008 Brettspielradio Spiel’17

In jedem Jahr kurz vor der Messe Spiel in Essen geht die eine Frage um: Was werden die 5 Top-Spiele des Jahrgangs auf der Messe sein. Das kann natürlich nur rein subjektiv beantwortet werden. Konnte es mir früher nicht speziell und “kleinverlagig” genug sein, schaue ich aktuell insbesondere auf schöne, kurzweilige Spiele, die auch gerne im “Familien-Segment” liegen dürfen. In der Episode geht es um…

die 5 Top-Kandidaten der Spiel 2017

Calimala
ADC Blackfire
Fabio Lopiano

Istanbul – Das Würfelspiel
Pegasus
Rüdiger Dorn

Codenames Duett
Czech Games Edition (Vertrieb Asmodee)
Vlaada Chvátil und Scot Eaton

Azul
Plan B Games
Michael Kiesling

Majesty
Hans im Glück
Marc André

Daneben sollen aber die vergessenen Giganten nicht zu kurz kommen:

NMBR9
Abacusspiele
Peter Wichmann

Mein Traumhaus
Pegasus
Klemens Kalicki

The Lost Expedition
Osprey Games
Peer Sylvester

Memoarrr!
Edition Spielwiese
Carlo Bortolini

13 Tage
Frosted Games
Asger Harding Granerud und Daniel Skjold Pedersen

Ebensowenig die blinden Vorbestellungen. Nur dass ich da kaum etwas zu sagen kann. Sind ja blinde Vorbestellungen:

Mystery of the Temples
EmperorS4
Wei-Min Ling

Petrichor
APE Games
David Chircop und Dávid Turczi

John Company
Sierra Madre Games
Cole Wehrle

Montana
White Goblin Games
Rüdiger Dorn

Keyper
R&D Games
Richard Breese

Und zum Schluß noch einige Spiele außer der Reihe:

London – Neuauflage
Osprey Games
Martin Wallace

Pandemic Legacy Season 2
Z-Man
Rob Daviau, Matt Leacock

Exit – ??? Das Haus der Rätsel
Kosmos
Inka und Markus Brand

Queendomino
Pegasus
Bruno Cathala

Mask of Moai
Gift 10 Industry
Takashi Hamada

Datum der Aufnahme: 13. Oktober 2017
Online seit: 18. Oktober 2017

Shownotes:

Links:
Brettspielradio – Der Brettspiel-Podcast von spielbar.com: https://www.spielbar.com/podcast
spielbar.com auf twitter: https://twitter.com/spielbar_com

Credits Intro/Outro:
Künstler: Scott Holmes
Song: A Wee Tipple
Album: Music for Media 2
Lizenz: CC BY NC
Veröffentlicht: 2017-08-19
Quelle:
A Wee Tipple von Scott Holmes: http://freemusicarchive.org/music/Scott_Holmes/Music_For_Media_Vol_2/Scott_Holmes_-_03_-_A_Wee_Tipple_1169

Da sein oder nicht da sein – Das ist leider eine Frage des Geldes

Alle paar Wochen darf ich hier in die Tasten hauen und etwas an die werten Lesen auf spielbar.com schreiben. Heute ist der verlängerte Tag vom Wochenende, denn mit Messevorbereitungen und dem Anbinden von Pandemic Legacy Season 2 an selbigen Zeitplan ist meine Zeit deutlich knapper gestreut als mir lieb ist. Dennoch will ich am fünften Tag des Wochenendes noch ein paar Worte zum Besten geben.

Wenn man derzeit über eines redet, dann über die Spiel in Essen. Die ganze Spiele-Welt dreht sich um diese Veranstaltung und um die Spiele, die dort vorgestellt werden. Die Ganze Spiele-Welt? Nein. Es gibt auch Leute im Spielebereich die nicht in Essen sind, aus den unterschiedlichsten Gründen. Vielleicht ist das auch gut so, denn die Veranstaltung ist so schon kaum überblickbar und wenn ich den Berichten über die GenCon trauen darf, ist es einfach unmöglich auch nur ansatzweise alles zu sehen, was einen interessiert. Muss man aber auch nicht.

Ich bin ein großer Fan von Heavy Cardboard. In ihrer Vorschau zu Essen zusammen mit Punching Cardboard haben sie den Begriff etwas weiter gefasst und alle Spiele mit reingenommen die in dem Zeitraum erscheinen. Und da war einiges dabei, was gar nicht in Essen dabei ist. Es zeigt deutlich, dass die Zahl der Verlage größer wird, die nach Essen kommt, aber im selben Maße auch Verlage entstehen, die nicht nach Essen kommen. Der Markt wächst und gedeiht.

Die Frage stellt sich für mich auch als Verlagsmensch. Man wird zu vielen Veranstaltungen eingeladen, zu denen man doch auch kommen soll. Die GenCon lädt nicht ein, die hat genug Leute, die freiwillig kommen. Aber sämtliche anderen Veranstalter fragen bei einem an. Man soll nach Birmingham und Cannes kommen. Das sind die größten Messen der Branche in UK und in Frankreich. Auch Lucca und Modena in Italien fragen an. Die Veranstaltungen, die Wien hatte, haben auch angefragt und dann sind sie jetzt leider weg. Aber auch die kleinen Veranstaltungen in Deutschland fragen nach. Sei es Ratingen, Bremen, Bielefeld, Darmstadt, Rostock, Braunschweig, sogar die Berlin-Con und viele viele mehr. Sogar Nürnberg will mich oder die Frankfurter Kreativmesse und da sehe ich mich nicht mal als Zielgruppe.

Natürlich sollte man auf allen Spielemessen sein, denn auf jeder sind Spieler, denen man seine Spiele näherbringen kann. Je mehr Präsenz man zeigt, desto mehr wird man wahrgenommen. Leider ist das auch immer mit einem entsprechend hohen finanziellen und zeitlichen Aufwand verbunden. Dabei mag der Stand noch günstig sein, aber wenn da noch einer helfen soll mit dem Erklären, wenn da noch die Anreise dazukommt und die Übernachtungen, dann sprengt das sehr schnell den Rahmen, den jeder sich leisten kann. Und dennoch ist jede einzelne dieser Veranstaltungen wichtig. Jede einzelne ist eine Hilfe, das Spielen wieder weiter in das Zentrum der Freizeitgestaltung für viele zu rücken.

Und nun kommt der Nostheide Verlag und macht auch noch mit einer Veranstaltung mit. Die Spiel Doch! in Duisburg will mich auch als Aussteller gewinnen.

Ich hatte eigentlich vor, einen langen Rant zu schreiben, was dabei alles falsch gemacht wird. Vor allem in der bisherigen Kommunikation der Veranstaltung. Aber wem ist damit geholfen? Weder dem Nostheide-Verlag noch den Spielern. Ich habe einfach mal die ganzen Argumente in eine Schublade gepackt und kann sie dann rausholen, falls die Messe im März ein Reinfall wird, mit den Worten, ich habe es vorher gewusst. Und falls sie ein großer Erfolg wird, dann freue ich mich, dass es noch mehr Anziehungspunkte gibt und habe mich nicht peinlich gemacht.

Natürlich sollte ich auch da hin, aber das sprengt den Rahmen, den ich als 1-Mann-Verlag leisten kann, leider deutlich. Eigentlich tut dies auch Essen, aber ein Aushängeschild muss ich mir dann doch gönnen. Zu wichtig sind die ganzen Kontakte dort. Es ist Business und nicht nur Vergnügen. Aber als Selbständiger ist das so verschwommen, das ich da oft nicht unterscheiden kann, nicht muss und auch nicht möchte.

Gedankengut Spiel ’16

Ach herrje, womit kommt der denn jetzt noch? Andere haben längst die Neuheitenliste für die Spielwarenmesse in Nürnberg 2017 abgearbeitet, jetzt kommt der hier mit so altem Kram um die Ecke.
Aber Peer und Matthias haben mich ja gezwungen. Und da lasse ich mich gerne ein wenig anstupsen. Nur musste ich beruflich schauen, dass ich den Beitrag irgendwo zeitlich schaffe unterzubekommen. Voilà.

