Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben…

„Ja wo reiten sie denn? Ach ist der Rasen schon grün.“ Mit solchen alten Loriot-Zitaten habe ich auch gedanklich reagiert, als ich davon gelesen habe, dass wir die Vorreiterrolle in Deutschland verlieren. Das war aber noch bevor Peer letzte Woche dadrüber schrieb oder Christwart in der letzten Spielbox, was interessanterweise war nachdem er in Frankreich war. Ich las dies schon auf TricTrac Frankreich, in einem schönen Leitartikel (in gebrochenem Google-Translator-Deutsch), den mir Guido weitergeleitet hatte. Die Franzosen denken eigentlich darüber gar nicht mehr nach, sondern sind überzeugt, dass sie Deutschland abgelöst haben. Ein Eindruck, den ein Blick auf Cannes erwecken kann oder ein Blick auf die vielen französischen Spiele, die von der Jury nominiert wurden.

Ja, die guten Spiele kommen inzwischen zu einem gefühlt größeren Teil aus unserem Nachbarland als aus Deutschland. Aber in Wahrheit waren auch früher viele Spiele nicht aus Deutschland. Wieviele der Autoren des Spiel des Jahres von 1979 bis 1994 kommen aus Deutschland? Nach gewonnenen Spielen etwa die Hälfte. Alleine Teuber hatte dreimal gewonnen und Kramer auch zweimal. Wir haben die Highlights, aber die Autoren waren auch damals aus anderen Ländern und zum Teil nur nach Deutschland gebracht worden. Der Aufbruch kam spürbar 1995 mit Catan. Wie mit vielen Dingen kann man versuchen immer die Nummer 1 zu bleiben oder akzeptieren, dass andere an einem vorbeiziehen. Um auch das Gefühl dafür zu haben, muss man nur den Anfang von The Newsroom sehen, welcher mich auch heute, vier Jahre später, beschäftigt.

Aber reden wir mal nicht von den Autoren, sondern von anderen Elementen. Ich glaube, dass gerade Deutschland durch den Spiel des Jahres-Pöppel und dessen Akzeptanz in der Bevölkerung eine Vorreiterrolle aufgebaut hat, welche die Menge an Spielen erst möglich gemacht hat. Wenn wir von einer Rolle reden, dann von der, dass es in Deutschland viele Verlage gibt. Die Menge an Spielverlagen in anderen Ländern, die Autorenspiele machen, war Mitte der 90er sehr klein. Zum Teil so klein, dass man nur eine halbe Hand brauchte, um sie von einem Land aufzuzählen. Wenn Frankreich heute eine starke Rolle einnimmt, dann weil es dort die Verlage inzwischen gibt. Wenn ich in Cannes bin und sehe wieviele Verlage dort sind, dann ist das toll und erfreulich. Aber viele von denen sind immer noch angewiesen auf Deutschland und den Absatzmarkt oder die Werbung hier und auch auf den US-Markt.

Immer noch erscheinen viele Spiele zu Essen und nicht zu einem anderen Zeitpunkt, denn Essen ist der Fokus und mit ihm der Deutsche Markt. Noch. Und der nächste Schritt ist nicht weit. Die Verlage fangen an vorzuschieben. Auf einmal erscheinen Spiele nicht mehr zu Essen, sondern zur Gen Con in den USA. Diese Messe legt atemberaubende Wachstumszahlen hin und ist von einigen Zahlen schon größer als Essen. Verlage planen für eine Veröffentlichung vor Ort, wie Portal aus Polen. In den USA ist noch Wachstum zu holen. Deutschland ist gesätigt. Zum Teil sprießen neue Verlage aus dem Boden und Kickstarter gibt seinen Teil dazu, dass die Leute miteifern können. Deutschland ist nicht mehr das Vorreiterland bezüglich der Absatzzahlen. Wenn man wiederum das Ganze umrechnet auf die Bevölkerungsgröße, auf das Verkaufsvolumen pro Kopf, wer ist dann die Nummer 1? Und wenn die üblichen Hasbro-Titel wie Monopoly rausgenommen werden?

