Asoziale Außerirdische und ihre Sologruppen

Wann hat man alles richtig gemacht? Wenn alle über einen reden. Der Herr, der das im letzten Monat geschafft hatte, war Tom Felber. ich mag ihm da auch nicht unterstellen, dass er mit Absicht versucht hat die Leser zu provozieren, sondern das er einfach die Worte gewählt hat, die er am sinnvollsten fand. Ich kenne das bei mir auch, wo ich ein Artikel schreibe und im Nachhinein mich für ein paar Worte entschuldigen möchte, denn geminnt hatte ich es nicht, wie ich es geschrieben habe. Aber wenn es Wellen schlägt dann muss dafür gerade stehen und sich entschuldigen, oder erklären was man meinte. Alles kein Beinbruch.

Der Artikel ist seine Rezension zu NMBR9 von AbacusSpiele. Das Wort unsozial ist nicht nur bei mir hängen geblieben. Im Nachhinein verstehe ich was er meint. Es ging ihm nicht darum Solospiele zu verteufeln, sondern er fragt sich warum ich Solobeschäftigungen als Gruppenspiel verkaufe. Etwas was viele als Mulitplayer-Solitär benennen und in der Szene oft abwertend dargestellt wird. Das kann ich sehr gut verstehen.

In Oberhof stand ich mit der Frau von Rüdiger Dorn und Stefan Stadler vor dem großen Tisch mit den Verlagsspielen und Stefan fragte mich, welches das schlechteste Spiel von dieser Auswahl war. Ich kannte nicht alle konnte daher das nicht komplett beurteilen und während mein Auge vor einem Spiel hängen blieb das ich nicht so gut fand, nannte ich dieses. Vielleicht hätte ich nichts sagen sollen oder einfach sagen sollen, welches mir am besten gefällt, aber ich habe halt in der Minute mitgemacht. Mit dem Hinweis, dass ich natürlich nicht alle kenne. Es war Mystic Vale. Ein Spiel, dass sich mir gar nicht erschließt. Ein bisschen ist es wie bei Dominion. Jeder Spieler macht seinen Zug und interagiert mit den anderen gar nicht mehr.

Bei Dominion habe ich irgendwann für mich beschloßen, dass ich es nur noch zu zweit spiele, denn alles andere ist doch langweilig. Und was ich bei Dominion nie mochte, war das die meisten interaktiven Karten eher von negativer art waren. Es waren Angriffe. Diese also rauszunehmen, klingt eigentlich nach einer tollen Idee. Aber Mystic Vale macht dies und es erscheint mir noch beliebiger. Will ich sagen, dass Spiel ist schlecht? Nein. Es ist eigentlich nichts für mich. Denn es ist ein Solospielen in der Gruppe. Etwas das mich bei manchen Spielen weniger stört als bei anderen. NMBR9 spiele ich gerne. Da habe ich Freude mich in 10 Minuten mit anderen am Tisch zu messen.

Nun könnte man sagen, ich mag halt keine Deckbauer, aber ich finde etliche gut. Trains ist grandios und leider zu unrecht in Deutschland untergegangen. Ascension ist um so vieles besser als Dominion in meinen Augen. Und El Dorado ist ein echtes Wunderstück, das den Deckbauer auf dem Niveau platziert, wie ich es gerne hätte. Tom Felber zieht seine Linie woanders. NMBR9 ist außerhalb seines Zumutungscharakters. Akzeptiert.

Es bleibt das Wort unsozial. Wir spiele rühmen uns mit der Geselligkeit. Und auch wenn Gesellschaftsspiel als Begriff schon verstaubt klingt und etliche ein Lied davon singen können, wie vielen Mitspielern soziale Kompetenzen fehlen (ich verweise dazu auf den grandiosen Beitrag von Tom Felber in seiner Spielbox-Kolumne), so ist die Wahrheit einfach das wir Menschen halt alle verschieden sind. Manche brauchen nicht das Gesellige sondern die intellektuelle Herausforderung, sie wollen lieber über einem Fest von Odin brüten, was die Beste Strategie sein könnte. Ob sie dabei alleine sind und Solospiele, oder in Gruppen von bis zu 18 Spielern bei MegaCiv ist dabei nicht entscheidend. Andere wollen eine Geschichte erleben und könnten das vermutlich durch ein Buch oder einen Film auch, aber selber Entscheidungen zu treffen wie bei einem Solospielbuch wie Einsamer Wolf ist mit viel Lesen verbunden. Ein Spiel kann da andere Reize stimulieren. Andere wollen das soziale und suchen eine Runde Word Slam, damit sie einfach mit anderen Menschen zusammen sind. Keins davon ist ein besserer Spielertyp.

Schwierig wird es, wenn man mit Nichtspielern kollidiert. Da gibt es die, die beim Spielen an Computerspiele denken, dann die, die an Monopoly oder Kinderspiele denken, und schließlich die, die an Poker und Glücksspiele denken. Und dies manchmal interessiert, oft eher uninteressiert und manchmal auch ablehnen betrachten.

Wenn man in einer Gaststätte ist und Spielkarten raushaut um eine Runde Skull King oder Fünf Gurken zu spielen, dann kommt der Ober sagt, das Glücksspiel bei ihnen nicht gerne gesehen sind, dann steht man unsozial dar. Wenn bei einer Familienfeier ein Love Letter rausgeholt wird oder ein LuckyLachs, dann wird man von Verwandten als Spielkind abgetan und als unsozial abgestempelt, warum man sich nicht mit ihnen unterhält, statt diesen Kinderkram zu machen. Man fühlt sich wie ein Alien. Man bewegt sich in Fremden Welten, außerhalb seiner Komfortzone und muss damit leben wie unsozial die anderen einen halten. Mir geht es so mit den Biertrinkenden grölenden Horden die zum Männertag durch die Straßen ziehen, aber ich bin da die Minderheit. Das Wort unsozial kann vielschichtig gesehen werden. Ich würde es lieber gar nicht mehr sehen.

Hinwies: Dieser Artikel erschien im Rahmen des Beeple-Tehmenmonats: Fremde Welten. Weitere Artikel dazu findet man hier:

Zehntausend BGG-Nutzer können sich nicht irren

Wenn mich etwas derzeit nervt, dann ist es das Wort Hype. Sonja hatte das auf ihrem Blog schon sehr gut zerlegt, aber zeigt auch, dass viele das Wort anders verwenden, als es gedacht war. Was mir daran besonders aufstößt ist die Tatsache, dass scheinbar manche so cool sein wollen, dass sie genau das nicht mögen, was alle anderen mögen. Der Massengeschmack ist falsch und jeder, der wie die anderen denkt, ist ein Fanboy. Noch so ein Wort, das oft abschätzig verwendet wird. Das ist hier natürlich eine sehr vereinfacht gehaltene Gemeinheit, wo sich keiner drin wiederfinden wird. Das ist auch ok.

Als vor 22 Jahren Catan das Licht der Welt erblickte war es auch etwas, was wir heutzutage wohl als Hype bezeichnen würden. Als vor etwas über 6 Jahren 7 Wonders richtig abräumte, wäre der Begriff Hype bestimmt auch korrekt gewesen. Und was Pandemic Legacy vor über einem Jahr abzog, hätte neben diesem Wort bestimmt auch mit einem Ausbruch und einem Vergleich mit den Viren, welche im Spiel vorkommen, verglichen werden können. Hat vielleicht der eine oder andere seine Viren im Spiel nach anderen Spielen benannt?

Das sind alles Phänomene mit denen ich gut leben kann. Da draußen gibt es etliche, die sich immun zeigen sowohl für die Hypes als auch für die Meinung der Leute, die es hypen. Sie schauen sich jedes Spiel selber an und bilden sich ihre Meinung. Ob diese allerdings völlig offen ist, ist schwer zu sagen. Auch ich bin manchmal überrascht, was mir gefällt und was nicht, obwohl ich viel oder wenig von einem Spiel höre. Wir alle versuchen dabei unvoreingenommen zu sein. Ob es gelingt, kann ich nicht sagen.

