Hat sich Twiddle ausgetwiddelt?

Gut, das ist jetzt schon ein paar Monate her, dass ich versprochen hatte, mal etwas zum Thema Twiddle zu schreiben. Jetzt ist Sommer. Wochenende. Da könnt’ ich ja mal…
Das Problem ist nur: Twiddle hat sich mittlerweile wohl ausgetwiddelt. Das letzte Update der App für iOS stammt vom 23. Februar 2017. Die letzte eingespielte News, immer noch prominent auf dem Startbildschirm zu finden, datiert auf den 27. Januar 2017 und berichtet von der Spielwarenmesse in Nürnberg (die ja nur Fachbesuchern offen steht). In den paar Zeilen wird das Dilemma solcher Anwendungen vermutlich schon ausreichend deutlich.

Twiddle News
Twiddle News

Doch zunächst einmal: Was ist Twiddle überhaupt (jetzt alle bitte ganz fachmännisch gucken und mit einer lockeren Geste abwinken – Kenne ich doch schon). Also Twiddle ist eine App, mit der… ach, hier die Beschreibung aus dem App-Store:

Twiddle Beschreibung im App Store
Twiddle Beschreibung im App Store

Der Markenauftritt verdient auch durchaus Lob. Stringent durchgestyled, schön mit Corporate Identity umgesetzt. Schick. Funktionsarm. Doch ich will ja nicht vorgreifen.

Was würde man sich als potentieller Nutzer einer solchen Anwendung wünschen? Dass ich in meiner Region spielwillige Mitstreiter finde, ist sicherlich ein ganz wichtiger Aspekt. Vielleicht auch die Möglichkeit kurzfristig etwas aufzutuen. ‚Ich bin Montag in Berlin, gibt’s da einen Spieletreff in der Nähe vom Hotel?‘ Sicher auch ein guter Anwendungsfall. Meinetwegen vielleicht sogar Chats, Foren oder weitere Kommunikationskanäle.
Was würde ich mir nicht so sehr wünschen? Z.B. branchenspezifische Pressemitteilungen, die sich an ein Fachpublikum wenden. Twiddle tut sich durchaus schwer mit solchen Kundenanforderungen.

Wer hat denn Twiddle überhaupt initiiert? Das war der Zusammenschluss einiger Spieleverlage, die als Spieleverlage e.V. auch unter spieleverlage.com zu finden sind und folgendes Statement auf der Twiddle-Facebook-Seite abgeben (ja, die gibt es durchaus). Ich habe mal meine Kommentare dazu in Klammern dahinter gesetzt.
Der Spieleverlage e.V. ist der Verbund der wichtigsten Spieleverlage im deutschsprachigen Raum und:
• kommuniziert Absatzentwicklungen und Trends im Spielebereich [das interessiert den Twiddle-Nutzer vermutlich weniger]
• fördert Spielen an Schulen umfassend [die Nutzen kein Twiddle, weil die ja keinen Spielekreis aufbauen wollen oder Mitspieler finden möchten]
• initiiert und fördert die Erschließung neuer Zielgruppen für die Sache des Spiels [ah, Twiddle, hier sollst Du glänzen]
• fördert ideell das Netzwerk von großen und kleinen Publikumsveranstaltungen zum Thema Spiel [vielleicht gut mit Twiddle zusammen passend, weil man dort solche Veranstaltungen eingeben kann]
• unterstützt Spiele-Events und Publikumsmessen mit kostenlosen Exemplaren für die Ausleihe von Spielen [kein Bezug zu Twiddle]
• setzt sich ein für die Anerkennung des Spiels als gesellschaftlich und sozialpädagogisch relevantes Kulturgut [kein Bezug zu Twiddle]
• unterstreicht in ihrer Medienarbeit die Bedeutung des spielerischen Lernens bei Kindern [kein Bezug zu Twiddle]
• dient ihren Mitgliedern als Forum für die Erörterung allgemein interessierender unternehmenspolitischer Problemstellungen [kein Bezug zu Twiddle]
Gemacht wurde die App dann als Auftragsarbeit (vermute ich) von Scorpius Forge, die sich in der Selbstbeschreibung als ein innovativer Entwickler von Apps und Dienstleistungen wie Gamification und Virtual Reality darstellen.

Also, Stoßrichtung der App und Ansatz der Initiatoren sind schon mal erläutert. Wo ist jetzt das Problem? Wieso hat Twiddle nicht abgehoben und die Welt der Spieler (und Wenig-Spieler) im Sturm erobert?

