{"id":21659,"date":"2021-03-21T00:44:41","date_gmt":"2021-03-20T22:44:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?page_id=21659"},"modified":"2021-04-02T19:18:39","modified_gmt":"2021-04-02T17:18:39","slug":"undaunted-normandie","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/undaunted-normandie\/","title":{"rendered":"Undaunted Normandie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Verlag<\/strong>: Osprey Games \/ Giant Roc<br \/>\n<strong>Autoren<\/strong>: David Thompson &amp; Trevor Benjamin<br \/>\n<strong>Spielerzahl<\/strong>: 2<br \/>\n<strong>Alter<\/strong>: ab 10 Jahren<br \/>\n<strong>Spieldauer<\/strong>: 45-60 Minuten<\/p>\n<p>Brettspiele in Deutschland machen um das Thema 2. Weltkrieg einen weiten Bogen. Das \u00fcberrascht wenig. Aber es hat auch zur Folge, dass au\u00dferhalb einschl\u00e4giger Kriegsspielerkreise, der Umgang mit dem 2. Weltkrieg in Spielen nur selten Gespr\u00e4chsthema ist. Darf man einen Krieg einfach so zu Hause bespielen? Wie darf ein Spiel einen Krieg darstellen? Was darf ein Spiel \u00fcber Kriege aussagen?<\/p>\n<p>Undaunted Normandie ist im 2. Weltkrieg angesiedelt. Es geht um einzelne Gefechte in der Normandie, die zwei Spielende als US-Armee und Wehrmacht gegeneinander ausfechten. Wem hier schon die Ohren rot anlaufen, sei auf die zweite H\u00e4lfte dieser Kritik verwiesen. Zuerst will ich aber ein paar Worte zum Spieldesign auf handwerklicher Ebene verlieren.<\/p>\n<figure id=\"attachment_21669\" aria-describedby=\"caption-attachment-21669\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Undaunted-Normandie-Kontrolle-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-21669 size-medium\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Undaunted-Normandie-Kontrolle-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21669\" class=\"wp-caption-text\">Egal wie nah man rangeht, man blickt doch nur von oben herab<\/figcaption><\/figure>\n<p>Bereits w\u00e4hrend der ersten Partie wird einem klar, dass es sich hier um ein schlankes und einsteigerfreundliches Spiel handelt. Mit seinen Spielsteinen (\u201eSoldaten\u201c) muss man bestimmte Felder des Spielbretts belegen (\u201ekontrollieren\u201c). Um das zu tun spielt man \u2013 je nach Spielstein \u2013 bestimmte Karten aus. Damit das Spielgef\u00fchl nicht zu statisch wird, erlaubt eine einzelne Karte zwischen unterschiedlichen Aktionen zu w\u00e4hlen. Manche Aktion f\u00fcgt dem eigenen Kartenstapel neue Karten hinzu. Eine andere erlaubt es weniger n\u00fctzliche Karten zu entfernen oder die Gegenseite zwingen, n\u00fctzliche Karten aus der Hand zu entfernen. Mal bewegt man seine Spielsteine, mal verhindert man dass die Gegenseite es tun kann. In Summe drehen sich alle \u00dcberlegungen um das taktische und strategische Ausspielen von Handkarten und das Ver\u00e4ndern des eigenen Kartenstapels. Der Kenner spricht hier von Deckbuilding-Mechanismen.<\/p>\n<p>Das Design von Undaunted Normandie ist deshalb so stark, weil auch Nicht-Kenner schnell die Grundz\u00fcge verstanden haben. Es ist immer klar, welches Ziel man erreichen soll. Selbst mit einem sehr groben Verst\u00e4ndnis der Regeln, begreift man schon nach wenigen Z\u00fcgen was man tun kann, um an sein Ziel zu kommen. Allein die etwas unspezifische Begriffswahl bei einigen Kartenaktionen verlangt, dass man die eine oder andere Vokabel lernt.<\/p>\n<p>Ist diese H\u00fcrde genommen, spielt sich Undaunted Normandie jedoch fl\u00fcssig. Nur die ersten Male kommt man beim Ausf\u00fchren einer ausgespielten Aktion ins Stocken. Hat man die Zusammenh\u00e4nge verstanden, \u00fcberfordert die Auswahl an m\u00f6glichen Aktionen auch nicht mehr. Stattdessen beginnt man sorgf\u00e4ltig zwischen kurzfristigen und langfristigen Folgen abzuw\u00e4gen. Das ist nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch sehr kurzweilig. Eine Partie f\u00fchlt sich selten l\u00e4nger als 30 Minuten an.