{"id":18598,"date":"2019-06-15T09:07:11","date_gmt":"2019-06-15T07:07:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/?page_id=18598"},"modified":"2019-06-15T13:43:59","modified_gmt":"2019-06-15T11:43:59","slug":"gen7-ein-spiel-mit-dem-schicksal","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/rezensionen\/gen7-ein-spiel-mit-dem-schicksal\/","title":{"rendered":"Gen7: Ein Spiel mit dem Schicksal"},"content":{"rendered":"<p><strong>Verlag<\/strong>: Plaid Hat Games<br \/>\n<strong>Autor<\/strong>: Steve Nix<br \/>\n<strong>Spieleranzahl<\/strong>: 3-4<br \/>\n<strong>Alter<\/strong>: ab 12 Jahren<br \/>\n<strong>Dauer<\/strong>: 60-90 Minuten (je Episode)<\/p>\n<p>Entgegen Behauptungen des Schachteltexts, Regelwerks oder Promomaterials\u2026 Gen7: Ein Spiel mit dem Schicksal ist ein kooperatives Spiel der komplexen Optimierungs-Art. Vor einem futuristischen Hintergrund im Weltall, treiben die Spieler als Menschen auf einem voll-automatisierten Schiff durch das All und k\u00fcmmern sich vornehmlich um die Wartung ihres Raumkreuzers. Zu Beginn kommt es zu einem ungew\u00f6hnlichen Vorfall, welcher zu einem verwunderlichen Ereignis f\u00fchrt, welches wiederum zu einer schockierenden Entdeckung f\u00fchrt, usw. Anders gesagt es entfaltet sich eine Geschichte, welche man Episode f\u00fcr Episode erspielt und deren Fortgang zu einem gewissen Grad vom Erfolg der Spieler, wie auch von einzelnen, richtungsweisenden Entscheidungen, abh\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Im Spiel selbst gilt es nach dem Worker Placement-Prinzip seine W\u00fcrfel auf einzelne Orte des Spielbretts zu legen, um so Ressourcen zu sammeln. Diese wiederum werden ben\u00f6tigt um Aufgaben zu l\u00f6sen, wie etwa das Schiff nicht in die Luft zu sprengen. Allt\u00e4gliche Wartungsarbeiten, eben. Manche dieser Aufgaben l\u00f6st man alleine. F\u00fcr andere zieht man seine Mitspieler zu Hilfe. Die Rundenzahl ist in jedem Kapitel eng begrenzt. So liegt ausreichend Druck vor, um den Erfolg auch bei erfahrenen Spielern nicht zum Selbstl\u00e4ufer zu machen. Durch das Abschlie\u00dfen von Auftr\u00e4gen oder die Unterst\u00fctzung seiner Mitspieler, erh\u00e4lt man Verdienstpunkte. Rafft man davon genug in einer Episode zusammen, wird man bef\u00f6rdert und kann sich Vorteile erkaufen. Diese erweisen sich im Laufe der Kampagne \u2013 kleiner Spoiler \u2013 oft als unverzichtbar.<\/p>\n<p>Die Mechanismen und das Balancing greifen hier gut ineinander. Man muss sich schon anstrengen, um erfolgreich zu sein. Aber nur selten f\u00fchlt man sich dem Zufall der W\u00fcrfel oder der Kartendecks ausgeliefert. Regeltechnisch gibt es kaum lose Enden, die man sich mit Begriffen wie \u201eBalancing\u201c oder \u201enotwendige Abstraktion des Themas\u201c sch\u00f6nreden muss. Spielerisch erinnert Gen7 dabei ein wenig an Spirit Island. In beiden wird man mit einer gro\u00dfen Masse an Informationen, Variablen, Gefahren und einer sich schrittweise ver\u00e4ndernden Situation konfrontiert. Damit steht Gen7 in der Design-Tradition unter kooperativen Spielen, die ihren Schwerpunkt auf die mit optimaler und optimierter Entscheidungskette zu bew\u00e4ltigende Aufgabe setzen. Das Schreckgespenst des Alpha-Spielers soll mit einer den Einzelnen \u00fcberfordernden Informationsflut in Schach gehalten werden. Man muss also darauf bauen, dass niemand am Tisch seine kombinatorischen F\u00e4higkeiten \u00fcbersch\u00e4tzt oder (mehr oder minder patzig) erkl\u00e4rt, was die \u201erichtige\u201c Herangehensweise f\u00fcr die laufende Runde ist. Anders gesagt: das Alpha-Spieler Problem wird nicht auftauchen, so lange sich kein Alpha-Spieler am Tisch befindet.