Brettspiel Burnout und andere dunkle Seiten des Hobbies

Spielen ist ein Hobby – zumindest für die meisten. Selbst wenn jemand bloggt, rezensiert oder auch (wie ich) in der Freizeit ein Spiel entwickelt, bleibt es doch ein Hobby. Da man ein Hobby freiweillig betreibt, kann es sowas wie “Stress durch spielen” gar nicht geben.

Oder?

Oder???

Vor kurzem kündigte ein Rezensent, den ich folge, an, in Zukunft kürzer zu treten, da er einen “Brettspiel Burnout” haben würde. Was ist damit gemeint? Ist das ansteckend?

Vereinfacht gesprochen ist (normalerweise) nicht das Brettspiel an sich stresserzeugend, sondern eine Erwartungshaltung, die nicht erfüllt wird. Damit ist jetzt nicht die Erwartungshaltung an das Brettspiel gemeint, sondern die Erwartungshaltung an sich (durch sich selbst oder andere), einen gewissen Spielepensus zu erreichen. Das kann schlicht dadurch geschehen, dass auf Twitter, auf BGG oder sonstwo ständig über die neuesten Spiele geschwärmt wird, die man unbedingt ausprobieren müsse. Wer Ansprüche an sich selbst hat, alles wichtige zu spielen, kommt schnell in Bedrängnis; selbst wenn man sich noch so oft sagt, dass man nicht alles ausprobieren kann, was neu ist – die angst etwas zu verpassen ist größer als die Vernunft. Und nur die wenigsten haben Geld und Zeit, mit den größten mitzuhalten. Natürlich ist der Denkfehler, das man das müsste (also “mithalten” jetzt), aber es ist liegt doch irgendwie in der Natur eines Brettspielers, einen Wettstreit “gewinnen” zu wollen. Vom Gatekeeping (“Du kennst dich ja gar nicht aus!”) ganz zu schweigen – gerade unter Rezensenten.

Ironischerweise wird die Sache nicht unbedingt einfacher, wenn man Rezensionsexemplare bekommt. Natürlich fällt der Geldfaktor weg, aber wer Ansprüche an sich selbst hat, der wird schnell bemerken, dass die Resource “Zeit” ebefalls endlich ist. Als ich zum ersten Mal die Möglichkeit hatte, Rezensionsexemplare zu bestellen, habe ich gleich alles mitgenommen was ging… nur um dann festzustellen, dass ich ein ganzes Jahr brauchte, um alles “abzuarbeiten”, ein Jahr, in dem ich fast nichts anderes mehr gespielt habe, als Rezensionsexemplare. Ich sag mal: Optimal ist das auch nicht. Dies war auch der Grund, warum oben erwähnter Rezenent sich aus dem Geschäft verabschiedete (und er ist nicht der einzige, den ich persönlich kenne): Es wurde einfach zu viel Arbeit und das Hobby fiel hinten runter.

Wenn man über Stress spricht, insbesondere von einer privilegierten Stellung heraus (und wenn man Rezensionsexemplare bekommt ist man privilegiert), setzt man sich schnell Sozialneid (fragt mal Per Mertesacker) und/oder blöden Sprüchen aus! Natürlich ist das alles ein “First World Problem”, aber es kann für Betroffene durchaus ein Problem darstellen. Insbesondere eben weil das Problem von anderen nicht als solches ernst genommen wird, insbesondere weil man auch selbst natürlich sieht, dass man wegen “Nicht genügend Spiele schaffen” nicht depressiv sein dürfte – was die Selbstzweifel erhöhen kann – Teufelskreis!

Für dieses Problem gibt es auch keine Lösung; Dem Betroffenen  “Sei entspannter!” zuzurufen, ist jedenfalls keine. Und Rezensionsseiten veröffentlichen nun einmal Rezensionen und Leute sprechen über Spiele – das ist eben so. Was man nur machen kann (und ich tue das hiermit) ist den Nicht-Betroffenen darauf hinzuweisen, dass dieses Problem existiert und für die Betroffenen durchaus ernst ist.

