Kurzkommentar zum Spiel des Jahres

Spoiler Alert:

Codenames und Isle of Skye wurden von der Jury prämiert. Herzlichen Glückwunsch erst einmal an alle Beteiligten!

Dass der Hauptpreis an Codenames geht, war wenig überraschend. Nichts gegen die Konkurrenz, aber eine andere Entscheidung wäre doch sehr merkwürdig gewesen! Sehr schön auch (in meinen Augen), dass die Jury damit -und in Tom Felbers Rede – den gesellschaftlichen Wandel berücksichtigt. Es wurde speziell darauf hingewiesen, dass es bei der Preisverleihung nicht nur um Familien geht, sondern dass es mittlerweile eben auch andere Spielerunden gibt: Studentenrunden, WGs, Kneipenspieler, Spielecafés etc. Immer mehr Leute spielen ausserhalb der Familie und auch dem sollte ein Spiel des Jahres gerecht werden. Sehr positive Entwicklung in meinen Augen – aber man wird natürlich sehen müssen, in wieweit das nur die Vorwegnahme des Titels Codenames war und in wieweit das in den nächsten Jahren immer noch berücksichtigt wird. Das wird auch davon abhängen, wie Codenames “dort draußen” angenommen wird. Immerhin stand der Preis bislang immer für Familien, da ist die Erwartungshaltung bei denen groß und beim Rest klein. Andererseits war das auch schon einmal so: In der Anfangsphase waren auch nicht nur typische Familienspiele dabei (Focus, Sherlock Holmes).

Beim Kennerspiel sieht die Sache ein bisschen anders aus. Klar, die Konkurrenz in diesem Jahr ist extrem stark gewesen und alle drei Nominierten wären verdiente Titelträger gewesen. Insofern möchte ich unterstreichen, dass Isle of Skye keinesfalls ein schlechtes Kennerspiel ist und dass die Jury eine schwierige Wahl hatte. Dennoch denke ich, dass die Wahl ungünstig ist.

Da ist zum einen schlicht das Innovationsargument: Wenn man die Spieleszene fördern möchte, sollte man Innovationen fördern – zumindest wenn die originellen Spiele auch gut sind (und dass sind sie ja!). Isle of Skye in allen Ehren – wie gesagt, ein sehr gutes Spiel! – aber es ist kein allzu innovatives Spiel, zumindest nicht im Vergleich zu den anderen beiden Nominierten.

Aber meine Kritik ist eine ganz andere: Was will der Kennerspielpreis eigentlich? Die Jury sagt lediglich:

“Das “Kennerspiel des Jahres” soll denjenigen Menschen eine Orientierungshilfe bieten, die schon längere Zeit spielen und Erfahrung beim Erlernen neuer Spiele mitbringen. ”

heißt für mich: Spieler, die sonst immer das Spiel des Jahres kaufen, wollen auch einmal in schwierigeres Terrain reinschnuppern. So wie in Village oder 7 Wonders. Und da ist Pandemic Legacy eigentlich perfekt: Es steigert den Schwierigkeitsgrad langsam und entwickelt sich vom “normalen” Spiel des Jahres zum Kennerspiel und zeigt dabei ganz nebenbei, was im Spielebereich möglich iat Hinzu kommt, dass oben genannte Gruppen sich normalerweise regelmäßig treffen, um in ein Spiel einzutauchen und auch das erlaubt Pandemic Legacy ja ganz genau. Ob Isle of Skye jetzt für spielebegeisterte Familien die bessere Wahl ist, sei ebenso dahingestellt. Auch die Message an den Handel wäre eine gute gewesen: Bietet ein Kompletterlebnis! Seid originell!

Isle of Skye dagegen ist eher ein Spiel-des-Jahrs Plus. Es ist ein gutes Spiel des Jahres, aber eben “nur” ein normales Spiel des Jahres mit etwas höherer Einstiegshürde – und selbst da lässt sich streiten, ob sich das Spiel nicht sogar im Grenzbereich zum normalen Pöppel bewegt. Isle of Skye rechtfertigt es in meinen Augen nicht, dass es einen extra Kennerspielpreis gibt; man hätte es auch beim Hauptpreis einsortieren können und in einigen Jahren hätte es -vor der Einführung des grauen Pöppels – vermutlich auch (verdient) gewonnen. Vielleicht spricht auch nur meine Enttäuschung aus mir, aber ich habe immer mehr Probleme einzuschätzen wo die Jury mit dem grauen Pöppel eigentlich hin will. 7 Wonders, Istanbul, Broom Service  und Isle of Skye wären vorher auch für das SdJ nominiert gewesen und die Jury splittet einfach den Preis in ein anspruchsvolleres und ein weniger anspruchsvolles Element. Village dagegen war komplexer als jedes SdJ und daher so etwas neues. Andor erweiterte die Spielelandschaft für die Zielgruppe um ein kooperatives Storytelling.  Mich würde ja interessieren, wie sich die Verkaufszahlen der Kennerpreise nach Preisverleihung entwickelt haben, auch im Vergleich zu den anderen beiden Preisen. Ich habe den Verdacht: Ich bin nicht der einzige, der die Zielgruppe nicht kennt.

