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Water Lily

Verlag: Game Works
Autor: Dominique Ehrhard
Spieleranzahl: 2-4
Alter: ab 7 Jahre
Spieldauer: 20 Minuten

Jetzt habe ich mal einen ganzen Text gelöscht. Die Rezension war schlicht langweilig. Und langweilige Rezis gibt es genug im Netz. Wenn auch nicht von Water Lily. Das Spiel ist untergegangen wie ein Stein.

Daran mag das Thema schuld sein: Wir spielen Frösche und die hüpfen von Blatt zu Blatt um anschließend unter der Wasseroberfläche abzutauchen. Wow! Wenn das nicht den Vielspieler anspricht! Nichts gegen neue Themen, aber etwas erwachsener dürfen auch Familienspiele thematisiert sein, oder?

Nicht schuldig ist die Anleitung: In gefühlten 725 Sprachen von Deutsch bis Hindustani wird das Spielprinzip groß und in Farbe und vor allem verständlich erklärt. Was nicht schwer ist, denn es ist simpel: Jeder darf jeden Frosch bewegen. Na gut, nicht jeden, nur die obersten Frösche eines Stapels, aber die Farbe ist echt egal. Die maximale Weite ist durch die Höhe des Stapels vorgegeben, wobei man diese nicht ausnutzen muss (was wichtig ist!). Ziel ist die Rutsche, die eine dort platzierte Scheibe unter die Wasseroberfläche rutschen lässt. Dort ist sie aus den Augen und wer sich sowas so gut merken kann wie ich, auch aus den Sinn. Mal abgesehen davon, dass ein Froschturm maximal 4 Felder hoch sein darf (was für einen Stapel Frösche schon beachtlich ist), ist es das auch schon fast an Regeln. Aber nur fast: Zum einen punktet eine Farbe gemäß ihrer Position auf einer Rutsche zwischen 1 und 4 Punkten – für den fünften Frosch einer Rutsche gibt es dann 0 Punkte. Für den ersten 1, für den zweiten 2 usw. Und wer die Punkte für welche Farbe kassiert wird zu Beginn ausgelost und ist für das Spiel geheim. Das ist so ein bisschen wie bei Heimlich & Co – Light: Man setzt seinen Stein möglichst unauffällig möglichst gut und versucht im richtigen Moment in den Teich zu hüpfen. Wer das zu offensichtlich macht, findet seine Frösche immer ganz unten im Stapel wieder oder darf als erster einer Rutschbahn den anderen die Punkte aufbereiten. Wer zu spät angreift, guckt auch in die Röhre, denn wenn eine Farbe komplett abgetaucht ist endet das Spiel schon. Ein Mittelweg ist zu finden und das ist reizvoll. Und kurzweilig, die Spieldauer ist mit 15-20 Minuten sehr angemessen dosiert. Water Lily hat nicht so viele taktische Zwänge wie Heimlich & Co und würde eine vergleichbare Spieldauer nicht füllen können.

Schuld mag der Schachtelaufdruck „2-4“ sein, denn richtig gut funktioniert Water Lily nur in Vollbesetzung. Zu zweit und zu dritt ist es zwar etwas taktischer, aber eine offensichtliche Spielweise kann deutlich schlechter abgefangen werden, bevor das Spiel endet. Zu viert hilft einer beim Einfangen der Frösche mehr mit und das macht viel aus – der Reiz ist ja gerade, dass man nicht allzu offensichtlich spielt, bevor es in die Endphase geht. Wenn verdecktes Setzen nur langsamer macht, ohne die Siegchancen zu erhöhen, fällt dieser Faktor weg.
Das ist aber auch das einzige was negativ an der Schachtel auffällt – ansonsten ist sie graphisch sehr gelungen. Und mit „sehr gelungen“ meine ich „Eines der absolut besten graphischen Meisterwerke meiner Spielesammlung“. Damit meine ich nicht unbedingt die Schachteloberseite oder die Graphik der Wasseroberfläche, sondern der Teich, der durch Schachtelinneres und Schachtelseite dargestellt wird: Wirklich absolut stimmungsvoll – in dem Teich würde ich auch leben wollen, obwohl mich der Stil, an die Salamander-Comics meiner Jugend erinnert (oder vielleicht gerade deswegen?) (Kennt die eigentlich jemand außer mir?) (Wen interessierts?) und ich lieber in trockenen Betten schlafe als in Flussbetten (Ha, welch ein Wortspiel! Habt ihr das gesehen? Habt ihr das gesehen! Na gut…)

Vielleicht hatte Water Lily als gutes Familienspiel mit kurzer Spieldauer einfach nur das Pech zu einer Messe zu erscheinen, wo 600 andere Spiele erschienen sind. Einige davon hatten Kathedralen, andere Weltwunder und eines sogar den zweithöchsten Berg der Welt. Wie hätten da ein paar Frösche schon gegen anstinken können?

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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