{"id":23566,"date":"2022-10-03T11:56:12","date_gmt":"2022-10-03T09:56:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?page_id=23566"},"modified":"2022-11-02T14:34:00","modified_gmt":"2022-11-02T12:34:00","slug":"city-of-angels","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/city-of-angels\/","title":{"rendered":"City of Angels"},"content":{"rendered":"<p><strong>Verlag<\/strong>: Pegasus \/Van Ryder Games<br \/>\n<strong>Autor<\/strong>: Evan Derrick<br \/>\n<strong>Spielerzahl<\/strong>: 1-5<br \/>\n<strong>Alter<\/strong>: ab 14 Jahren<br \/>\n<strong>Spieldauer<\/strong>: 30-150 Minuten, je nach Mitspielendenzahl und gew\u00e4hlter Variante<\/p>\n<p><em>Ich wache in meinem B\u00fcrosessel auf, das einzige M\u00f6belst\u00fcck in meinem B\u00fcro, dass noch funktioniert. Mein Mund f\u00fchlt sich an, als h\u00e4tte ich gestern Nacht einen Aschenbecher verspeist und in meinem Sch\u00e4del spielte das dritte Symphonieorchester irgendetwas mit vielen Trommeln. Ich versuche noch zu entscheiden, ob mich der Hund von gestern gleich wieder bei\u00dfen solle und womit, als mein m\u00fcder Blick auf SIE f\u00e4llt und ich wei\u00df: Das gibt Stunk! Diese Rezension h\u00e4ttest du schon letztes Jahr fertig haben sollen!<\/em><\/p>\n<p>\u00c4h tja. Meine Ausrede: Nicht nur erschien <em>City of Angels<\/em> mitten w\u00e4hrend eines Lockdowns, bei der ich meine Spielrunde gar nicht sah, es kommt auch mit einer recht hohen Anzahl auf m\u00f6glichen Spielarten, die ausprobiert werden wollen. Da verschiebt sich dann auch einmal einiges. Aber vielleicht ging es anderen ja \u00e4hnlich und freuen sich jetzt \u00fcber die Erinnerung dass es dieses Spiel auch noch gibt.<\/p>\n<p><em>City of Angels<\/em> geh\u00f6rt zu den Krimispielen, wobei das Geschehen erfrischenderweise weder im viktorianisches Zeitalter von Sherlocks Holmes noch in der Gegenwart angesiedelt ist, sondern in der Pulp-\u00c4ra der 40er Jahre. Von <em>Crime Noir<\/em> will ich hier nicht sprechen (die Ermittelnden sind nicht in einem Strudel der Depression o.\u00e4. gefangen), <em>Hardboiled<\/em> trifft es schon eher, auch wenn die Action (fast) ausschlie\u00dflich im R\u00fcckblick geschieht &#8211; w\u00e4hrend des Falles rekonstruiert man bereits geschehenes, die Verd\u00e4chtigen handeln freundlicherweise nicht, w\u00e4hrend man Tagelang in L.A. umherreist und Indizien sucht. Stattdessen bleiben sie an Ort und Stelle und warten darauf, dass man sie befragt.<\/p>\n<p>Das ist auch gut so, denn das Befragen ist das Kerngesch\u00e4ft der Ermittelnden (man kann auch Orte und Verd\u00e4chtige Durchsuchen, aber das ist bald abgehakt): Alle Verd\u00e4chtigen k\u00f6nnen zu allen anderen Verd\u00e4chtigen und zu jedem gefundenem Gegenstand, zur Leiche und auch zu einigen \u201eEnth\u00fcllungen\u201c befragt werden. Dazu besucht man nur die entsprechende Person und fragt <em>nach<\/em> etwas &#8211; man stellt also keine gezielte Frage z.B. nach der Beziehung des Opfers, sondern deutet eher vage auf die Leiche und hebt fragend die Augenbrauen. Entsprechend sind die Antworten nicht immer das, was man erwartet. Das entscheidende ist aber etwas anderes: In anderen Krimispielen gibt es das ungeschriebene Gesetz, dass allerh\u00f6chstens der T\u00e4ter l\u00fcgt und alle