<\/p>\n<p>Gen7 ist eine Fortsetzung des Crossroads-Systems, welches schon bei Winter der Toten seinen Einsatz fand. Dieses Spiel hat nun mittlerweile auch schon vier Jahre auf dem Buckel \u2013 was in unserem Hobby ja bereits Generationen gleich kommt \u2013 und wurde dementsprechend angepasst und weiterentwickelt. Die Aufteilung von gemeinsamen und pers\u00f6nlichen Zielen wurde in abgeschw\u00e4chter Form \u00fcbernommen. Lediglich die Option des Verr\u00e4ters\/Widersachers wurde ersatzlos gestrichen. Auch das Crossroads-Deck wurde verfeinert und entwickelt sich im Laufe des Spiels weiter, wenn man bestimmte individuelle Story-Punkte aus dem Kartenstapel gezogen hat. Aber auch hier kann man Pech haben, dass die falsche Karte im falschen Moment auftaucht und deshalb wirkungslos bleibt. So kann es passieren, dass die Story auch beim vierten Anlauf nicht vorankommt. Der Designer hat auf Boardgamegeek bereits eine Variante hinterlassen, mit der man das gelegentlich missgl\u00fcckte Timing beim Kartenziehen aushebeln kann. Da Gen7 in vielerlei Hinsicht von seiner Story-Entdeckung lebt, h\u00e4tte es diese Regel vermutlich in die Schachtel schaffen sollen.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist die Story das was an Gen7 am gelungensten ist. Nachdem ich vom grausigen Schreibstil und der gruseligen \u00dcbersetzungsarbeit bei Gloomhaven gewillt war s\u00e4mtliche Storytexte in Brettspielen aus Prinzip abzulehnen, konnte mich Gen7 zumindest davon \u00fcberzeugen, dass diese Texte auch funktional sein k\u00f6nnen. Die oft vollseitigen Passagen treffen sicher ihren Ton und wissen diesen sprachlich wie auch inhaltlich durchgehend zu halten. Der \u00dcbersetzerin Susanne Kraft geb\u00fchrt deutliches Lob.<\/p>\n<p>Die Story ist inhaltlich aber nicht ohne. Mit etwas Pech oder bestimmten Entscheidungen rutscht die Geschichte schnell in d\u00fcstere Gefilde. Die emotionalen Abgr\u00fcnde und narrativen Schl\u00e4ge in die Magengrube, die sich ergeben k\u00f6nnen, erinnern an Serien wie Battlestar Galactica (2004). Das findet sicherlich nicht an jedem Spieltisch Freunde. Die Illustrationen auf der Spielschachtel deuten gro\u00dfes Drama zwar an, aber in der Praxis kann es inhaltlich noch einen guten Zacken h\u00e4rter zur Sache gehen. Eine Altersangabe von \u201eab 12 Jahren\u201c halte ich da f\u00fcr zu tief angesetzt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-18600\" src=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/GEN7_INHALT_WEB-300x159.png\" alt=\"\" width=\"383\" height=\"203\" srcset=\"https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/GEN7_INHALT_WEB-300x159.png 300w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/GEN7_INHALT_WEB-700x370.png 700w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/GEN7_INHALT_WEB-150x79.png 150w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/GEN7_INHALT_WEB-768x406.png 768w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/GEN7_INHALT_WEB-370x196.png 370w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/GEN7_INHALT_WEB-270x143.png 270w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/GEN7_INHALT_WEB-570x302.png 570w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/GEN7_INHALT_WEB-945x500.png 945w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/GEN7_INHALT_WEB-740x392.png 740w, https:\/\/www.spielbar.com\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/GEN7_INHALT_WEB.png 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 383px) 100vw, 383px\" \/>Die Schw\u00e4chen von Gen7 liegen aber nicht in einer d\u00fcsteren Story, sondern eher in der fehlenden Varianz im Laufe der Kampagne. So \u00e4hneln sich die einzelnen Episoden spielerisch deutlich. Es werden gelegentlich einzelne Optionen auf dem Spielbrett durch andere ersetzt. Die Spieldynamik \u00e4ndert sich dadurch nur unwesentlich. Es fehlen spielerische Wendungen und \u00dcberraschungen. Mit ausreichend Abstand zwischen den einzelnen Episoden, l\u00e4sst sich das vermutlich gut verschmerzen.