Der heiße Scheiß von Früher

Mal Zeit für ein kleines, sommerliches Fun-Posting! Keine Sorge, im kalten Herbst  werde ich mich wieder mit allem und jedem anlegen!

Jedenfalls wird ja immer so ein Gewese über “Der Kult des Neuen” gemacht und gefragt, wie viele Spiele denn “Ex & Hopp” gespielt werden und ob der “Heiße Scheiß” nicht eigentlich nur letzteres ist. Diese Diskussionen gab es übrigens auch schon auf KMWs Spielplatz, dem Vorläufer des Spielbox-Forums (das übrigens der Vorläufer des Spielen.de-Forums war). Meiner Meinung nach gab es früher gute Spiele und heute gibt es gute Spiele und manches Bekannte wird durch besseres überholt und manches neues nicht. Oder ähnlich anders. Jedenfalls, so dachte ich, könnte man ja mal einen lockeren Blick auf vergangene Dekaden werfen.

Beginnen wir vor zehn Jahren, AD 2007. Bush Junior war Präsident, der G8 war in Heiligendamm, die No Angels haben sich wiedervereinigt und mein König von Siam erschien in Essen (und verfehlte die endgültige Fairplay-Scout-Liste um zwei Stimmen).

Auf jenem Essen waren die zehn heißesten Spiele laut der Farplay-Scout-Aktion:

1. TRIBUN von Karl-Heinz Schmiel (Heidelberger)
2. AGRICOLA von Uwe Rosenberg (Lookout)
3. HAMBURGUM von Walther „Mac“ Gerdts (PD/Eggert)
4. CUBA von Rieneck/Stadler (Eggert)
5. VOR DEM WIND von Torsten Landsvogt (Phalanx)
6. IM JAHR DES DRACHEN von Stefan Feld (Alea)
7. FILOU von Friedemann Friese (2F)
8. KINGSBURG von Chiarvesio/Iennaco (Truant)
9. AMYITIS von Cyril Demaegd (Ystari/Huch & friends)
10. DARJEELING von Günter Burkhardt (Abacus)

Brass war übrigens auch in dem Jahr, aber IIRC scheiterte auch das an der abgegebenen Stimmenanzahl. Tribun, Vor dem Wind und Darjeeling sind vielleicht die größten Überraschungen, Amyitüddelüt ist heutzutage wohl auch eher vergessen. Agricola ist immer noch heiß, Hamburgum und Cuba dürften auch immer noch große Fangemeinschaften haben, Im Jahr des Drachen sowieso und Filou mag ich persönlich sehr gerne. Aber das ist ja auch die Scoutliste! Dort sind immer ein paar Merkwürdigkeiten drauf, die auch davon abhängen, welche Verlage in der Nähe des Fairplay-Standes ihre Zelte aufgeschlagen haben. Was gab es denn noch in dem Jahr?

Der Deutsche Spielepreis hatte folgendes zu bieten:

1. DIE SÄULEN DER ERDE von Michael Rieneck und Stefan Stadler (Kosmos)
2. NOTRE DAME von Stefan Feld (alea/Ravensburger)
3. WIKINGER von Michael Kiesling (Hans im Glück Verlag)
4. YSPAHAN von Sébastien Pauchon (Ystari Games)
5. ZOOLORETTO von Michael Schacht (ABACUSSPIELE)
6. DIE BAUMEISTER VON ARKADIA von Rüdiger Dorn (Ravensburger)
7. IMPERIAL von Walther Gerdts (eggertspiele)
8. MAESTRO LEONARDO von F. Brasini, V. Gigli, S. Luperto, A. Tinto (dV games/Abacus)
9. JENSEITS VON THEBEN von Peter Prinz (Queen Games)
10. COLOSSEUM von Markus Lubke und Wolfgang Kramer (Days of Wonder)

Zooloretto war auch ein Spiel des Jahres und ein großer Erfolg vom Verlag – es ist immer noch verfügbar. Die Baumeister von Arkadia waren ebenfalls nominiert und haben damals auch beim Sylvester gut abgeschnitten – immer noch ein tolles Spiel! Ebenfalls nominiert: Yspahan und Jenseits von Theben, beides ebenfalls Spiele, die auch heute noch originell und gut sind.Überhaupt war das ein starkes Jahr – aus meiner Sicht sind nur Maestro Leonardo und Colosseum mittlerweile überholt (und letzteres hat seine Fans). An das letzte nominierte Spiel, Der Dieb von Bagdad, habe ich nur noch vage Erinnerungen.