Womit fange ich denn da am besten an? Falls ich Leser vergraulen will, wohl zunächst einmal mit dem Erlebnis auf der Messe mit Kindern unterwegs zu sein: Was soll ich sagen, im großen und ganzen hat das prima geklappt. Unsere Mädels (4,5 und 2,5) sind am Samstag früh mit Mama nach Essen gekommen und bis Sonntagnachmittag mit dabei gewesen. Wir Eltern hatten also den Donnerstag und Freitag zur freien Erkundung der Messe. Dadurch wird diese Messezeit aber auch gleichzeitig weniger von Spielen denn von Erlebnissen geprägt. Und ja, die Galeria, die ich früher immer wahnsinnig nervig fand, ist dann plötzlich ein Highlight. Falls Ihr meine Kinder mal trefft, wäre ich übrigens dankbar, falls Ihr bestätigen könntet, dass die Trampoline erst für ab 10-jährige Kinder sind 😉 Ihr vernichtet sonst meine Credibility. Die Messehighlights kamen für die Mädels eindeutig von Heidelberger und Schmidt: Eine große Entschuldigung an den jungen Mann oder die junge Frau, die am Sonntagfrüh im Heidelbär-Kostüm steckte. Ja, das war meine Tochter, die Dich beim Rausgehen aus der Galeria geschlagene 15 Minuten zugetextet hat und Dir Geschichten aus ihrem Leben erzählt hat. Danke, dass Du so nett stehengeblieben bist. Der Kaffee, den ich in der Zeit getrunken habe, war der wohl entspannteste des Tages. Und pardon, dass Dir die Mädels dann den ganzen Tag suchend durch die Hallen gefolgt sind. Wir spielen dafür jetzt nur noch Heidelberger-Spiele mit ihnen. Gut, bis auf Schmidts Bibi&Tina – Das große Rennen. Das spielerische Highlight der Messe für die Mädels. Und ein großer Dank an Schmidt, das wir dass Spiel am Stand erwerben durften, da die umliegenden Händler es überraschenderweise nicht im Sortiment hatten. Die Packung davon ist zwar groß, aber ich habe das gerne geschleppt, sind darin doch zwei Steckenpferde, die noch am Abend im Hotel bespielt wurden. Außerdem war der Karton bei weitem nicht so groß wie der von PlayMais, der anderen Entdeckung der Messe. Aber der Karton kam glücklicherweise per Post wenige Tage nach der Online-Bestellung. Apropos Online-Bestellung, kennt jemand eine Bezugsquelle für die Einhornkopfbedeckungen aus Halle 2? Sahen bescheuert aus, stehen aber auf dem Weihnachtswunschzettel der Mädels…

So, dann mache ich direkt beim letzten Adjektiv weiter. Ich bin jedes Jahr auf’s neue überrascht, mit welcher Naivität Kleinverleger hier an den Start gehen. War es letztes Jahr (oder vorletztes?) das eigenproduzierte Black Hole (engl. Bezeichnung für ein rundes Leiterspiel), setzte dem in diesem Jahr Stephan Daniel die Krone auf. Besagter Autor, Verleger, Ernährungsexperte und (!) Skilehrer sprach mich bereits vor der Neuheitenschau komisch von der Seite an, obschon ich gerade im Gespräch mit Tom Werneck vertieft war. Nun gut, Flyer entgegengenommen, gelächelt, zurück zum Gespräch. Dann kam aber während der Messe am Freitagabend das an Absurdität nicht zu übertreffende Ereignis: Wir schlenderten gerade von einem Termin zum nächsten als besagter Motivationskünstler aus seinem Stand heraus gesprungen kam (wirklich, wortwörtlich), um sich uns in den Weg zu stellen. Ohne große Vorstellung kam die Frage: ‚Hey, für welches Medium arbeitet Ihr denn?’ Man muss dazu sagen, dass wir neben spielbar noch die Spielevorstellungen für das Libelle-Magazin schreiben, z.B. gerade aktuell Krazy Wordz. Nun gut, ich war froh, dass ich ihn nicht umgerannt habe, so spontan kam der Sprung vor meine Füße (Anm. d. Red.: nein, aufgrund seiner kräftigen, tollen, männlichen Statur – erwähnten wir das mit dem Skilehrerschein – wär‘ das natürlich nicht, ach, ich schweife ab…), dennoch nett geantwortet und auf seinerseitiges Nachbohren versprochen, dass ich um 18 Uhr, nach unseren sonstigen Terminen, nochmal vorbeikomme. Gesagt, getan und @AttilaProducts einfach direkt mal mitgenommen. Und was dann geschah ist für mich immer noch unfassbar, auch in der Retrospektive. Wir also hin und freundlich gesagt ‚Da sind wir, dann zeig uns mal Dein Spiel‘. Dann folgte eine minutenlange Erläuterung, dass Trumpf ja nicht Quartett sei und dass da erhebliche Unterschiede bestehen. Die habe ich bis heute nicht verstanden, aber in dem Moment auf der Messe dachte ich nur ‚ok, was erklärst Du da, Du wirst doch hier nicht ein Trumpf-Spiel vorstellen wollen…‘. Weeeeeeit gefehlt. Die Erläuterung des Spiels begann dann mit den Worten ‚50% der Deutschen wollen mehr über Ernährung erfahren. Mit dem Spiel ‚jeu-d’œuvre‘ will ich zur Bildung beitragen.‘ Dann kam nochmal die Erklärung von Trumpf, verbunden mit dem Hinweis, dass das für die meisten Menschen als Spiel ja schon viel zu kompliziert sei (Anm.: was ich nicht hoffe). Er habe sich daher einen tollen Kniff ausgedacht, mit dem das Spiel noch viel toller wird: Die Schwierigkeit besteht ja bei Trumpf in der Entscheidung für eine Kategorie, die man Vorlesen möchte. Das nimmt einem jeu-d’œuvre ab. Hier steht oben auf der Karte, welche Kategorie man wählen muss. Hmm. Erst mal Schweigen. Dann kamen wir darauf zu sprechen, ob man dann noch von Spiel sprechen kann. Immerhin fällt damit alles weg, was man an Trumpf noch als Spiel bezeichnen könnte. Und wir waren echt nett und höflich, haben aber dennoch unserer Skepsis Ausdruck verliehen. Und das war offensichtlich Anlass genug, uns dann so was von persönlich anzugehen: Was wir doch für Journalisten seien, unsere Aufgabe sei doch wohl ihm zuzuhören und dann sofort über seine Worte zu berichten. Unser Einwand, dass weder spielbar noch Spielbox, für die Atti schreibt, wohl einen Leserkreis hätten, der sich für ein Trumpf-Spiel interessiert, wurde dann mit der Gegenfrage konterkariert, wieviele Leser wir denn hätten. Seine Zielgruppe sei immerhin eine andere, denn 50% der Deutschen hätten Interesse an Ernährung, er strebe also einen Markt von 40 Mio. Kunden an. (Anm.: Wenn ich mich nicht täusche, dann also knapp doppelt so viele, wie es Käufer für das Catan Grundspiel weltweit gab.) Da könnten wir mit unseren paar Tausend Lesern wohl kaum eine Relevanz für ihn haben. Bämm. Das saß. Ich wusste echt nicht, ob ich lachen oder weinen sollte. Beides aus Erheiterung.
Aber ich will eines zugeben: Die Aquarelle, die er nach eigenen Angaben selbst erstellt hat, sind toll. Hier könnten Verlage auf der Suche nach einem Illustrator ja mal vorbeischauen.

Leider konnten wir aufgrund der Kinder nicht zum Bloggertreffen am Samstagabend. Aber wir hätten vermutlich auch den Dienstaltersdurchschnitt gesprengt. Ich bin in dem Kontext über twitter gefragt worden, wie lange es spielbar.com schon gibt. Die Überraschung, dass wir am 22.02.2000 gestartet sind, war schon interessant. Webseiten gibt es also nicht erst seitdem Social Media en vogue sind 🙂

Dann noch ein paar vermischte Eindrücke:

Ein steter Anlaufpunkt war der Stand von Rathskellers. Die Tische von den Jungs sind echt grandios. Zwei davon stehen bei @AttilaProducts und ich freue mich jetzt schon auf die nächste Partie darauf (zum Zeitpunkt, wo ich dies hier schreibe, sieht es so aus als würde das Elisabeth I. werden, wunderbares Spiel).

Es gab vereinzelt Ärger um rationierte Spiele. Für mich nicht ganz nachvollziehbar. Wenn man das mal in Ruhe betrachtet, ärgert sich niemand mehr als ein Verleger, falls er nicht genügend Spiele mit in Essen hat, weil einfach nicht mehr zu produzieren oder transportieren waren. Egal, welchen Verteilmechanismus man dann wählt, irgendjemand wird sich immer aufregen. Und entgangenen Gewinn hat er auch noch. Für die Kaufinteressenten: Wenn ein Spiel wirklich richtig gut ist, dann kommt es irgendwann zu einer Neuauflage oder einem weiteren Printrun.

