{"id":20929,"date":"2020-10-20T15:38:23","date_gmt":"2020-10-20T13:38:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?page_id=20929"},"modified":"2020-11-06T11:51:54","modified_gmt":"2020-11-06T09:51:54","slug":"coatl","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/coatl\/","title":{"rendered":"Coatl"},"content":{"rendered":"<p><strong>Verlag<\/strong>: Synapses Games<br \/>\n<strong>Autor<\/strong>: Pascale Brassard &amp; Etienne Dubois-Roy<br \/>\n<strong>Spielerzahl<\/strong>: 1-4<br \/>\n<strong>Alter<\/strong>: ab 10 Jahren<br \/>\n<strong>Dauer<\/strong>: 30-60 Minuten<\/p>\n<p>Menschen m\u00f6gen unter anderem deshalb Spiele, weil sie ihnen die M\u00f6glichkeit geben sich so zu verhalten, wie sie es normalerweise nicht tun w\u00fcrden. Emotional ausgeglichene Menschen sehen in anderen nicht Konkurrenten gegen die sie unentwegt im gnadenlosen Wettstreit stehen. Aber dennoch kann man sich an einem bissigen Hin-und-Her bei einem Spiel mit Freunden erfreuen. Das selbe gilt auch f\u00fcr schamloses L\u00fcgen oder das Ausleben von ungez\u00fcgeltem Ehrgeiz. Gerade letzteres findet bei Spielen ein verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sicheres Umfeld um sich darin zu ergehen. Wen das an Brettspielen reizt, wird in Coatl von Pascale Brassard und Etienne Dubois-Roy ein Spiel sehen, welches mit sich selbst nicht im Reinen ist.<\/p>\n<p>Zuerst sticht bei Coatl vor allem die farbenfrohe Pr\u00e4sentation ins Auge und die Spielsteine in Farben, die derart kr\u00e4ftig sind, dass sie nur eine Haares Breite von schrill und grell trennt. Aber wenn man Coatl erst mal auf dem Spieltisch ausgebreitet hat, legt es eher Verspieltheit nahe als aufdringliche visuelle Dissonanz. Eine weitere St\u00e4rke des Spiels ist der einfache Regelaufbau. Es braucht schon gro\u00dfe Illustrationen, viel Leerfl\u00e4che und einen gro\u00dfe Schriftart um die 12 Seiten des Regelwerks zu f\u00fcllen. Nichts davon legt nahe, dass man es hier mit einem Spiel zu tun hat, welches m\u00fchsam zu spielen und schwer zu Ende zu bringen ist.<\/p>\n<p>Selbst der Rundenaufbau ist vertraut und einfach zu merken. Man sammelt Spielsteine aus der Auslage, legt sie zu einem Coatl zusammen (eine gefederte Schlange welche in Aztekischen Ritualen genutzt wurde) und macht Punkte an Hand der Karten, die man auf sein Coatl gespielt hat. Der erste Spieler, der sein drittes Coatl vervollst\u00e4ndigt, beendet das Spiel. So liefert das Spiel eine f\u00fcr alle klar erkennbare Ziellinie.<\/p>\n<figure id=\"attachment_20937\" aria-describedby=\"caption-attachment-20937\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Coatl-Display-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-20937\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Coatl-Display-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20937\" class=\"wp-caption-text\">Bunte Farben sind eher einladend als abschreckend<\/figcaption><\/figure>\n<p>Aber dennoch und gerade wenn man das Spiel erfahrenen Spielern vorstellt, entwickelt Coatl schon bald die Art von Spielgeschwindigkeit, die man mit Treibsand in Verbindung bringt. Man runzelt die Stirn, reibt sich \u00fcber das Kinn und die nachdenkliche Stille wird nur gelegentlich von der Bitte unterbrochen, noch ein paar Momente \u00fcber seinen Zug nachdenken zu d\u00fcrfen. Das Spiel auf dem Tisch scheint einem anderen Rhythmus zu gehorchen als das Spiel, welches die Teilnehmer gerade besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Ein ansprechendes oder sogar s\u00fcchtig machendes Spiel entwickelt seinen Reiz daraus wie es