Die Liste des DSP ist übrigens von den Spielen her auch erstaublich deckungsgleich mit dem Pfefferkucherl: Dort finden sich mit Trapper und Burg Appenzell aber zwei größere Überraschungen – vor allem das erste dürfte tatsächlich ziemlich vergessen sein.

Kurzes Zwischenfazit: So wahnsinnig viele “It-Spiele”, die mittlerweile vergessen sind, gabs vor zehn Jahren gar nicht! Aber vielleicht war es ja nur ein starker Jahrgang? Naja, 2008 bildete der DSP fast die Scoutliste ab (ergänzt noch um Keltis, Stone Age und Galaxy Trucker). 2006 war tatsächlich deutlich schwächer – aber der galt damals schon als schwach.

Wie sah es denn in den vor 20 Jahren aus? Da ist doch schon deutlich mehr Wasser die Elbe hinabgeflossen! Nun gab es 1997 weder die Scoutliste noch den Pfefferkucherl und der DSP stand damals noch auf eher tönernden Füßen… aber mal sehen. Ich habe 1997 übrigens mein Studium angefangen (wenn ich mich nicht verzählt habe). Der DSP hatte damals folgendes zu bieten:

1. LÖWENHERZ von Klaus Teuber (Goldsieber)
2. SIEDLER-KARTENSPIEL von Klaus Teuber (Kosmos)
3. SHOWMANAGER von Dirk Henn (Queen-Games)
4. MISSISSIPPI QUEEN von Werner Hodel (Goldsieber)
5. BOHNANZA von Uwe Rosenberg (Amigo)
6. SERENISSIMA von Dominique Ehrhard und Duccio Vitale (Eurogames)
7. DER ZERSTREUTE PHARAO von Gunter Baars (Ravensburger)
8. EXPEDITION von Wolfgang Kramer (Queen-Games)
9. BEIM ZEUS von Klaus Palesch (Kosmos)
10. MANITOU von Günter Burkhardt (Goldsieber)

WOW! Was für eine Liste! Löwenherz ist eines meiner absoluten Lieblinge. Das Siedler-Kartenspiel ist ein Klassiker und ich kenne Leute, die das immer noch (im Original) spielen. Showmanager war (mit ein paar Regeländerungen) als Atlantic Star auf der Auswahlliste zum Spiel des Jahres. Bohnanza ist zweifelsohne ein Evergreen und ähnliches gilt für Expedition (Wer es nicht kennt: Ist gerade wieder bei Amigo erschienen!). Selbst die “Misses” sind erwähnenswert: Missessippi Queen (SWIDT?) gewann immerhin das Spiel des Jahres, auch wenn es als eines der schwächeren zählt (die Erweiterung soll toll sein, leider kenne ich die nicht). Serenissima hat auch seine Fans (ich mags, aber es ist etwas zu lang und auch nicht mehr ganz up to date, was einige Mechanismen betrifft), Der zerstreute Pharao ist als Longseller immer noch bei Ravensburger im Programm. Einzig die beiden letzten Plätze fallen etwas heraus.

Ein paar weitere erwähnenswerte Spiele in dem Jahrgang sind Husarengolf (gerade wieder aufgelegt), mein Geheimtipp Comeback von Reinhard Staupe (tolles Versteigerungsspiel für drei) und Visionary, bei dem man mit verbundenen Augen bauen musste – der Teampartner erklärt was man bauen soll. Spielt mittlerweile meine Tochter sehr gerne.  Formula DÉ erschien m:W. ebenfalls in dem Jahr, genau wie Friedemanns Wucherer.

