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Farmerama

Verlag: Ravensburger
Autor: Uwe Rosenberg
Spieleranzahl: 1-4
Alter: ab 10 Jahre
Spieldauer: 60-70 Minuten

Ein Computerspiel aufs Brett zu übertragen ist nicht leicht. Die meisten Aspekte, die Computerspiele so reizvoll machen – Geschicklichkeit, Überraschungen, Komplizierte Buchhaltung im Hintergrund – machen ein Brettspiel eher zur Qual (Buchhaltung) oder lassen sich praktisch gar nicht umsetzen (Überraschungen). Daher konzentriert sich der kluge Autor auf die Übertragung des Spielgefühls auf das Brett. Wer z.B. versucht ein Brettspiel zu einem  Browserspiel über Bauernhöfe zu machen, muss das eher hirnlose Umhergeklicke umsetzen, das solche  Spiele auszeichnet (ich darf das schreiben, denn My Zoo habe ich schon zweimal auf die Maximale Ausbaustufe hochgezüchtet). Von dieser Warte aus ist Farmerama eine gelungene Umsetzung!

Jeder Spieler managed seinen eigenen Bauernhof und der ist frei von Einfluss der anderen. Im wesentlichen kauft jeder Spieler Samen (Gemüseplättchen), um diese anzubauen, damit aus einem Plättchen zwei werden, damit er die ernten kann, damit er damit Tiere kaufen kann (deren Erwerb Gemüse benötigt), damit er diese auf die Weide stellen kann, damit er diese wieder von der Weide runter holen kann, denn dafür gibt es das Gros Siegpunkte. In Rezensentenfachsprech heißt sowas “eindimensionale Entwicklungskette”, weil ein Schritt den nächsten vorgibt und damit man bei sowas noch was zu planen hat, muss es ein paar Schraubenschlüssel geben, die ins Getriebe geworfen werden – sonst macht ja jeder dasselbe.

Der eine Schraubenschlüssel ist das Rad, das jeder Spieler auf seinem Bauernhof liegen hat und das vorgibt, wo welche Sorten angebaut und wo welche Tiere geparkt werden dürfen. Vor allem aber sagt es uns, wo welche Tiere wieder weggenommen werden können. Daher ist das Rad wichtig. Und das Beste: Wir dürfen es bewegen wann wir wollen! Wir müssen nur Wasserplättchen abgeben und ZACK! Das Rad bewegt sich. Und es ist unerheblich ob wir unseren eigentlichen Zug vor oder nachher oder zwischendurch durchführen. Ja, hier darf jeder machen was er will (im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung versteht sich)!

Oder nicht ganz, denn der zweite Schraubenschlüssel ist das eigentliche Zugprinzip: Jeder macht seinen Zug eh gleichzeitig, da wäre es zu chaotisch, wenn man auch noch so viel machen könnte, wie man lustig ist! Nein, jede Runde gibt es eine reguläre Aktion – und die wird bei Zugbeginn mittels Karte festegelt. Wählen mehrere dieselbe Aktion, gibt es (meistens) weniger Ertrag als wenn jemand alleine die Aktion gewählt hätte, dafür bekommt einer der Spieler noch ein Zierplättchen mit zusätzlichen Vorteilen oder Siegpunkten. Beides ist irgendwie gut (solange man selbst das Zierplättchen bekommt jedenfalls), also ist das kein großer Effekt und es ist auch das einzige Element, das anzeigt, dass die Spieler dasselbe Spiel spielen und nicht etwa parallel ein paar Solospiele. Auch das eine tolle Umsetzung vom Browserspiel, das man ja ebenfalls alleine zockt. Farmeramasolisten müssen sich da also nicht umstellen und wem selbst der Gedanke zuwieder ist, das geliebte Bauernhofspiel zu spielen, wenn jemand anderes im selben Raum ist, darf die Solovariante spielen. Oder das Browserspiel natürlich.

Als ich oben schrieb, dass das hirnlose Geklicke gut umgesetzt ist, war das nur halb schertzhaft gemeint. Das gilt insbesondere im “Einsteigerspiel”, bei der eigentlich jeder mehr oder minder dasselbe macht, nämlich das was Punkte bringt. Die Zierplättchen werden so vergeben, dass jeder mal was abbekommt und sind damit eher überflüssig. Gewinnen tut dann der Spieler, der etwas mehr Glück beim Auswählen der Aktionen hatte und/oder besser bescheid wusste ob es günstiger war erst Plättchen zu nehmen oder erst auszusähen oder umgekehrt. Statt clever zu spielen ist hier das Spielprinzip die Reihenfolge der Aktionen möglichst fehlerfrei zu wählen.

Im Fortgeschrittenen Spiel lässt sich etwas gezielter auf die Zierplättchen spielen und vor allem darf man Wasser verwenden, um Aktionen aufzuwerten. Dadurch lässt sich noch besser puzzlen und optimieren und ist daher dem Grundspiel unbedingt vozuziehen. Aber  Mikromanagement ohne nennenswerte  Progression bleibt auch mit mehr Optimierungpotential Mikromanagement ohne nennenswerte Progression und Farmarama ist damit unterm Strich eher Beschäftigung als Spiel. Im Prinzip also genau wie das Browserspiel!

Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.
Peer Sylvester

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