anderen zumindest die Wahrheit sagen, wenn sie sich nicht sowieso gleich ganz kooperativ zeigen. Und selbst eine T\u00e4terin bei <em>Sherlock<\/em> etwa, wird eher einer Frage ausweichen, als zu l\u00fcgen. Das hei\u00dft, dass sich die Spielenden auf die Informationen, die sie erhalten, verlassen k\u00f6nnen und aus diesen ihre Schl\u00fcsse ziehen (wobei das Prinzip vorherrscht, dass diese Informationen unvollst\u00e4ndig sind, z.B. weil bei <em>Sherlock<\/em> vermeidlich unwichtige Informationen abgeworfen werden).<\/p>\n<p>Das ist hier nun nicht der Fall.<\/p>\n<p>Eine Person spielt in der Stadt der Engel n\u00e4mlich eine Sonderrolle (der \u201eStichel\u201c): Diese Person ist gewisserma\u00dfen der Spielleiter, gewinnt aber, wenn alle anderen verlieren. Sie steuert die Informationen, die bei Interviews flie\u00dfen: F\u00fcr die meisten Fragen gibt es n\u00e4mlich eine Auswahl an Antworten, von denen eine die hilfreiche ist (also am ehesten weiterhilft und niemanden bewusst aufs Glatteis f\u00fchrt). Was nicht hei\u00dft, dass diese Topantwort auch <em>tats\u00e4chlich<\/em> garantiert weiterhilft &#8211; nicht alle Charaktere im Spiel wissen \u00fcber alles Bescheid. Es kommt durchaus vor, dass die hilfreichste Antwort ist \u201eKenne ich nicht, wer ist das?\u201c. Meistens ist sie das jedoch nicht und wer fragt kann an dieser Stelle nachhaken, also \u201eDruck aus\u00fcben\u201c\u00a0 (siehe \u201eHardboiled\u201c oben). Gibt es tats\u00e4chlich eine bessere Antwort, so muss diese jetzt gegeben werden UND in einer zuk\u00fcnftigen Befragung kann die Ermittlerin nun einmalig von Anfang an auf die Topantwort bestehen.<\/p>\n<p>Wurde aber zu Unrecht Druck ausge\u00fcbt, darf einmalig eine Antwort komplett verweigert werden, was vor allem Zeit kostet (die Frage darf erst in einem zuk\u00fcnftigen Zug wiederholt werden).<\/p>\n<p>Dieser Mechanismus ist recht interessant, weil die Ermittelnden so vor dem Dilemma stehen, nicht alles hinterfragen zu k\u00f6nnen, sie wissen nie ganz sicher, ob sie wirklich alle relevanten Informationen gesammelt haben oder gerade auf einen irrweg gechickt wurden, Und gerade wenn bereits ein paarmal falsch Druck ausge\u00fcbt wurde, steigt die Hemmschwelle mehr und mehr an und die Ermittelnden werden unsicherer. Gleichzeitig gibt diese Methode der Stichlerin die M\u00f6glichkeit clever zu spielen: Welche Informationen wann herausgegeben werden k\u00f6nnen, wann man es riskiert zu l\u00fcgen und wann man ggf. eine Antwort verweigert -was auch zu Bluffzwecken geschehen kann &#8211; sind Fragen mit nicht-trivialen Antworten. Das bedeutet aber auch, dass man nicht einfach nur Gegenspieler ist, sondern eine ganz andere Rolle einnimmt, die sich auch g\u00e4nzlich anders spielt, als der Rest am Tisch. Eher taktisch als deduzierend, ein bisschen wie Mr. X in <em>Scotland Yard<\/em>, w\u00e4hrend der Rest <em>Sherlock Holmes Criminal Cabinet<\/em> spielt. . Ich finde diese starke Asymmetrie sehr interessant (und auch organisch im Spiel eingegliedert), aber irgendjemand muss sich in dieser Rolle auch wohlf\u00fchlen. Zwar l\u00e4sst sich diese Rolle zur Not zwar auch \u201eautomatisieren\u201c, aber der Automaton ist nat\u00fcrlich etwas bedienaufwendig und vor allem als reiner Mechanismus weniger befriedigend als ein realer Gegenspieler, der die Gruppe liest.