Spielerentscheidungen und die Konsequenzen daf\u00fcr \u00fcber die Spieldauer verteilt. Passieren diese Dinge ann\u00e4hernd gleichzeitig, f\u00fchlt sich eine Entscheidung belanglos und bedeutungslos an. Aber sobald man eine Verz\u00f6gerung einf\u00fcgt in dem man Spieler etwa sorgf\u00e4ltig s\u00e4mtliche Optionen abw\u00e4gen l\u00e4sst, oder die das Design des Spiels die Folgen einer Entscheidung um einige Runden verz\u00f6gert, f\u00fchlen sich diese Entscheidungen bedeutungsvoller an. Pl\u00f6tzlich f\u00fchlt es sich wie eine Errungenschaft an zu bekommen was man will.<\/p>\n<p>Erfahrene Spieler haben diese Erkenntnis oft verinnerlicht. S\u00e4mtliche Optionen abzuw\u00e4gen hat manchmal weniger damit zu tun frustrierende Fehler zu vermeiden, die einen das Spiel kosten k\u00f6nnen sondern damit so viel Spielspa\u00df wie m\u00f6glich aus dem Entscheidungsraum des Spiels zu minen. Dar\u00fcber nachzudenken was man als n\u00e4chstes tun wird, macht das was man als n\u00e4chstes tun wird unterhaltsamer.<\/p>\n<p>Darum zielen viele Designentscheidungen darauf ab Spieler ausreichend Variablen vorzusetzen, um ein sorgf\u00e4ltiges Nachdenken \u00fcber die Folgen der eigenen Entscheidungen zu provozieren. Nebenbei schafft man eine gen\u00fcssliche Spannungen, w\u00e4hrend Spieler darauf warten das das Ergebnis ihrer wohl \u00fcberlegten Handlungen eintreffen. Es erinnert an die fl\u00fcchtigen Momente der Vorfreude nachdem man einen Frisbee geworfen hat und zuschaut wo er landen wird. Wenn man ihm nicht hinterherschauen k\u00f6nnte, w\u00fcrde Discgolf kaum noch Spa\u00df machen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_20935\" aria-describedby=\"caption-attachment-20935\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Coatl-Prophecy-Cards-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-20935 size-medium\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Coatl-Prophecy-Cards-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20935\" class=\"wp-caption-text\">Eine kleine Auswahl der Siegpunktbedingungen, die zur Verf\u00fcgung stehen<\/figcaption><\/figure>\n<p>Trotz seiner einladenden Aufmachung und dem einfachen Regelkonzept bietet Coatl seinen Spielern viele Dinge \u00fcber die sie sich entscheiden k\u00f6nnen nachzudenken, beim Versuch eine eindrucksvolle Zahl an Siegpunkten einzuheimsen. Die Handkarten zeigen Bedingungen, die der eigene Coatl erf\u00fcllen muss. Oft eine bestimmte Anordnung mehrerer Spielsteine ausgew\u00e4hlter Farben. Manchmal kann man diese Bedingung sogar mehrmals in einem Coatl erf\u00fcllen, um noch mehr Punkte zu holen. Wer auch nur einen Funken Ehrgeiz an den Spieltisch bringt, wird schon bald versuchen die Handkarten optimal mit den verf\u00fcgbaren Spielsteinen zu kombinieren um ein Maximum an Siegpunkten zu holen. Das ist es schlie\u00dflich, was an dieser Art von Spielen so viel Spa\u00df macht. Viele Brettspieler lieben ihre schweren Eurogames aus genau diesem Grund. Komplexe Berechnungen und langfristige Pl\u00e4ne sind ein essenzieller Teil ihres Reizes. Aber Coatl ist kein schweres Eurogame, weshalb der Eindruck, dass man so viel Aufwand aufbringen muss, um das Beste aus dem Spiel zu holen sich nicht so ganz mit dem Rest des Spiels in Einklang bringen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Der Eindruck man m\u00fcsste schwer knobeln um eine effiziente und wertvolle Entscheidung zu f\u00e4llen liegt nicht zuletzt daran, dass es Spielern schwer f\u00e4llt zu erkennen worauf sie abzielen sollen. Oder einfacher fomruliert: solange man Coatl nicht einige Male