Es ist schwer von einer Vorreiterrolle zu reden. Man kann die Menge an Autoren betrachten, die Menge an Autoren die davon leben können, die Zahl der Verlage, die Verkaufszahlen, die Größe der Veranstaltungen, die Zahl der aktiven Spieler, die Menge an Bloggern, die Zahl der YouTube-Videos, der wirtschaftliche Einfluss eines Spielepreises und etwa 50 andere Metriken. Von jedem Gesichtspunkt aus sieht es anders aus und mal ist Deutschland die Nummer 1 und mal in den Top 3 oder auch mal Schlusslicht (Gewinnmarge am Spieler, echt brutal der Markt hier).

Und wie sieht es aus mit Kinderspielen? Als ich bei der Kinderspiel des Jahres-Verleihung war, dachte ich, dass wir da schon sehr führend sind. Der Siegerautor hielt noch ein Rede wie wichtig dieser Preis doch weltweit sei. Wenn man auf BGG nachfragt, wie viele Kinderspielverlage die kennen, kommt meist nur HABA USA. Und das ist eigentlich nur die US-Tochter eines deutschen Verlages. Ein Super-Rhino verkauft sich auch in Japan. Ich will anderen Ländern diesen Markt nicht absprechen, und 2014 war neben einem deutschen auch ein österreichischer und eine amerikanischer Verlag für das Kinderspiel des Jahres nominiert. Doch was in diesem Bereich auf Deutsch rauskommt ist vergleichsweise viel mehr als in anderen Ländern. Und dieser Markt, der Kinderspielmarkt, ist wichtig. Denn wenn wir uns keine neuen Spieler anerziehen, dann bricht das Gerüst wieder ein. Neue Spieler hingegen, sorgen dafür, das wir uns auch in 20, 30, 50, und 100 Jahren streiten können, welches Land eine Vorreiterrolle hat. Und das ist mir wichtiger als welches Land es nun konkret ist.