Spannend fand ich die Vorankündigung des Paketversands direkt von der Messe. Überrascht war ich dann von der winzigen Größe des Stands. Ich hatte einen mindestens 4x so großen Stand erwartet. Aber das Geschäftsmodell scheint funktioniert zu haben und daher möchte ich fast wetten, dass im nächsten Jahr noch mehr Paketanbieter auf der Messe präsent sein werden. Die von weiter her angereisten Besucher haben zumindest lange Schlangen gebildet.

In den letzten Wochen habe ich eine spannende App immer häufiger genutzt: Boardgame Stats App, mit der einige Statistiken von BGG ausgelesen und Daten für BGG eingegeben werden können. Ein feines Ding. Und im krassen Kontrast zu twiddle auch ein Konzept, von dem ich auch vorab gesagt hätte, dass es funktioniert. Zu twiddle, einer anderen mobilen App, gab es hingegen trotz vermutlich großem Investment seitens Spieleverlage e.V. lediglich eine dünne Pressemitteilung. Vielleicht war zu dem Zeitpunkt bereits der Glaube an das Projekt verloren. Wenn alles gut läuft, werde ich in den kommenden Wochen hierzu nochmals etwas intensiver schreiben.

Na gut, und als ultimativer Nachschlag noch der Blick auf die Neuerwerbungen (= Pile of Shame des kommenden Jahres).

Spiel 2016 (= Pile of Shame 2017)
Spiel 2016 (= Pile of Shame 2017)

So, Peer und Matthias, das war’s von meiner Seite zu Essen. Euch fehlt noch was? Gut, dann hier noch ein kleiner Nachschlag: Nette Leute treffen – Spielen im Hotel – Bloggertreffen – Tolle Leute wiedersehen – Kasse geklaut, Kickstarter gemacht – Messe überfüllt – Wir wollen mehr Spielfläche! – Unfassbar hohe Preise – Ramschpreise – Waffeln – Crepes – Kaffee – Hotel Bredeney.

Helter Schelte – Die Nacht der langen Medien-Kultur

Peer will, dass ich auch über Essen schreibe. Und ich mache das gerne. Vor allem weil ich auch will, dass Jürgen zu Essen was schreibt. Aber so einfach mache ich das eigentlich nicht für meine Leser, daher werde ich hier mal etwas ausholen und erstmal über einen Umweg dazu kommen.

Fangen wir also mit der aktuellen Situation an: Die Wahl in Amerika! Man kann sie von vielen Seiten betrachten, aber eins wird deutlich. Das irgendwie keiner den Sieg deutlich vorhergesagt hatte. Zumindest niemand in den Medien. Um so erschütterter sind sie jetzt und ringen um Erklärungen. Der Mensch auf der Strasse kann wieder sagen, ich wusste es vorher, und natürlich gibt es das auch in den Medien. Denn Das Ergebnis ist nun langweilig. Egal wer gewinnt, das Schauspiel ist langweilig und wirkliche Änderungen wird es nicht geben.

Dabei ist das eigentlich nicht so verwunderlich. Jeder lebt in seiner eigenen Blase. Wer alle Trump-Supporter aus seiner Facebook-Timeline wirft, der darf sich nicht wundern, wenn er nur die coolen Nachrichten zu Hillary bekommt. Auf der anderen Seite verstehe ich jeden, der die sexstischen, rassistischen und sonstwie gearteten Kommentare nicht sehen mag. Mein Umgang mit der AfD ist nicht anders.

Aber die Medien machen das schon länger. Die meisten im Fernsehen und im Radio leben in ihrer eigenen Welt. Wer sich FOX-News zum ersten Mal ansieht, fragt sich schon, was da abgeht. Und hier in Deutschland ist mir das Privatfernsehen in weiten Teilen auch nur ein heftiges Kopfschütteln wert, wenn ich mal meine Lebenszeit darauf verschwenden möchte. Aber die, die das Programm machen, die leben dieses Leben als Produzenten, Regisseure und die etlichen anderen Rollen die es da gibt. Wer einen Hammer hat sieht jedes Problem als Nagel. Für diese Menschen gibt es nur Hammer und Nägel in ihrer Weltsicht, und alles passt nur in dieses Schema.

Besonders deutlich geworden ist das erneut bei der Medienberichterstattung zur Spiel in Essen dieses Jahr, die zum Teil an Unbrauchbarkeit kaum zu überbieten war. Die Leute aus dem Fernsehen oder Radio müssen bestimmt an die 100 bis 300 Themen im Jahr im Programm erschlagen, sie können nicht von allem eine Ahnung haben. Und da sie selber können kaum was zu dem Thema beitragen können, aber wissen wie Programm gemacht wird, müssen sie nun andere zu Wort kommen lassen. Ein guter Moderator würde also Fragen stellen und den Experten zu Wort kommen lassen. Abe bei Spielen sehe ich, dass sie sich dennoch befleißigt fühlen, ihre eigene Meinung zu diesem Thema kund zu tun und sich damit für jeden in der Branche zu disqualifizieren. Aber der normale Medienkonsument kann das nicht unterscheiden. Würden sie ruhig bleiben und einfach nur wertfrei moderieren wäre das Problem nicht so ein Problem.

Der WDR hatte im Fernsehen einen Beitrag gebracht der unterirdisch war. Da wird der Deutsche Spielepreisträger als Spiel des Jahres genannt, weil der Laie mit dem Mikro den Unterschied nicht versteht, nicht kennt und es ihn auch nicht interessiert. Da wird fürstlich auf der Webseite gesagt, dass man sich einig ist dass es Klassiker auch tun würden, weil man sich so die Zeit spart und nicht mit den Neuheiten beschäftigen will, schnell produzierter Quatsch, denn die Zeit hat man im persönlichen Leben nicht. Und der Vergleich den Peer dazu gebracht hat, fand ich erschreckend gut: Als würden sie zur Buchmesse sagen, dass es Goethe auch tut. Die ganze Branche als unwichtig abtun Deluxe.

Aber Bücher sind ja noch Kulturgut, denn dafür muss man gebildet sein. Und Spiele sind was für Kinder. Eine Ecke aus der es sogar Computerspiele raus geschafft haben. Ich versteh Snyes Ernst wenn er sich gleich zu Beginn der Sendung WDR Arena darüber aufregt, dass die guten alten Spiele eigentlich nicht gut sind. Wer es nicht gelesen hat, hier der Lesebefehl: http://www.infosperber.ch/Artikel/Gesellschaft/Der-Spieler-Das-gute-alte-Brettspiel-ist-tot1

Wenn wir also das Problem haben Spiele als Kultur in manchen Bereichen wahr genommen zu bekommen, dann vermutlich, weil diejenigen die darüber entscheiden, was im Fernsehen, im Radio, in der Zeitung und woanders ist, sich einfach dafür nicht interessieren. In ihrer Blase gibt es das nicht. und solange das so bleibt wird es nie besser werden.

Hoch lebe das Internet, Die Möglichkeit seine eigenen Blogs zu machen und seinem Hobby und seiner Nische den Raum zu geben, zeigt, dass da noch einiges gibt und jeder seine Freunde und gleichgesinnten findet. Und die Menge an Blogs allein im Deutschsprachigen Raum ist ja schon weit über 100. Als ich die Liste gerade dem Udo Bartsch zugeschickt hate, war er auch schockiert. Und ich bin mir sicher, dass ich nicht alle kenne. Wer also sicher gehen will, auch von mir für zukünftige Bloggertreffen wahrgenommen zu werden, sollte mir bitte mal schreiben.

Das das Internet hilfreich ist zeigen Will Wheaton Tabletop Show, die steigenden Zuschauerzahlen in Essen und auf der GenCon und der UK Games Expo und Cannes und noch viele mehr. Wir haben uns unsere eigene Blase aufgebaut. Und das ist auch wichtig, damit wir uns wohl fühlen können und damit wir mit unserem Hobby weitermachen. Und unsere Blase wächst und hat eigene kleine Blasen. Da sind die Cosim-Spieler, die Expertenspieler, die Familienspieler, die Partyspieler, und noch viele weitere.

Und vielleicht wird mal eine ganze Generation an Fernsehmachern und Radioprogrammgestaltern und Zeitungsredakteuren aus dieser Blase nachwachsen. Dann wird es da auch wieder Spiele in den Medien geben. Falls es diese Medien dann noch gibt.