gespielt hat, f\u00e4llt es schwer zu sagen ob 12 Siegpunkte ein gutes, durchschnittliches oder schlechtes Ergebnis f\u00fcr ein einzelnes Coatl ist. Das Spiel liefert aber einige Hinweise. Es gibt drei F\u00e4higkeitsmarker, welche eine 50 auf der R\u00fcckseite zu stehen haben, um als Erinnerung zu dienen wenn man \u00fcber das letzte Feld der Siegpunktleiste (50) hinausschie\u00dft. Wenn man die Punktspanne einzelner Handkarten mit der Begrenzung der anwendbaren Karten pro Coatl kombiniert, w\u00fcrde man das obere Limit auf etwa 25 Siegpunkte je Coatl sch\u00e4tzen.<\/p>\n<p>Mit diesem (unvollst\u00e4ndigen) Wissen gewappnet wird das Spiel schon nach kurzer Zeit unweigerlich langsam und beh\u00e4big vorankommen. Denn was Coatl einem nicht sagt, ist dass der Aufwand seine Punktewertung zu verbessern, exponential ansteigt je mehr man sich holen will. Je st\u00e4rker man versucht sich der Maximalpunktzahl zu n\u00e4hern, umso z\u00e4her und langsamer wird das Spiel.<\/p>\n<p>Jedes Spiel hat eine Lernkurve, in der sich Spieler mit dem Auf und Ab der jeweiligen Unvorhersehbarkeiten des Spiels vertraut machen und den Wirkungsgrad bestimmter Regelkombination kennenlernen, usw. Hat man diese ein Mal verstanden, spielt es sich gleich fl\u00fcssiger, interessanter und dynamischer. Coatl hingegen bringt seinen Spielern bei ihren Ehrgeiz zu b\u00e4ndigen.<\/p>\n<figure id=\"attachment_20936\" aria-describedby=\"caption-attachment-20936\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Coatl-20-VP-score-scaled.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-20936\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Coatl-20-VP-score-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-20936\" class=\"wp-caption-text\">Es sieht einfacher aus als es ist, und holt gerade mal 20 Punkte<\/figcaption><\/figure>\n<p>Um das Spiel wirklich genie\u00dfen zu k\u00f6nnen, muss man seine Ziele ein wenig unter dem Bestm\u00f6glichen ansetzen. Gerade hoch-kompetitive Spieler werden mit diesem Ansatz ihre Probleme haben. Je ehrgeiziger die Spielart, umso verkopfter das Spielgef\u00fchl. Dahingehend hat Coatl gewisse \u00c4hnlichkeiten zu <a href=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/carrossel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Carrossel<\/a>. Ein ebenfalls leichteres Spiel, welches kompetitive Spieler dazu verleitet hat es als weit komplexer und herausfordernder zu behandeln als es vermeintlich gedacht war.<\/p>\n<p>Auch Coatl spielt sich dann am Sch\u00f6nsten, wenn man es als ein leichtes bis mittelschweres Rennen zur Ziellinie versteht und nicht als r\u00e4umliches Kombinationsr\u00e4tsel, welches \u00fcber sich \u00fcber Dutzende von Runden erstreckt in denen nicht viel zu passieren scheint bis pl\u00f6tzlich jemand viele Punkte auf ein Mal holt.<\/p>\n<p>Das soll nicht bedeuten, dass Coatl schwere Fehler hat, sondern dass es eine kaum wahrnehmbare H\u00fcrde zwischen Spielern und ihrem Spielspa\u00df aufstellt. Eine H\u00fcrde, welche vielleicht dazu f\u00fchrt, dass dem Spiel keine zweite Chance gegeben wird. Sobald man aufgeh\u00f6rt hat Coatl so ernst zu nehmen, spielt es sich spannend aber dennoch leicht von der Hand.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag: Synapses Games Autor: Pascale Brassard &amp; Etienne Dubois-Roy Spielerzahl: 1-4 Alter: ab 10 Jahren Dauer: 30-60 Minuten Menschen m\u00f6gen unter anderem deshalb Spiele, weil sie ihnen die M\u00f6glichkeit geben sich so zu verhalten, wie sie es normalerweise nicht tun w\u00fcrden. 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