Der Handel mit dem Handel

Heute will ich über die GTS reden. Etwas was euch hoffentlich genauso interessiert wie mich. Und mit GTS meine ich nicht etwa einen Gran Turismo Sport oder so manch andere Autotechnik. Nein es geht um Spiele also bleiben wir bei Spielen. Wobei wir auch nicht über die Game Theory Society reden wollen. Auch wenn das furchtbar spannend wäre und deren nächste Konferenz in 2016 mit Maastricht auch Nahe genug ist, um da vorbeizufahren, wollen wir heute weniger über solche Singe reden. Ich will über die GAMA Trade Show reden.
Die GAMA ist die Game Manufacturers Association. Eine Gruppierung die die Interessieren der Spielverlage repräsentiert. Das tut sie in den USA inzwischen seit deutlich über 30 Jahren Sie wurde im Zusammenhang mit der Origins 1977 gegründet, hat aber außer dem Origins Award nicht mehr viel damit zu tun. Ihre Hauptveranstaltung ist die Trade Show, die einmal im Jahr im März in Las Vegas stattfindet. Dafür treffen sich Verlage und Distributeure und laden alle Händler ein sich vor Ort über alles informieren zu lassen. Ein bisschen ist das wie Nürnberg, aber statt zu allem was Spiele betrifft was zu bieten wie Kuscheltiere und Holzspielzeug und Modelleisenbahn und Feuerwerkskörper und etliches anderes geht es hier nur um den Hobbymarkt. Es geht um Brett- und Kartenspiele, um Rollen- und Würfelspiele, um Sammelbare Spiele und alles was so einen US Hobby-Laden ausmacht. Und auch wenn ein paar von den Firmen vor Ort auch auf der Toy Fair in New York ausstellen, die allermeisten tun das nicht. Aber sie präsentieren sich auf der GTS.
Und hier gibt es ein großartiges Paket. Die Händler bekommen von den großen Firmen Präsentationen, was in den nächsten 6-12 Monaten geplant ist. Infos die zwar 2min später dank der Präsentation auf Twitter sind, aber nicht jeder Händler ist auf Twitter. Hier werden Deals geschlossen zwischen Kleinen Verlagen und Vertrieben. Hier werden Deals gemacht zwischen Vertrieben und Händlern und natürlich auch zwischen Verlagen und Händlern. Hier wird über Marketingmaßnahmen geredet, Händler sagen was bei ihnen funktioniert und was nicht und natürlich seit den letzten Jahren auch was alles auf Kickstarter gerade passiert. Und natürlich sind dazwischen auch Produktionsfirmen, die bei Verlagen um Aufträge buhlen. Das sind wichtige Eindrücke und Meetings. Die Messe ist wichtig.
Warum gibt es sowas eigentlich nicht in Europa? Gerade in Deutschland würde es sich doch anbieten auch für den Hobbymarkt sowas zu veranstalten. Doch wer soll das in die Hand nehmen? Als ich auf der UK Games Expo vor 2 Jahren war fand dort eine Präsentation von Esdevium statt und Verlage konnten kommen und ihre Neuheiten den Händlern präsentieren. Das alles fand am Vortag der Expo statt und dauerte auch nur den Tag, aber so konnten die Händler das mit dem Rest der Messe in einem Rutsch nutzen. Für die Stores in UK war das cool.
Aber gibt es eigentlich den Deutschen Hobby-Markt? Natürlich kann ich bei Pegasus etliche kleine Hobby-Läden finden. Aus dem Metier ist der Verlag gewachsen. Auch Heidelberger hat mit seinen Flagshipstores eine große Übersicht dieser Läden auf seiner Seite. Und Heidelberg macht auch einmal im Jahr solch eine Veranstaltung für seine Stores. Aber das ist nur zwischen Heidelberger, seinen Vertragsverlagen und seinen Läden. Keine anderen Verlage, keine anderen Vertriebe. Für Heidelberger gibt es den Vorteil, dass sie die volle Aufmerksamkeit haben. Auf der anderen Seite würde es sich gerade für die Händler lohnen, wenn sie bei solch einem Zusammentreffen gleich mehr rausziehen könnten, und mit anderen Verlagen auch gleich reden könnten.
Vielleicht ist es auch wieder ein Vorteil der USA, dass sie eine Einwohnerzahl in Höhe der Gesamteuropäischen haben, ohne irgendwelche Sprachbarrieren. Was dort in letzter Zeit gewachsen ist, ist beeindruckend. Die Gen Con hat an Größe zugenommen in einem Maße die schon an Essen-Verhältnisse heranreicht, wenn nicht gerade übertrifft. DIE GTS übernimmt Aufgaben, die in Europa auch gebraucht werden. Vielleicht ist es auch das dezentrale Denken, dass wir gerade in Deutschland haben. Wir haben sämtliche Bundesministerien über das gesamte Land verteilt und haben Vergleichsweise jede Aufgabe einem anderen Teil des Landes gegeben. Für Nürnberg wäre der Wegfall der Spielwarenmesse gefühlt schon ein Todesstoß (Ich weiß etwas übertrieben, aber bei den Preisunterschieden für Hotelzimmer in der Messe-Woche und während des Rests des Jahres kommt jeder auf die Idee).
Was mir gedanklich bleibt ist die Liste der Verlage und Händler die Jahr für Jahr sich zu den anderen dazugesellen und die GTS besuchen. Die Wachstumszahlen auch dieser Messe sind beachtlich und dürfen als Selbstläufer gelten. Was den Amerikanern jetzt noch fehlt sind mehr Verlage die so groß sind wie die Deutschen Verlage.

Einspruch, Euer Ehren!

Alle Jahre wieder wird über Zahlen geredet und dabei wird immer wieder erneut eine Sicht geäußert, die für mich sehr gestrig ist. Eine Sicht, wie sie noch vor 20 Jahren funktioniert hat und inzwischen nicht mehr haltbar ist. Und wir reden hier nicht über den Kampf der Printmedien gegen Internet-Journalismus. Nein, wir reden von den Neuheiten aus Essen. Wir reden über die Geschäftspolitik der Verlage. Wir reden über den Schrei der Ohnmacht der Alles-Woller.