Im unknowns-Forum ist im Bereich Hype ein Nebendiskussionsobjekt aufgetreten. Die BGG-Rankings. Wer wissen möchte, wie das Ranking System auf BGG funktioniert findet hier eine sehr schöne ausführliche Darstellung (wenn auch in englisch). Kurz gesagt, das System ist nicht perfekt, aber es ist scheinbar das bisher beste. Und dennoch wird weiter über einen Hype gesprochen, wenn gerade die Menge der neueren Spiele angesprochen wird die sich in den Topp 100 rumtreiben. Das kann nur noch mit Hype beschrieben werden. Anders ist es nicht möglich. Da werden Spiele wie Rising Sun bewertet, wo das Spiel nicht nur noch gar nicht erschienen ist, es gibt auch noch gar keine Regeln.

Für mich ist das aber so gar nicht überraschend. Da gibt es einfach zu viele Faktoren. Werfen wir also mal einen Blick auf zwei Tatsachen und wie ich sie mir erkläre. Ob ich recht habe? Keine Ahnung, aber eine Erklärung würde es liefern.

Wertungen für Spiele die noch nicht erschienen sind

In dem Jahr nach Agricola brachte Lookout das grandiose Le Havre raus. In Essen standen alle stundenlang in einer der beiden Schlangen zum Stand, um ein Exemplar des Spiels zu ergattern. Die benachbarten Stände waren davon nicht so angetan. War das ein blindes Vertrauen in den Hype um das nächste große Ding von Uwe Rosenberg? Vermutlich nicht, denn Merkator schaffte nicht dasselbe. Tatsache war eher, dass Uwe Rosenberg ein gründlicher Tester ist. Er hat das Spiel von verdammt vielen Leuten testen lassen und dies in großer Menge auch in der Anleitung dokumentiert. Über Mund-zu-Mund bekamen das immer mehr mit. Das Spiel wurde von den Leuten geliebt. Und so wollten es viele haben als es rauskam.

Auch ein Jamey Stegmaier hat sich Fans aufgebaut. Mit harter Arbeit und viel Kommunikation. Viele Leuten durften sich Scythe anschauen und Spielen bevor es erschien. Es musste ja getestet werden, damit es auch gut wird. Dass diese Spieler dem Spiel dann auch gute Noten geben, ist nicht so verwunderlich, wenn ihnen gefallen hat, was sie gespielt haben. Und das Spiel ist in den Top 10 auf BGG trotz der großen Fehler die beim Kickstarter gemacht wurden, mit einem idiotischen Stretchgoal-System, das das ganze auch hätte implodieren lassen können. Dass Rising Sun getestet wurde, dürfte als sicher gelten. Und das nicht nur von den Leuten in-House.

Viele Spiele der letzten Jahre in den Topp 100

Ist das wirklich ein Wunder, dass gerade moderne Spiele in den oberen Plätzen sind? 67 der Top 100-Spiele sind aus dem Jahr 2010 oder neuer. Das sind zwei Drittel. 33 der Top 50-Spiele sind aus dem Jahr 2012 oder neuer. Auch das sind zwei Drittel. Die Zahlen sprechen da eine spannende Sprache. Aber werfen wir mal einen Blick auf den Markt abseits von BGG.

In den letzten Jahren haben Brettspiele weltweit einen Boom erfahren. Die Messen wachsen und sowohl die Gen Con als auch die Spiel in Essen, als auch die UK Games Expo, die Origins, das Festival des Jeux in Cannes, die Play in Modena, die Comic und Games in Lucca und so viele andere berichten von immer größeren Zahlen. Immer mehr Leute beschäftigen sich mit dem Hobby. Warum das passiert kann nur geraten werden, aber der Will Wheaton mit seiner Tabletop-Show hat bestimmt auch seinen Teil dazu beigetragen. Brettspielen ist etwas geworden, wofür man sich nicht mehr schämen muss. Berühmte Leute aus Film und Fernsehen spielen auch. Das ganze machte deutlich sichtbar Spaß. Viele Spieler sind aus ihren Löchern gekrochen. Andere wurden angesteckt und entdeckten ein Hobby, welches ihnen auch Spaß machte.

Und über die Neuen können wir auf jeden Fall reden. Denn es gibt sehr viele Leute, die haben erst in den letzten fünf Jahren angefangen zu spielen. Die kennen die meisten Spiele vor ihrer Zeit nicht. Die modernen Klassiker wie Catan, Carcassonne, Zug um Zug oder auch Dominion sind ihnen bekannt, aber viele andere Spiele aus der alten Zeit nicht. Sie wissen nicht, was es da alles für tolle Spiele schon vor 10, 20 oder 30 Jahren gab. Da gab es aber auch weniger Spiele und einige sind nicht gut gealtert.

Und so sind die Spiele besser geworden. Mit mehr Spielen ist zwar auch mehr Schund, aber natürlich sind auch immer bessere Spiele auf dem Markt gekommen. Und mit mehr Menschen die Spielen, sind auch immer mehr Anmeldungen auf BGG erfolgt und somit immer mehr Spieler, die ihre Spiele bewerten. Und abgesehen von ein paar Pappenheimer, welche alles mit 1 Punkt bewerten, sorgt das System von BGG dafür, dass oft bewertete Spiele weiter nach oben schwappen, denn ihre Noten sind aussagekräftiger.

Wir könnten also dem Hype die Schuld geben oder der Masse an Spielern, die noch gar nicht wusste, was die alten Spiele alles können. Mir könnte es nicht egaler sein, denn viel wichtiger finde ich, dass es mehr geworden sind. Und mehr Spieler sind immer was Gutes. Es ist auch eine gute Gelegenheit all diesen Spielern die guten Klassiker aus den alten Jahren zu zeigen und ihnen die Möglichkeit zu geben, diese auch kennenzulernen. Sie müssen dabei nicht mal so alt sein wie die Spiele die Rob Daviau für Restoration Games aus der Gruft holt. Es reicht schon, wenn sie älter als 7 Jahre sind. Lasst uns die #WorthyClassics rausholen und den Spielern beibringen.

Alles Neu macht der Februar

Im Preussen vor dem ersten Weltkrieg, was ja über 100 Jahre her ist, war es Pflicht in der zweiten Klasse das Lied Alles Neu macht der Mai zu singen. Welch sinnloses Wissen dachte ich mir in dem Moment als ich das las, und natürlich war mir bewusst, dass mein Kopf voll von sinnlosem Wissen ist. Eine Gewisse Freude darüber, Sachen zu wissen, die im normalen Alltag keinen Wert haben, ist teil einer Schrulligkeit. Und es war eine Weile lang cool. So wie Fliegen.

Aber in unserem Hobby macht der Februar vieles neu. Die Nürnberger Spielwarenmesse schwemmt noch einmal einen großen Teil neuer Spiele auf den Markt. Und auch wenn viele davon erst im März, April, Juli, oder gar September oder Oktober erscheinen so werden doch sehr viele jetzt angekündigt. Ein Teil davon hängt mit dem Weihnachtsgeschäft zusammen. Das ganze Jahr wird darauf hingearbeitet. In Meetings werden Marketingaktionen durchgeplant und Spots und Anzeigen geplant. Und wenn Weihnachten durch ist, zusammen mit der Umtauschzeit im Januar, dann kommt wieder Februar, die nächste Spielwarenmesse und damit alles neues.

Ein spannender Kreislauf, der viele Jahre schon gilt und gerade bei Spielwaren, abgetrennt von der Brettspielen, auch fast schon unumstößlich erscheint.

Und dieses Jahr wirkt da nicht viel anderes, bis auf den Umstand, dass ich schon lange nicht mehr so viele Neuauflagen gesehen habe. Ich hatte schon mit Arne in unserer Bretterwisser-Nürnberg-Folge darüber philosophiert, dass es echt viele Neuauflagen gibt. Spiele die es schonmal gab und die nun nochmal auf den Markt kommen. Spiele die nicht wirklich neu sind, aber für einen großen Teil unserer spieler vermutlich schon. Alle paar Jahre kommt Basari als Zombie der nicht tot zu bekommen ist wieder raus. Dieses Jahr sind es einige Dutzend Spiele, wie Leinen-Los, Metro, Citadels, Notre Dame, und viele andere. Und ein echter Trend zeichnet sich ja dadurch aus, dass er unbemerkt und ungewollt kommt. Jeder glaubt den nächsten heißen Shit gefunden zu haben und in der Masse wird es das auf einmal. Great Minds think alike. Oder auf Klug-Deutsch: Zwei Doofe – Ein Gedanke.

