{"id":22546,"date":"2021-11-19T17:51:37","date_gmt":"2021-11-19T15:51:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?page_id=22546"},"modified":"2021-11-19T17:51:37","modified_gmt":"2021-11-19T15:51:37","slug":"verlagsuebersicht-broadway-fairy-prank-call-to-nature-heaven-here-i-come","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/verlagsuebersicht-broadway-fairy-prank-call-to-nature-heaven-here-i-come\/","title":{"rendered":"Verlags\u00fcbersicht Broadway: Fairy Prank, Call to nature, Heaven here I come!"},"content":{"rendered":"<p>Vor zwei Jahren hatte ich Broadway auf der Messe kennengelernt: Ein Spieleverlag aus Hongkong, der in ertser Linie lokalisierte Versionen von nicht-chinesischen Spielen herausbringt, aber auch ein paar Eigenprodukte auf den Markt bringt. Das bekannteste ist hier vielleicht <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/dim-sum-jam\/\">Dim Sum Jam<\/a>.\u00a0 Letztes Jahr war wegen Covid einigerma\u00dfen Funkstille, jetzt meldete sich der Verlag zur\u00fcck. Hier die aktuellen drei Neuerscheinungen:<\/p>\n<p><strong>Fairy Prank:<\/strong><\/p>\n<p><em>Autor: Jeremie Kletzkine<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcr 2-6 Spielende (besser 3-4) ab 6 Jahren (Bluffelement kommt aber erst ab 10 Jahren zum tragen)<\/em><\/p>\n<p><em>Spieldauer: ca 15 Minuten<\/em><\/p>\n<p>Das letzte Broadway-Spiel was ich auf dieser Seite besprochen habe, war <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/guess-club\/\">Guess Club<\/a>. Ein Spiel, dass wir zuerst v\u00f6llig falsch interpretiert haben. <em>Fairy Prank i<\/em>st nun auch ein Spiel, bei dem ich nach der Regellekt\u00fcre dachte, es w\u00e4re x, nur um dann nach einer Runde festzustellen, dass es in Wirklichkeit y ist.<\/p>\n<p>x steht in diesem Fall f\u00fcr ein simples Ratespiel: 10 Gegenst\u00e4nde in einer Holzbox, einer nimmt geheim ein paar raus und alle anderen raten reihum, was fehlt. Als Grundlage f\u00fcr den Tipp dient das Ger\u00e4usch, dass die Schachtel macht, wenn man sie sch\u00fcttelt. \u201eNett, aber auch schnell ausgelutscht\u201c ist was man in der ersten Runde so denkt. Bestimmte Gegenst\u00e4nde machen \u00fcbrigens gar kein Ger\u00e4usch, andere klingen extrem \u00e4hnlich und so w\u00fcrde man das Spiel abhaken\u2026 wenn die Wertung nicht w\u00e4re. Und die daf\u00fcr sorgt, dass <em>Fairy Prank<\/em> eben gar nicht x ist, sondern y.<\/p>\n<p>y ist in diesem Fall ein waschechtes Bluffspiel. Gewinnen tut n\u00e4mlich nicht einfach, wer am meisten Punkte hat. Vielmehr markiert man welchen Gegenstand man richtig erraten hat oder im Falle desjenigen, der Gegenst\u00e4nde entfernt hat, den Gegenstand den jemand f\u00e4lschlicherweise benannt hat. Sage ich also \u201eDiamant\u201c darf ich den Diamanten markieren, wenn der tats\u00e4chlich in der Box ist. Ist er es nicht, darf die Person, die den Diamanten aus der Box genommen hat sich eben diesen ausstreichen. Gewinnen tut man jetzt durch das markieren von 6 verschiedenen Gegenst\u00e4nden oder wenn derselbe Gegenstand dreimal markiert wurde. Die Regel scheint erst einmal unn\u00f6tig kompliziert &#8211; bis man selbst Gegenst\u00e4nde entfernt und wei\u00df, dass jemand die Kugel bereits zweimal angestrichen hat. Nimmt man die jetzt raus? Muss man eigentlich. Aber das wissen dann alle und man bekommt keine Punkte daf\u00fcr. Und was ist wenn man selbst das Seil zweimal angestrichen hat? Nimmt man das raus in der Hoffnung jemand vermutet den Doppelbluff und nennt das Seil? Oder l\u00e4sst man es drin, so dass die anderen etwas anderes nennen und man selbst punktet? Und wie viel will man rausnehmen? Die Runde endet, wenn entweder alle verbleibenden Gegenst\u00e4nde oder alle rausgenommenen Gegenst\u00e4nde genannt wurden. Wird also viel entfernt, gibt es viele M\u00f6glichkeiten zu punkten, aber wenige richtige Tipps beenden die Runde bereits. Pl\u00f6tzlich macht auch die Regel Sinn, die Box nacheinander zu bef\u00fcllen: Immer entweder einen Gegenstand hinein oder die Box nehmen.