Auch hier ist das Bild prinzipiell dasselbe: Die bekannten Spiele von damals sind auch heute noch weitestgehend bekannt. Ein paar fallen naturgemäß heraus, aber ich bin überrascht, wie viele Spiele von vor ZWANZIG Jahren auch heute noch gern gespielt werden…

Und vor 30 Jahren? Jetzt wirds schwierig – Das Internet hatte noch keine große Verbreitung. Der Deutsche Spielepreis ar nichtexistent. Was damals der “heiße Scheiß” war, lässt sich kaum rekonstruieren. Immerhin gab es die Auswahlliste des Spiel des Jahres und den Vorläufer des DSP, den “Goldenen Pöppel”, eine Abstimmung der Leserschaft der Pöppel Revue, wobei alles gewählt werden konnte, auch ältere Titel (und vermutlich lag das nicht zuletzt daran, dass sehr wenig spielerisch anspruchsvolles pro Jahr hinzukam). 1987 (ein Jahr nach Chernobyl, mitten im kalten Krieg, ich kaufe meine erste Happy Computer und bekam einen Amiga zu Weihnachten) wählten die Pöppel-Revue-Leser Kreml, Acquire und Heimlich & Co zu ihren Lieblingsspielen. Sicherlich nicht das was man erwartet, aber Acquire ist natürlich ein absoluter Klassiker – und zu Recht- und mit Shark war gerade eine Weiterentwicklung davon erschienen und sogar nominiert worden (wobei mir Acquire besser gefällt). Kreml war auch nominiert (aus heutiger Sicht sicherlich überraschend, bedenkt man die Komplexität) und auch wenn man das eine oder andere heute anders machen würde – Das Spiel ist immer noch witzig. Gemein und zuweilen Brutal, aber durchaus spielenswert. Heimlich & Co gewann ja auch das Spiel des Jahres -allerdings schon 1986, wo es sich für mich überraschend gegen das verrückte Labyrinth durchsetzte (das ich für das etwas bessere Familienspiel halte, wobei wir beide sehr oft und gerne gespielt haben). Spiel des Jahres wurde 1987 übrigens Auf Achse und auch wenn das Spiel vor einigen Jahren ein Comeback versuchte, halte ich es doch für mittlerweile spielerisch für etwas angestaubt. Hier ist die Zeit tatsächlich drüber hinweggegangen – aber wie gesagt: Auf Achse ist 30 Jahre (!) her und mittlerweile herrscht das Goldene Zeitalter.

Die Empfehlungsliste hat neben einigen Merkwürdigkeiten (Restaurant? Maritim???) auch Tatort Nachtexpress zu bieten, bei dem die Spieler gegeneinander einen Mordfall lösen müssen. Das Spiel ist Szenariobasiert und nahm gemeinsam mit Sherlock Holmes Criminal Cabinet (1985) den heutigen Trend von textlastigen “Story-Spielen” á la TIME stories um fast 30 Jahre vorweg. Sauerbaum war damals der Archetyp von kooperativen Spielen und als Kampf gegen den sauren Regen ein echtes Kind der 80er. Es war so ca 20 Jahre im Programm wechselnder Verlage, konnte aber nicht gegen moderne Ko-ops bestehen. Der fliegende Teppich befindet sich immer noch in meinem Besitz. Es war damals tatsächlich (in der würfellosen Variante) eines meiner Lieblingsspiele in den späten 80ern, ich habe es aber seit über 25 Jahren nicht mehr gespielt. Ich glaube nicht, dass man es noch “braucht”. Zwei weitere 87´sind heute noch bekannt: Black Vienna hat als sehr reines Deduktionsspiel immer noch Fans – obwohl wirklich der kleinste Fehler das Spiel für alle unlösbar macht. Und Continuo ist ein kleines Legespiel, das immer noch zu haben ist. An der Spieleszene ist es weitestgehend vorbeigegangen, aber man findet es in vielen Spielwarengeschäften bei den “Reisespielen”. Unter denen ist Continuo eines der besseren. Wir haben es damals häufig dabei gehabt, auch wenn es als “Kopfschmerzspiel” etwas verschriehen war (Man starrt 30 MInuten auf kleine Quadrate).