Ich bin mir sicher, dass es so viele Neuauflagen gibt, hängt nicht damit zusammen dass die Autoren und Verlage keine Ideen mehr haben, oder die neuen nur so schlecht sind. Ganz viele arbeiten bestimmt mit Hochdruck an neuen Spielen und es sind ja auch etliche vorgestellt worden. Ich vermute es hängt eher ein bisschen mit dem bewussten bewahren zusammen. Gute Spiele leben deutlich länger und solche Klassiker, die auch heute noch gut sind, gibt es nicht alle Tage. Manche werden leicht verbessert, manche nur mit neuen Illustrationen und besserem Material ausgestattet. Es ist wie eine Retrowelle. Auf der Spitze dieser Welle ist Mister Legacy himself Rob Daviau, welcher einen Verlag mitbegründet hat um Spiele aus der richtig alten Zeit, also vor 30, 40, 50 Jahren auszugraben und verbessert wieder auf den Markt zu werfen. Und Spieler alten Schlages freuen sich auch auf diese.

Die Diskussion könnte jetzt dahin gehen zu fragen wie sinnvoll es ist zurückzublicken statt nach vorne. Alles wird besser, da ist das alte Zeug doch uninteressant. Oder?

Ein Blick in unsere heutige Politik zeigt aber auch, wie wichtig Geschichte ist. Wer da nicht aufpasst ist verdammt diese zu wiederholen und was wir derzeit sehen erinnert vielleicht nicht an das alte Preussen, aber dennoch an eine Zeit die wir hinter uns gelassen haben sollten. Ohne jetzt zu politisch zu werden, sollte klar sein, warum es wichtig ist, aus der Geschichte zu lernen und das um zu verstehen, warum manche Sachen derzeit gut oder nicht gut sind und es nicht schaden kann zu wissen was damals gut war, und was daran gut war und was es nicht war und auch heute nicht ist.

Und das ist etwas was ich bei vielen Kollegen vermisse: Einen weiteren Blick, als nur die letzten 5 Jahre unserer Brettspielgeschichte. Auch wenn echt viel passiert ist in den letzten 5 Jahren, inklusive einer Steigerung an Verlagen, Neuauflagen und neuen Spielern, so gibt es eine Zeit vor 2010, eine Zeit vor Catan und auch eine Zeit vor der Spiel des Jahres Jury. Das kann nicht immer über Nacht aufgeholt werden, aber ich freue mich über jeden der die Augen offen hält und einen Blick für die vielen alten Spiele hat und verstehe, warum viele davon verschwunden sind, und warum die anderen Klassiker geworden sind.

Und nächstes Jahr im Februar gibt es wieder einen neuen Haufen Spiele, der versucht in der einen Gruppe zu landen und nicht in der großen Anderen.

Zweite Fragestunde – Onkel Matthias löst all deine Probleme!

Der Peer kommt auf die Idee Leserfragen zu beantworten und kaum stellt jemand mal ordentlich Fragen, schon kneift er und zwingt mich diese zu beantworten. Aber er hat ja auch recht, jeder das was er kann. Also bitte in Zukunft deutlich mehr Autoren-Fragen stellen! Schließlich will der Peer antworten.

Die Fragen hier sind alle von Sebastian und ich versuche sie mal alle anzugehen. Wer noch etwas mehr von den Erläuterungen zu den Fragen (vor allem zu den ersten) lesen will sei auf dieses Posting verwiesen in welchem Sebastian die Fragen stellt.

Was sind eure Erfahrungen mit Simultanen Gameplay?

Ich habe sehr positive Erfahrungen damit gemacht. Vor allem, weil die Downtime so gering wie möglich ist. In meinen Runden gab es auch kein Problem bei Karuba, wo einige es als Problem empfanden, nicht zu sehen was andere machen, aber ich würde behaupten wollen, die sind nicht die Zielgruppe für das Spiel.

Wo seht ihr Vor- und Nachteile?

Den wichtigsten Vorteil hast du selber genannt. Die Downtime ist deutlich geringer. Die meisten simultanen Spiele haben immer alle Spieler im Geschehen. Sei es bei RoboRally oder Orléans wo alle gemeinsam überlegen und dann gespannt sind wie die Programmierung aufgelöst wird, denn nicht alle können sich alles merken. Da auch keiner wirklich dazwischenfunken kann, geht es dann sehr schnell.

Oder bei Spielen wie Karuba oder dessen geistiger Vorvater Take it Easy, dass alle versuchen wie bei einem Puzzle alles, nicht schneller, aber besser zu lösen. Spiele wie Speed oder Ligretto oder auch Ricochet Robots wiederum können auch Geschwindigkeit belohnen. Einziges Problem könnte sein, das manchen das ganze zu sehr weggeht von strategischen Spielen. Denn fast alle hier genannten sind doch eher leichteren Kalibers. Das Problem ist vor allem, wenn ich gleichzeitig agiere kann ich nicht reagieren. Manchmal passt es und manchmal nicht.

Warum gibt es so wenig simultane Spiele?

Wenn ein Mechanismus überzeugt, dann trauen sich mehr ran, noch mehr Leuten gefällt es und noch mehr Leute trauen sich daran. Wenn das nicht passiert, dann lernen das ja auch weniger kennen und weniger kommen auf die Idee das für sich zu nutzen. RoboRally ist echt schon einige Jährchen alt, und dennoch wurde ein solcher Mechanismus lange nicht genutzt. Derzeit ist das für viele spannend und durch den Erfolg von Colt Express auch für mehr Leute interessant und entsprechend mehr schauen sich solche Mechaniken wieder an. Oft ist es aber auch gut versteckt, so dass es nicht jedem auffällt, wie bei Orléans oder nur simuliert wie bei Imhotep, wo die Aktionen so schnell sind, das es fast schon simultan wirkt. Der Rest ist Wahrnehmung.

Und ja. Das liegt nicht jedem Spieler. Aber welcher Mechanismus tut dies? Deckbau ist für manche schon wieder langweilig und dann doch in Spielen wie Rokoko oder Great Western Trail spannend umgesetzt ohne Hauptmechanik zu sein. Workerplacement ist für manche auch schon zu viel, aber dann zeigen sich doch immer wieder andere Möglichkeiten und Variationen. Entscheidend ist, was ist gut für das Spiel.

Und ja, strategische Spiele haben dieses Element seltener, aber vielleicht ist dein Spiel genau dass, welches das ändert.

Hab die Herstellkosten meiner Spiele basierend auf den Preisen von Spielmaterial oder thegamecrafter.com abgeschätzt. Grob sagt man ja, Verkaufspreis sind Herstellkosten mal 3. Bin mir aber nicht sicher ob diese Abschätzung realistisch ist.

Eher Nein. Verkaufspreis sind Herstellungskosten mal 4 bis 5. Abhängig von den Materialien, dem Endpreis, der Auflage, dem Herstellungsort, den Lizenzgebühren und den Vertriebskanälen kann dies auch mal 7 sein. Der Daumen sollte im ersten Moment erst mal mit 5 rechnen. Dafür muss du bedenken: Wenn ein Spiel 40 Euro inkl USt kostet, dann kauft der Handel das normalerweise für 20 Euro Netto, denn der Handel muss von der Marge, seine Mitarbeiter, Versicherungen, Verkaufsfläche etc. bezahlen. Von den 20 Euro geht nochmals ein Großhändlermarge ab, außer du möchtest direkt vertreiben, aber das ist auch in Full-Time-Job. Diese ist zwischen 20% und 25%. Dann bist du schon bei 15 Euro. Von diesen Kosten musst du neben den Herstellungskosten auch den Autor, den Illustrator, den Lektor, den Grafiker, die Logistik, das Marketing und eben auch dein eigenes Gehalt bezahlen. Dazu kommen noch Transportkosten von der Druckerei zum Lager und Lagerbosten hintendran, falls du nicht eine riesige Garage hast. Da wird einem schnell schwindlig.