<\/p>\n<p>Bedauerlicher ist hingegen die zum Teil arge Dissonanz zwischen den einzelnen Handlungsstr\u00e4ngen im Spiel. W\u00e4hrend es in der Haupterz\u00e4hlung schon bald immer dramatischer und gef\u00e4hrlicher zugeht, wird in den pers\u00f6nlichen Nebenauftr\u00e4gen (Beziehungskarten genannt) ein oft viel gem\u00e4chlicher und entspannterer Ton angeschlagen. So als f\u00e4nden diese Ereignisse in einer Parallelwelt statt, die an gem\u00fctliche Fernsehserien am Samstag Nachmittag erinnern. An sich betrachtet, gibt es wenig an den erz\u00e4hlten Geschichten auszusetzen. Es ist ihre gleichzeitige Abwicklung, die in unfreiwilligem Humor und Absurdit\u00e4t m\u00fcndet.<\/p>\n<p>Gen7 steht aber auch im Schatten des coolen Gro\u00dfonkels derartiger Kampagnenspiele: Pandemic Legacy. Dort ist es gelungen Spielerfolge sp\u00fcrbar in das Spielerelebnis einzuweben. Orte und Figuren wurden immer wertvoller, weil sie im Laufe des Spiels durch die Entscheidungen der Spieler (und manchmal etwas Zufall) f\u00fcr die Spieler an Bedeutung gewannen. Derartige Verkn\u00fcpfungen zwischen Spielleistung und Spielerlebnis bleiben bei Gen7 leider aus. Sowohl Orte wie auch Figuren werden erst zwischen den Episoden lebendig. Gen7 spielt sich vielmehr wie ein knackiges Puzzle-Videospiel. Nach jedem erfolgreich abgeschlossenen Level erh\u00e4lt man eine Cut-Scene, welche den Plot vorantreibt. Die Cut-Scenes geh\u00f6ren dabei ohne Frage zum Besten was derzeit auf dem Markt ist. Die Level selbst \u00fcberraschen inhaltlich aber kaum und sind von angemessener Schwierigkeit.<\/p>\n<p>Angemessen ist auch die L\u00e4nge der Kampagne selbst, die nach 7 Episoden ein Ende gefunden hat. Tragischerweise ist das aber auch der Schwachpunkt des Spiels selbst. Nachdem Legacy-Spiele wie Pandemic Legacy, Betrayal Legacy oder auch Charterstone bereits eine gewisse Relation zwischen Spielpreis und Kampagnendauer normalisiert haben, sitzt Gen 7 zwischen allen St\u00fchlen. Es ist deutlich und sp\u00fcrbar k\u00fcrzer als vergleichbare Spiele, kostet aber mehr als ein Gro\u00dfteil seiner Konkurrenten. Dabei ist die Kampagnenl\u00e4nge f\u00fcr die meisten Spielrunden perfekt. Sieben Mal kann man ein Spiel durchaus spielen, um eine Geschichte von Anfang bis zum Ende erlebt zu haben. Ob es interessant genug ist, die Kampagne erneut anzugehen, nachdem man einen Strang erst mal bis zum Ende ausgespielt hat, daran scheiden sich die Geister. Ich tendiere eher zu Nein, und habe mir die Variationen im Storybuch einfach so durchgelesen. <a href=\"http:\/\/www.krimimaster.de\/2019\/06\/14\/gen7-eine-folge-star-trek-nachspielen\/\">Anderen sagt das Knobeln zwischen den Cut-Scenes vielleicht mehr zu.<\/a><\/p>\n<p>Aber der Preis muss sich leider mit anderen Spielen messen und da f\u00e4llt Gen7 ohne eigenes Verschulden negativ auf. Wer nicht auf Schn\u00e4ppchenjagd gehen will, zahlt hier etwa halb so viel wie Gloomhaven, und etwas mehr als Pandemic Legacy. Gen7 kann aber weder von der spielerischen Vielfalt und Varianz, noch von der zu erwartenden Spieldauer mithalten. Das schmerzt. Wen der Geldbeutel eh schon zwickt, wird trotz einiger St\u00e4rken bei <em>Gen7: Ein Spiel mit dem Schicksal<\/em> ein paar Tr\u00e4nen wegdr\u00fccken m\u00fcssen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag: Plaid Hat Games Autor: Steve Nix Spieleranzahl: 3-4 Alter: ab 12 Jahren Dauer: 60-90 Minuten (je Episode) Entgegen Behauptungen des Schachteltexts, Regelwerks oder Promomaterials\u2026 Gen7: Ein Spiel mit dem Schicksal ist ein kooperatives Spiel der komplexen Optimierungs-Art. 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