<\/p>\n<figure id=\"attachment_21670\" aria-describedby=\"caption-attachment-21670\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Undaunted-Normandie-Niedergehalten-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-21670 size-medium\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Undaunted-Normandie-Niedergehalten-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21670\" class=\"wp-caption-text\">Die Spieltiefe ist nicht unbedingt auf dem Spielfeld zu finden<\/figcaption><\/figure>\n<p>W\u00e4re ein Spiel nur die formsch\u00f6ne und einladende Summe seiner Mechanismen, dann w\u00fcrde Undaunted Normandie mit Sicherheit auf vielen Bestenlisten der deutschen Brettspielszene stehen. Aber es ist auch ein Spiel, welches auf geschichtliche Themen und Inhalte verweist, mit denen sich sonst nur Spiegel-Titelbl\u00e4tter und Oscar-Anw\u00e4rter aus Deutschland besch\u00e4ftigen. In deutschen Wohnzimmern Spielspa\u00df mit dem 2. Weltkrieg zu kombinieren, darf man eigentlich nur wenn man so viel Geld wie Activision damit machen kann.<\/p>\n<p>Alternativ darf man sich aber auch spielerisch mit diesem Thema besch\u00e4ftigen, wenn der n\u00f6tige Ernst und Respekt damit einhergeht. So verweist ein Absatz zum historischen Hintergrund des Spiels auf die 30. Infantriedivision der US-Armee und distanziert sich vom Anspruch historische Abl\u00e4ufe zu simulieren. Ebenso tr\u00e4gt jede Figur, die auf den Karten zu sehen ist, einen Namen. Dies soll daran erinnern, dass man als Spieler \u201eechte Soldaten f\u00fchrt und nicht beliebige Spielfiguren\u201c.<\/p>\n<p>Ironischerweise macht sich Undaunted Normandie aber genau dann durch sein Thema angreifbar, wenn es versucht sich respektvoll und verantwortungsvoll zu positionieren. Der unausgesprochene Gedanke, dass die Darstellung fiktiver Gefechte in einem Brettspiel auch eine Verpflichtung mit sich bringt die reale Geschichte zu reflektieren, hinterfragen oder kommentieren, wird dem Spiel zum Verh\u00e4ngnis.<\/p>\n<p>Denn erst im Vergleich zu diesem hohen Selbstanspruch werden die gro\u00dfen L\u00fccken deutlich, die das Spiel durch seine gew\u00e4hlte Perspektive und Art aufweist. Die Abstraktion des Spieldesigns macht es unvermeidbar, dass bestimmte Aspekte ausgespart werden. So kennt Undaunted Normandie weder Verletzungen noch Trauma f\u00fcr seine Soldaten. Gefechte hinterlassen weder k\u00f6rperlich, noch seelisch Spuren. Es gibt keine moralischen Grenzen, die durch T\u00f6tung auf Befehl \u00fcberschritten werden. Selbst die Verantwortung f\u00fcr die M\u00e4nner in den eigenen Reihen existiert bestenfalls als diffuse Anspielung im Regelheft. Die ausgespielten Gefechte haben die emotionale Tiefe und Komplexit\u00e4t, wie es die Schie\u00dfereien mit Fingerpistolen unter Schulkindern haben.<\/p>\n<p>Ich habe Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Absicht hinter der Erkl\u00e4rung im Regelheft. Man will hier den Vorwurf der Trivialisierung <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Soldaten_sind_M\u00f6rder\">realer Verbrechen<\/a>\u00a0entkr\u00e4ften. Man will signalisieren, dass dieses Spiel weder aus Ignoranz, noch Gleichg\u00fcltigkeit heraus gemacht wurde.<\/p>\n<p>Aber in letzter Instanz entscheiden Spieler wie viel Wissen \u00fcber reale Gefechte und Soldatenschicksale in das Spielgef\u00fchl einflie\u00dft. Es ist unser Vorstellungsraum, der entscheidet ob wir bei einem erw\u00fcrfelten Treffer an Blut, Schmerzen und Todesangst denken, oder ob wir uns \u00e4rgern, dass unsere taktische Flexibilit\u00e4t eingeschr\u00e4nkt wurde.