Wie bestimmt ihr eure Herstellkosten?

Das ist das einfachste. Du hast eine Liste von allen Materialien die in die Schachtel sollen und schickst diese an einen Hersteller (Ludofact, Altenburger, NSV, Trefl, Efko, Panda, Watz Game, etc. da gibt es ja reichlich viele da draußen) und er sagt dir, was es kosten wird. Und es ist tatsächlich sinnvoll mehrere anzufragen. Der eine ist besser in der Produktion der Karten, ein anderer in der Produktion von Pappe und der dritte in der Produktion von Plastik. Du kannst auch die einzelnen Elemente an verschiedener Stelle machen lassen und dann nur noch selber konfektionieren. Wenn du arbeitslos bist, ist das eine gute Idee den Tag zu verbringen. Sonst rate ich eher davon ab.

Wenn du gut bist, redest du mit den Personen und am Ende solltest du mit einem Drucker bleiben, der besonders gut im Umgang mit dir ist. Denn die Wertschätzung die die Druckerei dir entgegenbringt ist sehr wichtig. Wenn du mit der Person gut arbeiten kannst dann hilft dir diese auch. Dein Ansprechpartner kann dir sagen, welches Material an welcher Stelle geeigneter ist und wie du vielleicht noch in der Produktion Geld sparen kannst.
ZB sind in diesem Spiel 130 Karten, aber auf einen Druckbogen passen nur 121. Du müsstest also mit zwei Druckbögen arbeiten, was Material verschwendet und mehr Zeit, Geld und Arbeitskraft kostet. Ein guter Ansprechpartner sagt dir sowas und hilft dir so Geld zu sparen, z.B. in dem Karten rausgenommen werden oder das Kartenformat geändert wird.

Was sind besonders teuer Komponenten?

Plastik. wenn du ein Spiel mit tollen Figuren machen möchtest wie CMON, dann kann es nur über eine echt große Auflage funktionieren. Das Gießen der Figuren ist dabei das günstige. Aber die Gussvorlage kostet richtig Geld. Wenn du 50000 Spiele machst sind das ein paar Cent pro Figur. Wenn du 1000 machst sind das gleich mal ein paar Euro. Und jeder Euro macht dein Spiel im Handel 5 Euro teurer.

Welche Komponenten sollte man bei kleinen Stückzahlen vermeiden?

Außer Plastik? Eigentlich sollte man kleine Stückzahlen vermeiden. Es gibt einige Druckereien, die mit Zahlen unter 2000 gar nicht erst anfangen. zB bei Kartenspielen. Der Druckbogen wird gedruckt indem der Drucker auf einen Knopf drückt, das Papier wird durchgezogen und bedruckt und kommt hinten raus. Dann wird nach 5 Minuten wieder auf den Knopf gedrückt und rund 1000 bis 4000 Bögen sind gedruckt worden. Oder gar mehr.

Wie teuer ist grob ein Sichtschutz?

Aus Pappe? Nicht so teuer. Aber das hängt von dienen restlichen Komponenten ab. Wenn du viel aus Pappe hast, sind das nur ein paar Teile auf dem Stanzbogen, wie bei Isle of Skye. Wenn du sonst nichts aus Pappe hast, könnte das schon ärgern dafür extra ein Werkzeug machen zu lassen.

So ich hoffe diese Antworten helfen etwas und nun wieder Fragen für Peer bitte.

Cibus et Iudicet – Essen und Entscheiden

Es gibt Schokoriegel die verdienen ihr Geld damit, dass sie den Leuten weiß machen, das wenn es etwas länger dauert, sie das Beste sind, was einem passieren kann. Wenn es wirklich länger dauert, bräuchte man vermutlich gleich eine Lastwagenladung voll davon, oder sie versuche mir zu erklären, sie wären so zäh wie Knorpelfleisch. Es gab vermutliche schon damals Downtime bei der Ideenfindung für die Werbekampagne.

Wir hatten schon immer Mitspieler die uns geärgert hatten weil sie ewig brauchen. Es gibt diese Spieler, die selbst, wenn sie schnell spielen mehr Zeit brauchen als alle anderen am Tisch zusammen. Und sie werden gehasst. Und selbst wenn vier von ihnen am Tisch sitzen nerven sie sich gegenseitig. Es gibt für Android eine tolle App, die man auf dem Tisch so dreht, das sie zu einem Spieler zeigt, und der dann diese Zeit abzählt. Der nächste ist dran, einfach das Handy drehen. Aber solche Schwarz-auf-Weiß Beleg helfen leider gegen die echte Langdenker nicht.

Downtime ist ein großer Faktor geworden. Ich habe schon vor einer Weile meine Liebe zu Spielen entdeckt, die schnell gehen oder wo alle gleichzeitig involviert sind. Und die Jury schätzt gerade solche Elemente sehr. Sei es Karuba oder Imhotep um zwei aktuelle Beispiele zu nennen. Wobei eigentlich könnte man alle sechs Nominierten erwähnen, denn alle erfüllen zumindest einen Tatbestand und sind schnell oder es sind alle involviert. Selbst bei Catan sind alle involviert wenn es ums tauschen geht, und ich kenne Menschen die tauschen nur um was zu tun, egal wer gewinnt. Nichts ist schlimmer als Langeweile.

Wichtig ist doch eigentlich der Flow. Solange jeder beschäftigt ist oder die Zeit sinnvoll nutzen kann kann ja nicht viel falsch passieren. Du denkst nach? Dann tue ich das auch schonmal am beten gleich zwei oder drei Optionen, falls du mir eine davon kaputt machst. Schlimm wird es erst, wenn auch das nicht mehr möglich ist. Schwierig wird es, wenn das nicht möglich ist. Bei Five Tribes etwa kann ich nicht alle Optionen planen, die meine Mitspieler machen können. Es ändert sich oft zu viel auf dem Spielfeld. Zum Teil soviel, falls ich letzter bin, dass es mir schon fast egal sein könnte, falls ich keine andere Wahl hatte. Und wenn mein Gegenüber dann noch alle Optionen versucht schnell durchzugehen, kann es echt schon reichen zwischendurch einkaufen zu gehen.

Als Tikal 1999 Spiel des Jahres wurde, war das Aktionspunktesystem brandneu. Die Spieler mussten sich dran gewöhnen und mit viel Freude haben sie das auch getan. Die Spiele dauerten damals gefühlt lange. Aber es waren Spiele wie Tikal die auch lange Spiele hinnehmbar für viele machten. Nebenbei Kartoffel zu schälen und Abendbrot vorzubereiten waren einfach Tätigkeiten die eh gemacht werden mussten. Gleichzeitig zu spielen und nichts zu verpassen fühlte sich gut an. Und das Spiel war genial. Aber das ist 17 Jahre her und inzwischen sind wir schnellere Spiele gewohnt. Das ist das warten von 3 Minuten bei Codenames manchen schon zu viel.

Gerade bei Codenames war eines der großen Probleme noch bevor es nominiert war, dass es Leute gibt die ewig auf die Wörter schauen und sich einfach nicht für einen Begriff entscheiden können. Bis zu einem gewissen Punkt schauen sich alle die Wörter an, aber irgendwann, muss eine Entscheidung gefällt werden. Und das hat nichts mit homogenen Gruppen zu tun. Dieselbe Person auf der anderen Seite kann wunderbar Assoziationen entdecken, solange er sie nicht selber bilden muss.