Es wird wieder über die Zahl gegängelt, dass diese viel zu hoch ist. Es wird darüber gemeckert, dass keiner das alles spielen kann, und dass die Spiele zu wenig Luft zum Atmen haben, weil sie nach einem Jahr wieder aussortiert werden. Dabei werden viele Kleinigkeiten übersehen, denn die eigene Sichtweise wird bedient. Eine Sichtweise in der es logischerweise nötig ist alles zu sichten, alles kennenzulernen und alles beurteilen zu können was auf den Markt kommt. Ein Umstand, der vor 20 Jahren vielleicht noch machbar war, der aber inzwischen weit davon entfernt ist nicht als Utopie bezeichnet zu werden.

Das Rekordjahr

Fangen wir mit den einfachen Zahlen an. 850 Spiele sind laut der Messe Essen auf der Spiel 14 neu vorgestellt worden. Die Spielbox hat ihre eigene Zahl, die ein bisschen abweicht, genauso wie Cliquenabend, BGG und jede andere Seite die versucht da eine Zahl zu zaubern und eine volle Übersicht über alle Neuheiten zu liefern. Und wie viele waren es im letzten Jahr? Vielleicht 800, um eine Zahl zu nennen, die im Raum war. TricTrac Frankreich hatte letztes Jahr 863 gezählt. Spielbox, Cliquenabend und BGG hatten wieder andere Zahlen. Es funktioniert irgendwie gar nicht. Gefühlt war es aber eigentlich nur genauso viel wie letztes Jahr. Da ist keine Steigerung mehr zu sehen. Wozu auch? Wozu sich in der großen Zahl versuchen. Es waren halt viele, verdammt viele.

Versuchen wir es mit anderen Zahlen. BGG hat in seiner Datenbank an Neuerscheinungen für 2013, volle 3800 Einträge. Für 2014 sind es bisher rund 3500. Vielleicht wird die Zahl noch um 300 steigen, denn auch in den kommenden 2 Monaten werden noch Einträge dazukommen, aber ist das wichtig? Diese Zahl zeigt auch eine gewisse Konsistenz. Und sie zeigt noch etwas, was alle anderen Liste gemein haben. Sie zählt alles. Waren es wirklich 850 neue Spiele? Da kam ein Spiel bei einem Verlag raus und der deutsche Vertrieb war auch vor Ort. Bei beiden wurden die Spiele gelistet und zack waren es zwei Spiele statt einem. Hochgerechnet auf die Masse an Spielen die Heidelberger, Pegasus und Asmodee vertreiben und deren Partnerverlage auch Stände hatten, kann die Zahl fast schon gefühlt halbiert werden. Sind wir mal nicht so kritisch, sagen wir es waren nur noch 550 Spiele.

Aber es geht noch weiter. Zum Teil wurden Spiele gelistet, die auch schon letztes Jahr gelistet waren, wie Machi Kori und Das Vermächtnis. Die sind jetzt auf deutsch raus. Das ist für manche Spieler neu, denn sie konnten es vorher nicht spielen, aber für die Akribiker ist das nichts neues. Und dann kommen noch die Erweiterungen mit rein. Dazu zählen große Erweiterungen wie Babel genauso rein, wie die kleinen Goodies, etwa die Haustiere für Brügge. Sind das neue Spiele oder nur Gründe, alte Spiele wieder zu spielen? BGG schließlich führt noch jede Menge weitere Projekte auf, die es nie über den Teich schaffen oder gar in die Veröffentlichungen oder sie sind eh nur Fan-Projekte. Was übrig bleibt sind etwa 300 neue Spiele. Eine Zahl, die weder zu hoch noch zu erdrückend erscheint. Aber immer noch mehr als der Normalsterbliche spielen kann, der gerne alles spielen will.

Der Blick über den Tellerrand: Im Buchgeschäft erscheinen übrigens deutlich mehr Titel im Jahr, dadrunter Wälzer die nicht an einem Tag gelesen sind. Aber auch Fortsetzungen, Neuerscheinungen, Taschenbuch-Ausgaben von vorher nur gebunden Büchern uvm. Und im Musikgeschäft ist es auch nicht viel weniger. In beiden Sparten kenne ich keinen der sagt, dass da zu viel rauskommt. Und genauso wie in diesen Sparten finanzieren sich die Spiele auch gegenseitig quer.