Twiddle Startbildschirm
Twiddle Startbildschirm

Bei vielen mobilen Applikationen geht es um das Erreichen einer kritischen Nutzermenge, um darüber einen Nutzen zu erzeugen. Dies bezeichnet man in den Wirtschaftswissenschaften auch als Netzwerkeffekt. Daher werden die Entwickler dieser Applikationen mit dem Prinzip ‚the-winner-takes-it-all’ konfrontiert, auf das im folgenden noch eingegangen werden soll. Netzwerke, die viele Benutzer zu sich locken und diese Gemeinschaft der Nutzer kontinuierlich unterstützen, können wachsen.
Nun sind wir mit Twiddle im Feld der sozialen Netzwerke unterwegs, denn es geht nicht um Beschaffungs-, Verkehrs- oder Vertriebsnetzwerke (um mal drei andere Beispiele für Netzwerke zu nennen). Dabei zeichnen sich viele soziale Netzwerke gerade über ihre Größe aus (oder zumindest durch eine enorme Reichweite in Nischenmärkten). Ein soziales Netzwerk, in dem nichts passiert und das niemand benutzt, generiert keinen Nutzen für seine Zielgruppe. Und jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, das folgende Bild aus meiner Twiddle-App zu zeigen. Ich habe den Radius um meinen Heimatort schon groß gezogen. Dennoch ist das Ergebnis an Veranstaltungen, Spieletreffs oder einfach nur potentiellen Mitspielern, ähm, dürftig.

Mein Twiddle
Mein Twiddle

In Netzwerken wird der Nutzen eines Produkts oder einer Dienstleistung für den einzelnen Nutzer mit jedem weiteren Nutzer, der das Produkt ebenfalls nutzt, vergrößert. Das beliebte Beispiel ist das Telefonnetz: Der Wert des Telefons hängt stark von der Anzahl der anderen Menschen ab, die ebenfalls das Telefon nutzen. Die Teilnehmer eines bestehenden Netzwerkes profitieren von jedem neuen Netzwerkmitglied, und der Wert eines Netzwerks steigt mit jedem neuen Mitglied. Was bereits auf Facebook zu einer klugen Nachfrage eines Nutzers geführt hat:

Twiddle Facebook-Kommentar
Twiddle Facebook-Kommentar

Und damit kommen wir quasi zur Quintessenz: Es geht um bestehende Netzwerke, deren Wert mit weiteren hinzukommenden Nutzern steigt. Twiddle ist aber ohne ein solches Netzwerk gestartet. Die ersten Nutzer (sogenannte early adopters) waren also gezwungen, erst einmal Nutzen zu generieren, ohne selbst davon zu profitieren. Schwierig.
Und dann kommt noch ein weiterer Effekt hinzu, der oben genannte ‚the-winner-takes-it-all’-Effekt. Aufgrund der Netzwerkeffekte wachsen große soziale Netzwerke schneller und oftmals nachhaltiger. Sie absorbieren damit z.B. auch kleinere und langsamer wachsende soziale Netzwerke. Studivz.de und Meinvz.de können davon eine Geschichte erzählen, Yahoo und Lycos ähnlich.

Und hier gibt es einen relevanten Player auf dem Markt. Facebook ist in der angestrebten Zielgruppe für Twiddle marktdominierend. Klar kann man das ignorieren und sagen ‚das machen wir besser und geiler‘, aber dann muss es schon eine bahnbrechende Idee sein. Man muss Facebook nicht gut finden, man kann es an vielen, vielen Stellen kritisieren. Aber: Zuckerberg managed wesentliche Teile sehr geschickt. Und das macht neuen sozialen Netzwerken den Markteintritt sehr schwierig.

Was verbleibt als Fazit? Twiddle ist letztlich eine schöne Fallstudie für einen wirtschaftswissenschaftlichen Studiengang (falls die Spieleverlage hier mitlesen und Interesse daran haben: Da können wir gerne was machen). Die Frage ist, was hätte vielleicht besser laufen können? Hier nur mal ein paar Ansatzpunkte, das wird sonst doch arg akademisch:
a) die bestehenden Datenbanken mit Spieletreffs etc. hätten als Kooperationspartner mit ins Boot holen können. Mit der Spieledatenbank ist das ja auch geschehen. Dann wäre schon mal ein gewisser Bodensatz an Informationen und Nutzen vorhanden gewesen.
b) anstelle einer nativen App hätte das Ganze auch auf Facebook mit seiner bestehenden Nutzerbasis und der ein oder anderen Funktionalität in einer Facebook-App abgebildet werden können.
c) Ich habe noch in keiner Regel und auf keinem Spielekarton einen prominenten Hinweis auf Twiddle gefunden. Ich habe nicht alles an Spielen, aber so ein paar hundert kaufe ich schon im Jahr. Auch von den beteiligten Verlagen.