Ich unterscheide dabei die Grübler in zwei Kategorien. So gibt es Analytiker die wirklich alle Optionen durchgehen und Punkte zählen und dann abwägen. Aber das ist in meinen Augen die Minderheit. Wer erkennen kann alles durchzurechnen, der schafft es auch gut abzuschätzen, was sich lohnt zu berechnen und was nicht. Viel größer ist die Gruppe der Nicht-Entscheider. Spieler die mehrere Optionen sehen aber nicht entscheiden können, ob jetzt die eine oder die andere besser ist. Zum Teil können sie es nicht berechnen und zum Teil haben sie berechnet, dass beides gleich gut ist, aber sie wissen nicht, was sie nehmen sollen. Und sie wollen es nicht nach dem alten Probieren-Prinzip rausbekommen, sondern überlegen welche Option die richtige sein könnte. Sie könnten ja zufällig einen Geniestreich aus den wolkenbekommen, der ihnen einflüstert was richtig ist. Der Bauch kann es ja nicht.

Egal ob der Architekt, der in Matrix Reloaded Neo mit dem markanten Spruch: “The Problem is choice“ vor die Wahl stellt, oder Humphrey Bogart der in Casablanca der Frau seines Lebens sagt, sie muss sich entscheiden, Wir Menschen müssen das auch, das macht doch am Spielen so Spaß. Eine Entscheidung zu treffen und das Ergebnis abzuwarten. Die Jury muss dieses Gefühl jedes Jahr nach ihrer Entscheidung erleben. Wir als Bundestrainer von der Seite können dann darüber abblättern oder sie loben.

Der Casablanca Teil wurde übrigens auch in einer Werbung für Schokokekse in den 80ern verwendet. Damit schließt sich wohl der Kreis und es zeigt, das Werbefirmen sich entschieden haben sich selbst zu kopieren.

Arbeitslos und KI dabei

Neulich hatte ich mir wieder Matrix angeschaut, weil das auch irgendwie regelmäßig sein muss. Gute Filme kann man immer wieder genießen und muss nicht immer den neusten Kram im Kino anschauen, oder? Wobei sich neue Filme und alte Filme ja nicht widersprechen müssen. Egal. Eigentlich wollte ich ja auf was anders ansprechen. Im Film geht es um die KI, die alles unterjocht. Warum Filme mit einer Menschheitunterdrückender KI immer spannender sind, als welche mit einer unterstützenden KI ist so eine Frage die auch 2001 oder Terminator nicht so richtig beantworten können. Aber all diese Fantasien spielen in naher Zukunft, da dort der Zuschauer noch mitgenommen werden kann. In Ferner Zukunft wie bei das fünfte Element wirkt das ja doch eher unrealistisch. Und wenn der Film noch so grün ist.

Aber wie realistisch ist eine KI im Brettspielbereich? Es gibt etliche Apps die sind sehr gut auf ihre KI programmiert. Manches Spiel lässt sich gut mathematisch zerlegen und die KI kann entsprechend angepasst gute Spielzüge machen. Einige Apps haben fast schon unschlagbare KIs und andere haben das nicht zu Ende gedacht und haben nur locker easy schlagbare KIs eingebaut. Aber das ist ein gut untersuchtes Gebiet. Ich hatte in meiner Studienzeit auch ein Semester lang KI belegt und da ging es immer erstmal nur um klassische Spiele: Mühle, Dame, Schach, etc… Die Klassiker zerlegt und analysiert. Alles kein Ding und lässt sich auch wunderbar auf moderne Spiele anwenden.

Aber was wäre wenn eine KI ein eigenes Spiel entwerfen sollte?

Es gibt ein spannendes Projekt, welches mir vermittelt wie weit wir damit sind: RoboRosewater. Der Name leitet sich von Mark Rosewater ab. Er ist der Head-Designer für Magic The Gathering. Er entwickelt rund 10000 Karten im Jahr und etwa 200 davon werden dann auch veröffentlicht. Er leitet ein größeres Team und die bringen vier Sets und noch ein paar Spezialprodukte jedes Jahr raus. Ein weiteres ebenso großes Team geht über die Karten und achtet darauf, dass die Ideen auch ausbalanciert sind und das Spielen damit auch am Ende noch Spaß macht. Da ist eine Menge Arbeit, es sind eine Menge Leute und es ergibt ein großes Ergebnis, welches sich, gemessen an den steigenden Umsatzzahlen jedes Jahr, wohl auch lohnt.

Mark Rosewater ist aber auch eine Art Aushängeschild. Er hat ein großes Mitteilungsbedürfnis und kümmert sich daher neben seiner Arbeit um einen Podcast, den er im Auto auf dem Weg zur Arbeit aufnimmt, er beantworte etliche Hundert Fragen täglich auf Tumblr, er macht eine täglichen Comic, den er per Twitter rumschickt, und noch so einiges mehr. In seinen wöchentlichen Design-Artikeln pflegt er ab und zu noch ein alter Ego namens Evil MaRo (die ersten beiden Buchstaben des Vor und Nachnamens). Eine künstliche Intelligenz nach ihm zu benennen macht also ordentlich Sinn, wenn es um Magic-Karten geht. Denn RoboRosewater versucht selbst Magic-Karten zu designen.

Dabei ist der Prozess noch sehr im Anfang gerade. Der Entwickler hat alle Magic-Karten die es gibt in die Datenbank geworfen und hat dem Programm gesagt das er durch zusammensetzen selber daraus Karten entwickeln soll. Etwa jede zehnte Karte dabei ist ordentlich oder stark. Ein weiteres zehntel ist ok oder schwach. Die verbleibenden 80% sind aber kompletter Schwachsinn, der nicht etwa schwach ist, sondern technisch keinen Sinn macht. Ich weiß nicht wie viel der Programmierer von dem ausgeworfenen selber aussortiert, aber die Karten sind zum Teil echt unter aller Kanone. Eine Karte mit Aktivierungskosten von zwei mal tappen, eine Karte die Spieler in den Friedhof mischt, oder auch einfach nur Sätze die selbst mit bestem Willen keinen Sinn ergeben sind da nicht selten.

Doch das macht Spaß das zu lesen. Als jemand der fünf Jahre lang offiziell Karten getestet hat, 10 Jahre Lang Turniere veranstalte und als Level 3 Schiedsrichter viele Regelfragen beantworten musste, kann ich die Qualität des Outputs vielleicht auch eher nachvollziehen. Ich weiß nicht in wie weit sich der Prozess verbessern lassen könnte, um die Qualität der Karten zu steigern und das Ergebnis dabei mit weniger unsinnigen Karten zu füllen, welche aber durchaus ihren Unterhaltungswert haben. Zum Teil entwickelt RoboRosewater ja auch eigene Schlüsselbegriffe, aber die sind alle lausig. In meinen Augen ist da bestimmt noch was drin. Aber selbst dann wird das so schnell kein ganzes Set ausspucken können, da ein übergeordnetes Thema fehlt. Und für den Unterhaltungswert alleine würde ich da auch nichts ändern wollen.

Wie groß ist die Chance, dass einmal eine KI ein ganzes Brettspiel selber entwickelt? Derzeit bestimmt nur sehr gering. So kann diese doch nur aus den bekannten Brettspielen Elemente nehmen und diese dann verbinden. Das dabei was cooles rauskommt ist bestimmt mehr Arbeit durch die Ergebnisse zu gehen als gleich was selber zu entwickeln. Das aber etwas neues rauskommt, wenn eine KI das versucht, werde ich wohl nicht mehr erleben. Will ich das denn eigentlich überhaupt? Zum Glück werden die wenigsten Autoren reich, und selbst die, die davon leben können, sind keine Millionäre. Es wird auf kurz oder lang auch keiner die Energie in solche eine KI stecken werden, denn der Output wäre nicht gewinnbringend. Aber als Belustigung wie RoboRosewater finde ich die klasse.

Und doch bin ich Neugierig. Vielleicht baut ja jemand so etwas mal für Brettspiele.

Ein Wort hat mehr als 1000 Fehler

Peer meinte ich könnte an dieser Stelle ja was zu Pandemic Legacy schreiben. Spoilerfrei habe ich schon 1500 Worte darüber verloren und ich stehe zu jedem einzelnen davon. Aber ich dachte mir, das könnte nicht reichen. Also will ich hier doch noch ein Wort dazu verlieren: Ich verstehe es nicht!