Mit der Einführung des Kennerpreises wollte man die Sonderpreise abschaffen. Aber vielleicht war genau das der Fehler. Vielleicht hätten ein oder zwei Sonderpreise jedes Jahr – ohne feste Vorgabe welche denn nun genau – mehr Effekt als der graue Pöppel, da klarer ist, was denn eigentlich prämiert wird (wenn nicht gerade sowas wie “Fantastisches Spiel” da rauskommt). Gäbe es statt dem Kennerpreis einen Sonderpreis, wäre zumindest eines der beiden anderen Nominierten prämiert worden – und Isle of Skye vermutlich nicht. Das ist auch irgendwie eine Aussage, glaube ich.

Jetzt sind die Gedanken noch etwas grundsätzlicher geworden, als gedacht – auch ein Zeichen, dass ich mit dem Kennerspielpreis einfach nicht warm werde- und das hat bestimmt nichts mit den Preisträgern selbst zu tun!

ciao

peer

Peer Sylvester

Autor: Peer Sylvester

Begann seine Spielerkarriere recht früh, weil sein Vater einen Gegner beim Schach brauchte. Berufswunsch in der dritten Klasse: “professioneller Schachspieler”. Lebt in Berlin und arbeitet als Lehrer für Mathematik und Chemie. Hat bereits erfolgreich seine ersten Spiele als Autor bei verschiedenen Verlagen veröffentlicht.

4 Gedanken zu „Kurzkommentar zum Spiel des Jahres“

  1. Sehe ich genau so. Isle of Skye war eine sehr konservative, wenn nicht altbackene Entscheidung. Pandemic Legacy vereinte sämtliche Eigenschaften, die der Kennspiel-des-Jahres Preis vordergründig zu belohnen sucht, und wurde dann doch links liegen gelassen. Vielleicht weil die “Avantgarde”-Entscheidung für Codenames, mit einer weniger “mutigen” Entscheidung ausgeglichen werden musste.

    Ich denke, Isle of Skye wird nicht ganz so langlebig und präsent im Hobby sein, wie die beiden anderen Nominierungen. Ob das nun für oder gegen die Entscheidung spricht, weiß ich nicht.

    Letzten Endes gelingt es dem Spiel-des-Jahres auch diesmal wieder viel Meinungen bei uns Hobbyisten auszulösen.

  2. Ich stelle mal die Frage: Macht Pandemie Legacy für Normalspieler Spaß, die 1x im Monat spielen? Die brauchen dann 1.5 Jahre und müssen ununterbrochen jedes Mal P:L spielen. Ich weiß also nicht ob die Zielgruppe des Preises (nicht die Vielspieler) damit glücklich wären. Auch ich persönlich finde P:L genial und innovativ!!

  3. Ist ein interessantes Argument (und ich bin froh, dass du nicht böse bist 🙂
    Ich denke, dass wäre OK. Wie lange haben die für Andor gebraucht? Die Gruppen, die ich kenne, würden vermutlich auch nicht nur eine Partie am Abend spielen. Andere treffen sich jede Woche (und damit meine ich nicht “Vielspieler”, sondern “Gruppen, die sich oft treffen, um zu spielen”, was ja heutzutage was anderes ist.

    Aber sicher, das könnte ein Argument sein – wobei man ja vermutlich bei jedem Preisträger meckern könnte. Ehrlich gesagt wäre es mir am liebsten gewesen, wenn du nächstes Jahr (oder letztes Jahr) den Normalpreis mit Isle of Skye gewonnen hättest und Pandemic Legacy hätte den Kennerspielpreis gewonnen. Das hätte _meiner_ Interpretation des Preis am ehesten entsprochen 🙂

  4. Ich bin da eher bei der Jury: Ein Spiel wie Isle of Skye oder Istanbul ist für Menschen, die nur selten mal ein Spiel auf den Tisch legen, zu kompliziert oder zu komplex. Damit täte man dem Hauptpreis keinen Gefallen.

    Durch die Einführung des “Kennerspiels” hat das SDJ meines Erachtens einen groben Fehler der Vergangenheit korrigiert. Ich bin mir sicher, dass jede Menge “El Grande”, “Tikal”, “Thurn & Taxis” und “Dominion” in irgendwelchen Schränken oder auf Dachböden verstauben, weil die Käufer damit überfordert waren. Heutzutage würden diese Spiele in die Kategorie “Kennerspiel” eingestuft werden. Und es würde eben nicht mehr passieren, dass ein SDJ-Käufer völlig überfordert wird von dem, was er gekauft hat.

    Man hat natürlich auch bei einem Codenames oder Colt Express keine Garantie, ob der Käufer Spaß daran findet. Aber hier wird der Käufer zumindest nicht von der Komplexität des Spiels überfordert. Und deshalb wurden durch das “Kennerspiel” für den Hauptpreis zumindest eine potenzielle Hürde permanent aus der Welt geschafft.

    Damit will ich übrigens in keiner Weise sagen, dass Isle of Skye für mich der verdiente Sieger des grauen Pöppels ist. Ich hatte hier auch eher auf Pandemic Legacy getippt. Aber ich finde die Frage von Alex Pfister auch sehr berechtigt und kann mir vorstellen, dass dies ein Minuspunkt für P:L war.

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