Und meine Blase? Die ist auch schon wieder eine andere als die von manch anderem Spieler. Ich nehme Essen schon lange nicht mehr als Spielerparadies war, obwohl es genau das dennoch für mich ist. Zum Spielen komme ich in der Zeit wenig bis kaum. Selbst die Menschen die ich gerne treffe schaffe ich nicht mehr alle zu treffen. Essen ist für mich so vieles aber nichts davon richtig. Es gibt eine lange Liste na spannenden Spielen die es nur dort gibt, wo ich sicherstellen muss diese zu bekommen, wenn ich sie mal spielen will, aber ich verpasse davon immer wieder rund 90%. Ich will mit etlichen Leuten mich treffen und mit ihnen reden, aber wenn ich mich nicht direkt mit ihnen verabrede und es in meinen Kalender sicherstelle, die 15 Minuten zu haben, verpasst man sich. Und Essen ist dennoch das Klassentreffen auf das ich mich wieder freue.

Und dennoch: Es ist die Veranstaltung die ich mit viel Elan betrete und mit genauso veil Elan wieder verlasse, und mich wundere warum ich eigentlich nach sechs Tagen so KO bin, wobei das ja eigentlich nicht wirklich verwunderlich ist, oder? Denn statt mich zu ärgern, was ich alles nicht geschafft habe, freue ich mich über alles das, was ich geschafft habe. Denn ich habe etliche Leute getroffen. Ich habe an den verwunderlichsten Stellen gute Meetings gehabt. Und ich habe die meiste, nein eigentlich die ganze Zeit ein tolles Grinsen im Gesicht gehabt. Und viel Spielen habe ich nun zum Glück in München nachgeholt.

Daher hier nun mein Essenbericht: Es war geil.

Nicht-Nicht-Werkstattbericht oder auch wie es liebte Entscheidungen zu treffen

Dies wird eine Art Nicht-Werkstattbericht. Peer hat gesagt, dass dies tatsächlich interessant sein könnte für unsere Leser, daher will ich es mal probieren, ohne dabei die Autoren Tätigkeiten zu betrachten, sondern eher die Verleger-Seite. Es geht um mein Osternest. Wen das eher langweilt, kann hier schon aussteigen, denn was anderes kommt jetzt nicht.

Nach dem gefühlt offensichtlichen Adventskalender, dessen Prinzip so einfach und simpel und auch einleuchtend ist, haben einige ordentlich Witze gemacht, als ich im Januar das Osternest angekündigt habe. Dabei kam die Idee gefühlt sehr spät auf. Und mit sehr Spät meine ich Ende Juli letzten Jahres. Zu dieser Zeit fragt mich ein Verlag, ob er noch in den Adventskalender mit reinkönnte. Zu diesem Zeitpunkt war aber alles schon beim Drucker und so gut wie gedruckt. Der Inhalt war angekündigt. da noch was zu ändern war einfach zu spät. Keine Chance. Ich sagte, er könnte ja nächstes Jahr rein, wenn es erfolgreich genug wäre (Spoiler: Ist es zum Glück). Aber das war dem Redakteur zu spät. Die Idee entstand etwas dazwischen noch zu machen.

Zwischeninfo: Wer trotz der vielen Witze noch andere Feiertagspäckchen erwartet, sei es für Halloween, Valentinstag, Pfingsten, oder auch den Geburtstag seiner Großmutter sollte jetzt bitte enttäuscht sein. Ist nicht geplant.

Das Ganze hängt also mit dem fürchterlich schnellen Produktzyklen zusammen. Früher konnte die Spielbox von den Neuheiten ein ganzes Jahr lang berichten. Wer heutzutage im Februar über ein Spiel aus Essen redet, redet über was gestriges. Die Nürnberg-Berge warten doch schon. Dabei konnten die meisten Sachen aus Essen bis dahin noch gar nicht ausreichend gespielt werden. Zumindest ich habe noch so einiges was ich gerne spielen möchte. Auch aus Jahrgängen davor. Ich habe zum Beispiel gestern in Braunschweig die Gelegenheit genutzt und ein paar Spiele von Nürnberg 15, und Essen 14 gespielt.  Ich kannte sie ja noch nicht. Und ich bin froh einen Eindruck davon gewinnen zu können.

In einem schnellen Markt gibt es aber auch zwischen zwei Essen den Bedarf etwas zu bewerben. Im Gespräch mit dem Redakteur kam mir da der irrwitzige Gedanke des Osternests. Es ist ungefähr in der Mitte der Zeit dazwischen. Und eigentlich auch eine gute Gelegenheit nochmals an den Deutschen Spielepreis zu erinnern. Und natürlich würde es sich auch anbieten, um sich selber da ein Geschenk zu machen. Wobei es dafür ja keinen Anlas geben sollte.

All die Sachen die dann kamen, flogen mir zu, wie sich Ideen bei Autoren entspinnen, wen sie ein passendes Thema gefunden haben. Es sollte nicht zu groß sein. Es sollte sich verstecken lassen. Der Inhalt muss gut geschützt sein, wir hatten erst vor ein paar Jahren einen Schneehasen gebastelte, weil Ende März noch ein Meter Schnee lag. Und so vieles weitere Elemente kommen mir in den Sinn.

Die wichtigste Frage war, wieviel Erweiterungen sollten rein. Es sollten weniger sein, denn ich wollte nicht dieselbe Menge an Arbeit, wie mit dem Adventskalender haben, welcher echt verdammt viel Koordination erforderte (und derzeit auch wieder erfordert). ein guter Ansatz, war zu wissen, das ich pro Erweiterung mit einem Preis von 2 Euro rechnen konnte. Da die Box nicht zu teuer werden sollte, hatte ich mir ein Limit von 10 Erweiterungen gesetzt. Unterm Strich sind es dann 8 und ein Kartenpack geworden. Eine Zahl die ich sehr angenehm finde.

Selbst die Größe der Stanzteile war sehr früh fix. Wir wollten die Anleitungen drum machen, damit der Inhalt nicht sofort ersichtlich ist, und die Box auch geöffnet werden kann um die Teile einzeln im Garten zu verstecken. Einzig bei Colt Express gab es das Problem das dies nicht passte. Wir planten mit 2 Puzzleteilen, welche dann zusammengesetzt werden sollen. Das ist aber gar nicht so einfach, das dies immer perfekt funktioniert, was damit zusammenhängt, das die Stanzen selber immer noch zum Teil von Hand hergestellt werden. Die Lösung dann einfach die doppelte Größe zu nehmen und dies zu falten war dann eine erhellende Einsicht, die den ganzen Prozess einfacher machte. Leider ist so die Kontur des Millenniumfalkens weggefallen. Zumindest war das die erste Assoziation von Klemens, als er die Puzzleteile sah.

Jetzt wo das Osternest durch ist, bin ich sehr Glücklich mit dem Inhalt. Bis auf die Tatsache, dass ich vor lauter Stress vergessen habe, den Namen der beiden Autoren des Kartenspiels auf die Anleitung zu packen. Dabei ist doch der Jürgen Karla der Inhaber von dieser Seite und der Oliver Grimm auch ein langer Freund vom Jürgen und ein fleißiger Schreiberling drüben auf attila-products.

Fun Fact am Rande. Der Redakteur von dem ich am Anfang erzählte, hatte dann am Ende doch nicht mitgemacht, und so ist die angedachte Erweiterung nicht im Osternest gelandet. Leider.

Der Neue – Abenteuer eines Regals

Alle Jahre wieder…

Ungefähr so beginnt das mit der Weihnachtszeit, bzw. der Vorweihnachtszeit. So beginnt das aber mit der Spielmesse in Essen die den neuen Spieljahrgang einläutet. Und so beginnt aber auch so mancher Alptraum der bei den meisten ein unerwähntes Schattendasein fristet. Ein Alptraum, dessen Hülle des Schweigens ich endlich lüften muss.

Vor sechs Wochen ging die Messe zu Ende. Ich habe schon seit sehr vielen Jahren nicht mehr so wenige Spiele mitgebracht wie in diesem Jahr und dennoch ist es sehr viel geworden und der Platz muss her. Wir haben seitdem nicht mehr auf unserem Sofa sitzen können. Ein Sofa auf dem wir nur sitzen, wenn wir uns einen Film anschauen, aber, dann wird halt kein Film gesehen.

Obwohl wir uns jedes Jahr vornehmen uns gleich wieder von Spielen zu trennen, die wir nicht wollen, weil wir nicht mögen oder die einfach heute nicht mehr gut genug sind, schaffen wir es jedes Jahr aufs neue nicht. Die neue Spiele stehen auf dem Fußboden vor den Regalen auf dem Sofa und oft werden sie auch hin und her bewegt um mal hier oder dort Platz zu machen. Die traurige Reaktion ist dann meist: ein neues Regal muss her. Oder gleich eine neue Wohnung. Die letzten drei Umzüge hatte ich schon mal ausführlich geschildert, waren aus Expansionsgründen der Spielsammlung.