Und damit meine ich nicht das Spiel. Sondern die Lager in die es spaltet. Da sind die Menschen die so in ihrer Nische sind, das sie sich weigern Material zu zerstören. Sei es durch zerreißen oder auch nur aufrubbeln. Sie haben etliche Spiele zu Hause und ihr vermutlich keins öfter als 5 mal gespielt, aber sie wollen das Gefühl haben es öfters spielen zu können. Und Pandemic Legacy ist endlich. Es ist nach spätestens 24 Runden vorbei durchgespielt Wie eine TV-Serie mit 24 Folgen. Aber was da dran hängt schlägt Kosten-Nutzen technisch jedes Live-Konzert, jeden Kinobesucht und jeden DVD-Serien-Kauf.

Nur diese Vergleiche sind nicht erlaubt. Solange die Leute es nicht spielen wollen, kann es mir auch egal sein. wenn jedoch diese Menschen dem Spiel nur 1 Punkt auf BGG geben, damit es ja nicht erster Platz wird, dann zeigt das schon einen merkwürdigen Auswuchs an Wahnsinn. Und das verstehe ich nicht. Noch nie hat ein Spiel soviel gute Noten erhalten so viele Leute begeistert und so mitgenommen, das sie ihm 10 Punkte geben. Doch manche sehen das anders, und sagen, was ist nicht sein darf, sollte nicht sein. Das ist schade.

Es gibt aber auch Sachen die andere nicht verstehen. Und nun kommen wir zu Begrifflichkeiten. Wörter die eigentlich egaler kaum sein könnten, aber mir sind sie es nicht und ich mag auch gerne erklären woran es liegt.

Bruno Faidutti erklärt lang und ausführlich, das er das Wort Test nicht lesen will, sondern Rezension. Die beiden Dinge sind nicht Identisch. Gudio greift das auf und die kleine Welle macht sich auch hier in den Kommentaren breit. Eine Welle zu der 90% Ja sagen, aber ein paar sich weigern der Welle mitzulaufen, weil was nicht sein darf…

Das größte Argument der Fraktion der „Tester“ ist dabei, dass sie wirklich glaubt ein Spiel zu testen. Ja es kommen immer noch Spiele raus die nicht funktionieren, und diese sollten eigentlich gar nicht erst besprochen werden, denn sie sind keine Kritik wert. Aber es kommen auch Filme und Bücher raus die nicht funktionieren, die den Zuschauer oder Leser alleine zurücklassen und mit Handlungssprüngen und Ungereimtheiten nur so aufwarten. Dennoch würde keiner der Rezensenten dies dann als Test deklarieren. Es bleibt eine Kritik. Vielleicht war ich das falsche Publikum für den Film und der Cineast feiert das als Meisterwerk. Und so kann ein Spiel auch woanders funktionieren, denn ein Test kann nie alle Spieler durchtesten.

Da gibt es aber auch noch die Überheblichkeit. Sei es die, zu behaupten, ein Spiel besser testen zu können, als es der Verlag und der Autor und die hunderte von Testspielern getan haben. Und nichts anderes als Überheblichkeit ist es zu glauben, man könne dies selbstverständlich besser tun, nachdem das Spiel veröffentlicht wurde, als die unzähligen Testspieler bevor das Spiel in seine endgültige Form gegossen wurde.

Da ist aber auch die Überheblichkeit, dass es doch egal ist, welchen Begriff wir nehmen. Und genau hier muss ich aufs strengste einfach widersprechen.

Das Deutsche Gesetzt unterscheidet zwischen Besitz und Eigentum. Wenn ich etwas klaue ist es in meinem Besitz aber noch lange nicht mein Eigentum. Die meisten Leute auf der Strasse bekommen diesen Unterschied nicht hin. Es ist ihnen egal. Kein Jurist käme auf die Idee dieses zu verwechseln.

Die Wörter das Gleiche und dasselbe sind noch nicht identisch und jeder der sich in Deutsch gefestigt sieht (ich oft nicht) legt Wert auf diese Unterscheidung. Dennoch geht es vielen am Allerwertesten vorbei. Nicht den Literaten und Deutschlehrern.

Und genau hier sind wir. Wir sind uns bewusst das Spiele ein Kulturgut sind und dass sie ein Werk sind. Wir reden von Spielautoren und nicht Spieleerfindern. Wer etwas erfindet geht zum Patentamt. Wir schaffen etwas mit Urheberrechtswirksamkeit. Das es 95% der Menschheit egal ist, ob wir diese Werke testen oder rezensieren, ob das Autoren oder Erfinder sind, darf nicht dazu führen, das wir in der Szene diesen Unterschied ignorieren. Wer der Meinung ist ein veröffentlichtes Spiel zu testen sagt auch Spieleerfinder. In dem Moment kann ich diese Person nicht ernst nehmen.

Der Neue – Abenteuer eines Regals

Alle Jahre wieder…

Ungefähr so beginnt das mit der Weihnachtszeit, bzw. der Vorweihnachtszeit. So beginnt das aber mit der Spielmesse in Essen die den neuen Spieljahrgang einläutet. Und so beginnt aber auch so mancher Alptraum der bei den meisten ein unerwähntes Schattendasein fristet. Ein Alptraum, dessen Hülle des Schweigens ich endlich lüften muss.

Vor sechs Wochen ging die Messe zu Ende. Ich habe schon seit sehr vielen Jahren nicht mehr so wenige Spiele mitgebracht wie in diesem Jahr und dennoch ist es sehr viel geworden und der Platz muss her. Wir haben seitdem nicht mehr auf unserem Sofa sitzen können. Ein Sofa auf dem wir nur sitzen, wenn wir uns einen Film anschauen, aber, dann wird halt kein Film gesehen.

Obwohl wir uns jedes Jahr vornehmen uns gleich wieder von Spielen zu trennen, die wir nicht wollen, weil wir nicht mögen oder die einfach heute nicht mehr gut genug sind, schaffen wir es jedes Jahr aufs neue nicht. Die neue Spiele stehen auf dem Fußboden vor den Regalen auf dem Sofa und oft werden sie auch hin und her bewegt um mal hier oder dort Platz zu machen. Die traurige Reaktion ist dann meist: ein neues Regal muss her. Oder gleich eine neue Wohnung. Die letzten drei Umzüge hatte ich schon mal ausführlich geschildert, waren aus Expansionsgründen der Spielsammlung.

Zwischendurch haben wir einen Rappel bekommen, Regale abgebaut und rund 800 Spiele in den Keller verfrachtet, bis wir die Zeit finden sie zu verkaufen, aber in der Zeit könnte man dann ja nicht spielen. Das sit vier Jahre her, seitdem sind vier neue Regale wieder in die Wohnung gelangt, welche alle von oben bis unten voll sind.

Dieses Jahr wollte ich kein neues Regal. Ich hatte schon extra sehr wenige Spiele mitgenommen und die noch freie Wand ist unsere Fläche für den Projektor, wenn wir mal zu Hause was schauen wollen. Ein bisschen Kino-Feeling kann nicht schaden. Aber wie oft machen wir das denn tatsächlich? Ein neues Regal muss her und die Wand wird dann halt zugemacht. Meine Frau hätte auch gleich zwei oder drei gekauft, weil dann gleich vorgesorgt wäre, aber aus meiner Erfahrung wären die sofort voll gewesen und nächstes Jahr hätten wir keinen Wandplatz mehr gehabt. So konnten wir das Problem auf 2018 verschieben. Ein Problem das bestimmt niemand von den Lesern hier kennt und daher auch nie hätte.

Aber mit dem Ändern der Regelwand ist es ja in so einem Haushalt nicht getan. Da fällt ein Rattenschwanz an Arbeit mit an. Der Projektor soll in das Nachbarzimmer, wo der große Sohn drin ist. Sein Fernseher soll in das Zimmer des Kleinen rein und bei der Gelegenheit, wenn man schon was anfasst, könnten die Zimmer gleich renoviert werden.