Der Allesspieler

Die nächste falsche Annahme ist, alles spielen zu müssen. Basierend darauf, den Verlagen den Vorwurf zu machen nicht so viel auf den Markt zu werfen, sondern lieber Klassiker zu pflegen, statt nach einem Jahr wieder zu verramschen. Das ist, als würde man die Parteien auffordern nicht mehr Politik für jeden zu machen sondern sich auf ihr Kernthema zu konzentrieren. Was mit der letzten Partei passiert ist, die das getan hat, kann man sehr gut erkennen, sie wurde nicht für voll genommen.

Gerade die großen Verlage sind Vollsortierer. Sie müssen viele Zielgruppen bedienen, um auch als großer Verlag genommen zu werden. Sie bieten auch Perlen an, die vielleicht wirklich nur für 1000 Spieler sind, und diese sind dann zufrieden, wenn sie das Spiel haben. Ein Spiel muss nicht ewiglich bestehen, so wie auch nicht jeder Mensch unsterblich ist. Aber warum für diese Menge produzieren statt mehr für die Masse? Und ich dachte Spiele sind Kulturgut und dazu gehören auch Spiele für die Randgruppen die nur 1000 Stück verkaufen.

Es gibt Spiele für Kinder, Familien, Erwachsene, Freaks, Kenner, Experten, Erzähler und Miniaturbemaler. Es gibt Karten-, Würfel-, Brett-, Rollen- und neuerdings sogar Beutelspiele. Es gibt Spiele mit einfachen, normalen und schweren Regeln. Es gibt thematische, abstrakte, Euro-, Ameritrash- und auch masochistische Spiele. Und diese Aufzählungen waren weit davon entfernt vollständig zu sein. Alleine die Schnittmengen für die Kombinationen aufzuzählen würde zu einer Grafik im fünfdimensionalen Raum führen und den Rahmen einer Essen-Show sprengen. Und jedes Spiel hat seine Berechtigung.

Aber nicht jeder muss alles spielen. Ich weiß, dass mich Wargames, Cosims und inzwischen auch wieder Kinderspiele nicht interessieren. Ich kann sie von meiner Liste streichen. Ich muss mich nicht mit abstrakten Holzspielen beschäftigen, weil ich oft keinen Spaß daran habe. Die 2er-Spiele ignoriere ich auch oft. Und sollte da doch eine Perle dabei sein, so wird man es mir näher bringen und ich kann dann immer noch drauf schauen. Ich habe mich dieses Jahr das erste Mal sehr ausführlich mit den Neuheuten beschäftigt und bin dabei an rund 140 Spiele inkl. Erweiterungen gekommen die einen Blick für mich wert sind. Muss ich alles spielen? Nein!

Der Blick über den Tellerrand: Keiner liest alle Bücher, und keiner hört jede CD da draußen. Es gibt Bücher die nur von einer kleinen Gruppe von Menschen gelesen werden, und es gibt sie in kleinen Auflagen. Gepflegt werden die Bestseller und dennoch bringt jeder Verlag jede Menge neue Bücher raus. Denn wenn etwas gut ist fliegt es nicht raus. Und bei Musikern habe ich auch noch keine Plattenfirma gehört die darauf verzichtet neue Talente zu finden und auf den Markt zu bringen, weil die alten sich schon so gut verkaufen.

Die Pyramide

Es wird immer wieder geäußert das schlechte Spiele verboten gehören, so wie schlechte Werbung verboten gehört. Dabei gilt für manche schon das Gute als Schlecht, denn es ist ja schlechter als das Bessere. Es kann nie alles gut sein, etwas ist immer besser als etwas anderes. Selbst wenn man die jeweils besten 20 Spiele der letzten 10 Jahre nehmen würde, würden da Gurken im Vergleich zu anderen Spielen sein.

