{"id":22439,"date":"2021-10-07T23:46:29","date_gmt":"2021-10-07T21:46:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?page_id=22439"},"modified":"2021-10-07T23:52:36","modified_gmt":"2021-10-07T21:52:36","slug":"caretos","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/caretos\/","title":{"rendered":"Caretos"},"content":{"rendered":"<p><strong>Verlag<\/strong>: Mebo Games<br \/>\n<strong>Autor<\/strong>: Paulo Pereira<br \/>\n<strong>Spieleranzahl<\/strong>: 2-4<br \/>\n<strong>Alter<\/strong>: ab 8 Jahren<br \/>\n<strong>Spieldauer<\/strong>: 45-60 Minuten<\/p>\n<p>Als ich Caretos erhielt, eilten dem Spiel einige Unkenrufe voraus. Zum einen sprachen nur wenige Kritiker dar\u00fcber, zum anderen war das was man h\u00f6rte selten von Begeisterung gepr\u00e4gt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_22444\" aria-describedby=\"caption-attachment-22444\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Caretos-Caretos-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-22444\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Caretos-Caretos-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22444\" class=\"wp-caption-text\">Zwischen zwei Caretos gefangen<\/figcaption><\/figure>\n<p>In diesem Fall machte mich diese Reaktion aber neugierig. Nachdem ich die Anleitung gelesen hatte, war ich verwundert. Der erste Eindruck schien solide. Die ersten Proberunden spielten sich gut und fl\u00fcssig runter.<\/p>\n<p>Dann jedoch packte ich das Spiel einer erfahrenen Runde auf den Tisch. Einer Spielgruppe, die ge\u00fcbt darin war die Regelfeinheiten zu analysieren, optimale Z\u00fcge zu planen und mit viel Leidenschaft Siegpunkten hinterherjagte. Und so machte ich Bekanntschaft mit ludomechanischer Dissonanz. Es ist die Idee, dass der Spielakt und die Spielmechanismen nicht so eng zusammenpassen, dass ihr Zusammenspiel intuitiv verst\u00e4ndlich w\u00e4re.<\/p>\n<figure id=\"attachment_22445\" aria-describedby=\"caption-attachment-22445\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Caretos-Monster-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-22445\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Caretos-Monster-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22445\" class=\"wp-caption-text\">Dorfbewohner fliehen vor Moira Encantada<\/figcaption><\/figure>\n<p>In Caretos geht es darum als Figuren aus Mythen und Gruselgeschichten Dorfbewohner \u00fcber das Spielbrett zu jagen. Wenn man einer Gruppe von ihnen auflauert, verstreuen sie sich in alle Himmelsrichtungen. Trifft man auf einen einzelnen, so darf man diesen aus dem Spiel nehmen und als Siegpunkt behalten. Jede Spielfigur hat besondere F\u00e4higkeiten, die sie meist \u00fcber gro\u00dfe Strecken hinweg ziehen lassen. Es liegen Karten aus, die zus\u00e4tzliche Punkte liefern, wenn man ihre Bedingungen erf\u00fcllen kann. Au\u00dferdem bewegt man auch die namensgebenden Caretos \u00fcber das Spielbrett. Das sind Wesen vor denen sogar die eigenen Spielfiguren das Weite suchen. Wird man von ihnen geschnappt, darf man sich \u2013 frei nach Mensch-\u00c4rgere-Dich-Nicht \u2013 eine Auszeit g\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Caretos ist ein Familienspiel. Das ist es nicht allein, weil Illustrationen und Hintergrund familiengerecht sind, oder weil die Regeln einfach genug zu verstehen sind, um verschiedene Generationen am Tisch zu vereinen. Es ist ein Familienspiel, weil es von einer Familie gespielt werden sollte. Einer Familie, die sich dar\u00fcber im Klaren ist, dass die Aufmerksamkeitsspanne der J\u00fcngsten schnell leidet, wenn Papa minutenlang knobelt, abw\u00e4gt, rechnet und nachz\u00e4hlt, welcher Zug der Gewinnbringende ist. Eine Familie, die sich dar\u00fcber im Klaren ist, dass man sich zwar ab und an ein wenig piesacken darf, aber man nicht nach unten tritt; auch wenn es einen den Sieg kostet. Caretos soll von einer Familie gespielt werden, die spielt, um sich gegenseitig zu unterhalten.<\/p>\n<figure id=\"attachment_22442\" aria-describedby=\"caption-attachment-22442\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Caretos-Aktionskarten-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-22442\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Caretos-Aktionskarten-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22442\" class=\"wp-caption-text\">Was kann man tun? (Trevor nimmt eine Auszeit)<\/figcaption><\/figure>\n<p>Wenn es darum geht ein Spiel zu beurteilen, wird oft die Frage in den Raum gestellt, was das Spiel eigentlich \u201ewill\u201c? Welches Ziel verfolgt das Spiel und gelingt es den Regeln dieses Ziel am Spieltisch umzusetzen? Es ist ein rhetorischer Kniff, den ich sicherlich auch das eine oder andere Mal angewendet habe. Langsam merke ich aber, dass seine Anwendbarkeit an seine Grenzen kommt.<\/p>\n<p>Denn zum einen hat ein Spiel keinen Willen. Man m\u00fcsste das Spiel als manifest gewordene Intention einer Designperson behandeln, um dem Spiel einen Willen andichten zu k\u00f6nnen. So als w\u00fcrde \u201ehomo ludens designerae\u201c das geistige Universum in sich aufbewahren in denen s\u00e4mtliche Facetten des Spielerlebnisses ihren Ursprung haben. Einen vergleichbaren Geniekult gibt es auch in der Filmwissenschaft und wird dort als Auteur-Theorie bezeichnet. Sie ist u.a. auch deswegen umstritten, weil Film eine kollaborative Kunstform ist und nicht von au\u00dfen der Schaffensleistung einer einzelnen Person zugesprochen werden kann. Brettspiele sind da nur selten anders.