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Ubongo-Vergleich

Verlag: Kosmos
Autor: Grzegorz Rejchtman
Spieleranzahl: 2-4 (groß); 1-4 (klein)
Alter: ab 8 Jahren (groß); ab 7 Jahren (klein)
Spieldauer: ca. 30 Minuten (groß); 10 Minuten (klein)

Ja, David gegen Goliath, die klassische Begegnung. Großer Bruder gegen Kleiner Bruder. Schröder gegen Merkel. Doping gegen Radsport. Ubongo gegen… Ubongo? Ja genau. Ubongo, das Spiel mit dem Swahili-Titel gegen den kleinen Bruder gleichen Namens aus der neuen Bring-Mich-Mit-Reihe in der auch z.B. eine kleine Version von Können Schweine fliegen? erschienen ist.

Fangen wir mit dem „echten“, dem großen Ubongo an.

Alle Bezüge zu Afrika kann man mit dem Öffnen der Schachtel übrigens hoffnungslos vergessen. Das Thema ist nicht aufgepappt, es ist nicht vorhanden. „Ubongo“ ist eigentlich ein Titel wie „Quibbix“ – ein Fantasywort. Dass es zufällig dem Afrikanischen entstammt ist unwichtig. Themen verstören nur in Partyspieldenkpuzzleland. Jedenfalls mich.

Wir öffnen also die Schachtel ohne an „Afrika“ zu denken und finden einige Tafeln und dazugehörige „Tetrissteine“ vor. Jeder Spieler bekommt einen Satz dieser Steine und einige Tafeln. Ein Spieler bestimmt per Würfel die zu lösende Aufgabe und alle puzzeln in der von einer Sanduhr bestimmten Zeit drauflos.
Moment, Puzzeln?

Ja. Jeder Spieler hat eine andere Aufgabe. Die zeigt eine Fläche in der (je nach vorher abgemachten Schwierigkeitsgrad 4 oder 5 Tetrissteine eingepasst werden müssen. Natürlich darf nichts überstehen und natürlich dürfen keine Lücken bleiben und natürlich ist das in der Praxis viel schwieriger als es sich anhört. Und gegen die Zeit sowieso. Und jetzt nicht stören, bitte. Wo kommt jetzt dieses verdammte L-Stück hin? Das passt nirgendwo. Das Spiel ist kaputt, das geht nicht. Das kann nicht gehen. Oh, doch, ich muss es nur anders herum da in die Ecke setzen. Ach ja, geht doch. Opps, Letzter. Naja, nächstes Puzzle bitte!

Es gibt nur zwei Sorten von Menschen: Leute, die knackiges Gepuzzel auf Zeit (wenn’s gut gemacht ist) mögen und solche die es nicht tun. Letztere haben die Zeit verschwendet, bis hierhin zu lesen.

Und erstere? Bis hierhin klingt alles ganz euphorisch. Ich liebe Maniki oder Flickwerk/Turbo-Taxi. Ubongo spielt eigentlich in derselben Liga.

Eigentlich.

Leider habe ich bislang nur die Hälfte des Spieles erklärt. Denn anders als bei ebengenannten bekommt nicht einfach der Schnellste einen Punkt. Stattdessen gibt es ein „Spiel-im-Spiel“ mit dem die Punkte verteilt werden.
Dazu werden vor Spielbeginn Edelsteine in 6 Farben zufällig auf die 6 Reihen des Spielbrettes verteilt. Jeder hat einen Spielstein, der am Fuß einer Reihe liegt. Wer als erstes das Puzzle gelöst hat darf seinen Pöppel um bis zu drei Reihen verschieben und dann die nächsten 2 Steine der neuen Reihe nehmen. Der Spieler, der das Puzzle als zweiter gelöst hat darf um 2 Reihen verschieben und seine Steine nehmen und dann der Spieler der als dritter dran war um 1 Reihe. Der Rest darf nicht verschieben (und auch nur nehmen, wenn das Puzzle in der Zeit gelöst wurde). Am Ende gewinnt der Spieler mit den meisten Steinen in einer Farbe.

Hier wollte jemand mit Gewalt eine originelle Wertung in das Spiel reinbringen. Dadurch muss man sich in der zu schnell vergehender Zeit nun auch noch den Edelsteinreihen widmen – eine zweite Denkaufgabe, völlig anders als die erste. Mich stört das ein wenig, aber das könnte noch als „Biathlon-Effekt“ durchgehen: Der Versuch zwei völlig unterschiedliche Fähigkeiten fast gleichzeitig abrufen zu können. Das eigentliche Problem liegt aber woanders: Gegen Ende liegen die Steine in der favorisierten Farbe oftmals nicht in Reichweite. Dann müsste man theoretisch jemand anderen mit Absicht vorlassen. Ein guter Ubongo-Puzzlelöser wird also nicht belohnt, sondern muss sich – wenn er gewinnen will – selbst zurückhalten. Das passt nicht zum Spiel. Ein bisschen ist das so, als würde man bei Schach sagen: „Du hast mich zwar Mattgesetzt, aber damit nicht gewonnen – erst musst du jetzt noch 2 Figuren opfern. Wenn ich vorher drei Figuren opfere, habe ich gewonnen.“
Nicht selten gewinnt so nicht der Spieler, der am besten die eigentliche Spielaufgabe gelöst hat, sondern derjenige, der am meisten Glück mit den Steinen hatte und zumindest ganz ordentlich puzzelte (wer nichts löst wird in jedem Fall Letzter).
Ich empfehle zumindest die beiden besten Sorten zusammenzuzählen, um den Sieger zu ermitteln. Dann bleibt es genauso spannend, das Brett wird irgendwo genutzt und ein guter Puzzler hat eine höhere Chance das Spiel zu gewinnen.