1977 war die Spieleszene in dem Sinne noch nicht existent. Es gab wohl schon eine Postspielszene, aber das war es auch schon. Ich war drei Jahre alt. Jenga und Boggle waren noch nicht erfunden. Es wurden erste Experimente mit Videospielen gestartet, noch ohne Cartridges oder anderen flexibeln Speichermedien. An erwähnenswerten Spielen aus der Zeit besitze ich noch Jockey, das in den verschiedensten Versionen immer wieder auf dem Markt war und für mich immer noch ein gutes Wettspiel darstellt (auch wenn viel von der Kartenverteilung abhängt). Slotter erschien 1977 und ist tatsächlich immer noch auf dem Markt. Es ist todsimpel, aber Anfang der 80er war ich eine Zeitlang unschlagbar. Alaska fand sich zwei Jahre später auf der Auswahlliste wieder. DAS ist wirklich ein Spiel, dass man wohl runderneuern müsste, um es heutzutage einigermaßen tauglich zu machen. Es ist aber vom Szenario und von der grundsätzlichen Idee her so reizvoll, dass ich tatsächlich ab und an mal nachdenke, wie das gehen könnte. Ballonrennen wurde ob des Materials und der (für damalige Verhältnisse) tollen Graphik gelobt. Waren diese Spiele bei damaligen Spielern beliebt? Der “neueste Scheiß”? Keine Ahnung. Vermutlich war man damals froh, wenn überhaupt was einigermaßen interessantes erschien und die Spiele, die man hatte, wurden länger gespielt. Weil man es musste. Ich erinnere mich an einige Spiele, die keiner von uns so richtig mochte, und die wir trotzdem mehrmals spielten. Weil wir sie halt hatten und Abwechslung wollten. Schon damals.

ciao

peer

 

Peer Sylvester

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

4 Gedanken zu „Der heiße Scheiß von Früher“

  1. “Showmanager gewann (mit ein paar Regeländerungen) als Alhambra das Spiel des Jahres.”
    Showmanager wurde als Atlantic Star neu aufgelegt, mit Alhambra hat es inhaltlich wenig gemein.

  2. Boah, toll! Endlich greift mal jemand das Thema “gute (oder weniger gute) Spiele früherer Jahrgänge” auf. Geht doch! Und bitte weitermachen! Serenissima (okay Ystari Ausgabe) spiele ich immer noch gerne, SvC Kartenspiel im Original ebenfalls. Alaska, Halali, Das verflixxte Labyrinth und Wikinger uvm. sind jetzt in der nächsten Generation (bei meinen Kids) angekommen und erfreuen sich großer Beliebtheit – auch gegenüber aktuellen Kinderspielen.
    Ich habe beim Erfassen meiner kleinen Sammlung mal festgestellt, dass mir seit meinem Geburtsjahr 1972 nur noch ein paar wenige Spiele für das Motto “mindestens 1 Spiel pro Jahrgang” fehlten und enstprechend aufgefüllt. So stellt es sich – in Auszügen – derzeit dar:
    1972-Leg das Rohr, 1973-Halali, 1974-Heiße Schlacht am kalten Büffet, 1975-Minister, 1976-Die Wikinger kommen (aka Turnier), 1977-Cosmic Encounter, 1978-Cathedral, 1979-Alaska, 1980-Samarkand, 1981-Wunderwatschler, 1981-Powerplay, 1983-Scotland Yard, 1984-Heimlich & Co, 1985-Ausbrecher AG, 1986-Kreml, 1987-Capone (aka The Mob), 1988-Inkognito, 1989-Choice, 1990-Adel verpflichtet, 1991-Formule Dé, 1992-Wucherer, 1993-Die Hanse, 1994-Robo Rally, 1995-SvC, 1996-Serenissima, 1997-Bohnanza, 1998-Friesematenten, 1999-Giganten, 2000-La Citta, 2001-Funkenschlag, 2002-Wallenstein, 2003-Packeis am Pol, 2004-Jenseits von Theben, 2005-Haste Bock, 2006-Die Säulen der Erde, 2007-Jamaica, 2008-Pandemie, 2009-Hansa Teutonica, 2010-Navegador, 2011-Vintage, 2012-Fleet, 2013-L´Aéropostale, 2014-Wir sind das Volk, 2015-Bretagne, 2016-Stadt der Spione. Gibt’s da ähnliche “Sammlungen”?

    1. Also ich habe jedes Spiel des Jahres, also seit 1979 bin ich schon daher komplett… Ber ein kurzer Blick hat gezeigt, dass ich seit 1971 immer mindestens ein Spiel habe, 1970 fehlt mir, dafür habe ich eine ganze Reihe von 1969.

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