Autor: Jürgen Karla

Hat diese Webseite seit dem Jahr 2000 aufgebaut. Spielt liebend gerne alles mögliche - mit der Einschränkung von albernen Partyspielen vielleicht. Arbeitet im Hochschulbereich.

3 Gedanken zu „Hat sich Twiddle ausgetwiddelt?“

  1. Hallo Jürgen,

    zufällig habe ich auch gerade twiddle zur Nutzung für die Brettspielgruppe ins Auge gefasst – und bin enttäuscht. Die Registierungsbestätigung dauerte schon mal eine Woche. Ich habe auch den Eindruck, dass ein sehr schmal betreutes Portal vorliegt.
    Kann ein Konzept-Problem vorliegen? Manager machen ein Budget locker, lassen ein Projekt umsetzen. Als das Ziel erreicht wird, ist man mit dem damit verbundenen Boni vielleicht zufrieden?

    Kann sich aber noch wer an game-mob erinnern? Gleicher Initiator – war sogar anschließend mit viel Blendwerk betreut worden. Eigentlich ganz geschickt gemacht. In den Spieleanleitungen war am Ende immer ein Hinweis auf das Projekt zu finden. Fand aber genauso wenig Akzeptanz. Die Betreuung hatte eine richtig lange Laufzeit – damit auch Atem. Nutzte aber auch nichts.

    Und facebook sei ein Allheilmittel für diesen Zweck? Ich weiß nicht. Da gibt es einige Probleme. Ich habe für die Brettspielgruppe ordentlich eine Seite eingerichtet. Ich bin für Zuckerberg potentieller Kunde. Alles wird getan, um mir ein paar Euro aus der Tasche zu ziehen. Damit allen meine Abonnenten die Beiträge gezeigt werden, dürfte ich wohl zahlen.
    Für Veranstaltungen hatte ich mit den Kosten einsehen. Ist ja ein tolles Tool. Zielgruppe einstellen, Regionalität begrenzen und – das Ergebnis ist gleich null – wiederholt. 🙁

    Also – sind Spieleveranstaltungen /-treffen und soziale Medien überhaupt kompatibel? Wer tummelt sich eigentlich auf solchen Medien herum – die sozial Inkompetenten? Weil die relevanten Leute wirklich aktiv sind!? Und für die sozialen Medien gar keine Zeit haben oder ohne Interesse sind!?

    Liebe Grüße
    Nils

  2. Hallo,

    du nennst facebook als ein All-Heil-Mittel?

    Ich bin da sehr irritiert.

    München hat eine facebook-Gruppe für Brettspiel-Treffen – ca. 900 Mitglieder.
    Hier dürfte kein Distanz-Problem vorliegen, um aktiv zu werden. Aber – sie schaffen es nicht. Mein Eindruck ist, dass dort vielleicht 10 Hansel aktiv sind und das Portal nutzen. Nutzen tun das Portal nun Veranstalter wie ich mit Einträgen – aber auch ohne erkennbare Reaktionen. Eigentlich sollte man doch meinen, dass diese Gruppenmitglieder Interessenten sind – leider sind sie unmotiviert – vielleicht ist dieser Kreis auch unmotivierbar – weil facebook.

    Ein Phänomen, was mich immer wieder fasziniert, ist, das kostenpflichtig, ungemütliche Großveranstaltungen hoch im Kurs der Akzeptanz stehen. Zeit, Anfahrten, Kosten, mangelnder Komfort keine Rolle spielen – Besucher-Masse muss es sein. Aber sehr viel schönere, kostenlose Kleinveranstaltungen mit einer Beiteilung Mühen hat. Verstehe das, wer will.

    Liebe Grüße
    Nils

  3. Hallo Nils,
    einige Mechanismen bei Spieleveranstaltungen verstehe ich auch nicht so recht, aber dafür Lösungen zu finden, das fällt mir auch schwer.
    Facebook ist kein All-Heilmittel. Im Gegenteil, ich schreibe ja, dass man viel daran kritisieren kann. Aber wenn es dort schon nicht klappt, eine funktionierende Masse an Aktiven zu finden, dann denke ich nicht, dass ein neues, separates Netzwerk die Lösung ist. Da müsste dann schon ein erheblicher Mehrwert mit verbunden sein, den ich bei Twiddle zumindest nicht sehe.

    In Deinem konkreten Fall würde ich für die Spieleveranstaltung einmal über eine Whats App-Gruppe nachdenken.

    Liebe Grüße und Danke für die Diskussion
    Jürgen

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