Zwischendurch haben wir einen Rappel bekommen, Regale abgebaut und rund 800 Spiele in den Keller verfrachtet, bis wir die Zeit finden sie zu verkaufen, aber in der Zeit könnte man dann ja nicht spielen. Das sit vier Jahre her, seitdem sind vier neue Regale wieder in die Wohnung gelangt, welche alle von oben bis unten voll sind.

Dieses Jahr wollte ich kein neues Regal. Ich hatte schon extra sehr wenige Spiele mitgenommen und die noch freie Wand ist unsere Fläche für den Projektor, wenn wir mal zu Hause was schauen wollen. Ein bisschen Kino-Feeling kann nicht schaden. Aber wie oft machen wir das denn tatsächlich? Ein neues Regal muss her und die Wand wird dann halt zugemacht. Meine Frau hätte auch gleich zwei oder drei gekauft, weil dann gleich vorgesorgt wäre, aber aus meiner Erfahrung wären die sofort voll gewesen und nächstes Jahr hätten wir keinen Wandplatz mehr gehabt. So konnten wir das Problem auf 2018 verschieben. Ein Problem das bestimmt niemand von den Lesern hier kennt und daher auch nie hätte.

Aber mit dem Ändern der Regelwand ist es ja in so einem Haushalt nicht getan. Da fällt ein Rattenschwanz an Arbeit mit an. Der Projektor soll in das Nachbarzimmer, wo der große Sohn drin ist. Sein Fernseher soll in das Zimmer des Kleinen rein und bei der Gelegenheit, wenn man schon was anfasst, könnten die Zimmer gleich renoviert werden.

Wir fangen mit dem ersten Zimmer an, räumen es leer und meine Frau geht an ihre Handwerkstätigkeit. Sie hat dafür den Finger. Ich darf solange kochen und einkaufen. Dann wird das Zimmer des Kleinen wieder neu eingerichtet und Kinderregale fliegen raus und Spielzeug wird gestiftet. Das fühlt sich gut an. Nun das nächste Zimmer. Das alte Sofa ist langsam kaputt und muss zerlegt und zum Sperrmüll gefahren werden. Neue Farbe wird gekauft und auch das Zimmer wird renoviert. Essen ist inzwischen 6 Wochen her und die Spiele stapeln sich immer noch auf dem Sofa und dem Boden. Zusammen mit Ausrangiertem aus den Kinderzimmern und auch einem noch nicht aufgebautem Regal.

Vielleicht hätte ich einfach gar keine Spiele in diesem Jahr kaufen sollen, aber wir wollen eigentlich realistisch bleiben. Eher wird die Halbe Wohnung umgestaltet, als das ich auf neue Spiele verzichte. Und da meine Frau genauso ein Spielejunkie ist wie ich, sieht sie auch nicht ein auf Neuheiten zu verzichten, auch wenn sie es meinen Fingern überlässt, was da reinkommt. Die Zeit hat sich nicht, zwischen Beruf, Familie und Renovieren.

Der Gendanke, dass es vermutlich einfacher wäre einfach Spiele auszurangieren oder erneut umzuziehen stellt sich halt immer wieder ein, aber auch der Größe einer Wohnung sind Grenzen gesetzt und es tut ja auch deutlich weniger weh, ein paar Zimmer umzustellen, als Spiele wegzugeben. Kommt da Trennungsschmerz dazu? Wann sind wir Spiele-Messis?

Gefühlt haben wir wenig Platz in unserem Spiel-Wohn-Zimmer, welches eigentlich das Größte Zimmer der Wohnung ist. Scheinbar ist jedes Jahr eine Komplettrenovierung nötig. So kann sich keiner beschweren, das die Wohnung verkommt, aber vielleicht hätte ich tatsächlich einfach gleich 3 Regale nehmen sollen, nur um mir die Renovierung in den nächsten 2 Jahren zu sparen.

Essen Nachgedanken

Peer hat es gefordert. Challenge accepted.
Essen war in diesem Jahr für uns anders. Zunächst einmal zum Organisatorischen: Wie bereits im letzten Jahr sind wir wieder im Hotel Bredeney untergekommen. Wobei ‘wir’ nur eingeschränkt gilt, da meine liebste Gattin der Kinder wegen dann doch abends und morgens gependelt ist. Das Hotel ist prima für alle Messebesucher geeignet, ist allerdings ein typisches Messe-Hotel. Immerhin sind die Wege zu den Hallen sehr kurz und das Frühstück gut. Und abends darf auf der ersten Etage in mehreren Konferenzräumen frei gespielt werden. Besonders gute Eignung hat das Hotel daher in Bezug auf das Kennenlernen neuer Mitspieler.
Dank unserer Aktivitäten für das Libelle-Magazin durften wir auch in diesem Jahr wieder bereits am Mittwoch zur Pressekonferenz kommen. Diese ging in diesem Jahr auch sehr flüssig von statten – auch wenn sich darin für intensive Spieler nicht wirklich große Neuigkeiten verstecken. Interessanter ist da schon da anschließende Neuheitenschau. Diese darf man sich so vorstellen, dass viele Verlage dort einen Tisch für die Präsentation Ihrer Neuheit(en) buchen und die Pressevertreter umherlaufen und alles in Augenschein nehmen. Faszinierend war dabei, dass in diesem Jahr selbst die Fensterbänke belegt waren. (Dazu eine Frage: Im kleinen Neuheitenraum hinten durch rechts lag ganz in der Fensterecke ein ‘erotisches’ Kartenspiel für Zwei – hat da jemand einen Link für mich? Frage für einen Freund.) 😉
Ansonsten ist der Mittwoch auf der Messe völlig unspannend. Viele Verlage bauen noch an ihren Ständen, warten auf ihre Spielelieferung – und verkaufen darf noch niemand. Wer also Ambitionen hegt, diesen Tag unbedingt mal zu erleben, sollte nicht enttäuscht sein ob dem, was dort passiert. Einzig die netten Plaudereien mit vielen Spielern, die vor Vorfreude fast platzen machen den Tag zu einem Erlebnis. Am Mittwochabend im Hotel hatten wir ‘nur’ ein Spiel verfügbar – The Game. Das war aber auch völlig ausreichend. Erst nach fast einem Dutzend Partien sind wir ins Bett gekrochen. Hach, was wäre das für ein tolles und verdientes Spiel des Jahres gewesen.
Am Donnerstag ging dann die Messe so richtig los. Und am Donnerstag haben wir auch schon das absolute Highlight der Messe entdeckt: Die Tische von Rathskellers. Die sind wirklich genial – so genial, dass ich nach unserem Umzug vor einem Jahr fast ein wenig bedauere, dass wir schon mit einem tollen Spieletisch ausgestattet sind. Die haben aber auch tolle Würfeltürme; wir jetzt auch. Ein zweites Highlight war natürlich Matthias’ Adventskalender, der mittlerweile unser Esszimmer verschönert und nach Plünderung als Werkzeugschrank in die Garage gehängt wird. Gespielt haben wir am ersten Tag natürlich auch tatkräftig. Nur gekauft haben wir wenig – und das sollte sich letztlich bis zum Sonntag durchziehen. Faszinierend war übrigens der Blick in die Siedler-Halle. So viel tolle Spielfläche – und dann doch nur am Samstagnachmittag genutzt.
Die Gänge waren am Donnerstag auch noch durchaus angenehm passierbar. Insgesamt gilt das auch für die gesamte Messe. Ich bin mir nicht sicher, ob durch eine leicht veränderte Standplazierung ein besserer Besucherdurchfluss erzielt wurde oder ob die ergänzende Halle 7 zu einer angenehmeren Verteilung geführt hat. Ich hatte jedenfalls nie das Gefühl einer bedrängenden Enge.
Letztlich haben wir dann auch die anderen Messetage so verbracht wie den Donnerstag: Durch die Hallen geschlendert; falls irgendwo ein Plätzchen frei war auch mal gerne etwas gespielt; und ansonsten einfach entdeckt. Hatte ich eigentlich erwähnt, dass aufgrund akut recht hoher beruflicher Belastung eine Messevorbereitung bei uns quasi ausgefallen ist? Keine Neuheitenlisten, keine Goodie-Listen, keine Raritäten-Listen, keine Vorbestellungen. Herrlich war das. So wie 1997 oder 1998 auf unserer ersten Messe (wir sind bzgl. des Jahres nicht mehr ganz sicher). Kein Abhaken in irgendeiner Datenbank, kein ‘jetzt hier lang, danach dort lang’. Einfach nur: Erkunden, neugierig sein, sich überraschen lassen. Und tolle Spiele haben wir trotzdem entdeckt – auch wenn sich bei uns ganz langsam ein gewisser Sättigungsgrad einstellt. Ab einem gewissen Alter muss man anscheinend keine 200 Spiele mehr von der Messe heimschleppen, um glücklich zu sein. In diesem Jahr waren es gerade einmal 13 Spiele.
Und noch etwas war schön: Da es kein wirkliches Forum mehr gibt, in dem ich mich wohl fühle, ist an den Abenden und morgens direkt deutlich mehr Zeit zum Schlafen, Plaudern, Netzwerken gegeben. Hätte ich auch nicht gedacht, dass ich das mal so formuliere…
Das Hotel für das kommende Jahr ist jedenfalls bereits gebucht – und das mit den Neuheitenlisten überlege ich mir vielleicht sogar mal bewusst so zu machen wie 2015.
Für die Zukunft gibt es ja anscheinend erste Gedanken, die Messe um verschiedene Service-Aspekte zu erweitern. Den Lieferdienst für gekaufte Spiele schätzen vermutlich internationale Gäste höher als ich. Den Gedanken, die Messe abends in geeigneter Form zu einem Spieleevent werden zu lassen, finde ich hingegen extrem spannend. Da hätte ich auch viele kreative Ideen, mal schauen, was beim Merz Verlag hier für ein Konzept entwickelt wird. Ich zähl jedenfalls schon die Tage bis zum 13. Oktober 2016, wenn die Pforten wieder öffnen.