<\/p>\n<p>Die Macher hinter Undaunted Normandie verstehen, dass ein Spieldesign beeinflusst was man beim Spielen tut, denkt oder f\u00fchlt. Sie machen jedoch den Fehler allein auf das Gezeigte zu achten, statt auf das was man mit dem Spielmaterial tats\u00e4chlich macht. Die Narrative, die das Spiel aufwirft, wird durch die Mechanismen eingerahmt und durch das Setting ausgekleidet. Aber wir sind es die durchs Spielen selbst eine Geschichte daraus machen k\u00f6nnen. Es ist unsere Vorstellungskraft, die aus angewandten Mechanismen Ereignisse formt. Es sind die Bilder vor unserem inneren Auge, die festlegen wie respektvoll, verantwortungsvoll und angemessen ein Spiel mit der realen Vergangenheit umgeht.<\/p>\n<figure id=\"attachment_21667\" aria-describedby=\"caption-attachment-21667\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Undaunted-Normandie-Auslage-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-21667 size-medium\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Undaunted-Normandie-Auslage-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-21667\" class=\"wp-caption-text\">&#8220;Ihr seid alle Individuen.&#8221;<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Einfluss der Spielemacher endet im unverbindlichen Vorschlag wie ihre Regeln und das Setting zusammengebracht werden sollen. Am tats\u00e4chlichen Spieltisch sind wir es, die dar\u00fcber entscheiden was eine Spielregel f\u00fcr die Geschichte bedeutet. Wir f\u00fcllen sie mit Sinn oder Aussage und k\u00f6nnen daf\u00fcr auch Illustrationen und Begriffe des Spiels aufgreifen. Es liegt an uns, ob eine Spielkarte nun Sch\u00fctze Johnson mit Frau und Kind daheim in Oklahoma ist, oder einfach nur \u201edie Karte mit der 5 drauf\u201c.<\/p>\n<p>Darum ist der Text zum historischen Hintergrund nur ein Vorschlag, wie man das Spiel verstehen und wahrnehmen soll. Aber es stellt sich dann auch die Frage, warum es n\u00f6tig ist, das zu erkl\u00e4ren. Gewinnt ein Spiel dadurch an Reife? Die Tatsache, dass die Karten unerschrockene Recken mit eigenem Namen zeigen, soll suggerieren, dass es tats\u00e4chlich Menschen sind, die aus solchen Feuergefechten nicht mehr zur\u00fcckkehren werden. Aber allein dieser Satz zeichnet ein pr\u00e4ziseres Bild menschlicher Trag\u00f6dien und mitleidserweckendem Elend als es das Spiel selbst tut.<\/p>\n<p>Egal wie sehr man daran r\u00fctteln m\u00f6chte, Undaunted Normandie ist ein Spiel, das Spa\u00df macht. Aber sein Umgang mit dem Thema 2. Weltkrieg f\u00e4ngt nicht den Pathos und verzweifelnden Humanismus eines <em>Der Soldat James Ryan<\/em> ein. Beim Spielen f\u00fchlt man sich viel mehr an die Abenteuerlust und das freundschaftliche Gerangel erinnert, weshalb einem <em><a href=\"https:\/\/youtu.be\/r9Q_WESQUVw?t=20\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gesprengte Ketten<\/a><\/em> so gut in Erinnerung geblieben ist. Aber selbst f\u00fcr diesen Vergleich, fehlen bei Undaunted Normandie die bitteren und finalen Niederlagen, die sich durch den Film zogen.<\/p>\n<p>Ob Undaunted Normandie seinen Hintergrund trivialisiert, h\u00e4ngt auch davon ab, was wir als Spieler daraus zu machen bereit sind. Denn das Spiel selbst liefert zu viel leichtf\u00fc\u00dfige Unterhaltung und Spielfreude, um mit ernster Miene auf die realen milit\u00e4rischen Konflikte des 2. Weltkriegs zu verweisen. Es ist ein Spiel, das Spa\u00df macht und dabei weder lehrt, erkl\u00e4rt oder Einblicke in die Geschichte des 2. Weltkriegs vermittelt. Vielleicht m\u00fcssen das Spiele auch nicht immer tun. Selbst wenn sie von Kriegen handeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag: Osprey Games \/ Giant Roc Autoren: David Thompson &amp; Trevor Benjamin Spielerzahl: 2 Alter: ab 10 Jahren Spieldauer: 45-60 Minuten Brettspiele in Deutschland machen um das Thema 2. Weltkrieg einen weiten Bogen. Das \u00fcberrascht wenig. Aber es hat auch zur Folge, dass au\u00dferhalb einschl\u00e4giger Kriegsspielerkreise, der Umgang mit dem 2. 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