In dem Umfeld aufzurufen weniger zu produzieren und sich lieber auf weniges zu konzentrieren, erscheint mir völlig verkehrt. Wenn die Zahl der Spiele, die mich interessieren, sinkt, wirkt es so, als würde der Markt schrumpfen und alle wären einfallslos. Herr Hutter würde darüber klagen, dass der Umsatz zurückgeht und eh wir uns versehen geben Menschen das Hobby auf, weil nichts mehr für sie interessantes dabei ist. Die Menschliche Psyche will immer mehr und immer neuer. Wer neu einsteigt findet nicht nur cooles Neues in unbegrenzter Zahl, sondern kann auch damit leben, dass es alt ist. Das White Album von den Beatles ist immer noch eine Perle. Und die Lizenzgurke ist ein Geldbringer, so wie das Buch zum Film bei Teenagern.

Aber wären wir wo wir sind, wenn wir bei 100 Neuerscheinungen im Jahr geblieben wären? Wie in der Evolution wird die Entwicklung durch die Masse vorangetrieben. Wären die Spiele denn heute so gut, wenn es nicht so viele geben würde, an denen die Verlage und Autoren sich reiben, neue Ideen finden und Verfeinerungen ausmachen könnten? Und ein Blick auf die Masse der unveröffentlichten Spiele oder welche lieber hätten unveröffentlicht bleiben sollen, aber dank Kickstarter leider den Weg in die Produktion gefunden hat, ist da nur ein Teilaspekt. Die Verlage sind schon sehr konservativ. Wer nur 12 Spiele veröffentlicht, obwohl ihm 700 angeboten wurden, hat schon stark gesiebt.

Und was ein Klassiker wird, bestimmt an der Stelle wieder der Markt. Die Zahl der Spieler steigt auch jedes Jahr. Wenn ein Spiel des Jahres nicht nur 300.000 mal verkauft wird, sondern 700.000 mal dann ist das ein deutliches Signal für eine wachsende Käuferschicht. Und mit der wachsenden Käuferschicht kommt auch mehr Verlangen. Es ist wie eine Pyramide. Oben sind die Freaks, die sehr viel spielen und einen Blick auf den Markt haben. Und die Kollegen von der Jury, die alles anspielen müssen. Ganz unten ist das breite Fußvolk, das nur wenig spielt, und dem es egal sein kann, ob es 10, 100, 1000 oder auch eine Millionen neue Spiele gibt. Aber nur durch ständige Veröffentlichungen die oben in den kleinen Trichter geworfen werden, kommen unten die besten Spiele an, aber die halten sich lange. Welche Spiele das sind, hängt sehr stark davon ab wie gut jeder arbeitet. Aber die Chancen steigen, je mehr reingeworfen wird. Sonst hätten wir weiterhin nur Monopoly, Scrabble und ein Leiterspiel. Viele gute Spiele stehen auch in unserer Branche für einen guten Jahrgang.

Der Blick über den Tellerrand: So mancher Bestsellerautor ist gezwungen ein neues Buch jedes Jahr abzuliefern, um im Gespräch zu bleiben. Und eine Band die nach 18 Monaten noch kein neues Album rausgebracht hat, erscheint unwichtig geworden. Nur wenige Bücher und Alben werden Klassiker. Warum sollte ein Verlag auf eine Neuheit verzichten, nur um was voranzutreiben, was es bisher nicht geschafft hat?

Mein Fazit

Statt also über die Menge zu stöhnen, sollten wir alle uns wieder an den Spieltisch setzen und spielen. Ich erfreue mich an dem, was ich spiele. Tut das doch auch alle. Und ich werde bestimmt nicht alles spielen wollen, das kann keiner und das sollte auch (fast) keiner. Hier zu sortieren macht Sinn und wer das nicht kann braucht die Expertise von anderen, wie der Jury, die das in hervorragender Art und Weise seit über 30 Jahren macht. Vielleicht sollten wir mehr Schubladen einbringen. Nicht nur Kinder, Familien, Kenner und Expertenspiele, sondern auch Schubladen, die es für andere einfacher machen. Es gibt mehr als 4 Musikrichtungen, es gibt mehr als 4 Romangruppen.