\u00a0 Die will man schon haben, aber nur wenn gen\u00fcgend und auch die interessanten Gegenst\u00e4nde drin sind\u2026 (Diese Wahl ist bei geringen Spielerzahlen interessanter, bei gr\u00f6\u00dferen punktet man potentiell so viel mehr als Box-Nehmer, dass man die bei der ersten Gelegenheit schnappen sollte.Diese Regel sorgt f\u00fcr zus\u00e4tzliche Spannung und verst\u00e4rkt den Zock-Charakter des ganzen noch.<\/p>\n<p>Vielspielende sind es gewohnt schnell in Mustern zu denken: Kindliches Thema und niedliche Graphik, viel haptisches Material und ein &#8220;haptischer Mechanismus&#8221; reichen aus, um eine Schablone auszuf\u00fcllen. Aber die Wertungen sind es oft, die einem Spiel eine Richtung verleihen. Ist dies eine andere Richtung, kann das als Entt\u00e4uschung oder als positive \u00dcberraschung wahrgenommen werden. In diesem Fall gilt klar letzteres, denn die T\u00fcr, die durch die Wertung aufgesto\u00dfen wird, f\u00fchrt zu einem sehr viel interessanteren Spielerlebnis.<\/p>\n<p><strong>Call of nature<\/strong><\/p>\n<p><em>Autor: Kings Court<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcr 3-6 Spielende ab 8 Jahren (aber englische Kartentexte)<\/em><\/p>\n<p><em>Spieldauer: ca 30 Minuten<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em>\u201eRuf der Natur\u201c hei\u00dft hier: \u201eMan muss auf Klo!\u201c Und zwar dringend. Wer in die Hose macht, verliert. Ein Kacke-spiel also. Wer noch mehr Argumente braucht diesen Teil zu \u00fcberspringen: Man nimmt Schaden, jede Schadensstufe sind schlimme Bauchschmerzen. Diese sollen nachgespielt werden. Laut Anleitung k\u00f6nnen Frauen das auch sehr leise tun und wenn die Eltern mitspielen, darf auf die Regel auch verzichtet werden. Naja. Ehrlich gesagt haben wir das meistens vergessen, denn die Regel ist weniger lustig, als sie klingt. Das mag bei konservativeren Gesellschaftsnormen freilich anders sein, der Tabubruch ist dann vermutlich gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Soll ich mehr sagen? Es verliert, wer 7 Schaden hinnimmt, aber bevor derjenige mit dem wenigsten Schaden gewinnt, wird durch W\u00fcrfelwurf ermittelt, wer \u201ees noch sicher nach Hause schafft\u201c &#8211; ggf. verliert man hier weiteren Schaden, weil man vers\u00e4umt hat, mit zwei W\u00fcrfeln mindestens eine 6 zu w\u00fcrfeln. Selber Schuld! Die Regel zeigt deutlich, dass es hier nicht um irgendeine Form von Spielkontrolle, sondern nur um Schadenfreude und Trashtalk geht, dass alkoholische Getr\u00e4nke nicht schaden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wer sich nach dem eben Gesagten nun besonders brennend f\u00fcr die Mechanismen interessiert: <em>Call of nature<\/em> ist ein \u201eBust-Spiel\u201c (\u201eBust\u201c=\u201cPlatzen\u201c), also ein Kartenspiel, bei dem man bestraft wird, wenn man Punktetechnisch eine bestimmte Linie \u00fcberschreitet. Beispiele w\u00e4ren <em>Parade<\/em>, <em>Poison\/13<\/em> oder <em>6 Nimmt!