Heute in der Wiederholung: Neue Spiele

Synes Ernst hat neulich einen schönen Artikel geschrieben, in dem den Kult um das Neue etwas relativierte und deutlich gemacht hat, das Innovationen eher selten sind. Und auch wenn ich da in der Aufzählung einige heutige Standards wie Caylus (Worker-Placement) und Dominion (Deckbuilding) vermisse die Innovativ genug waren, dass sie eine eigene Spielgruppe begründet haben, so ist seine Kernaussage die richtige. Innovativ sein ist vor solch einem Hintergrund kaum möglich und der Wunsch, dass ein Spiel selbiges ist, eigentlich von Vorne weg zum Scheitern verurteilt. Aber Innovativ kann in vielen Fällen nur noch die Komposition sein. So wie es Spitzenköchen gelingt aus denselben Zutaten, die ich im Supermarkt kaufe, ein Gericht zuzubereiten, das mir im Leben nicht gelingen würde, so schaffen es einige Autoren aus den vorhandenen Mechanismen dennoch Variationen zu basteln die genial sind. Variationen auf die ich Hunger bekomme.

Wer ein Kind hat, wird mit ein paar Interessanten Fakt vertraut gemacht. Neugeborene ernähren sich die ersten Monate nur von Muttermilch. Nach 4 bis 6 Monaten kommt der erste Brei und der Stand des Wissens sagt, das dies in den ersten Wochen auch bitte jeden Tag dasselbe sein soll. Variationen in der Ernährung sind da gar nicht wichtig. In meiner Kindheit hätte ich jeden Tag dasselbe essen können, zumindest bis ich mit 10 Jahren die Serie Ravioli gesehen habe, in der es nur Ravioli zu essen gab und den Kindern das recht bald zum Halse raus hing. Irgendwann ändert sich der Mensch und er will nicht immer das Gleich essen, sondern will Abwechslung. Er entdeckt die Geschmacksknospen in seinem Mund so wie Rémy in Ratatouille und will neues kennenlernen und verbinden. Andere bekommen nie diese Chance und sind zufrieden mit dem was sie essen.

Ein weiteres Beispiel ist die berühmte Sesamstraßenfolge in der James Earl Jones das Alphabet vorliest. Zuerst wird der Buchstabe eingeblendet, dann liest er ihn vor. Wenn die Kinder das das erste mal sehen sprechen sie es nach. Nach ein paar weiteren Betrachtungen sprechen sie es gleichzeitig und ab einem gewissen Punkt sagen sie es sogar bevor es vorgelesen wird. Die Wiederholung ist im Lernprozess tief verankert. Diesen Effekt hat zur Entwicklung der Fernsehsendung Blau und Schlau geführt. Nach demselben Muster geht es in jeder Sendung darum, dass ein Rätsel gelöst werden muss und die Kinder da helfen sollen. Damit die Kinder einen Lernprozess haben, wird dieselbe Folge jeden Tag wiederholt. Von Montag bis Freitag. Eine neue Folge gibt es erst am Montag dadrauf. Als Erwachsener würden wir nie freiwillig solch eine Sendung mehr als einmal ansehen, auch wenn ich zu den Leuten gehöre die tatsächlich Rocky Horror Picture Show über 100 mal gesehen haben (und ein paar andere Filme meiner Jugend), so reicht es mir heute oft jeden Film nur einmal zu sehen und dann zum konsumieren lieber zum nächsten Film zu greifen.

Und ich rede hier bestimmt nicht von wenigen Menschen, für die es nur ein Spiel gibt. Sie spielen 1000 Mal Catan und nur Catan, weil sie davon nicht genug bekommen können. Oder sie müssen erneut Carcassonne auf den Tisch bringen und nur Carcassonne. Oder eine weitere Runde Kniffel mit Freunden in der Kneipe, und nur Kniffel. Daran ist nicht verkehrt und ich gönne jedem sein Glück, solange er Spaß hat. Aber irgendwann kommt man auf den Geschmack. So wie Rémy habe ich Kompositionen von Mechaniken gesehen. Ich habe erlebt wie dabei etwas neues ersteht und wie mein Gehirn dabei platzte, weil es vor Freude aus dem Staunen nicht mehr raus kam. Und auch wenn ich viele Spiele gerne sehr oft Spiele, irgendwann will ich was Neues ausprobieren. Ich will neue Mechanikknospen in meinem Gehirn aktiviert sehen. Ich möchte sehen wie sich die Kombination spielt, von der alle so reden. Und dafür gibt es dann auch gerne einmal die Woche auch bekannte Kost die immer noch lecker schmeckt, auch wenn ich sie schon seit 20 Jahren spiele, wie Linie 1.

Der goldene Kuh-Reigen in Essen steht vor der Tür und in fünf Wochen ist eine nicht gerade kleine Menge Menschen bereit sich wieder auf die Neuheiten zu stürzen. Neuheiten die selten Innovativ sind und oft einfach nur spannend kombiniert sind. Neuheiten die nicht jeden überzeugen, weil er kein Worker-Placement-Schnitzel mag, sondern lieber zum Partyspiel-Brokkoli greift. Das ist legitim. Aber Edelrestaurant- und Fast-Food-Kritiker wie wir von der schreibenden Zunft wollen so viele Geschmacksrichtungen wie möglich essen. Es gibt keinen Grund das zu lassen. Wer weiterhin nur Muttis Eintopf essen möchte, der darf das! Aber wer uns nach einem Tipp fragt, wird was anderes hören. Wir brauchen neue Spiele.

Fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben…

„Ja wo reiten sie denn? Ach ist der Rasen schon grün.“ Mit solchen alten Loriot-Zitaten habe ich auch gedanklich reagiert, als ich davon gelesen habe, dass wir die Vorreiterrolle in Deutschland verlieren. Das war aber noch bevor Peer letzte Woche dadrüber schrieb oder Christwart in der letzten Spielbox, was interessanterweise war nachdem er in Frankreich war. Ich las dies schon auf TricTrac Frankreich, in einem schönen Leitartikel (in gebrochenem Google-Translator-Deutsch), den mir Guido weitergeleitet hatte. Die Franzosen denken eigentlich darüber gar nicht mehr nach, sondern sind überzeugt, dass sie Deutschland abgelöst haben. Ein Eindruck, den ein Blick auf Cannes erwecken kann oder ein Blick auf die vielen französischen Spiele, die von der Jury nominiert wurden.

Ja, die guten Spiele kommen inzwischen zu einem gefühlt größeren Teil aus unserem Nachbarland als aus Deutschland. Aber in Wahrheit waren auch früher viele Spiele nicht aus Deutschland. Wieviele der Autoren des Spiel des Jahres von 1979 bis 1994 kommen aus Deutschland? Nach gewonnenen Spielen etwa die Hälfte. Alleine Teuber hatte dreimal gewonnen und Kramer auch zweimal. Wir haben die Highlights, aber die Autoren waren auch damals aus anderen Ländern und zum Teil nur nach Deutschland gebracht worden. Der Aufbruch kam spürbar 1995 mit Catan. Wie mit vielen Dingen kann man versuchen immer die Nummer 1 zu bleiben oder akzeptieren, dass andere an einem vorbeiziehen. Um auch das Gefühl dafür zu haben, muss man nur den Anfang von The Newsroom sehen, welcher mich auch heute, vier Jahre später, beschäftigt.