Wir fangen mit dem ersten Zimmer an, räumen es leer und meine Frau geht an ihre Handwerkstätigkeit. Sie hat dafür den Finger. Ich darf solange kochen und einkaufen. Dann wird das Zimmer des Kleinen wieder neu eingerichtet und Kinderregale fliegen raus und Spielzeug wird gestiftet. Das fühlt sich gut an. Nun das nächste Zimmer. Das alte Sofa ist langsam kaputt und muss zerlegt und zum Sperrmüll gefahren werden. Neue Farbe wird gekauft und auch das Zimmer wird renoviert. Essen ist inzwischen 6 Wochen her und die Spiele stapeln sich immer noch auf dem Sofa und dem Boden. Zusammen mit Ausrangiertem aus den Kinderzimmern und auch einem noch nicht aufgebautem Regal.

Vielleicht hätte ich einfach gar keine Spiele in diesem Jahr kaufen sollen, aber wir wollen eigentlich realistisch bleiben. Eher wird die Halbe Wohnung umgestaltet, als das ich auf neue Spiele verzichte. Und da meine Frau genauso ein Spielejunkie ist wie ich, sieht sie auch nicht ein auf Neuheiten zu verzichten, auch wenn sie es meinen Fingern überlässt, was da reinkommt. Die Zeit hat sich nicht, zwischen Beruf, Familie und Renovieren.

Der Gendanke, dass es vermutlich einfacher wäre einfach Spiele auszurangieren oder erneut umzuziehen stellt sich halt immer wieder ein, aber auch der Größe einer Wohnung sind Grenzen gesetzt und es tut ja auch deutlich weniger weh, ein paar Zimmer umzustellen, als Spiele wegzugeben. Kommt da Trennungsschmerz dazu? Wann sind wir Spiele-Messis?

Gefühlt haben wir wenig Platz in unserem Spiel-Wohn-Zimmer, welches eigentlich das Größte Zimmer der Wohnung ist. Scheinbar ist jedes Jahr eine Komplettrenovierung nötig. So kann sich keiner beschweren, das die Wohnung verkommt, aber vielleicht hätte ich tatsächlich einfach gleich 3 Regale nehmen sollen, nur um mir die Renovierung in den nächsten 2 Jahren zu sparen.

Malen nach Zahlen, die Münzedition

Ich liebe Zahlen. Mathe war in der Schule nie ein Problem, aber die Mathematik in Spielen ist meist so gut versteckt, das ich diese nicht wahrnehmen kann. Ich habe inzwischen genug Carcassonne gespielt um die Zahlen in dem Spiel zu sehen und meine Züge qualitativ zu bewerten. Bei Agricola schaffe ich das immer noch kaum. Und für mich ist das keins der Merkmale ob ein Spiel abstrakt oder thematisch ist und ob es Leben hat oder wie Arbeit wirkt. Wenn ich die Mathematik sieht ist das ok, aber je länger ich brauche um das zu merken, um so mehr Spaß habe ich meist an dem Spiel. Aber zum Glück gibt es ohne Ende auch Mathematik im Meta-Bereich. Die Bewertungen von spielen, die Berechnung der Platzierung auf BGG, die Auflagen-, Verkaufs- und Produktionszahlen und eigentlich alles andere was man messen will.

Die Zahl-Seite

Kommen wir zum Deutschen Spielepreis. Die Mathematik springt hier jeden an. Die Leute müssen bis zu 5 Spiele angeben, welche unterschiedlich gewichtet werden, und raus kommt eine Platzierung, welche aus den aufsummierten Punkten besteht. Ein Blick in die neue Spielbox, welche die Tage jetzt verschickt wird, enthält wieder auch die Punkte, die die Spiele dabei gesammelt haben. Und diese Punkte werfen für mich Fragen auf. Wenn man nur die Platzierung sieht, wie auf der Webseite angegeben, dann denkt man sich das immer mehr Leute, die weniger die Freakspiele mögen, mit abstimmen. Die Platzierung des diesjährigen Spiel des Jahres ist auf Platz 3 deutlich besser als Platz 5 für Camel Up letztes Jahr. Ein Blick auf die Punkte macht aber deutlich. Die haben fast genauso viele Punkte, Camel Up hat sogar ein bisschen mehr.

Es ist also deutlich einfacher dieses Jahr einen höheren Platz zu erlangen als im Jahr davor. Sämtliche Plätze haben alle weniger Punkte. In der Gesamtsumme sind 19% weniger Punkte auf die Top 10 verteilt als 2014, als hätte einer sich die Umsatzsteuer gezogen um weniger zahlen zu müssen. Aber das sind um es besser erfassen zu können, Ein Fünftel aller Stimmen weniger. Leider geht Matthias Handel in seinem Kommentar zu Null auf diesen Umstand ein, sondern philosophiert im gesamten Text über das auf und ab von Hans im Glück, die halt zum zweiten Mal hintereinander gewonnen haben. Vielleicht schaffen sie auch den Hattrick nächstes Jahr, gönnen würde ich es ihnen sehr gerne. Aber wichtiger finde ich diese Zahlen. Und zu diesen Zahlen gibt es genau zwei Erklärungen für mich.

Erklärung 1 – Die Negative: Die Zahl der Teilnehmer ist Massiv zurückgegangen. Ein Umstand den ich grausig fände. Es wird immer mehr für diese Preis geworben und wir werden das Gefühl nicht los, dass es auch immer mehr Spieler gibt. Dennoch nimmt nur ein Bruchteil der Leute an diesem Preis Teil. Und selbst wenn sich viele für nicht teilnahmefähig halten und einfach nur Spiele von der Jury-Liste wählen würden die sie kennen, wäre da schon mehr Hilfe drin, denn jede Stimme zählt. Ich schaffe es auch nicht alle Spiele zu spielen, geschweige denn mehr als 10%. Wenn nur die abstimmen dürften, die alles gespielt haben, dann würde das ein sehr trauriger Preis werden. Und dennoch scheinen nichtmal 2000 Leute abzustimmen. Viel zu wenig.

Erklärung 2 – Die Positive: Der Jahrgang war sehr sehr stark. Es gab noch nie so viele gute Spiele und sehr viel haben auch für hanebüchene Spiele gestimmt. Die Gesamtzahl der Spiele für die abgestimmt hätte werden müssen wäre etwa 40% höher als im letzten Jahr. Ehrlich gesagt kann ich das nicht glauben. Der abgelaufene Jahrgang war vermutlich wirklich besser als der davor, aber das Gefälle an Punkten ist dennoch offensichtlich und gibt mir das Gefühl, daran kann es nicht liegen. Es wäre aber auch ein Beweis, das diese Spiele deutlich besser sind, als die Punkte es ausdrücken, denn sie mussten sich in einem viel härteren Umfeld beweisen. Also etwas richtig positives.

Ich bin also in mich gegangen und habe auch noch eine Blick auf die Jahrgänge davor geworfen. 2013 und 2012. Die Punktzahlen sind von 2013 auf 2014 auch um rund 17% gefallen. Hanabi war nur auf Platz 6, aber es hatte rund 100 Punkte mehr als Colt Express. Terra Mystics hatte über 1000 Punkte mehr als Marco Polo und damit vermutlich einen Rekord von über 4100 Punkten. Und ich würde behaupten wollen, dass Terra Mystics bestimmt kein schlechter Jahrgang war und der Wettbewerb mit Tzolk’in und Brügge und Keyflower und Andor auch ordentlich gewürzt. Im Jahr davor waren es allerdings weniger Stimmen, und Terra Mystics hat rund 10% Wachstum gebracht.

Ist das das Beispiel. Gute Spiele bringen auch ihre Fans dazu dafür zu stimmen? Oder ist es eher so, das es Verlage gibt die auch aktiv ihre Fans dazu auffordern für sie zu stimmen, auch wenn das einige dämlich finden, wenn dann ein Spiel bei CommunityLama gewinnt. Ein Umstand, der scheinbar sogar von der Webseite gelöscht wurde (auch wenn das Video noch im Netz ist, die Diskussion konnte ich nicht mehr finden). Es gibt echt viele Probleme die ein Preis haben kann, der von allen draussen gewählt werden darf, aber dafür gibt es nur eine Lösung. Es müssen mehr und mehr dafür abstimmen. Es müssen mehr dafür Werbung machen. Im besten Fall alle Verlage und nicht nur einige, also auch die, die glauben da eh nichts gewinnen zu können. Und der Preis braucht noch mehr Aufmerksamkeit, sonst wird er in ein paar Jahren weiter schrumpfen und keiner wird sich dafür am Ende interessieren. Vielleicht könnte Udo Bartsch einen Bruchteil seiner Millionen Leser bewegen mit abzustimmen.