<\/p>\n<p>Dieser ganze Mechanismus mit dem Befragen und dem Druck ist schon etwas besonderes &#8211; gerade weil es die Unsicherheiten in der Informationslage so hervorhebt. Die Ermittelnden m\u00fcssen nicht nur den Fall l\u00f6sen, sie m\u00fcssen dazu auch versuchen, Wiederspr\u00fcche zwischen den verschiedenen Aussagen zu entdecken und zu erkennen, was nicht erw\u00e4hnt wurde. Je schwieriger der Fall, desto kniffliger ist dies. Dies sorgt auch durchaus f\u00fcr eine gewisse zeitlicjhe Struktur des Falles: Zu Beginn tippen die Ermittelnden deutlich ehr im Dunkeln; Nicht nur wissen sie nicht, was passiert ist, sie k\u00f6nnen auch noch nicht wirklich absch\u00e4tzen, welche Aussage ehrlich und welche Aussage Unsinn ist: Es gab ja noch nicht gen\u00fcgend Aussagen, um sich in Wiederspr\u00fcche zu verwickeln. Dabei gibt es gl\u00fccklicherweise keine wirklichen Sackgassen &#8211; Mit gen\u00fcgend Arbeit sto\u00dfen die Spielenden schon auf die relevanten Informationen. Nur halt eventuell etwas zu sp\u00e4t, um den Fall noch bis Feierabend abschlie\u00dfen zu k\u00f6nnen. So gibt es grunds\u00e4tzlicvh das Gef\u00fchl einer Progression, wenn auch vielleicht nicht so schnell, wie man es m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Der Zeitfaktor ist dabei nicht unwichtig: Der Fall muss nach einer bestimmten Rundenanzahl abgeschlossen sein, sonst gewinnt der Stichler (das kann auch der Algorithmus sein). Aber je nach eigenem Geschmack, kann es auch noch mehr Gegenspielerinnen geben: <em>City of Angels<\/em> ist sehr personalisierbar: Es l\u00e4sst voll kompetitiv spielen, so dass alle Ermittler Feinde sind und nur die schnellste Person gewinnt. Der Stichler kann alleine gegen ein Ermittlerteam spielen, dass kooperativ arbeitet. Oder nur aus einem Ermittler besteht, der von allen gemeinsam gesteuert wird. Oder man benutzt den Automaton und spielt komplett zusammen oder alleine gegen den \u201eComputer\u201c. Das bedeutet nat\u00fcrlich, dass man in jedem Fall eine Menge Material aus der Schachtel <em>nicht<\/em> nutzen wird &#8211; aber ganz ehrlich: Es sind 9 F\u00e4lle in der Schachtel, neun <em>Sherlock<\/em>-F\u00e4lle kosten etwa ebenso viel, da verbuche ich das eher unter \u201ezus\u00e4tzlicher Service\u201c als unter \u201eMaterialverschwendung\u201c . Allerdings bedeutet ein so hoher Grad an materieller Anpassung auch, dass man erst einmal eruieren muss, welche Variante jetzt am besten zu einem selbst passt. Mich st\u00f6rt das immer ein bisschen &#8211; ich m\u00f6chte nicht testspielen, ich m\u00f6chte bedient werden! Aber zum Gl\u00fcck gibt es ja Kritiken, die einem bei der Orientierung helfen!<\/p>\n<p>Und hier ist es relativ einfach: Kooperativ kann man sich untereinander absprechen und vor allem Theorien teilen. F\u00fcr mich ist das spekulieren, das Aufstellen und Diskutieren von Hypothesen der Teil, der mich an einem Krimispiel reizt. Spielt man gegeneinander fallen diese Diskussionen komplett weg &#8211; Alle bewegen sich nur in ihrem eigenen Kopf und wollen ja keine Gedanken teilen, damit niemand anderer den Fall vor einem l\u00f6st. Anders als bei einem reinem Deduktionsspiel wie <em>Cryptid<\/em>, gibt es aber ja keine \u201eProgramm\u201c was man