Aber reden wir mal nicht von den Autoren, sondern von anderen Elementen. Ich glaube, dass gerade Deutschland durch den Spiel des Jahres-Pöppel und dessen Akzeptanz in der Bevölkerung eine Vorreiterrolle aufgebaut hat, welche die Menge an Spielen erst möglich gemacht hat. Wenn wir von einer Rolle reden, dann von der, dass es in Deutschland viele Verlage gibt. Die Menge an Spielverlagen in anderen Ländern, die Autorenspiele machen, war Mitte der 90er sehr klein. Zum Teil so klein, dass man nur eine halbe Hand brauchte, um sie von einem Land aufzuzählen. Wenn Frankreich heute eine starke Rolle einnimmt, dann weil es dort die Verlage inzwischen gibt. Wenn ich in Cannes bin und sehe wieviele Verlage dort sind, dann ist das toll und erfreulich. Aber viele von denen sind immer noch angewiesen auf Deutschland und den Absatzmarkt oder die Werbung hier und auch auf den US-Markt.

Immer noch erscheinen viele Spiele zu Essen und nicht zu einem anderen Zeitpunkt, denn Essen ist der Fokus und mit ihm der Deutsche Markt. Noch. Und der nächste Schritt ist nicht weit. Die Verlage fangen an vorzuschieben. Auf einmal erscheinen Spiele nicht mehr zu Essen, sondern zur Gen Con in den USA. Diese Messe legt atemberaubende Wachstumszahlen hin und ist von einigen Zahlen schon größer als Essen. Verlage planen für eine Veröffentlichung vor Ort, wie Portal aus Polen. In den USA ist noch Wachstum zu holen. Deutschland ist gesätigt. Zum Teil sprießen neue Verlage aus dem Boden und Kickstarter gibt seinen Teil dazu, dass die Leute miteifern können. Deutschland ist nicht mehr das Vorreiterland bezüglich der Absatzzahlen. Wenn man wiederum das Ganze umrechnet auf die Bevölkerungsgröße, auf das Verkaufsvolumen pro Kopf, wer ist dann die Nummer 1? Und wenn die üblichen Hasbro-Titel wie Monopoly rausgenommen werden?

Es ist schwer von einer Vorreiterrolle zu reden. Man kann die Menge an Autoren betrachten, die Menge an Autoren die davon leben können, die Zahl der Verlage, die Verkaufszahlen, die Größe der Veranstaltungen, die Zahl der aktiven Spieler, die Menge an Bloggern, die Zahl der YouTube-Videos, der wirtschaftliche Einfluss eines Spielepreises und etwa 50 andere Metriken. Von jedem Gesichtspunkt aus sieht es anders aus und mal ist Deutschland die Nummer 1 und mal in den Top 3 oder auch mal Schlusslicht (Gewinnmarge am Spieler, echt brutal der Markt hier).

Und wie sieht es aus mit Kinderspielen? Als ich bei der Kinderspiel des Jahres-Verleihung war, dachte ich, dass wir da schon sehr führend sind. Der Siegerautor hielt noch ein Rede wie wichtig dieser Preis doch weltweit sei. Wenn man auf BGG nachfragt, wie viele Kinderspielverlage die kennen, kommt meist nur HABA USA. Und das ist eigentlich nur die US-Tochter eines deutschen Verlages. Ein Super-Rhino verkauft sich auch in Japan. Ich will anderen Ländern diesen Markt nicht absprechen, und 2014 war neben einem deutschen auch ein österreichischer und eine amerikanischer Verlag für das Kinderspiel des Jahres nominiert. Doch was in diesem Bereich auf Deutsch rauskommt ist vergleichsweise viel mehr als in anderen Ländern. Und dieser Markt, der Kinderspielmarkt, ist wichtig. Denn wenn wir uns keine neuen Spieler anerziehen, dann bricht das Gerüst wieder ein. Neue Spieler hingegen, sorgen dafür, das wir uns auch in 20, 30, 50, und 100 Jahren streiten können, welches Land eine Vorreiterrolle hat. Und das ist mir wichtiger als welches Land es nun konkret ist.

Einspruch, Euer Ehren!

Alle Jahre wieder wird über Zahlen geredet und dabei wird immer wieder erneut eine Sicht geäußert, die für mich sehr gestrig ist. Eine Sicht, wie sie noch vor 20 Jahren funktioniert hat und inzwischen nicht mehr haltbar ist. Und wir reden hier nicht über den Kampf der Printmedien gegen Internet-Journalismus. Nein, wir reden von den Neuheiten aus Essen. Wir reden über die Geschäftspolitik der Verlage. Wir reden über den Schrei der Ohnmacht der Alles-Woller.

Es wird wieder über die Zahl gegängelt, dass diese viel zu hoch ist. Es wird darüber gemeckert, dass keiner das alles spielen kann, und dass die Spiele zu wenig Luft zum Atmen haben, weil sie nach einem Jahr wieder aussortiert werden. Dabei werden viele Kleinigkeiten übersehen, denn die eigene Sichtweise wird bedient. Eine Sichtweise in der es logischerweise nötig ist alles zu sichten, alles kennenzulernen und alles beurteilen zu können was auf den Markt kommt. Ein Umstand, der vor 20 Jahren vielleicht noch machbar war, der aber inzwischen weit davon entfernt ist nicht als Utopie bezeichnet zu werden.

Das Rekordjahr

Fangen wir mit den einfachen Zahlen an. 850 Spiele sind laut der Messe Essen auf der Spiel 14 neu vorgestellt worden. Die Spielbox hat ihre eigene Zahl, die ein bisschen abweicht, genauso wie Cliquenabend, BGG und jede andere Seite die versucht da eine Zahl zu zaubern und eine volle Übersicht über alle Neuheiten zu liefern. Und wie viele waren es im letzten Jahr? Vielleicht 800, um eine Zahl zu nennen, die im Raum war. TricTrac Frankreich hatte letztes Jahr 863 gezählt. Spielbox, Cliquenabend und BGG hatten wieder andere Zahlen. Es funktioniert irgendwie gar nicht. Gefühlt war es aber eigentlich nur genauso viel wie letztes Jahr. Da ist keine Steigerung mehr zu sehen. Wozu auch? Wozu sich in der großen Zahl versuchen. Es waren halt viele, verdammt viele.

Versuchen wir es mit anderen Zahlen. BGG hat in seiner Datenbank an Neuerscheinungen für 2013, volle 3800 Einträge. Für 2014 sind es bisher rund 3500. Vielleicht wird die Zahl noch um 300 steigen, denn auch in den kommenden 2 Monaten werden noch Einträge dazukommen, aber ist das wichtig? Diese Zahl zeigt auch eine gewisse Konsistenz. Und sie zeigt noch etwas, was alle anderen Liste gemein haben. Sie zählt alles. Waren es wirklich 850 neue Spiele? Da kam ein Spiel bei einem Verlag raus und der deutsche Vertrieb war auch vor Ort. Bei beiden wurden die Spiele gelistet und zack waren es zwei Spiele statt einem. Hochgerechnet auf die Masse an Spielen die Heidelberger, Pegasus und Asmodee vertreiben und deren Partnerverlage auch Stände hatten, kann die Zahl fast schon gefühlt halbiert werden. Sind wir mal nicht so kritisch, sagen wir es waren nur noch 550 Spiele.

Aber es geht noch weiter. Zum Teil wurden Spiele gelistet, die auch schon letztes Jahr gelistet waren, wie Machi Kori und Das Vermächtnis. Die sind jetzt auf deutsch raus. Das ist für manche Spieler neu, denn sie konnten es vorher nicht spielen, aber für die Akribiker ist das nichts neues. Und dann kommen noch die Erweiterungen mit rein. Dazu zählen große Erweiterungen wie Babel genauso rein, wie die kleinen Goodies, etwa die Haustiere für Brügge. Sind das neue Spiele oder nur Gründe, alte Spiele wieder zu spielen? BGG schließlich führt noch jede Menge weitere Projekte auf, die es nie über den Teich schaffen oder gar in die Veröffentlichungen oder sie sind eh nur Fan-Projekte. Was übrig bleibt sind etwa 300 neue Spiele. Eine Zahl, die weder zu hoch noch zu erdrückend erscheint. Aber immer noch mehr als der Normalsterbliche spielen kann, der gerne alles spielen will.

