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Trixkick

Verlag: TrixGames
Autor: Gilles Mebes
Spieleranzahl: 2
Alter: ab 10 Jahre
Spieldauer: ca. 30 Minuten

Ich beginne mit einer Anekdote: Irgendwann 2008 war meine Frau nicht zu Hause und ich habe die Nacht über Fernsehen geschaut. Da lief gerade die Autoball-EM von Stefan Raab und das Konzept der Show ist so schlecht, dass ich es nicht geschafft habe, abzuschalten (Ich mag Stefan Raab eigentlich, halte seine Sonderveranstaltungen aber für etwas überproduziert). Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir das Duell von Raab gegen Sergej Barbarez: Es war Anstoß, der Anstoßhaber fuhr mit Karacho an und versenkte den Ball im gegnerischen Tor. Daraufhin hatte der Gegner wieder Anstoß – der gab Karacho und es gab wieder ein Tor. Das wiederholte sich so lange, bis einer der beiden (habe vergessen wer) tatsächlich mal danebenschoss.
Warum ich das erzähle? Genau das passierte uns in den ersten Partien Trixkick.

Nun ist Trixkick deutlich schwieriger zu beherrschen als Autoball. 8 Din-A4-Seiten (zweispaltig) wollen bewältigt werden, mit Sätzen wie:
„Wenn die Summe der Ball-Abspielsymbole bei den Spielern der Abwehrenden Mannschaft in dem Feld, durch das der Ball zum Tor gespielt wird, größer (nicht gleich!) als die entsprechenden Symbole beim schießenden Spieler ist, bleibt der Ball ´in der Mauer hängen´“

Dabei ist das Spiel im Grunde einfach: Eine Mannschaft hat den Ball und darf den Ball und einen Mitspieler bewegen. Das erstere geschieht mit Hilfe von Symbolen: Der Ball wird von Spieler zu Spieler gepasst, wobei das Symbol bei jeder Ballabgabe gewechselt werden muss. Die Spieler laufen gemäß ihrer gleichen Symbole; Ein Spieler mit verschiedenen Symbolen ist ein besserer Passgeber, ein Spieler mit gleichen Symbolen ein besserer Läufer.
Nun darf der Gegner einen Spieler bewegen. Hat er nun auf dem Feld, in dem der Ball liegt, mehr zuletzt verwendete Symbole als der Angreifer, so bekommt er den Ball. Er darf aber auch nicht zu viele Symbole haben, denn dann hat er gefoult und der andere bekommt einen Freistoß.
Das klingt soweit schlüssig. Problem: Die Schusszone ist 1 Feld vom Mittelkreis entfernt. Egal ob man von außer- oder innerhalb des Strafraumes schießt, der Torwart hat zudem immer lediglich eine Eindrittel-Chance den Ball zu halten. Und das Abnehmen des Balles ist schwieriger als man denkt. Vor allem, weil auf keinem Feld mehr als 2 Spieler desselben Teams stehen können. Wer also den Ball auf ein Feld der Schusszone setzen kann, auf dem bereits zwei Gegner stehen, die aber nicht genügend Symbole vorweisen können, hat einen Torschuss quasi frei – Der Verteidiger kann dort keinen Spieler hinziehen, ohne vorher einen wegzuziehen, darf aber nur einen Spieler bewegen. BOOM – Tor!
Gut, den Fehler macht man nur einmal. Sollte man denken. Aber tatsächlich ist das Abwehren des Balles sehr schwer. Der ballspielende Spieler ist deutlich beweglicher als der Angreifer und kann den kleinsten Stellungsfehler sofort ausnutzen, während der Verteidiger eben nur eine Figur bewegen darf. Die muss stimmen, sonst ist vorbei. Und man muss darauf achten nicht zwei Spieler auf´s selbe Feld zu setzen, sonst lädt man Torschüsse geradezu ein. Es fehlt hier wirklich an einer Möglichkeit dem Gegner zumindest irgendwie am Torschuss zu hindern – zwar gibt es eine (optionale) Abseitsregel, aber die lässt sich in den meisten Fällen leicht umgehen, da es dem Angreifer freigestellt ist, ob er zuerst den Ball oder den Spieler bewegt.
In dieser Form ist Trixkick reinstes Rasenschach – oder besser Handballschach. Der Angreifer rochiert und sucht nach der Lücke und der Verteidiger darf sich nicht den kleinsten Fehler leisten, sonst kommt es zum Torfestival. Wem solche Übungen liegen oder wer im Grunde abstrakte Zweipersonendenkaufgaben mag, kommt hier auf seine Kosten und kann gleichzeitig ein Fussballspiel einigermaßen realistisch simulieren. Allerdings muss ich gestehen, dass ich als Verteidiger immer hoffnungslos überfordert war. Da man nicht weiß, mit welchem Symbol der Angreifer angreift, kann man (oder zumindest ich) nur bedingt wirklich vorausplanen. Ob das mir oder dem Spiel anzulasten ist, weiß ich nicht.

Vermutlich aufgrund der eher negativen Resonanz der einschlägigen Reziseiten („Denksport“ „zu viele Regeln“) sind alternative Regeln auf der Homepage verfügbar, mit denen sich das Spielgefühl rapide ändert. Bei dieser „Snip-it“ genannten Variante wird nicht mehr gedacht, sondern geschnippt! Jetzt wird die Ballscheibe vom Angreifer schnipsend fortbewegt. Die Regeln sind simpel: Man darf den Ball 4x schnipsen. Ist er bis dahin nicht im Tor, berührt irgendwann einmal die Feldlinien oder schubst er die (immobilen) Verteidiger aus ihrem Feld, ist der Gegner dran. Theoretisch kann so auch mit mehr als 2 Spielern gespielt werden, denn der Verteidiger hat nichts zu tun.
Zwar sind die Regeln deutlich einfacher, das Spiel ist es aber nicht. Statt geistiger Arbeit ist jetzt Fingerspitzengefühl gefragt und gerade die Regel, dass der Ball keinerlei Linien berühren darf sorgt für Frust, respektive viele Ballwechsel. Zwar ist die Regelhürde gesunken, beherrscht wird das Spiel aber auch erst nach einer intensiven Trainingsphase im Höhentrainingslager.

Welche Variante man also auch spielt: Man muss sich in Trixkick reinarbeiten. Es ist kein Spiel um mal zwischendurch eingeschoben zu werden, kein Spiel für den Vielspieler, der neben seinen anderen 500 Spielen eben noch ein Fussballspiel quetscht. Trixkick ist für Liebhaber von Sportsimulationen. Wer Trixkick spielen will, muss einen willigen Spielpartner, langen Atem und Zeit zum Einarbeiten haben. Wer das mitbringt, bekommt zwei sehr unterschiedliche Fussballsimulationen in einem.
Alle anderen bekommen Frust.

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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