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Mensch Ärgere Dich!

Ein gutes Spiel löst Emotionen aus. Sie sind einer der wichtigsten Gründe, weshalb wir immer wieder an den Spieltisch zurückkehren. Aber mit eben diesen Emotionen umzugehen, ist nicht immer einfach. Damit das Medium gemeinsam mit den Spielenden reifen kann, muss der Spieltisch zum Ort werden an dem auch negative Emotionen erlaubt sind.

Stell Dir vor, Du hast einen stressigen Tag. Du bist angespannt, weil Du viel zu erledigen hast. Plötzlich geht etwas schief. Jemand drängelt sich in der Warteschlange vor. Du verpasst ein Paket, weil Du kurz abgelenkt bist. Wenn der Tag belastend war, kann es sein, dass Du Dich ärgerst. Vielleicht schimpfst Du ein wenig. Oder lässt anderweitig Frust ab. Das ist völlig normal, oder?

Nun stell Dir vor, dass die Leute, die Schuld an Deinem Frust sind, sich über Deinen Ärger lustig machen. Oder sie verdrehen die Augen und nennen Dich unreif. Vielleicht unterstellen sie Dir sogar emotionale Probleme. Sie werfen Dir vor, dass Du absichtlich ihre gute Laune kaputt machst. Deine schlechte Stimmung nervt.

Das würde man sich nicht ohne weiteres gefallen lassen. Du sprichst offen aus wie es dir geht und es wird kleingeredet oder abgewertet. Deine eigene Wahrnehmung wird Dir abgesprochen. Dein Verhalten wird als unpassend kritisiert. Es sollte Dir peinlich sein, dass Du Dich so aufführst.

Eine solche Situation ist selbstverständlich nicht in Ordnung. Niemand sollte so etwas hinnehmen müssen. Erst recht nicht von Leuten, die man seine Freunde nennt.

Es sei denn es geht um Spiele. Da gilt es als völlig akzeptabel, wenn der Ärger, Frust oder Enttäuschung anderer mit ein paar Worten beiseite geschoben oder ignoriert wird. Ich finde nicht, dass das so sein sollte.

Spiele stehen in einer ähnlichen Tradition wie Filme und Bücher.

Es sind Medien, die unsere Gefühle ansprechen und involvieren, um ihre ganze Wirkungsmacht zu entfalten. Eine schockierende Wendung oder ein tragisches Ende löst starke Emotionen aus. Aber bei Filmen und Büchern würde man sich in den seltensten Fällen darüber lustig machen. Natürlich ist das alles nur Fiktion. Es spielt sich alles im Kopf ab und ist nicht echt. Die realen Auswirkungen einer Geschichte existieren nur in dem was Zuschauer:innen oder Leser:innen auf Grund der Erzählung empfinden. Dennoch zeigen wir Verständnis und Mitgefühl. Ganz unabhängig davon, ob es uns auch so geht.

Nur bei Spielen bringen wir Kindern schon mit jungen Jahren bei, dass sie „verlieren lernen müssen“. Wir bläuen ihnen ein, dass sie ihre negativen Empfindungen nicht äußern dürfen, wenn sie als Folge des Spielgeschehens entstanden sind. Es gilt als falsch sich vom Spiel distanzieren zu wollen, weil man sich deswegen schlecht fühlt.

Ein Buch darf man natürlich schimpfend und fluchend durchs Zimmer werfen, wenn die Lannister euch grüßen lassen. Man darf selbst Jahrzehnte später noch Sephiroth für sein Verbrechen an Aerith hassen. Derartige Gefühlsäußerungen sind aber in Brettspielen verpönt. Nachtragend sein gilt als Charakterfehler. Dafür beschwört man dann auch Begriffe wie Sportsgeist herauf. Denn wie jeder weiß haben Sportler:innen noch nie Gefühlsregungen gezeigt, wenn sie im Wettbewerb unterlagen. Denn das wäre ja ein Zeichen dafür, dass sie nicht verlieren können.

Bei Brettspielen wird auch gern vom magischen Zirkel gesprochen, der verletzt wird, wenn man negative Emotionen am Spieltisch zulässt. So als hätte man einen schweren Frevel begangen, weil der eigene Ärger nicht der Belustigung oder Bestätigung anderer dient.

Oft hört man hier das gleiche Argument: es gibt einfach Menschen, die nicht verlieren können. Aber ist das wirklich ein weit verbreitetes Problem in der Szene? Wird die gute Laune am Spieltisch tatsächlich so oft torpediert, weil jemand am Tisch die Fassung verliert?

Natürlich haben wir alle schon eine unangenehme Erfahrung am Spieltisch gemacht. Vielleicht weil sich angespannte und erhitzte Gemüter in lauten Schimpftiraden entluden. Mir geht es auch nicht darum, solche Momente uneingeschränkt gut zu heißen. Mein Eindruck ist aber, dass solche Situationen um ein Vielfaches seltener sind als ihre Angst davor.

Das eigentliche Unbehagen scheint mir auch nicht im Konflikt selbst zu liegen. Vielmehr ist es die Herausforderung mit einer Person umzugehen, die ihren Unmut offen zeigt und in Worte fasst. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass nur wenige Spielrunden für ein Umfeld sorgen, in dem negative Gefühlsäußerungen genauso ernst genommen werden wie positive.

Meist führt das dazu, dass sich eine Spielkultur bildet in der man unangenehme Emotionen unterdrückt, herunterspielt oder andere Wege sucht, um das Geschehen am Spieltisch nicht an sich heran zu lassen. Aber wenn einem etwas wichtig ist – wie zum Beispiel der Spielsieg – dann muss man sich zu einem gewissen Maß auch für das Gefühl einer Niederlage öffnen.

Man muss das emotionale Risiko eingehen, enttäuscht zu werden.

Das ist nicht immer einfach oder möglich, wenn man sich in der Gegenwart seiner Mitspielenden nicht sicher fühlt. Darum sind gerade hoch-kompetitive Spiele vor allem in Spielrunden beliebt, in denen sich die Spielenden gut kennen und lange befreundet sind. Man muss sich wohl genug fühlen, um sich Frustration, Enttäuschung und Ärger einzugestehen und auch auszudrücken.

Warum sollte ich mich auf ein Spiel einlassen, wenn ich mir eine negative Empfindung nicht anmerken lassen darf? Wenn ich ein Spiel immer nur auf Distanz erlebe, dann wird nur selten die erinnerungswürdige Erfahrung entstehen, die mich in ihren Bann zieht. Würden wir Filme und Bücher als derart immersiv und packend erleben, wenn wir nur unsere positiven Empfindungen offen zeigen dürften?

Das gemeinsame Spiel ist eben mehr als nur Wahrscheinlichkeiten im Kopf überschlagen. Es ist interessanter als nur zu schauen wer am Ende besser gespielt hat. Ein gutes Spiel ist etwas, das wir miteinander und füreinander erleben. Genau das gelingt am Besten, wenn wir uns sicher genug fühlen, um auch negative Gefühle zu zeigen.

So anders und ungewöhnlich ist dieser Gedanke nicht. Wir müssen uns nur daran erinnern welche Reaktion wir uns wünschen, wenn der Spielverlauf in uns für Unmut sorgt. Will man dann wirklich hören, dass man sich nicht so ärgern soll und es doch nur ein Spiel ist?

 


Photo by Mason Kimbarovsky on Unsplash

Georgios Panagiotidis