Ein produktionstechnischer Nachteil der Wertung ist zudem, dass die Steine und das Brett zwar schick aussehen, das Spiel aber ziemlich verteuern. Um die 25€ (z.T- sogar mehr) muss man hinblättern. Ein bisschen viel für die eigentliche Spielidee, wie ich finde (aber das muss jeder mit sich selbst abmachen).
Aber dafür gibt es ja die kleine Ausgabe – die kostet ziemlich genau 20€ weniger. Ein sehr fairer Preis, da darf das Material schon mal spartanisch sein.
Gespart wurde zum einen das ganze Wertungssystem. Zum anderen die Sanduhr. Die Spielerpuzzles sind jetzt Karten. Dort ist weniger Platz drauf und entsprechend brauchen bei den Aufgaben nur noch 2 oder 3 Steine platziert werden. Um den Schwierigkeitsgrad ein bisschen hoch zu halten, dürfen die Teile nun aber nicht mehr umgedreht werden. Dadurch sind zumindest die 3-Figuren-Aufgaben tatsächlich einigermaßen anspruchsvoll geblieben. Die Zweier sind bis auf weniger Ausnahmen aber tatsächlich eher sehr leichte Kost. Auf jeder Karte sind pro Schwierigkeitsstufe auch nur 1 Rätsel abgebildet (statt 6 wie im Grundspiel), damit „verbraucht“ sich das Spiel deutlich schneller. Ist eben nur eine „Reinschnupper-Ausgabe“

Aus Sicht des Ubongo-Puzzle-Liebhabers kann man mit den Aufgaben gut leben, bedenkt man vor allem den Preis des Mitbringspieles und die reisetaugliche Kompaktheit der Schachtel.
Aus Spieler- und Rezensentensicht herrscht aber auch hier jenseits der Aufgaben nicht gerade heiter Sonnenschein. Zum einen wird das Fehlen der Sanduhr kompensiert, indem der erste bis 20 zählt (die Regel selbst schlägt vor, diese Zeit abzukürzen und das kann ich nur unterstützen – Die Aufgaben sind so leicht, dass 20 Sekunden einfach zu viel sind). Solches Abzählen ist immer irgendwie unbefriedigend, denn der eine zählt schneller als der andere. Faires Zählen ist also gefragt. Unelegant aber zu verkraften.
Zum anderen ist die Wertung nicht gerade top: Wer bis 20 nicht fertig geworden ist, muss seine Karte abgeben, der Rest behält sie und die Karten zählen am Ende Siegpunkte. Diese Wertung macht nur zu viert richtig Sinn, bei weniger Spielern kommt es schnell mal zu Gleichständen. Erst die Profiregel schlägt vor, was bei anderen Spielen dieser Machart Standard ist: Nur der Führende behält seine Karte. Laut Regel darf der Rest noch weiterpuzzeln, ich denke aber, die Karte sollte schnell weg. Sonst sind die Karten zu schnell bekannt.
Vielleicht ist sogar ein Kompromiss die beste Lösung: Bis 10 (oder 5) zählen und dann bekommen alle, die noch fertig sind, einen Punkt. Der Führende bekommt 2 Punkte. So bleibt es spannend und einigermaßen gerecht. Noch besser ist es aber eine Sanduhr aus einem anderen Spiel zu nehmen und dann 2 Punkte für den ersten und 1 für alle anderen zu vergeben. Die Laufzeit sollte sich nach den eigenen Fähigkeiten richten.

Und unterm Strich?

Beide Kontrahenten leben von ihrer Grundidee. Das Puzzeln macht wirklich Spaß (wenn man diese Art von Denkspielen denn mag) und die Aufgaben sind knifflig genug um zu fesseln. Das Drumherum ist in beiden Ausgaben, gelinde gesagt, suboptimal gelöst. Der kleinen Ausgabe mag man noch den unschlagbar günstigen Preis zugute halten, die große Ausgabe leidet in dieser Form leider etwas an der unausgegorenen Wertung.
Die kleine mag keine Preise gewinnen, ja nicht einmal dauerhaft auf den Spieltisch kommen, doch sie vermag ihre Idee gut zu verkaufen und neugierig auf das große Spiel zu machen. Das Klassenziel ist somit erreicht. Besitzer der großen Ausgabe brauchen die kleine aber nicht unbedingt – höchstens zum Aufgabennachschub.

Umgekehrt können sich die Fans der kleinen Ausgabe die große durchaus zulegen (wenn der Preis nicht abschreckt) – und entweder mit modifizierter Wertung oder pur genießen – also ohne Steine und Brett, nach der Wertung des kleinen Bruders.
Oder nach Turbo-Taxi oder Maniki Ausschau halten. Oder sich Rasende Roboter besorgen. Leider sind alle drei Spieler derzeit „out of print“. Also doch Ubongo?

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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1 Kommentar

  • Moin!
    Beim Ubongo Mitbringspiel ist die normale Wertung etwas mißverständlich von Dir dargestellt. Wer es nach dem Zählen nicht geschafft hat, gibt zwar seine Karte ab, aber an denjenigen, der mit dem Zählen angefangen hat. Sie kommt nicht in die Schachtel oder auf einen Ablagestapel (wie man vielleicht anhand des Textes meinen könnte…). Das motiviert m.E. deutlich, schnell zu sein, was Du ja (zurecht) dem großen Spiel anlastet, weil es eben dies nicht tut.