Der Blick über den Tellerrand: Im Buchgeschäft erscheinen übrigens deutlich mehr Titel im Jahr, dadrunter Wälzer die nicht an einem Tag gelesen sind. Aber auch Fortsetzungen, Neuerscheinungen, Taschenbuch-Ausgaben von vorher nur gebunden Büchern uvm. Und im Musikgeschäft ist es auch nicht viel weniger. In beiden Sparten kenne ich keinen der sagt, dass da zu viel rauskommt. Und genauso wie in diesen Sparten finanzieren sich die Spiele auch gegenseitig quer.

Der Allesspieler

Die nächste falsche Annahme ist, alles spielen zu müssen. Basierend darauf, den Verlagen den Vorwurf zu machen nicht so viel auf den Markt zu werfen, sondern lieber Klassiker zu pflegen, statt nach einem Jahr wieder zu verramschen. Das ist, als würde man die Parteien auffordern nicht mehr Politik für jeden zu machen sondern sich auf ihr Kernthema zu konzentrieren. Was mit der letzten Partei passiert ist, die das getan hat, kann man sehr gut erkennen, sie wurde nicht für voll genommen.

Gerade die großen Verlage sind Vollsortierer. Sie müssen viele Zielgruppen bedienen, um auch als großer Verlag genommen zu werden. Sie bieten auch Perlen an, die vielleicht wirklich nur für 1000 Spieler sind, und diese sind dann zufrieden, wenn sie das Spiel haben. Ein Spiel muss nicht ewiglich bestehen, so wie auch nicht jeder Mensch unsterblich ist. Aber warum für diese Menge produzieren statt mehr für die Masse? Und ich dachte Spiele sind Kulturgut und dazu gehören auch Spiele für die Randgruppen die nur 1000 Stück verkaufen.

Es gibt Spiele für Kinder, Familien, Erwachsene, Freaks, Kenner, Experten, Erzähler und Miniaturbemaler. Es gibt Karten-, Würfel-, Brett-, Rollen- und neuerdings sogar Beutelspiele. Es gibt Spiele mit einfachen, normalen und schweren Regeln. Es gibt thematische, abstrakte, Euro-, Ameritrash- und auch masochistische Spiele. Und diese Aufzählungen waren weit davon entfernt vollständig zu sein. Alleine die Schnittmengen für die Kombinationen aufzuzählen würde zu einer Grafik im fünfdimensionalen Raum führen und den Rahmen einer Essen-Show sprengen. Und jedes Spiel hat seine Berechtigung.

Aber nicht jeder muss alles spielen. Ich weiß, dass mich Wargames, Cosims und inzwischen auch wieder Kinderspiele nicht interessieren. Ich kann sie von meiner Liste streichen. Ich muss mich nicht mit abstrakten Holzspielen beschäftigen, weil ich oft keinen Spaß daran habe. Die 2er-Spiele ignoriere ich auch oft. Und sollte da doch eine Perle dabei sein, so wird man es mir näher bringen und ich kann dann immer noch drauf schauen. Ich habe mich dieses Jahr das erste Mal sehr ausführlich mit den Neuheuten beschäftigt und bin dabei an rund 140 Spiele inkl. Erweiterungen gekommen die einen Blick für mich wert sind. Muss ich alles spielen? Nein!

Der Blick über den Tellerrand: Keiner liest alle Bücher, und keiner hört jede CD da draußen. Es gibt Bücher die nur von einer kleinen Gruppe von Menschen gelesen werden, und es gibt sie in kleinen Auflagen. Gepflegt werden die Bestseller und dennoch bringt jeder Verlag jede Menge neue Bücher raus. Denn wenn etwas gut ist fliegt es nicht raus. Und bei Musikern habe ich auch noch keine Plattenfirma gehört die darauf verzichtet neue Talente zu finden und auf den Markt zu bringen, weil die alten sich schon so gut verkaufen.

Die Pyramide

Es wird immer wieder geäußert das schlechte Spiele verboten gehören, so wie schlechte Werbung verboten gehört. Dabei gilt für manche schon das Gute als Schlecht, denn es ist ja schlechter als das Bessere. Es kann nie alles gut sein, etwas ist immer besser als etwas anderes. Selbst wenn man die jeweils besten 20 Spiele der letzten 10 Jahre nehmen würde, würden da Gurken im Vergleich zu anderen Spielen sein.

In dem Umfeld aufzurufen weniger zu produzieren und sich lieber auf weniges zu konzentrieren, erscheint mir völlig verkehrt. Wenn die Zahl der Spiele, die mich interessieren, sinkt, wirkt es so, als würde der Markt schrumpfen und alle wären einfallslos. Herr Hutter würde darüber klagen, dass der Umsatz zurückgeht und eh wir uns versehen geben Menschen das Hobby auf, weil nichts mehr für sie interessantes dabei ist. Die Menschliche Psyche will immer mehr und immer neuer. Wer neu einsteigt findet nicht nur cooles Neues in unbegrenzter Zahl, sondern kann auch damit leben, dass es alt ist. Das White Album von den Beatles ist immer noch eine Perle. Und die Lizenzgurke ist ein Geldbringer, so wie das Buch zum Film bei Teenagern.

Aber wären wir wo wir sind, wenn wir bei 100 Neuerscheinungen im Jahr geblieben wären? Wie in der Evolution wird die Entwicklung durch die Masse vorangetrieben. Wären die Spiele denn heute so gut, wenn es nicht so viele geben würde, an denen die Verlage und Autoren sich reiben, neue Ideen finden und Verfeinerungen ausmachen könnten? Und ein Blick auf die Masse der unveröffentlichten Spiele oder welche lieber hätten unveröffentlicht bleiben sollen, aber dank Kickstarter leider den Weg in die Produktion gefunden hat, ist da nur ein Teilaspekt. Die Verlage sind schon sehr konservativ. Wer nur 12 Spiele veröffentlicht, obwohl ihm 700 angeboten wurden, hat schon stark gesiebt.

Und was ein Klassiker wird, bestimmt an der Stelle wieder der Markt. Die Zahl der Spieler steigt auch jedes Jahr. Wenn ein Spiel des Jahres nicht nur 300.000 mal verkauft wird, sondern 700.000 mal dann ist das ein deutliches Signal für eine wachsende Käuferschicht. Und mit der wachsenden Käuferschicht kommt auch mehr Verlangen. Es ist wie eine Pyramide. Oben sind die Freaks, die sehr viel spielen und einen Blick auf den Markt haben. Und die Kollegen von der Jury, die alles anspielen müssen. Ganz unten ist das breite Fußvolk, das nur wenig spielt, und dem es egal sein kann, ob es 10, 100, 1000 oder auch eine Millionen neue Spiele gibt. Aber nur durch ständige Veröffentlichungen die oben in den kleinen Trichter geworfen werden, kommen unten die besten Spiele an, aber die halten sich lange. Welche Spiele das sind, hängt sehr stark davon ab wie gut jeder arbeitet. Aber die Chancen steigen, je mehr reingeworfen wird. Sonst hätten wir weiterhin nur Monopoly, Scrabble und ein Leiterspiel. Viele gute Spiele stehen auch in unserer Branche für einen guten Jahrgang.

Der Blick über den Tellerrand: So mancher Bestsellerautor ist gezwungen ein neues Buch jedes Jahr abzuliefern, um im Gespräch zu bleiben. Und eine Band die nach 18 Monaten noch kein neues Album rausgebracht hat, erscheint unwichtig geworden. Nur wenige Bücher und Alben werden Klassiker. Warum sollte ein Verlag auf eine Neuheit verzichten, nur um was voranzutreiben, was es bisher nicht geschafft hat?

Mein Fazit

Statt also über die Menge zu stöhnen, sollten wir alle uns wieder an den Spieltisch setzen und spielen. Ich erfreue mich an dem, was ich spiele. Tut das doch auch alle. Und ich werde bestimmt nicht alles spielen wollen, das kann keiner und das sollte auch (fast) keiner. Hier zu sortieren macht Sinn und wer das nicht kann braucht die Expertise von anderen, wie der Jury, die das in hervorragender Art und Weise seit über 30 Jahren macht. Vielleicht sollten wir mehr Schubladen einbringen. Nicht nur Kinder, Familien, Kenner und Expertenspiele, sondern auch Schubladen, die es für andere einfacher machen. Es gibt mehr als 4 Musikrichtungen, es gibt mehr als 4 Romangruppen.

Aber wer jammert, verpasst die Entwicklung und die ist nicht aufzuhalten. Gestaltet sie lieber mit!

PS: Dieser Artikel ist ein Widerspruch gegen die Ansichten von Michael Weber und Synes Ernst.