<\/p>\n<p>Vor allem aber setzt dieser Ansatz voraus, dass man bei der kritischen Auseinandersetzung mit dem Spiel eine Art der Exegese betrieben muss, um wirklich zu verstehen was \u201e<em>der K\u00fcnstler<\/em>\u201c (TM) mit seinem Werk aussagen und erreichen wollte. Man muss Regeln als quasi-kryptischen Text behandeln, der nur durch sorgf\u00e4ltige Interpretation und Analyse seine beabsichtigte und damit wahre Bedeutung entfalten kann. Warum existieren die Regeln im Einzelnen und als Gesamtes und zu welchem erf\u00fcllenden Spielerlebnis sollen sie uns f\u00fchren?<\/p>\n<p>Da jedoch die Antworten auf eben diese Fragen allein von den Machenden selbst mit finaler G\u00fcltigkeit beantwortet werden k\u00f6nnen und eben diese Personen dem Spiel nicht beilegen, wenn man es mit Freunden und Familie kennenzulernen versucht, befindet man sich in einem epistemologischen Dilemma.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass wir alle dennoch oft, viel und wiederholt neue Spiele entdecken, erlernen und genie\u00dfen, l\u00e4sst nur zwei Erkl\u00e4rungen zu. Entweder sind wir Vielspielenden hochbegabte Wunderkinder, die sich das Grundhandwerk kunsthistorischer und textlicher Analyse angeeignet haben, weil wir gelernt haben wie man ein Dutzend unterschiedlicher Brettspiele spielt oder es sind wir: die Spielenden, die festlegen was den Spielakt ausmacht und die Regeln lediglich unterst\u00fctzende Funktion haben.<\/p>\n<figure id=\"attachment_22446\" aria-describedby=\"caption-attachment-22446\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Caretos-Punktekarten-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-22446\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Caretos-Punktekarten-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-22446\" class=\"wp-caption-text\">Spielen wir um die Punkte oder wegen ihnen?<\/figcaption><\/figure>\n<p>Was war also zuerst da: der Spielakt oder die Regeln? Sind es die Regeln, die den Spielakt erst m\u00f6glich machen oder leben wir mit einem Spiel nur unser Spielbed\u00fcrfnis aus und lassen es durch die Regeln lenken und formen?<\/p>\n<p>Folgt man dem ersten Ansatz, so f\u00e4llt Caretos leider durch. Die Regeln f\u00fchren in letzter Konsequenz zu einem sehr anspruchsvollen, kompetitiven und sprunghaftem Spielerlebnis, welches s\u00e4mtliche Versuche der Situation Herr zu werden abprallen l\u00e4sst. Das Ergebnis ist Frust, Unzufriedenheit und das Gef\u00fchl, man w\u00fcrde sich gro\u00df abm\u00fchen, um im Spiel nur wenig daf\u00fcr zu erhalten. (Eine \u00e4hnliche Kritik wurde auch schon bei <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/carrossel\/\">Carrossel<\/a> ge\u00e4u\u00dfert.)<\/p>\n<p>Geht man jedoch davon aus dass die Spielgruppe selbst ihren Spielakt gestaltet, d.h. auf bestimmte Spielerlebnisse hinspielt, andere vermeidet und der Wunsch das Spiel gemeinsam zu erleben \u00fcber dem in den Regeln artikulierten Erreichen des Spielendes steht; erscheint Caretos in einem neuen Licht.<\/p>\n<p>Die Bewegung der Dorfbewohner, das schnelle Durchlaufen der unterschiedlichen Zielkarten, die starke Verflechtung der Orte auf dem Spielbrett, treten nun als Optionen auf, um genau die Spielmomente umzusetzen, die einem Freude bereiten. Anstatt sich zu fragen, wie man das durch das Regelwerk formulierte Ziel im eigenen Zug am Besten erreicht; kann man sich davon leiten lassen, welche Art der Aktion am Unterhaltsamsten w\u00e4re. Statt dem Spa\u00df durch Punktesieg hinterherzulaufen, kann man sich den Spa\u00df auch einfach selbst machen.<\/p>\n<p>Es ist ein Ansatz, den ich selbst sehr bef\u00fcrworte und auch unterst\u00fctze. Der selbstbestimmte Spielspa\u00df ist in meinen Augen ein wichtiger Bestandteil dessen was ein Brettspiel ausmacht. Dennoch muss man Caretos ankreiden, dass es mehr Aufwand von Spielgruppen einfordert, als viele es gewohnt sind oder von einem Spiel erwarten.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie manche Spielende den Sprung von einem abstrakten Mechanismus zu einer setting-st\u00fctzenden Erkl\u00e4rung nicht machen wollen und schlechte thematischen Einbettung bem\u00e4ngeln; steht und f\u00e4llt auch Caretos mit Spielenden, die bereit sind das was am Spielen Freude macht und das was mit dem Mechanismen m\u00f6glich ist eigenst\u00e4ndig in Einklang zu bringen.<\/p>\n<p>Caretos ist ein Spiel, welches f\u00fcr witzige \u00dcberraschungen und freundschaftliche Rivalit\u00e4ten am Spieltisch sorgen kann. Aber daf\u00fcr muss man aber auch genau diese Dingen wollen und suchen gehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag: Mebo Games Autor: Paulo Pereira Spieleranzahl: 2-4 Alter: ab 8 Jahren Spieldauer: 45-60 Minuten Als ich Caretos erhielt, eilten dem Spiel einige Unkenrufe voraus. 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