abarbeiten kann, sondern man muss Vermutungen anstellen (gerade weil die Informationen nicht gesichert sind) und das ist alleine eben nicht nur weniger befriedigend , sondern auch deutlich schwieriger; . Ab einem gewissen Schwierigkeitsgrad der F\u00e4lle (der bei <em>City of Angels<\/em> definitiv \u00fcberschritten wird) geschieht es schnell, dass man, wichtige Details \u00fcbersieht und festh\u00e4ngt. Ein kommunikativer Mensch wie ich es bin, ist das zu solipsistisch (womit ich nicht sagen will, dass jeder vor sich hinspielt &#8211; es gibt eine Menge Interaktion &#8211; aber man teilt seine Gedanken eben nicht miteinander).<\/p>\n<p>Bei <em>City of Angels<\/em> gibt es aber noch ein anderes Argument f\u00fcr die kooperative Variante: Sie spielt sich deutlich flotter. Hier sind alle Informationen offen, niemand liest geheim Texte durch, w\u00e4hrend die anderen zugucken, wie das zwangsl\u00e4ufig in der kompetitive Variante der Fall ist. Da bei letzterer Variante zudem verhindert werden muss, dass durch die verdeckte Informationen einzelne \u201eDetectives\u201c von Schl\u00fcsselinformationen ausgeschlossen werden, gibt es zahlreiche M\u00f6glichkeiten, um Karten doch einsehen zu k\u00f6nnen oder auch an einem Verh\u00f6r teilnehmen zu k\u00f6nnen, bei dem man eigentlich nicht anwesend ist. Zudem kann man mit Cash verweigerte Fragen doch noch beantwortet bekommen. Das alles zieht vor allem die Verh\u00f6re &#8211; von dem es ja sehr, sehr viele gibt &#8211; \u00a0in die L\u00e4nge. Au\u00dferdem bedingt es die M\u00f6glichkeit, Geld generieren zu m\u00fcssen, was wiederrum Aktionen kostet\u2026 Mit anderen Worten: Was bei der kooperativen Variante ein durchaus originelles Krimispiel ist, versucht in der nicht-kooperativen Variante das Thema zu simulieren. Das mag kompetitive Pulp-Fans erfreuen, lenkt m.E. aber von den Teilen ab, die Spa\u00df machen. Nicht zuletzt deswegen, weil die zus\u00e4tzlichen Aktionen lediglich entweder Informationen blockieren oder die aufgestellten\u00a0 Blockaden umlaufen. Sie schaffen somit keine wirklich neuen Spielweisen, sondern erschweren nur das Schlussfolgern.<\/p>\n<p>Ich kann irgendwo verstehen, dass die kompetitive Variante als das Hauptspiel verkauft wird &#8211; es nutzt das meiste Material und ist regeltechnisch auch deutlich umfangreicher. Sie d\u00fcrfte auch die Variante sein, die der Autor im Kopf hatte, als er das Spiel entwickelte, denn tonal passt sie mit den aggressiven Aktionen vermutlich etwas besser zum Hardboiled-Setting (wobei mir da keine Romane bekannt sind, wo mehrere Ermittler um die Wette ermitteln). Aber f\u00fcr mich ist die kooperative Form \u201eViele Ermittelnde gegen eine Gegenspielerin\u201c die interessantere, die reinere Version.<\/p>\n<p><em>Wenn ich keine geschlechtsneutrale Formulierung gefunden habe, habe ich abwechselnd die weibliche und die m\u00e4nnliche Form verwendet. <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag: Pegasus \/Van Ryder Games Autor: Evan Derrick Spielerzahl: 1-5 Alter: ab 14 Jahren Spieldauer: 30-150 Minuten, je nach Mitspielendenzahl und gew\u00e4hlter Variante Ich wache in meinem B\u00fcrosessel auf, das einzige M\u00f6belst\u00fcck in meinem B\u00fcro, dass noch funktioniert. 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