<\/em> und alle diese Beispiele funktionieren diffiziler als <em>Call of Nature<\/em>; Hier wird lediglich eine Karte gespielt und die gemeinsame Summe hochgez\u00e4hlt. Wird eine Grenze \u00fcberschritten, gibt es Schaden. Daher versucht man die Grenze nicht zu \u00fcberschreiten, spielt also hohe Karten, wenn die Grenze weit weg ist und niedrige, wenn die Grenze naht und Minuskarten, wenn man direkt davor steht. Vorausgesetzt eben, man hat diese auf der Hand. Wenn nicht, dann spielt man <em>Bauchschmerzen<\/em>. Anders als bei <em>Fairy Prank<\/em> (oder <em>Guess Club<\/em>) gibt es hier keine versteckte Tiefen. Andererseits sucht vermutlich auch niemand nach Feinheiten in einem Spiel, bei dem es darum geht, sich nicht in die Hose zu machen. F\u00fcr ein lockeres \u00c4rgerspiel bietet es zu wenig neues &#8211; meine Kinder z.B. sind mit Spielen wie <em>Star plus<\/em> oder <em>Bl\u00f6de Kuh<\/em> einfach zu verw\u00f6hnt &#8211; zumal die hier ebenfalls vorhandenen Aktionskarten besonders sperrig daherkommen und in bestimmten Situationen erst einmal interpretiert werden m\u00fcssen. Bietet <em>Fairy Prank<\/em> mehr als man auf den ersten Blick sieht, bietet <em>Call of nature<\/em> ziemlich genau das, was man auf den ersten Blick sieht und vielleicht sollte man auch nicht mehr erwarten, von dem Spiel, bei dem man sich in die Hose macht.<\/p>\n<p><strong>Heaven here I come<\/strong><\/p>\n<p><em>Autor: Donald Chan<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcr 5-10 Spielende ab 12 Jahren<\/em><\/p>\n<p><em>Spieldauer: ca 5-10 Minuten<\/em><\/p>\n<p>Es am\u00fcsiert mich schon, wenn ein Spiel aus dem asiatischen Sprachraum die christliche Mythologie so behandelt wie Europ\u00e4ische oder Amerikanische Spiele oftmals die gro\u00dfen \u00f6stlichen Mythologien: In diesem Fall stehen wir Spielenden vor der Himmelst\u00fcre, aber nicht jeder wird reingelassen. Wie auch im Berghain muss man daher einen S\u00fcndenbock benennen &#8211; und das ist hier ganz passend dem Thema, die Person, deren Tods\u00fcnde am wenigsten schlimm ist. <em>Tods\u00fcnden<\/em>, <em>Himmel<\/em> und <em>H\u00f6lle<\/em> und <em>S\u00fcndenb\u00f6cke<\/em> sind sch\u00f6ne Bezeichnungen und haben auch genau diesen Zweck: Etwas zu bezeichnen. In diesem Fall sind die S\u00fcnden einfach ein gewisser Rang, der durch die Kombination zweier Karten bestimmt wird. Und als S\u00fcndenbock gilt die Person mit dem geringsten Rang (die Person mit dem h\u00f6chsten Rang hei\u00dft hier \u201eBadass\u201c, aber das ist keine Bibelbezeichnung, mit der ich vertraut w\u00e4re). Diese Person gilt es ausfindig zu machen <span style=\"text-decoration: line-through\">und klammheimlich um die Ecke zu bringen<\/span> anzuklagen. Gelingt dies, haben alle anderen gewonnen, au\u00dfer die S\u00fcndenbock-Person kann alle Bad-Asses benennen, dann gewinnt sie, ebenso wie wenn jemand falsches angeklagt wurde. Das <em>Insider\/Fake Artist<\/em>-Prinzip also.<\/p>\n<p>Doch dieser Vergleich betrifft nur die Wertung, eigentlich ist <em>Heaven here I come<\/em> eher an <em>Mafia\/Werw\u00f6lfe<\/em> orientiert; Jeweils eine Karte liegt zwischen benachbarten Spielenden. Die Karten links und rechts von einem bestimmen den eigenen Rang, beide kennt man. Au\u00dferdem eine weitere Karte irgendwo anders. Und ein paar nicht verwendete Karten hat man auf der Hand, kann diese also f\u00fcr andere ausschlie\u00dfen. Und das ist in der Regel viel zu wenig, um genau zu wissen, wer der S\u00fcndenbock ist (au\u00dfer man hat zuf\u00e4llig den niedrigsten Rang und dann hat man keine Idee wer der Badass sein k\u00f6nnte). Klingt noch nicht so nach <em>Werwolf<\/em>? Nun jetzt kommt es: Es gibt keine weitere M\u00f6glichkeit, um Informationen zu bekommen. Die Spielphase nach dem Aufbau hei\u00dft \u201eDiskussion\u201c und diese Phase endet erst wenn jemand angeklagt wird (was einer Abstimmung gleich kommt und das Spiel schon beenden kann). Nun ist gerade <em>Mafia<\/em> daf\u00fcr bekannt, dass viele Anschuldigungen auf eher so t\u00f6nenden F\u00fc\u00dfen stehen: \u201eIch glaube es hat sich was neben mit bewegt!