Wenn ich mir was wünschen würde, dann wären dies zwei weitere Zahlen vom Merz-Verlag zu diesem Preis. Erstens, wie viele Leute haben teilgenommen und zweitens, wie viele verschiedene Spiele mindestens 50 Punkte haben. Diese Grenze ist willkürlich gewählt, aber sie zeigt wie viele Spiele wenigstens 10 Leute gefunden haben, die dafür gestimmt haben. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich das bekomme: Vermutlich leider Null. Denn, statt aber mehr Infos rauszugeben und für alle einen Mehrwert zu geben, werden auf der eigenen Webseite die Top 10 aller alten Jahrgänge auf die Top 3 gekürzt. Als wären dies es nicht wert verewigt zu bleiben. Verabschiedet sich hier einer schon selber von dem Preis?

Die Kopf-Seite

Aber es gibt auch andere Zahlen zum Deutschen Spielepreis. Der Blick auf Hans im Glück hat mich mal schauen lassen, welche Verlage und welche Autoren wie oft denn gewonnen haben. Hans im Glück war 35 mal in den Top 10. Und in jedem Jahr mindestens einmal außer 1995 und 2005. Das nenne ich sehr solide. Aber es sind ja eh nicht so viele verschiedene Verlage. 260 Gewinner und Platzierte verteilen sich auf weniger als 70 Verlage. und gerade mal 130 Autoren oder Autorengruppen. Der häufigste Autor ist Wolfgang Kramer, der immerhin 20 mal dabei war. Zuletzt 2011 für Asara. Reiner Knizia war 16 mal dabei. Aber davon Null als seit 2008. Einen Knick den man in seinem Schaffen merkt, und den viele auch heute noch mit diesem Namen verbinden. Stefan Feld wurde schon 12 mal geehrt und das erste seit 2007.

Bei Verlagen lässt sich ähnliches ablesen. Es verschiebt sich immer weiter. Neue Autoren kommen und alte gehen. Verlage kommen dazu und gehen wieder. Es ist Bewegung drin. Vielleicht haben auch noch mehr Leute Lust sich mit diesen Zahlen zu beschäftigen. Zumindest die Top 10 wurden bei Wikipedia ja festgehalten, wenn auch Punkte.

Heute in der Wiederholung: Neue Spiele

Synes Ernst hat neulich einen schönen Artikel geschrieben, in dem den Kult um das Neue etwas relativierte und deutlich gemacht hat, das Innovationen eher selten sind. Und auch wenn ich da in der Aufzählung einige heutige Standards wie Caylus (Worker-Placement) und Dominion (Deckbuilding) vermisse die Innovativ genug waren, dass sie eine eigene Spielgruppe begründet haben, so ist seine Kernaussage die richtige. Innovativ sein ist vor solch einem Hintergrund kaum möglich und der Wunsch, dass ein Spiel selbiges ist, eigentlich von Vorne weg zum Scheitern verurteilt. Aber Innovativ kann in vielen Fällen nur noch die Komposition sein. So wie es Spitzenköchen gelingt aus denselben Zutaten, die ich im Supermarkt kaufe, ein Gericht zuzubereiten, das mir im Leben nicht gelingen würde, so schaffen es einige Autoren aus den vorhandenen Mechanismen dennoch Variationen zu basteln die genial sind. Variationen auf die ich Hunger bekomme.

Wer ein Kind hat, wird mit ein paar Interessanten Fakt vertraut gemacht. Neugeborene ernähren sich die ersten Monate nur von Muttermilch. Nach 4 bis 6 Monaten kommt der erste Brei und der Stand des Wissens sagt, das dies in den ersten Wochen auch bitte jeden Tag dasselbe sein soll. Variationen in der Ernährung sind da gar nicht wichtig. In meiner Kindheit hätte ich jeden Tag dasselbe essen können, zumindest bis ich mit 10 Jahren die Serie Ravioli gesehen habe, in der es nur Ravioli zu essen gab und den Kindern das recht bald zum Halse raus hing. Irgendwann ändert sich der Mensch und er will nicht immer das Gleich essen, sondern will Abwechslung. Er entdeckt die Geschmacksknospen in seinem Mund so wie Rémy in Ratatouille und will neues kennenlernen und verbinden. Andere bekommen nie diese Chance und sind zufrieden mit dem was sie essen.

Ein weiteres Beispiel ist die berühmte Sesamstraßenfolge in der James Earl Jones das Alphabet vorliest. Zuerst wird der Buchstabe eingeblendet, dann liest er ihn vor. Wenn die Kinder das das erste mal sehen sprechen sie es nach. Nach ein paar weiteren Betrachtungen sprechen sie es gleichzeitig und ab einem gewissen Punkt sagen sie es sogar bevor es vorgelesen wird. Die Wiederholung ist im Lernprozess tief verankert. Diesen Effekt hat zur Entwicklung der Fernsehsendung Blau und Schlau geführt. Nach demselben Muster geht es in jeder Sendung darum, dass ein Rätsel gelöst werden muss und die Kinder da helfen sollen. Damit die Kinder einen Lernprozess haben, wird dieselbe Folge jeden Tag wiederholt. Von Montag bis Freitag. Eine neue Folge gibt es erst am Montag dadrauf. Als Erwachsener würden wir nie freiwillig solch eine Sendung mehr als einmal ansehen, auch wenn ich zu den Leuten gehöre die tatsächlich Rocky Horror Picture Show über 100 mal gesehen haben (und ein paar andere Filme meiner Jugend), so reicht es mir heute oft jeden Film nur einmal zu sehen und dann zum konsumieren lieber zum nächsten Film zu greifen.

Und ich rede hier bestimmt nicht von wenigen Menschen, für die es nur ein Spiel gibt. Sie spielen 1000 Mal Catan und nur Catan, weil sie davon nicht genug bekommen können. Oder sie müssen erneut Carcassonne auf den Tisch bringen und nur Carcassonne. Oder eine weitere Runde Kniffel mit Freunden in der Kneipe, und nur Kniffel. Daran ist nicht verkehrt und ich gönne jedem sein Glück, solange er Spaß hat. Aber irgendwann kommt man auf den Geschmack. So wie Rémy habe ich Kompositionen von Mechaniken gesehen. Ich habe erlebt wie dabei etwas neues ersteht und wie mein Gehirn dabei platzte, weil es vor Freude aus dem Staunen nicht mehr raus kam. Und auch wenn ich viele Spiele gerne sehr oft Spiele, irgendwann will ich was Neues ausprobieren. Ich will neue Mechanikknospen in meinem Gehirn aktiviert sehen. Ich möchte sehen wie sich die Kombination spielt, von der alle so reden. Und dafür gibt es dann auch gerne einmal die Woche auch bekannte Kost die immer noch lecker schmeckt, auch wenn ich sie schon seit 20 Jahren spiele, wie Linie 1.

Der goldene Kuh-Reigen in Essen steht vor der Tür und in fünf Wochen ist eine nicht gerade kleine Menge Menschen bereit sich wieder auf die Neuheiten zu stürzen. Neuheiten die selten Innovativ sind und oft einfach nur spannend kombiniert sind. Neuheiten die nicht jeden überzeugen, weil er kein Worker-Placement-Schnitzel mag, sondern lieber zum Partyspiel-Brokkoli greift. Das ist legitim. Aber Edelrestaurant- und Fast-Food-Kritiker wie wir von der schreibenden Zunft wollen so viele Geschmacksrichtungen wie möglich essen. Es gibt keinen Grund das zu lassen. Wer weiterhin nur Muttis Eintopf essen möchte, der darf das! Aber wer uns nach einem Tipp fragt, wird was anderes hören. Wir brauchen neue Spiele.