Aber wer jammert, verpasst die Entwicklung und die ist nicht aufzuhalten. Gestaltet sie lieber mit!

PS: Dieser Artikel ist ein Widerspruch gegen die Ansichten von Michael Weber und Synes Ernst.

Letzte Gedanken vor dem Fest

Noch 4 Tage bis Essen. Zumindest für die meisten. Für mich sind es noch zwei Tage. Dienstag früh um 5 verlasse ich Berlin. Dieses Jahr ist Essen mal wieder anders für mich. Und damit meine ich nicht die neuen Hallen. Statt an einem Stand für alle Fragen offen zu stehen oder nur von Meeting zu Meeting zu tingeln werde ich dieses Mal eine bunte Mischung haben. Vor allem aber werde ich das erste Mal mit Auf- und Abbau auch beschäftigt sein.

Die Masse an Infos mit denen man inzwischen vor der Messe bombardiert wird ist dabei auch offensichtlich stark gestiegen. Vor ein paar Jahren war man für jeden fetzen dankbar und konnte sich entsprechender Aufmerksamkeit sicher sein. Ein Spiel das schon vorher getestet wurde erhielt ordentlich Aufmerksamkeit und war entsprechend in aller Munde. Inzwischen ist das Angebot an Infos so unüberschaubar geworden, dass die Masse auf der Messe dem Ganzen nur noch einen draufsetzt.

Verlage wie Kosmos, Amigo, Ravensburger und Schmidt haben alle Händler schon vorher mit Waren beliefert und betrachten Essen nur noch als zusätzliche Marketing-Aktion. Die richtigen Slots bei den Druckereien haben sichergestellt auch in entsprechender Stückzahl liefern zu können. Die meisten wissen, dass sie nicht im Bereich der Highlights für die Vielspieler agieren. Ein in meinen Augen daher völlig logisches Vorgehen.

Hans im Glück hingegen verhindert aktuell die Veröffentlichung der vollen Regeln für Russian Railroads im Vorfeld so gut es geht. Bestimmt nicht aus Angst, die Leute könnten das neue Spiel nicht mögen, eher aus einer Art Firmenpolitik. Ich kann nicht einschätzen ob es ein sinnvolles Vorgehen ist, da ich aber sicher bin, dass das Spiel klasse ist, mache ich mir wenig sorgen um deren Verkaufszahlen oder die Akzeptanz der Spieler. Beides wird schon stimmen.

Noch ein Unterschied dieses Jahr für mich: Ich werde dieses Jahr kaum nach Goodies schauen, vor allem weil ich kaum Zeit dafür habe. Ich habe auch das Gefühl, dass ich zu viele dieser Kleinigkeiten im Schrank zum verstauben habe. Versteht mich nicht falsch, die Idee der Goodies finde ich immer noch gut und richtig, aber die Informationen dazu sind mir zu verstreut und unübersichtlich. Da sagt etwas in mir, dass ich nicht mehr will. Wenn das Goodie tatsächlich gut und wichtig für ein Spiel ist, werde ich da schon rankommen. Aber das x-te Tier für Zooloretto, das fast dasselbe tut wie die der letzten fünf Jahre ist nur noch Sammlerdrang. Ich will es dennoch, aber ich sterbe nicht, wenn es in der eh schon lückenhaften Sammlung fehlt.

Aber es gibt nicht nur Essen, sondern immer noch den aktuellen Spieltisch. Und der war in letzter Zeit regelmäßig bis Nachts mit Descent belegt. Ich würde gerne Peer und seiner Rezension in der Spielbox die Schuld daran geben, aber in Wahrheit ist es einfach ein gutes Spiel, das mindestens als ausgereiftes und besseres HeroQuest oder WarhammerQuest durchgeht. Die Knights of the Dinner Table wären stolz auf das Gefühl gegen ihren Spielleiter spielen zu können, und ein bisschen ist es schon auch für den Overlord das Gefühl auch gegen die Spieler eine Harte Nuss spielen zu dürfen. Freude inklusive.