Ein anderes Problem kann Stress für Autoren und andere Kreative bedeuten, insbesondere wenn sie, nunja, gerade nicht so kreativ sind. Som plagen mich z.B. durchaus gelegentlich (insbesondere bei Jahreswechseln) erhebliche Selbstzweifel habe, was meine Spieleautorentätigkeit betrifft. Ich kann damit mittlerweile einigermaßen umgehen. Ich weiß, dass jeder gelegentlich in das eine oder andere Loch fällt, egal wie erfolgreich er ist. Die Gedankenfalle funktioniert so: Ist man nicht erfolgreich, ist man genau deswegen depressiv, ist man erfolgreich, so “weiß” man, dass man solche tollen Spiele nie wieder schaffen kann… Ich bin zu meinem Glück ein recht positiver Mensch und diese “Löcher” sind selten. Bei anderen mögen sie häufiger sein oder auch nicht, aber es dürfte nur wenige Autoren geben, die niemals derartige Zweifel haben (wobei es auch eine Frage der Intensität ist). Einen Autoren dafür zu kritisieren, dass er gerade nicht kreativ ist, ist entsprechend nicht hilfreich. Ob es GRR Martin ist oder der kleine Kickstarter-Autor von Nebenan: Schreien hilft nicht. Wirklich nicht!

Unsere Community ist recht gut, aber ab und an wäre etwas mehr Verständnis für andere durchaus hilfreich.

ciao

peer

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

2 Gedanken zu „Brettspiel Burnout und andere dunkle Seiten des Hobbies“

  1. Ich kann dir nachfühlen, und unterschreibe viele deiner Aussagen. Ich bin selbst nur Rezensent, das schon seit über 2 Jahren. Was dabei gerade im ersten Jahr, vielleicht auch ein wenig im zewiten Jahr in den Hintergrund gerückt ist, ist der Spieler, und ein wenig auch der Spaß an den Spielen.

    Stichwort Rezensionsexemplare: Der Grund, warum man blöde Kommentare von Neidern bekommt. Ich berichtete auch schonmal über die Schattenseiten. Ein solches Exemplar bringt eine ganze Menge Druck mit sich. Jedenfalls, wenn man es Ernst nimmt. Man kann auch 40 Videoas in einem Monat veröffentlichen… klaro… Vollzeitspieler :)
    Aber wenn man es ordentlich machen will, MUSS man eben auch ein Scheiss Spiel ein paar Mal spielen. Ob man will oder nicht. Und nicht alles sind solo-Spiele. Spricht, man belästigt auch seine Mitmenschen mit Mittelmäßigen Spielen. Und schlimmer noch: Immer neuen Spielen… immer neue Regelen, kein Spiel öfter und so weiter.

    Mein Trick: Ich habe mich davon gelöst. Klar interessiert mich der ein oder andere Titel, aber ich kann warten. Ich muss nicht mehr bei den ersten Sein, die drüber schreiben und ich muss sie auch nimmer alle spielen. Schafft man nämlich nicht mehr.

    In meiner wertvollen Spielzeit, spiele ich inzwischen, was mir Spaß bereitet. Und diese Spiele sind so komplex teilweise, dass ich niemals einen review drüber schreiben kann. Ich könnte dem Spiel nicht gerecht werden.

    Auch muss ich keine 2 Artikel mehr pro Woche veröffentlichen… einer pro Woche… oder einer alle 2 Wochen… reicht doch. In erster Linie schreibe ich für mich. Dass es Leute lesen ist toll, aber nicht das Hauptziel.

    Ich habe einfach festgestellt, dass erzwungene Rezensionen, weil die Exemplare schon zu lange rumliegen, einfach nicht leicht von der Hand gehen, und zugegeben, manchmal auch in nem unbefriedigendem Artikel enden.

  2. Der Druck ist natürlich sehr schnell da. Eigentlich würde ich gern selbst viel mehr lesen, mehr Klicks bekommen, mehr Spiele spielen, mehr Erfolg mit meinen eigenen Spielen haben und so weiter. Klappt halt nicht, und sich da nicht verrückt machen zu lassen, ist nicht immer einfach. Ich frage selbst vielleicht fünf Rezensionsexemplare im Jahr an denn ich will mich von vornherein nicht zu sehr belasten (in vier dieser fünf Fälle bekomme ich dabei nicht mal ne Antwort, weil mein Blog zu klein ist – da beißt sich die Katze in den Schwanz. Würde ich massenhaft Content absondern, würden meine Klickzahlen massiv steigen und ich würde von Verlagen jede Menge Sachen bekommen, die ich eigentlich gar nicht schaffen könnte. Also alles gut so, wie es ist).

    Daniel: Ach ja, klar schreibe ich auch für mich. Aber natürlich möchte ich auch gelesen werden, das finde ich nicht weniger wichtig, denn schreiben könnte ich auch ein nicht-öffentliches Tagebuch.

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