und dann einzeln zu einer Landschaft zusammenlegt. Aber erst wenn Aufgaben erf\u00fcllt werden m\u00fcssen, f\u00fchlen sich diese repetitiven Entscheidungen wie ein Spiel an. Das Ungew\u00f6hnliche daran ist, dass die H\u00fcrden in Turing Machine beinahe nahtlos von Handhabung zur Spielaktion \u00fcbergehen.<\/p>\n<p>Die erste H\u00fcrde besteht darin, zu begreifen wie eine \u00fcber die Lochkarten ermittelte Ja\/Nein-Antwort zu deuten ist. Hat man das Zusammenspiel zwischen Lochkarten-Kombination, Fragekarte und Ergebnis verstanden, folgt der n\u00e4chste Schritt. Welche validen Schl\u00fcsse lassen sich daraus ziehen und wor\u00fcber sagt die erhaltene Antwort nichts aus? Im Anschluss daran gilt es eine neue Eingabe \u00fcber die Lochkarten zu bestimmen, die exakt auf die Informationen getestet werden kann, welche einem fehlen, um die L\u00f6sung zu ermitteln.<\/p>\n<p>Das klingt verkopft und alles andere als trivial, und genau das ist Turing Machine auch. Der Sog, den Turing Machine jedoch nach einigen Partien entwickelt, ist durchaus mit dem Reiz eines komplexeren Brettspiels zu vergleichen. \u00c4hnlich wie man in manchen Spielen erst lernen muss, wann eine Aktion besonders effektiv ist und wann man sie besser links liegen l\u00e4sst, muss man auch bei Turing Machine lernen das Spiel richtig zu \u201elesen\u201c.<\/p>\n<figure id=\"attachment_24298\" aria-describedby=\"caption-attachment-24298\" style=\"width: 293px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-24298 size-medium\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-293x300.jpg\" alt=\"\" width=\"293\" height=\"300\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-293x300.jpg 293w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-685x700.jpg 685w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-147x150.jpg 147w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-768x785.jpg 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-1502x1536.jpg 1502w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-2003x2048.jpg 2003w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-370x378.jpg 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-270x276.jpg 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-570x583.jpg 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-489x500.jpg 489w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Turing-Machine-Eingabe-740x757.jpg 740w\" sizes=\"auto, (max-width: 293px) 100vw, 293px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-24298\" class=\"wp-caption-text\">Eine Eingabe mit positiver R\u00fcckmeldung &#8211; aber was hei\u00dft das?<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Versuch sich in die logischen Zusammenh\u00e4nge und Konsequenzen einzelner Entscheidungen (bzw. Informationen) zu arbeiten, ist au\u00dfergew\u00f6hnlich befriedigend, sobald man in den eigenen \u00dcberlegungen richtig liegt. Nichts macht so s\u00fcchtig wie Erfolg, und das gilt insbesondere f\u00fcr Turing Machine.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte vermuten, dass Turing Machine darum eher ein Spiel f\u00fcr erfahrene und versierte Spieler*innen ist. Aber \u00fcberraschenderweise zieht sich die Linie derer, die mit dem Spiel nicht warm werden, eher entlang des kompetitiven Spiels. Denn hier erweist sich der Minimalismus des Spiels und seines Designs als ern\u00fcchternd. Es fehlt irgendeine Form der Struktur. Es gibt zwar ausreichend Material, um gleichzeitig unterschiedliche Codes zu pr\u00fcfen, aber das Spiel gegeneinander endet unvermittelt sobald jemand den richtigen Code bestimmt hat. Das Problem ist hier nicht die fehlende Interaktion mit den konkurrierenden Spieler*innen, sondern dass deren Anwesenheit einen sp\u00fcrbaren Nachteil f\u00fcr das Spielerlebnis darstellt. Die Spieldauer zieht sich in die L\u00e4nge, w\u00e4hrend jegliche Kommunikation ausbleiben muss. Sei es, um die schwer Denkenden nicht zu st\u00f6ren, oder um ihnen durch einen Versprecher keinen unbeabsichtigten Vorteil zu geben. Der Wettbewerb in Turing Machine ist ein plumper, formloser Vergleich am Ende des Spiels.<\/p>\n<p>Auch der kooperative Modus ist formlos, jedoch mit einem entscheidenden Unterschied. Wir d\u00fcrfen uns \u00fcber Informationen, Schlussfolgerungen und Hypothesen nach Lust und Laune unterhalten. Hier nun entwickelt Turing Machine seinen vielleicht st\u00e4rksten Spiel-Charakter. Das Knobeln, das Aufstellen von Hypothesen und abw\u00e4gen dar\u00fcber welche Tests in welcher Kombination eine L\u00f6sung zulassen und welche es nicht tun, macht aus einer anspruchsvollen Denksportaufgabe ein gemeinsames Spielerlebnis. Erst im kooperativen Modus entfaltet Turing Machine seine vollen St\u00e4rken als Gesellschaftsspiel. (Ein Punkt der in meinen Augen f\u00fcr jedes reine Deduktionsspiel gilt, aber diese Ansicht teilen nicht alle.)<\/p>\n<p>Dabei ist der formlose Charakter des kooperativen Spielmodus, auch der Punkt an dem Turing Machine mit den Erfahrungen vieler Spieleprofis bricht. Statt durch geheime Informationen, individuelle Sonderf\u00e4higkeiten oder gar Kommunikationssperren daf\u00fcr zu sorgen, dass niemand am Tisch zu viel Einfluss auf die Entscheidungen der Gruppe nehmen kann, ist es der Gruppe \u00fcberlassen wie sie kooperieren will. Auch hier erweist sich der kompetitive Spielgedanke (\u201ewir spielen <em>gegen<\/em> das Spiel\u201c) eher als St\u00f6rfaktor, denn als Hilfe. Es ist die Kooperation, das Gespr\u00e4ch und der gemeinsame Austausch, mit dem aus der Denksportaufgabe in Turing Machine ein erf\u00fcllendes Spielerlebnis wird.<\/p>\n<p>Womit dann auch die Scheindebatte, ob Turing Machine \u00fcberhaupt ein Spiel ist, als das entlarvt wird, was sie eigentlich darstellt: ein Festhalten an \u00fcberholten Vorstellungen dar\u00fcber, wie sich ein Spiel zu pr\u00e4sentieren, zu verhalten und einzuordnen hat. Dabei ist Turing Machine genau das, was es sagt, dass es ist: ein Spiel. Obendrein noch ein richtig spannendes.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag: Le Scorpion Masqu\u00e9 \/ Huch Autor: Fabien Gridel, Yoann Levet f\u00fcr 1-4 Spieler*innen ab 14 Jahren Dauer: ca. 20 Minuten Eine der wiederkehrenden Scheindebatten in der Spielszene ist die Frage, ob XYZ \u201e\u00fcberhaupt ein Spiel ist?\u201c. Es ist dahingehend eine Scheindebatte, weil es keine ausreichende Liste \u00e4u\u00dferer Merkmale gibt, die diese Einordnung vorweg nehmen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":10,"featured_media":24297,"parent":66,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-24296","page","type-page","status-publish","has-post-thumbnail","hentry"],"jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/24296","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/10"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=24296"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/24296\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":24301,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/24296\/revisions\/24301"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/66"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media\/24297"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=24296"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}