\u201c, \u201eTobi ist immer der T\u00e4ter!\u201c, \u201eWer sich verteidigt, klagt sich an!\u201c. Nun wei\u00df ich nicht, ob <em>Heaven here I come<\/em> auf ein \u00e4hnliches Level von Profiling abzielt: \u201eEr ist so aggressiv &#8211; Der hat bestimmt Zorn!\u201c \u201eWar das nicht ein sehr lustvolles Lecken der Lippen?\u201c. Fest steht: Selbst <em>Mafia<\/em> hat mehr Struktur, denn durch die verschiedenen Runden verengt sich der Focus und es ist zunehmend m\u00f6glich R\u00fcckschl\u00fcsse aufgrund des Abstimmungsverhaltens zu machen. Das f\u00e4llt hier praktisch weg, denn alle haben in etwa dieselbe Informationslage, keiner wei\u00df in der Regel, ob er selbst zum \u201eTeam S\u00fcndenbock\u201c oder \u201eTeam Bad Ass\u201c geh\u00f6rt. Zudem wurden in den diversen Werwolf-Auslegern immer mehr Rollen hinzugef\u00fcgt, die f\u00fcr mehr Informationsfluss sorgen sollten. Ein solcher Informationsmechanismus fehlt hier.<\/p>\n<p>Dabei bin ich fast sicher, dass der Autor hier auf weniger Gequatsche bei der Diskussion abzielte und mehr damit rechnete, dass Informationen geteilt werden. L\u00fcgen lohnt sich hier kaum, da mindestens zwei -in der Regel sogar drei &#8211; Spielende jede Karte kennen und eine Falschaussage schnell widersprochen werden d\u00fcrfte. Das Problem ist, dass die Spielenden v\u00f6llig frei sind, welche Informationen sie teilen wollen, aber sie nicht wissen k\u00f6nnen, wie sie Informationen am besten preisgeben; Jede Information, die ich teile, kann auch gegen mich verwendet werden; Jede Info, die mich als S\u00fcndenbock ausschlie\u00dft, macht mich potentiell als Badass aus und umgekehrt. Wenn ich mich selbst f\u00fcr den S\u00fcndenbock halte, m\u00f6chte ich dagegen m\u00f6glichst wenig Informationen teilen und m\u00f6glichst viele Informationen sammeln, was nat\u00fcrlich auch auff\u00e4llig ist. Insofern ist Heaven\u2026 potentiell eher als \u201ededuction\u201c als an \u201esocial\u201c angelegt. Glaube ich. Das Problem ist, dass ich es nicht wei\u00df: Thema und sehr offene Diskussion sprechen f\u00fcr \u201eprofiling\u201c, der Kartenmechanismus f\u00fcr \u201eDeduktion\u201c. Zumindest f\u00fcr den Einstieg, f\u00fcr die ersten Runden, h\u00e4tte es vielleicht Karten wie die Einstiegskarten in <em>Der Wiederstand<\/em> geben sollen, damit die Spielenden etwas haben, an dem sie sich festhalten k\u00f6nnen. So ist das Spiel erst einmal ein Social Deduction <em>Experiment<\/em>. Prinzipiell finde ich die Idee eines Werwolfes, bei dem die Werw\u00f6lfe nicht wissen, dass sie die Werw\u00f6lfe sind, durchaus reizvoll. Die Spielenden m\u00fcssen aber eine hohe Bereitschaft mitbringen, verschiedene Ans\u00e4tze (Teil-)Informationen\u00a0 weiterzugeben, ausprobieren zu wollen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vor zwei Jahren hatte ich Broadway auf der Messe kennengelernt: Ein Spieleverlag aus Hongkong, der in ertser Linie lokalisierte Versionen von nicht-chinesischen Spielen herausbringt, aber auch ein paar Eigenprodukte auf den Markt bringt. 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